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05-1934 - Feinwurstkurs der Fleischfabrik Micheler


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Lange war die Fleischfabrik Micheler in der Bahnhofstraße ein ortsprägender Betrieb. Peter Micheler kam vermutlich aus dem Augsburger Raum und eröffnete am 30.05.1903 eine Metzgerei.

Der Großteil der erzeugten Fleischwaren wurde auswärts verkauft. Man hat damals in der Woche 150 Schweine, 25 Kühe, 10 Färsen (Kühe, die noch nicht gekalbt haben), ca. 20-25 Kälber plus einige wenige Bullen geschlachtet und verarbeitet. 90% der Produkte - insb. Salami, Schinken etc. - gingen per Bahn in den Versand; Hauptliefergebiet war Oberbayern (die Fremdenverkehrsgemeinden von Garmisch bis Berchtesgaden), Ware ging aber auch bis nach Stuttgart. Sogar auf Himalya-Expeditionen wurde Micheler-Wurst gegessen.

Die Inflationszeit brachte die expandierende Firma in Bedrängnis, was zu einer Aufspaltung in zwei Betriebe führte. Finanzielle Entlastung gelang 1928/29 mit dem Verkauf der Stallungen in der (heutigen) Markt Rettenbacher Straße (vormals Guggenberger Straße, die aber später verlegt wurde), die an Wendelin Schindele sen. gingen; Schindele stammte aus Saulengrain bei Mindelheim. Das Stammhaus war Ottobeuren, ca. 1930 kam es zur Trennung zwischen Eugen und Peter Micheler (der nach Memmingen in die Schlachthofstr. ging, wo der Betrieb immer noch läuft). In der Langenberger Straße (zwischen „netto“ und Spengler „Kästle“) befand sich eine Stallung, um größere Einkäufe auffangen zu können. Dort wollte man die Fabrik auslagern oder erweitern, hat sich dabei (eben vermutlich inflationsbedingt durch ausbleibende Aufträge) übernommen.
Am Ort in ähnlichem Metier arbeiteten die Gebrüder Hafner, sie waren nach bisherigem Stand der Recherche keine Konkurrenz; sie hatten einen Bauernhof mit Schweine- und Rindermast und kauften lokal zu.

Während des 2 Weltkrieges waren nur noch zwei Metzger aus der angestammten Mannschaft (Hans Braun und Emil Maisch; sie galten als „uk.“ = unabkömmlich), sonst arbeiteten russische und serbische Frauen und einige wenige Männer. Hans Braun war nie im Feld, später aber im sog. Volkssturm.

Durch das Aufkommen von Supermärkten und zusätzlicher Konkurrenz (z.B. Moksel in Buchloe) wurde die wirtschaftliche Lage in den 1970er und 80er Jahren schlechter. Etwa um 1990 wurde die Firma von der Fa. Fischbach aus Markt Rettenbach (Marktplatz 8) gekauft; 1983 findet sich in der Festschrift des Bezirksmusikfestes eine Annoce, die eine Filiale von Anton Fischbach in der Ludwigstraße 33 dokumentiert.
Die barocke Fassade des Ladengeschäfts wurde vermutlich noch vor dem Krieg entfernt.
Das sog. Kameradschaftshaus hatte Umkleiden im Keller, im Erdgeschoss gab es einen Speisesaal, oben hat Architekt Hornung (27.04.1908 - 31.08.1980) gewohnt, der zu Micheler verwandt war: Die Frau von Eugen Micheler sen., Franziska, stammte aus Köln. Die Frau von Regierungsbaumeister Willy Hornung war ihre (Franziskas) Schwester.

zum Bild von 1934:
Mitte: Eugen Micheler (mit grauem Anzug), rechts von ihm sitzt Hans Braun, links außen sitzt Melchior Neher (er war hauptsächlich Vieheinkäufer und fuhr für seine Einkäufe bis nach München).
Stehend, 2. von links ist Herr Schwärzel, der die Micheler-Tochter Franziska heiratete und die Metzgerei von ca. 1983 bis zur Insolvenz ca. 1990 führte.

Eugen Micheler sen. kam wenige Monate nach der Aufnahme bei einem Verkehrsunfall nahe Benningen ums Leben. Er wollte schnell auf den Zug nach Memmingen (zum Viehmarkt nach Ulm) und fuhr selbst. Kurz vor dem Kellerberg kam er von der Straße ab und prallte gegen einen Baum. Auch sein Fahrer - Otto Wuest, der in der Bahnhofstraße ein Lebensmittelgeschäft betrieb - starb. Micheler hatte sich ein Sport-Cabrio gekauft. Zu Wendelin Schindele sen. (1895 - 1951, er starb an den Folgen einer Stier-Attacke; Heirat in Ottobeuren mit Maria, geb. Fischer, † 1975; sie stammte aus der Mühle in Gutenberg bei Ketterschwang) sagte er einmal: „Schindele, jetzt ka i fliaga!“
Die Michelers haben auf dem Friedhof ein Familiengrab.

Im Bild der Belegschaft von 1928 konnten bislang nur wenige Personen bestimmt werden:
Peter Micheler hat den Arm auf dem Tisch, rechts neben ihm Hans Maier, der sich in der Alexanderstraße selbständig machte (gegenüber Sanitär und Haustechnik Hoffmann, 2015 betreutes Wohnen). Maier hatte später zusätzlich eine Filiale in der Bahnhofstraße (2015: Rupertus-Apotheke), aber nicht allzu lange. Er hatte zwei Töchter (Marianne heiratete ca. 1954 Dr. Vollmar; Gabi ging zur Metzgerei Natterer nach Mindelheim), ca. 1960 hörte Maier auf. Manfred Braun fing bei ihm mit etwa 14 Jahren 1950 an und sollte eine Kuh aus Hawangen nach Ottobeuren treiben, die Maier - er fuhr einen alten Mercedes - dort gekauft hatte.
Noch eine Person weiter rechts sitzt Melchior Neher, eine Reihe höher - zwischen Maier und Neher - sitzt Hans Braun, ganz links sitzt Xaver Fuchs. Er blieb als Metzger bei Micheler und war später für die Schinkenproduktion (Koch-, Lachs-, Rohschinken sowie Kaiserfleisch) verantwortlich.

Micheler Eugen jun. (geb. 1916) starb 1958 an einem Bienenstich (hatte in der Guggenberger Straße bei Stallungen von Micheler ein Bienenhaus; er war wohl allergisch und lag am nächsten Morgen tot im Bienenhaus. Er hatte ca. acht Kinder.

Das Bild lag jahrzehntelang in der Schublade von Hans Braun (*02.05.1905, in Dinkelscherben - nicht zu verwechseln mit dem Ottobeurer Fotografen gleichen Namens). In D. gab es keine Arbeit und so kam er 1927 nach Ottobeuren und trat im selben Jahr bei Micheler als Metzgergeselle ein. Nach dem Tod von Eugen Micheler sen. (im Okt. 1934) machte Braun 1935 die Meisterprüfung und wurde Werkmeister - bis zum Renteneintritt 1970; Hans Braun starb am 10.10.1990).

Die erste Ankündigung der Eröffnung stammt vom 28.05.1903 (Ottobeurer Wochenblatt, S. 4), weitere Annoncen erschienen in den Ausgaben vom 30.05. (S. 6), 02.06. (S. 4) und 09.06.1903 (S. 6). Abgebildet ist die gesamte Seite 4 vom 28. Mai.

Eine weitere Aufnahme der Belegschaft fand sich im Allgäuer Beobachter vom 20.08.1938 (S. 4), Bildtitel: Der Start zur Erntehilfe
45 Mann der Werkschar der Wurstfabrik Michelerstarteten zur Erntehilfe. Im Freiwilligendienst zieht die lange Radfahrerkolonne ins Dorf, um den Bauern bei der schweren Erntearbeit zu helfen.
(Ob es sich um die Memminger Belegschaft handelt, ist nicht klar, das Bild zeigt aber vermutlich nicht Ottobeuren.)
Die Seite aus dem Beobachter wurde stark verändert (Platzierung des Bildes von ganz unten nach oben, Foto wurde vergrößert und entrastert).

Dieser Beitrag beruht im Wesentlichen auf den Ausagen des Sohnes von Hans Braun, Manfred, der 1961 selbst die Meisterprüfung als Metzger ablegte, ab 1963 30 Jahre für Feneberg arbeitete. Wer noch etwas beitragen kann, bitte (über den „Kontakt-Button“) melden!