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04.08.1925 - Ottobeurer Zeitung


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Die Ottobeurer Zeitung war 1921 gegründet worden (vormals Ottobeurer Tagblatt). Die vorliegende Ausgabe enthält - bis auf eine Danksagung der Familie August Ripfel - allerdings keine explizit Ottobeurer Themen. Gleichwohl ist sie sehr lesenswert.

Die Hauptschlagzeile „Von Haus und Hof vertrieben“ befasst sich mit den Deutschen, die aufgrund des Versailler Vertrags (unterzeichnet am 28.06.1919, inkraft getreten am 10.01.1920) und der damit verbundenen territorialen Abtretungen an Polen (weite Teile von Westpreußen und Posen) sich als „Optanten“ dafür entschieden, nicht innerhalb der neu gezogenen polnischen Grenze leben zu wollen. Sie wären ansonsten automatisch polnische Staatsbürger geworden. (s. Wikipedia, Kapitel „Wirkung der Gebietsverluste“) Für sie wurde im Ort Schneidemühl (heute Pila) ein Konzentrationslager eingerichtet, wobei der Begriff hier „Sammel- bzw. Auffanglager für Vertriebene“ bedeutete. Die Ottobeurer Zeitung berichtete über einen Besuch des preußischen Innenministers Severin in Schneidemühl sowie über die vorgesehenen Hilfsmaßnahmen. Die Städte im östlichen Preußen wurden aufgefordert, Wohnungen und Häuser für die Vertriebenen freizumachen. Laut Wikipedia übersiedelten zwischen 1924 und dem Sommer 1926 etwa 26.000 Deutsche nach Westen.

Als „Gegenmaßnahmen“ wurden lt. Zeitung der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Polen oder die Ausweisung der im Deutschen Reich lebenden Polen gefordert.

Eine böse Vorahnung findet sich am Ende des Themas, unter der Rubrik „Ausländische Stimmen“. Der hier erwähnte Henry de Jouvenel war französischer Politiker, Journalist und Chefredakteur des Le Matin. Er wird wie folgt zititert: „Die polnische Regierung hat mit der Ausweisung von 30.000 Deutschen dem Hass neue Nahrung gegeben. Wenn Polen damit auch nur einen vorliegenden Rechtsanspruch ausführt, so ist doch zu beachten, dass gute Prozesse nicht immer zu guten Beziehungen führen. (...) Ist es verwunderlich, dass Deutschland ungeduldig den Tag erwartet, an dem es die Grenze nach Osten zu seinem Vorteil ändern kann?“
Es sollte nur 14 Jahre dauern, bis mit dem Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs genau dies eintrat. Ähnlich sahen dies Der französische Marschall (und Oberbefehlshaber an der der Westfront) Ferdinand Foch, der bei der Unterzeichnung des Waffenstillstandes dabei sein durfte. Er sagte zur Zeit des Abscglusses des Versailler Vertrags: „Das ist kein Frieden. Das ist ein zwanzigjähriger Waffenstillstand.“ Der spätere Bundespräsident Theodor Heuss, damals liberaler Reichstagsabgeordneter, bemerkte nach dem Zweiten Weltkrieg: „Der Ausgangspunkt der nationalsozialistischen Bewegung ist nicht München, sondern Versailles.

Weitere Themen auf der ersten Seite
Bayern und der Finanzausgleich. Seit 1950 gibt es den Länderfinanzausgleich (geregelt in § 107 des Grundgesetztes), doch laut Ottobeurer Zeitung wurde schon 1925 über einen ähnlichen Ausgleich diskutiert, die Zeitung erklärt allerdings - leider - an keiner Stelle, worin der Finanzausgleich bzw. der mögliche Kompromiss besteht.

Im Artikel „Verkehrssteuer im Reichstag“ geht es neben der Meldung, dass die zweite Lesung hierzu mangels Abgeordneten verschoben wurde, um einen Antrag zur Steuerberfreiung von Handelsvertretern, der ebenso abgelehnt uwrde, wie der Antrag auf eine Umsatzsteuerbefreiung aller Lebensmittel. Abgelehnt wurden allerdings auch Anträge zur Abschaffung der Luxussteuer und Herabsetzung der Umsatzsteuer (auf 1%). Schon damals ging es um die Offenlegung der Bezüge (Antrag der Sozialdemokraten auf Offenlegung der Steuerlisten).

Hervorzuheben wäre noch ein Artikel, der über „Die Bekämpfung der Kindertuberkulose in Bayern“ berichtet. In Scheidegg war eine Kinderheilstätte gegründet worden.

Seite 2
Zunächst stehen militärische Auseinandersetzungen Frankreichs im Vordergrund (Marokkofeldzug, Syrien), China übergab eine Note wegen der „Schanghaier Zwischenfälle“, in Bayern beklagt man die Bestzungslasten durch Franzosen, die in der Pfalz einquartiert sind, plus viele kleinere Meldungen. Interessant darunter der Bericht über Zusammenstöße der Bevölkerung in San Giovanni bei Cosenza mit vier Toten oder einen angeblichen Skandal in New York mit Kriegsliquidationen.
Lokale Meldungen betrafen einen Besuch Memmingens durch „die Berliner Studienfahrt“ mit 41 Personen in zwei eleganten Kraftwagen sowie ein Bericht über Aktivitäten des Bezirksvereins Memingen für Obst- und Gartenbau (Besuch in Fellheim bei Imker Dr. Magg).

Am unteren Seitenende war ein fortsetzungsroman abgedruckt („Auf blauen Wogen“, ein Schiffsroman vom Mittelmeer von Anny Wothe, geschrieben 1912)

Seite 3
Hier eine Vielzahl kleiner Meldungen, u.a. über die deutschen Schulen in Rumänien: „Das Vehalten der Deutschen während der kommunistischen Unruhen im vorigen Sommer wird von der Regierung dadurch belohnt, dass die deutschen Schulen Bessarabiens als konfessionelle Schulen mit öffentlichem Recht anerkannt werden. Die Schulgebäude und Lehrerwohnungen gehen somit wieder in das Eigentum der konfessionellen Gemeinden über.“

Seite 4
Neben einer Danksagung der Familie August Ripfel enthält die Seite nur Werbung (keine Ottobeurer Werbung), Gesuche und Verkäufe.