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11.07.1911 - Tierarzt Hollweck in der Mühlbachstraße


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Fritz Hollweck schickte mit dieser Karte ein erstes Lebenszeichen von seiner neuen Heimat Ottobeuren. Das Haus in der Mühlbachstr. 11a hat zwar dieselbe Fassade wie auf der alten Aufnahme, die Arztfamilie lebte dennoch im Haus Nr. 4 (das Haus unmittelbar nördlich der Druckerei Zahn). Hollweck wohnte gemäß dem handschriftlichen Vermerk im westlichen Teil des Hauses. Am linken Bildrand sieht man den in den 1960ern abgebrochenen Schornstein der Benediktinerbrauerei.

Hollweck wurde aus am 25.07.1879 als achtes Kind einer Münchner Lehrer-Dynastie geboren. Anders als sein Vater, der Oberlehrer war, studierte Fritz in München Veterinärmedizin. In der Nähe von Dorfen hatte er seine erste Anstellung als ärzlicher Assistent, war vorübergehend Mitarbeiter eines Amtstierarztes in Weiler und Lindau; 1904 gründete er in Oberstaufen eine eigene Praxis (die vom Einzugsgebiet auch den angrenzenden Bregenzer Wald mit einschloss). 1906 heiratete er Blanka Schädler, 1908 gründete er den Skiklub Oberstaufen. Hollweck ging zwischenzeitlich erneut nach München, um sich weiter fortzubilden, u.a. durch einen Studium der Humanmedizin.

1911 wurde er unter 40 Bewerbern für die Stelle als Distrikts-Tierarzt ausgewählt und zog zur Miete nach Ottobeuren. Der Text der Ansichtskarte gibt seinem Freund, dem in Nürnberg (später in Augsburg) lebenden Ingenieur Harleß, ein erstes Lebenszeichen. Hollweck war nicht nur für Ottobeuren, sondern auch für Markt Rettenbach, Legau, Grönenbach oder Ollarzried zuständig. 40 Jahre lang war er außerdem Beschauer in der Fleischfabrik Micheler. Für seine Fahrten ließ er sich entweder abholen oder hatte sein eigenes Pferd. Später war er einer der ersten Ottobeurer mit einem Auto. Der Dkw war allerdings so schwach motorisiert, dass er den Berg nach Guggenberg hoch oftmals nur im Rückwärtsgang bewältigen konnte. Und nachdem es noch keine Autowerkstatt gab, musste so manches Mal der Unterrock einer Bäuerin zum Ausstopfen der Reifen herhalten.

Im Haus hatte Holleck eine Apotheke eingerichtet. Die Medikamente stammten meist aus eigener Herstellung. In der Regel probierte er sie an sich selbst aus. Einmal rannte er anschließend wie von der Tarantel gestochen um den Zimmertisch, ein anderes Mal führte die Wirkung zu einer Stimmschädigung - die ihm dann lebenslänglichen blieb.

Nach dem Tod seiner Frau 1937 heiratete er 1938 Josefa Längst. 1951 ging Fritz in eine Art Vorruhestand und zog zurück nach Oberstaufen, wo ihm seine erste Frau das Gasthaus Adler vererbt hatte; zeitweise war er sogar im Besitz des Schlosses. Er fuhr noch vier Jahre lang unter der Woche nach Ottobeuren, um weiter für Micheler zu arbeiten. Übernachtet hat er dann immer im Hirsch. Erst mit etwa 75 Jahren setzte er sich endgültig zur Ruhe.
Seine Verbundenheit mit Ottobeuren war lange auch über ein Fassadenbild dokumentiert, das der Ottobeurer Malermeister Dreher in Oberstaufen gemalt hatte. Nachdem im Adler allerdings der namhafte Künstler Otto Keck geboren worden war, durfte dessen Sohn Paul das Bild 1968 mit einem Viehscheid-Motiv überpinseln.
Fritz Hollweck starb am 10.04.1970 mit fast 91 Jahren in Oberstaufen. Sein Ruf in Ottobeuren war dergestalt, dass zur Beerdigung sogar Bürgermeister Hasel mit einer größeren Ottobeurer Abordnung teilnahm. Der Empfänger der Karte, H. Harleß, hatte ihn bis dahin noch jährlich in Oberstaufen besucht. Die Memminger Zeitung berichtete sowohl zum Wegzug, als auch 1969 ("... weit über Ottobeuren bekannter Bürger ...") zum 90. Geburtstag.

Hollwecks Sohn Helmut (*1939) griff wiederum die alte Familientradition auf, ging 1951 mit 12 Jahren ins Internat nach Lauingen, absolvierte dort in sieben Jahren die Kurzform des musischen Gymnasiums, um anschließend Lehramt zu studieren. Bis 2002 war er Rektor der Mittelschule Oberstaufen; ehrenamtlich 31 Jahre als Leiter des Kirchenchores und als Organist tätig, lange Zeit auch Ltr. der Liedertafel Oberstaufen.

Die - vermutlich fahrenden - Fotografen stammten aus München, es sind aber keine Angaben mehr auffindbar. Der Kartentext ist nicht vollständig zu entziffern. Die handschriftliche Jahresangabe ist missverständlich, da Hollweck lateinische und arabische Ziffern mischt. Die Briefmarke mit Prinz Luitpold kam im März 1911 in die Postämter.

Vielleicht gelingt es noch, die fünf abgebildeten Personen zu identifizieren!

Herrn Ingenieur
H. Harleß
Einj.(ähriger) Freiwilliger 14. Inf. Rgt.
        5. Compagnie
        Nürnberg

                             Ottobeuren, 11.7.11
M. lieber Freund!
Sende dir nun das 1. Lebenzeichen
von meinem neuen Heim und
würde mich recht freuen, wenn du
mich bald besuchen würdest.
Habe mich sehr gut eingewöhnt u.
gefällt es mir ausgezeichnet.
Bubi u. Mama sind gesund. Der Lordell (?)
tung ist ge (?) icht (?) und es aber
(?) gefallen. Es grüßt herzlich Fritz Hollweck
Dist.(rikts) Tierarzt m. Frau

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Eine weitere Karte des Hauses kam am 18.05.2016 in die Sammlung. Die Handschrift scheint dieselbe zu sein. Verschickt wurde die Karte am 20. Mai 1913 an die Bäckermeisters-Gattin Karoline Schmid aus Sonthofen. Die Handschrift ist schwer zu lesen!