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1928 - Andor Ákos plant Wohnhaus in der Johann-Michael-Fischer-Straße 2


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Herausragende Häuser haben oft eine besondere Historie, so auch das Haus in der Johann-Michael-Fischer-Straße 2, das 1927/28 von dem renommierten Kemptener Architekten Andor Ákos gebaut wurde und seit der Sanierung 2009 (siehe Bilder vom 9.4. und 2.7.2009) wieder im alten Glanz erstrahlt.

Ákos (17.07.1893 - 01.07.1940) hat im Allgäu und darüber hinaus eine Vielzahl von Gewerbe-, Sakral-, Industrie- und Wohnbauten geplant und als Bauleiter betreut, in Ottobeuren das hier abgebildete Wohnhaus und in Ollarzried 1928 das Milchwerk.

Er gilt als der Bedeutendste unter den Begründern des „Allgäuer Landhausstils“ (Material: Naturstein, Holz, Schmiedeeisen usw. im Außenbereich [u.a. Balkone] und im Innern), also des Haustyps, der die Region architektonisch bis heute nachhaltig prägte. Außerdem war seine ganzheitliche Arbeitsweise überaus beliebt: Bau des Gebäudes mit Inneneinrichtung bis hin zum Geschirr und Bettvorleger.
Seine Lebensgeschichte ist gleichsam beeindruckend wie tragisch. Seiner neuen Heimat Allgäu widmete er sich auch als Maler. Unter anderem malte er 1924 das Aquarell „Kirche in Ottobeuren“, das sich im Stadtarchiv Kempten befindet. Er war darüber hinaus als Portraitzeichner aktiv.

zum Haus
Der Grundbucheintrag für das Einfamilienwohnhaus erfolgte 1929 unter dem ersten Besitzer, Anton Weinmann. Die ursprüngliche Hausnummer lautete 254 ½. 1938 war Ákos erneut mit dem Haus befasst, nachdem ihn der zweite Besitzer Franz Claessens (seit 1931) mit Um- und Erweiterungsbauten beauftragte. 1954 wechselte der Besitz an Gerlinde Degelmann, seit 2009 gehört das Gebäude den Eheleuten Markus und Sarah Götzinger, die nicht nur eine beispielhafte Sanierung umsetzten, sondern 2011 im Außenbereich eine Naturstein-Terrasse ergänzten und vorbildliche Außenanlagen gestalteten. Das Haus, das unter anderen Besitzverhältnissen vielleicht leichtfertig durch einen Neubau ersetzt worden wäre, gehört heute zu den besonderen architektonischen Schmuckstücken Ottobeurens. Beim Verkauf des Hauses war es Frau Degelmann ein bewusstes Anliegen, einen Käufer zu wählen, der nicht viel ändert.
Für den äußeren Betrachter verborgen, zeigt sich die Handschrift des Architekten auch bei der Inneneinrichtung, für die Ákos Schränke, Lampen, Sitzecken und verspiegelte Schränkchen schuf. Genutzt wurde es anfangs als Tierarztpraxis, der Vater von Gerlinde Degelmann betrieb eine Knopffabrik mit zwei Angestellten und so bezeichnen ältere Ottobeurer das Haus noch immer als das „Knopffabrik-Haus“.

Charakteristisch sind der Erker im Südosten, der das Wohnzimmer vergrößert, und der Eingangsvorbau im Nordosten. Das Gebäudebild beherrschen - wie im gesamten Erdgeschoss - die Rundbogenfenster, während diese im Obergeschoss völlig fehlen. 1938 wurde über der einstigen Garage ein Stockwerk aufgerichtet und das Dachgeschoss ausgebaut. Der hier abrufbare Plan zeigt den ursprünglichen Zustand bis dahin. In den Dachrinnen des Hauses waren Stromkabel verlegt, die durch die erzeugte Wärme ein Einfrieren verhinderten.

Eine energetische Sanierung war 2009 - 11 nicht verbunden, auch die Fenster wurden nicht komplett ausgetauscht, nur die Erkerfenster. Die Haustüre baute die Schreinerei Schwegele in Wolfertschwenden nach.

über Andor Ákos
Aus seiner Geburtsheimat Nagybecskerek (Banat, im ehem. Königreich Ungarn der k.u.k. Monarchie), heute Zrenjanin (zu Serbien, ca. 60 km nördlich von Belgrad) brachte er ein anderes Temperament und einen dunklen Teint mit. Ákos wird als gutaussehender Mann, als selbstbewusste Persönlichkeit und respektabler Herr beschrieben, in seiner Stimme einen „leicht fremdländischen Klang“.
Er forderte sich äußerste Selbstdisziplin ab, war korrekt, fühlte sich „als einer höheren Klasse zugehörig“, was sich in seinem Umgang, im Auftreten, seinem Äußeren, seiner Kleidung zeigte. Zur Baustelle ließ er sich von einem Chauffeur im Mercedes Roadster (Bj. 1928) fahren, bekleidet mit Hut, weißen Glace-Handschuhen, langem Mantel und weißem Schal. Seine Mitgliedschaft in dem als von den Nazis elitär angesehenen Kemptener Verein „Schlaraffia Cambodunum“ führte zum Ausschluss aus dem NSKK (= dem Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps), er wurde jedoch Mitglied im „Kampfbund deutscher Ingenieure und Architekten“ sowie in der „Reichskammer der Bildenden Künste“.

Im 1. Weltkrieg hatte er es als Kriegsfreiwilliger (der Tiroler Kaiserjäger) bis zum hochdekorierten Oberleutnant der ungarischen Armee gebracht. In seiner Geburtsheimat war er - obwohl Sohn eines jüdischen Bankdirektors - katholisch erzogen worden und hatte „eine nachhaltige Prägung durch die deutsche Sprache und Kultur“ erfahren. In München studierte er Architektur an der TU. Die Hauptprüfung am 13.09.1919 bestand er mit Auszeichnung und war nun Diplom-Ingenieur im Fach Architektur. Nach dem Ende des Kaiserreichs Österreich-Ungarn entschloss er sich, in Deutschland zu leben.

Am 2. März 1920 zog er nach Kempten und erwarb nach einem Antrag im selben Jahr „am 8. November 1920 durch Beschluss der Regierung von Schwaben und Neuburg“ die deutsche Staatsbürgerschaft. Ákos empfand sich als Deutscher. Er war von seinem leiblichen ungarischen Vater und seiner deutschstämmigen Mutter römisch-katholisch erzogen worden. Als sie in 2. Ehe einen deutschen Juden heiratete, musste auch der unmündige Stiefsohn dem damaligen Recht nach mit der Familie zum israelitischen Glauben konvertieren, ohne eine innere Bindung zum Judentum zu haben. Seine jüdische Identität, die der Öffentlichkeit unbekannt blieb, war für ihn daher ohne Bedeutung. In Kempten suchte der zum alten Glauben rekonvertierte, seine tiefe Katholizität lebende Ákos nach gesellschaftlicher Integration und Anerkennung. Ab 1. Oktober 1927 arbeitete er als selbständiger Architekt. Selbst die Machtübertragung an die Hitlerbewegung durch Hindenburg im Januar 1933 bedeutete für ihn keine Einschränkung in seiner Arbeit. Einen Schicksalsschlag erlitt er durch den Tod seiner Frau Maria am 24.12.1934; am 01.02.1936 heiratete er Gertrud Schenk.

Bei Kriegsbeginn im Herbst 1939 wurde Ákos zur Wehrmacht (für den Dienst als Kompaniechef einer zur Westfront gehördenden Baueinheit im Schwarzwald) eingezogen. Im Juni 1940 sollte er zum Hauptmann befördert werden. Er hatte irrtümlich geglaubt, dass seine Personalakte aus dem 1. Weltkrieg, die seine jüdische Vergangenheit belegte, 1918 in Wien beim Brand des Justizministeriums vernichtet worden sei. Deren Durchsicht im Zusammenhang mit der Beförderung brachte jedoch seine jüdische Identität ans Licht.

Und so kam eine unvermeidliche Kettenreaktion zustande, wobei besonders schwerwiegend war, dass seine Ehe mit Gertrud Schenk aufgrund der sogenannten Nürnberger Rassegesetze von 1935 als Schwerverbrechen galt. Er wurde vor die Wahl der „schwersten Bestrafung“ (KZ oder Hinrichtung) oder des „Offiziersehrentodes“ gestellt - eine Forderung des damaligen Kemptener NSDAP-Kreisleiters Anton Brändle. Er reiste schließlich nach Wien, um sich an dem Ort umzubringen, wo er mit seinem Kaiser Franz Josef und seiner Tradition eins war. Für ihn war das seine „Abrechnung“ mit den Nazis. Um seine Frau und seine Freunde vor Verfolgung zu schützen sowie den Einzug des gesamten Vermögens und seine Frau vor der Aberkennung aller Versorgungsansprüche zu bewahren, erschoss er sich am 1.7.1940 in einem Wiener Hotel mit seiner Dienstwaffe, vor sich alle seine Orden und Auszeichnungen ausgebreitet, darunter den höchsten österreichischen Orden

Trotzdem wurde der Familie ein großer Teil des Vermögens entzogen, da die sogenannte „Judensteuer“ der Nazis nachträglich auf Ákos angewandt wurde; zudem kamen Verluste durch einen vor 1940 getätigten Grundstückskauf in Kempten (zum Bau eines neuen Privathauses und Architekturbüros).

Auch nach 1945 wurde sein bis 1940 mit Hochachtung genannter Name in den Schmutz gezogen und seine Frau und Familie wurden durch Anfeindungen und Diffamierungen durch diejenigen gedemütigt, die mit seinem Tode in Verbindung standen bzw. ihren Antisemitismus weiter pflegten. In Ákos‘ Schicksal spiegelt sich die deutsche  Verdrängungspsychologie nach 1945.
In seinem Abschiedsbrief hat Ákos einen befreundeten General aus k.u.k.-Zeiten gebeten, seine Frau Gertrud zu heiraten, um sie zu schützen. Diese Ehe zerbrach wieder. Gertrud Ákos, die kinderlos blieb, zog nach dem Krieg mehrfach um und war immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Als ihre Nichte Anfang der 1970er Jahre nach Kanada auswanderte, entschloss sie sich, mit ihr zu gehen. Dort starb sie 2000.

Ákos‘ Wirken wurde in den letzten Jahren mehrfach gewürdigt. Die Stadt Kempten hat 1990 einen Weg nach ihm benannt. Der Heimatverein Kempten brachte zusammen mit dem Kemptener Verein der „Schlaraffia Cambodunum“ eine Gedenktafel an der von ihm errichteten Kirche in Kempten-Eich an; in Krumbach und Kempten wurden Ausstellungen veranstaltet.

Besondere Verdienste um die Erforschung des Lebenswerks und durch die Herausgabe einer - im Ottobeurer Geschichtsprojekt als wesentliche Quelle genutzte - 50-seitigen Schrift (von 2007) hat sich Dr. Dieter Weber vom Stadtarchiv Kempten erworben. Weitere Forschungen haben mittlerweile (2014) ein noch weit größeres Werkverzeichnis ergeben: 250 Bauten und 400 künstlerische Werke. Eine vertiefte Biographie ist in Vorbereitung. Die Broschüre von 2007 hat nach wie vor Gültigkeit (sie wird demnächst hier abrufbar sein). Lediglich der erste Wohnort in Kempten (auf S. 10 angegeben mit „Bodmannstr. 40“) muss auf Haggenmillerstr. 8a geändert werden. Die beiden Portraitbilder hat Dr. Weber aus dem Stadtarchiv Kempten zur Verfügung gestellt.
Das Aquarell „Kirche in Ottobeuren“ von 1924 ist in der Broschüre auf S. 33 klein abgebildet. Das Original lagert im Stadtarchiv Kempten. Die Ansicht des Milchwerks von Ollarzried (1928) ist sehr klein auf S. 18 zu sehen.

Unser Dank geht außerdem an Sarah und Markus Götzinger für die Bereitstellung der Pläne und Informationen zum Haus und seiner Geschichte.

Quellen:
- Fischer, Wilhelm, Weber, Dieter; Stadt Kempten, Heimatverein Kempten, Heimatverein Krumbach (Hrsg.): Andor Ákos. Ein Kemptener Architekt und Künstler, Müller Druck, Krumbach, 28.03.2007, 50 S., keine ISBN, Schutzgebühr 5 €
- Weber, Dieter: Andor Ákos. 1893-1940. Ein in Ungarn geborener Kemptener Architekt und Künstler - Opfer des NS-Rassenwahns, S. 237 - 295, in: Haberl, Wolfgang (Hrsg.): Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben, Bd. 17, Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn, 2010, 472 S., ISBN 978-3-87437-546-7
- Weber, Dieter: Wikipedia-Eintrag

- Archiv von Markus Götzinger

Zusammenstellung und weitere Bilder: Helmut Scharpf, April 2014

Ergänzung: Am 01.09.2017 hieß es in einem Artikel im Lokalteil der Memminger Zeitung (S. 26, „Hotel Sailer soll abgerissen werden“) über ein geplantes Wohnbauvorhaben der Mang Wohnbau GmbH in der Judengasse 10 in Babenhausen, das Gebäude von Xaver Sailer sei um 1900 abgebrannt. „Es wurde wieder aufgebaut und die Gaststube nach den Plänen des ungarisch-deutschen Architekten Andor Ákos gestaltet. Ákos entwarf in ganz Süddeutschland etwa 250 Bauwerke und Inneneinrichtungen.“