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19.03.1933 - Abriss und Neubau des Hotel Hirsch


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Die Umstellung von Winter- auf Sommerbier an Josefi (19. März) wurde noch abgewartet, dann begann eine für die Infrakstruktur Ottobeurens  wichtige Baumaßnahme: der Abriss des alten und Aufbau eines neuen Hotelgebäudes.

Die Bauarbeiter vom Baugeschäft Filgis und die mit der Abfuhr der Abrisssteine beauftragten Landwirte hätten den höheren Eiweißgehalt des Winterbiers vermutlich gut brauchen können, das wurde beim Sommerbier halt durch die getrunkene Menge wieder wettgemacht. Aber zum Übergang gab es ja noch das Bockbier. Fertiggestellt wurde die Baumaßnahme in Rekordzeit, denn an Arbeitern mangelte es in dieser Zeit hoher Arbeitslosigkeit nicht.
Bis zum 12.10.1933 entstand das größte Brauereihotel in Bayerisch-Schwaben. Der Neubau sollte nicht nur die Bettenkapazität mehr als verdoppeln, es wurde gleichzeitig modernisiert: Statt einer Waschschüssel im Gang oder dem üblichen Fallokus gab es fließend kaltes und warmes Wasser und WCs auf den Zimmern, eine Errungenschaft auf die Max Graf III (*1924, im Gespräch vom 11.10.2014) heute noch stolz ist - auch weil die Konkurrenz, z.B. die Alte Post, dies erst 19 Jahre später einführen konnte.

Auf dem Bild sieht man im Vordergrund noch EG und ersten Stock des alten Hotelgebäudes. In dem Turm dahinter - erbaut 1908 - war die eigentliche Brauerei untergebracht, links davon das Sudhaus. Unmittelbar links angrenzent sieht man die Ostfassade vom (heutigen) Haus des Gastes - damals Knabenschule und Feuerwehr. Das weitere Gebäude auf dem Marktplatz (Südwestecke) war und ist das Beckeler-Haus. Vor dem Abrissgebäude sieht man die Landwirte, die jeden Tag mit ihren Fuhrwerken kamen, einige rauchen. Wenn man genau hinsieht, dann erkennt man im 1. Stock links eine Gestalt, bei der es sich vermutlich um den Bauherrn, Max Graf II. handelt. (Er starb 1950, vermutlich an den Spätfolgen des Kopfdurchschusses, den er im 1. Weltkrieg erlitten hatte. Seine Frau Emma Graf, 1895-1963, war eine geborene Eble aus Laupheim).

Der Allgäuer Beobachter schrieb vom Mut des Bauherrn, in dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit einen solchen Bau anzugehen. Die von einer Firma aus Heilbronn gelieferten Stahlträger kamen - nach der Machtübernahme Hitlers - mit Hakenkreuzfahnen "verziert". Max Graf hatte damit nach Aussage seines Sohnes nichts am Hut und wurde aus politischen Gründen sogar (kurz?) inhaftiert. Da er jedoch damit drohte, die Bauarbeiter heimzuschicken, ließ man ihn wieder ziehen.

Der damalige Neubau ist heute (10/2014) der östliche Hotelflügel. 1951 kam dann der linke Hotelflügel hinzu.

Das Bild stammt aus dem Fundus von Reinhard und Gertrud Hölzle, dessen Vater Alois (*10.06.1913, †20.05.1977) als Bauarbeiter bei Filgis auf dem Bild vermutlich ebenfalls zu sehen ist. Die Vorlage war sehr schwach, wurde aber stark nachbearbeitet (Helmut Scharpf, 11.10.2014), sodass für die Ortsgeschichte ein beeindruckendes Bilddokument gesichert werden konnte. Die Rückseite ist als Postkarte gehalten, sie ist aber nicht beschriftet. Aufgrund des Abriss-Fortschrittes und der Schneereste auf der Basilika dürfte es sich beim Aufnahmedatum um Ende März/Anfang April 1933 gehandelt haben.

Die Luftbildkarte ist am 16.11.1939 (Stempel schlecht lesbar, die 6 Pf. Hindenburg-Marke ist Ende 1933 erschienen und war bis Mai 45 gültig) gelaufen. Deutlich sieht man den Durchgang zum Brauereiturm und in die Ulrichstraße; vor dem Sudhaus (mit der Aufschrift Brauerei) ist der Schulgarten der Knabenschule zu sehen. Der Kartentext:

Frl. Maria Arnold
Kinderheim
Mittelberg b. Oy

Lb. Mari !
Deine Karte erhalten, vielen Dank. Wie ich sehe, geht es dir gut, was wir auch von Uns berichten können. Es ist j.(etzt) ruhiger, aber Arbeit gibt es immer. Sei nun vielmals gegrüßt v. uns Almu (?) besonders v. Wally. Auf Wiedersehen.

Die Werbekarte hat unten den Aufdruck: Erstklassige Fremdenzimmer mit fließendem Wasser und Garagen. Fernruf Nr. 6

Das Bild rechts unten zeigt, dass man mit dem Abriss (hier: Hirsch-Figur) einen weiteren Grund zum Feiern hatte. Wer erkennt die Teilnehmer?