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01.07. - 31.12.1918 – Ausgaben des Memminger Volksblatts; „Die revolutionäre Bewegung in Memmingen und Ottobeuren“


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Weltrevolution! Mit dieser bedeutungsschweren Titelschlagezeile ging das Memminger Volksblatt am 11.11.1918 in den Verkauf.
Hier zunächst eine Auswahl von Meldungen zur Situation in Memmingen und Ottobeuren. Anschließend weitere Ereignisse, die inb. Ottobeuren bewegte.
Den – textdurchsuchbar gescannten – Halbjahresband des Memminger Volksblatts vom 1.7. bis 31.12.1918 (628 Seiten) können Sie hier herunterladen (ca. 170 MB)
(Quelle: Stadtarchiv Memmingen in einem Kooperationsprojekt mit dem virtuellen Museum Ottobeuren)

Einzealtartikel:
Memminger Volksblatt Nr. 260 vom 9.11.1918, S. 3 (pdf 465)
Memmingen
Die revolutionäre Bewegung in Memmingen.
Wie in anberen Städten des Landes, so hat gestern auch in Memmingen die revolutionäre Bewegung um sich gegriffen. Sie läßt sich als eine von langer Hand vorbereitete wohl organisierte sozialdemokratische Aktion aller mit der bestehenden Ordnung unzufriedenen Elemente charakterisieren, und die radikale Strömung, die weite Kreise des Volkes und des Militärs zu erfassen droht, scheint Oberwasser zu bekommen. Die Bewegung hat, so weit Bayern in Betracht kommt, ihren Ausgang in München und wird von dort planmäßig geleitet. Im Laufe des gestrigen Nachmittags erfuhr man von einer für den Abend geplanten Kundgebung, die mit der bewilligten Forderung der Freilassung der 15 Militärgefangenen im Gefängnis begann und der eine Sitzung der beiden Kollegien vorausging, von der die Presse merkwürdigerweise wieder einmal nicht benachrichtigt war. Ueber den Verlauf dieser Sitzung sind wir deshalb bisher leider nicht in der Lage, zu berichten.
Nach 7 Uhr machte sich Gem.-Bev. Dannecker auf dem Hallhof zum Sprecher einer Gruppe von Soldaten und Arbeitern — die überwiegende Mehrzahl der „Versammlung“ bestand aus neugierigen Schweigern — um über die neuesten Ereignisse in seinem Sinne aufzuklären. U. a. sprach er seine Befriedigung über die Erhebung Bayerns zur Republik aus, geiselte die Auswüchse des Militarismus — wie wir das wiederholt in schärfster Form getan — und erklärte, Bayern habe dem Hause Wittelsbach gar nichts zu danken. Zum Schlüsse forderte er zur Ruhe und zielbewußter Besonnenheit auf und kündigte für heute die Wahl eines „Arbeiter- und Söldatenrates“ für Memmingen an, der die Exekutivgewalt auszuüben beabsichtige. Aus der Mitte der Versammlung heraus wurden auf seine Aufforderung hin Kandidatenvorschläge gemacht und entgegengenommen. Ferner forderte der Redner auch die Freilassung der Zivilgefangenen (!) worüber gestern abend noch Verhandlungen mit der Staatsanwaltschaft gepflogen wurden. — Als zweiter Redner trat ein Soldat auf, dessen Ausführungen in einem ähnlichen Tenor, wie die des Vorredners gehalten waren, und die sich u. a. mit den Vorgängen in Kiel befaßten. Gegen 8 Uhr zerstreute sich dis Menge. Es wäre töricht, den ernsten Charakter der nächsten Stunden und Tage zu leugnen, Aufgabe und Pflicht des gesunden Arbeiters und Bürgersinnes wird es sein, die Fluten der Volksbewegung nicht verheerend über das Land dahin brausen zu lassen.

Der geschäftsführende Ausschuß des Arbeiter- u. Soldatenrats Memmingen (Dannecker, Egger, Löw u. Nägele) erklären durch Anschlag: In einem Aufruf des geschäftsführenden Ausschusses des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates Memmingen heißt es: „Der Wille des Volkes ist das oberste Gesetz“. Getreu diesem Grundsatze hat die sozialdemokratische Parteileitung Memmingens im Einvernehmen mit Abgesandten der hiesigen Garnison in der gestern Abend stattgefundenen öffentlichen Versammlung unter allgemeiner, begeisterter Zustimmung beschlossen, die Geschicke der Stadt Memmingen in die durch die Verhältnisse gebotenen Wege zu leiten und zu diesem Zwecke einen Arbeiter-, Soldaten-, und Bauernrat zu konstituieren. Die Vorarbeiten hiezu sind bereits im Gange und werden im Laufe des morgigen Tages beendet sein. Die Geschäfte der Stadt werden vorläufig von den bisherigen Amtspersonen fortgeführt, sämtliche Gesetze und Verordnungen bleiben bis auf weiteres in Kraft. Wir erwarten von dem Verständnis der hiesigen Bürgerschaft sowohl wie von den militärischen Stellen, daß uns nichts in den Weg gelegt wird, um die Umgestaltung der Machtverhältnisse in friedlicher Weise regeln zu können, damit hauptsächlich in der Versorgung der Einwohnerschaft mit den nötigen Lebensmitteln jede Stockung vermieden wird. Reaktionären Strömungen werden wir energischst zu begegnen wissen. Es lebe die Republik!
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Memminger Volksblatt Nr. 267 vom 18.11.1918, S. 3 (pdf S. 488):
Ottobeuren
Gemeinde-Versammlung. Bei der gestern vormittag im Rathause stattgefundenen Wahl von 2 Delegierten zum Bauernrat wurden vorgeschlagen und einstimmig gewählt Hr. Joh. Fickler, Gutsbesitzer und Herr Alois Kudermann, Landwirt und Molkereibesitzer dahier. — Als 2. Punkt der Tagesordnung wurde einstimmig beschlossen, den heimkehrenden hiesigen Kriegsteilnehmern das Bürgerrecht unentgeltlich zu verleihen. — Als 3. Punkt wurde dem Beschluß der Gemeinde-Verwaltung den Ankauf des Martin Schwaiger'schen Anwesens im unteren Markte betreffend, zugestimmt. — Auf Einladung fanden sich gestern Abend eine Anzahl Bürger, Soldaten und Arbeiter im Gasthaus zum „Hirsch“ zu einer gemeinsamen Besprechung ein, welche den Zweck einer Gründung eines Bauern-, Soldaten- und Arbeiterrates vorerst für Ottobeuren haben sollte. — Über die Bildung und den gewählten geschäftsführenden Ausschuß werden wir in morgiger Nummer näher zurückkommen.

Memminger Volksblatt Nr. 268 vom 19.11.1918, S. 3 (pdf S. 499):
Vom Bauern-, Soldaten, und Arbeiterrat. Wie berichtet, hat sich am Sonntag, den 17. Nov. hier ein Bauern-, Soldaten- und Arbeiterrat, sowie ein Rat zur Vertretung für Handel und Gewerbe und schließlich noch ein Beamtenrat (vorläufig provisorisch für den Markt Ottobeuren) gebildet. Der geschäftsführende Ausschuß setzt sich zusammen aus dem 1. Vorsitzenden Adolf Fergg und dem 2. Vorsitzenden Hans Raith. — In den Bauernrat sind gewählt: Fink Michael, Fickler Johann, Rinderle Johann u. Sigg Xaver. — In den Soldatenrat wurden gewählt: Herz Robert, Matz Fritz, Wegmann Alexander, Wagner Ulrich. Döring Xaver und Filgis Theodor. — Arbeiter-Rat: Kugelmann Jakob, Waldmann Xaver, Immerz Hermann, Maurer Jos. und Matz Franz. — Für Handel und Gewerbe: Hafner  Al. [Alois], Schaber Hans. Weinmann Anton, Raith Alfons, Mayer Johann und Kudermann Alois. — Der Beamtenrat setzt sich zusammen aus: Oberamtsrichter Stahl, Hauptlehrer Schwägele u. Georg Köhler, pens. Postbote. — Als Lokal für den geschäftsführenden Ausschuß wurde das Beratungszimmer des Gemeindekollegiums überlassen.
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Wörishofener Rundschau Nr. 788, 30.09.1918, S. 3 (pdf der Gesamtausgabe S. 383, Überschrift der Ausgabe auf S. 1: „Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte“)
Eine gesunde Verordnung erließ der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat Ottobeuren, der bestimmt hat, daß junge Leute beiderlei Geschlechts unter 18 Jahren nach 8.30 Uhr abends sich ohne zwingenden Grund nicht mehr auf der Straße oder in öffentlichen Lokalen aufhalten dürfen. — Eine solche Bestimmung wäre vielleicht nicht bloß für Ottobeuren zweckmäßig.

Memminger Volksblatt Nr. 270 vom 21.11.1918, S. 4 (pdf S. 508); nimmt Bezug auf die Meldung über die Sperrstunde für Jugendliche (in Ottobeuren) in der Wörishofener Rundschau:
Eingesandt
Die Jugend auf dem Lande von heute. Tagtäglich, namentlich in den letzten zwei Kriegsjahren, konnte man so vielfach Klage hören über nächtliche Ausschreitungen und Rohheiten von halbwüchsigen Bürschchen auf dem Lande. Teilweise oft in Übermut, teils aus purer Bosheit, um dem Nächsten Schaden zuzufügen. Von den zahlreichen Obstdiebstählen, die in den letzten Wochen vorkamen, gar nicht zu reden. — Was ist hier zu tun und welches Radikalmittel kann hier angewandt werden, um für die Folge solchen nichtswürdigen Vorkommnissen, wie sie wieder in Attenhausen und Ottobeuren zu verzeichnen sind, wirksam entgegenzutreten. — Hier gebe es ein einfaches Mittel, wenn die einschlägigen Behörden, namentlich die Eltern, Lehrherren, Dienstherrschaften usw., ein scharfes Auge auf ihre Untergebenen, beiderlei Geschlechts, des Abends und zur Nachtzeit hätten. — Wir appellieren auch an alle polizeilichen Organe, Gendarmerie, Ortspolizeibehörde u. nicht zuletzt an den Arbeiter- und Soldatenrat Memmingen, strengste Verfügungen darüber zu treffen, daß Bürschchen von 15 bis 18 Jahren nach 9 Uhr abends auf der Straße, in öffentlichen Lokalen usw., nicht mehr angetroffen werden dürfen. — Eltern, Lehrherren usw., sollen sich des Abends und auch nachts vergewissern, ob ihre zur Aufsicht Anbefohlenen auch wirklich zu Hause anwesend sind. Wir bitten deshalb nochmals alle Aufsichtsorgane dringend, um ihre gütige Unterstützung.
Einer für Viele.

Memminger Volksblatt Nr. 271 vom 22.11.1918, S. 6 (pdf S. 514), zwei Bekanntmachungen.
Bekanntmachung.
Zur Vermeidung unliebsamer Vorkommnisse aller Art wird hiemit bestimmt, daß junge Leute beiderlei Geschlechts unter 18 Jahren nach 8 Uhr 30 Minuten abends sich ohne zwingenden Grund nicht mehr auf der Straße oder in öffentlichen Lokalen aufhalten dürfen.
Die Arbeitgeber, Eltern, Vormünder usw. werden ersucht, den Vollzug dieser Verfügung mit allen Mitteln zu unterstützen.
Besonders wird darauf hingewiesen, daß Ansammlungen bei Einquartierungen im Interesse des Schutzes des militärischen Eigentums unter keinen Umständen geduldet werden können.
Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat Ottobeuren.

Bekanntmachung.
Die Bevölkerung wird darauf aufmerksam gemacht, daß Anforderungen von Lebensmitteln oder sonstigen Bedürfnissen für Zwecke der Einquartierung nur gegen Unterschrift zweier Mitglieder des A.-, S.- u. B.-R. zulässig ist. Für anderweitige Verabfolgung, besonders an Angehörige des Soldatenstandes, wird keinerlei Haftung übernommen.
Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat Ottobeuren.

Große Annonce auf pdf 516 mit vielen Namensnennungen:
Memminger Volksblatt Nr. 271 vom 22.11.1918, S. 8 (pdf S. 516)
Bekanntmachung.
Zur Unterstützung der Regierung und ihrer Organe in der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung sowie zur Bearbeitung aller Angelegenheiten aus Anlaß der Rückkehr des Feldheeres, hat sich hier, ähnlich wie in anderen größeren Orten, ein Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat gebildet.
Dieser Rat kann seine Ziele nur dann reibungslos und voll erreichen, wenn er gleichzeitig die Unterstützung aller Volksgenossen besitzt; nur dann ist er in der Lage, die persönliche Sicherheit der Einzelnen und die seines Eigentums wirksam zu schützen. Diese Unterstützung erstreckt sich auch insbesondere auf Anfragen und Anordnungen von Seite der Mitglieder des Rates.
Zu diesem Zwecke ist eine Sicherheltewache aus gedienten Soldaten und hiesigen Bürgern gebildet, welche mit Gewehren und scharfer Munition ausgerüstet ist. Den Anordnungen dieser Wachmannschaften auf ihren Rundgängen ist unbedingt Folge zu Ieisten.
Mit dem Aufhören der jetzigen vorläufigen Regierung nach Zusammentritt des neuen Landtages hört auch die Tätigkeit des A.-, S.- und B.-Rates auf. Für Auskünfte aller Art sind die unterfertigten Mitglieder jederzeit bereit.
Für telephonische Anfragen, besonders von Auswärts, ist die Rufnummer Ottobeuren 29 zu benützen.
Arbeiter-, SoIdaten- u. Bauernrat Ottobeuren.
Fergg. Raith.

Döring Xaver, Infanterist. Eitler, Landwirt, Linden (Gemeinde Engetried). Filgis Theodor, Obergefreiter. Fink Michael, Landwirt. Fickler Johann, Landwirt. Geiger, Landwirt, Kräpflins. Herz Robert, Gefreiter. Hafner Alois, Landwirt und Kommissionär. Hölzle Roman, Landwirt, Unterhaslach. Häfele, Bürgermeister und Landwirt, Gottenau. Huber Josef, Landwirt und Mühlenbesitzer, Frechenrieden. Immerz Herrmann, Maurerpolier. Kugelmann Jakob, Infanterist. Kudermann Alois, Molkerei und Landwirt. Kohler, pensionierter Postbote. Lerchenmüller, Landwirt, Böhen. Lutz Johann, Landwirt, Buchenbrunn. Maas Fritz, Sergeant. Maurer Joseph, Kaminkehrergeschäftsführer. Matz Franz, Elektr.-Monteur. Mayer Johann, Maurermeister. Prell Peter, Landwirt, Dennenberg. Rinderle Johann, Landwirt. Raith Alfons, Installateur. Sigg Xaver, Landwirt. Stahl, Oberamtsrichter. Schwägele, Hauptlehrer. Schreyögg Ernst, Landwirt, Ollarzried. Siegl,  Gastwirt, Winden, Schmid, Küfermeister, Attenhausen. Schaber Johann, Sägewerk. Vetter Joseph, Landwirt, Schrallen. Wegmann Alexander, Unteroffizier. Wagner Ulrich, Gefreiter, Waldmann Xaver, Maurerpolier. Weinmann Anton, Schmiedmeister. Wiesheu Mathias, Gastwirt. Zinsmeister, Landwirt und Mühlenbesitzer, Markt Rettenbach.
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Die Versorgungslage war kriegsbedingt katastrophal und wurde durch Hamsterer noch verschärft. Mehr hierzu über einige sächsische Hochstapler, die sich in Ottobeuren aufhielten, in einem eigenen Beitrag.

Memminger Volksblatt Nr. 221 vom 24.09.1918, S. 4 (pdf 296):
Bekanntmachung.
Das Elektrizitätswerk Ottobeuren gibt hiermit seinen Abnehmern bekannt, daß ab 1. September die Kohlen- und Oelpreise neuerdings beträchtlich in die Höhe gegangen sind, infolgedessen sehen wir uns veranlaßt, den bisherigen Strompreis für Kraft und Licht pro Kwst. [kWh] um je 20 Pfg. zu erhöhen. Die Verrechnung des neuen Strompreises erfolgt ab 1. September.
Elektrizitätswerk Ottobeuren.

Es gab sogar Kinovorführungen, wenn auch nicht regelmäßig und (noch) nicht in einem stationären Kino:
Memminger Volksblatt Nr. 222 vom 25.09.1918, S. 4 (pdf 300; schöne Annonce):
Lichtspiele Ottobeuren.
Gasthof zur „Post“, Sonntag, 29. Sept., abends ½ 8 Uhr: „Mutter und Kind“, Schauspiel in 4 Akten.
Herrn Petermanns Jagdabenteuer“, Lustspiel mit Konrad Dreher in der Hauptrolle.
Für Billette 1. Platz im Vorverkauf bei Frl. Marie Wiehrer bleibt der Platz reserviert. Zu zahlreichem Besuche ladet ein: Hofphotograph Braun.
[Der Film ist auf der Wikipedia-Seite zu Dreher nicht gelistet, wird an anderer Stelle unter 1916 geführt; BB-Film-Fabrikation Bolten-Baeckers, Berlin][Petermanns Jagdabenteuer stammten von einem „Heider“]
weitere Ankündigung einer „Lichtspiel-Vorführung“
Memminger Volksblatt Nr. 248 vom 25.10.1918, S. 3 (pdf 411)
Ottobeuren
Lichtspiele. Am Sonntag findet im „Postsaale“ dahier eine Lichtspiel-Vorführung statt mit gutgewähltem Programm und wünschen wir dem Veranstalter „gut Licht“ und zahlreichen Besuch. (Siehe Inserat in heutiger Nummer).
Memminger Volksblatt Nr. 248 vom 25.10.1918, S. 4 (pdf 412, Annonce):
Lichtspiele im Saale des Gasthofes z. Post in Ottobeuren. Sonntag, den 27. Oktober 1918, abends 7 Uhr:
Die Töchter des Eichmeisters“, Lebensbilder aus der Biedermeierzeit in 5 Akten.
Privatier Wamperls anhänglicher Überzieher“, Lustspiel in 3 Akten.
Hoch zu Roß“, Schwank in 1 Akt.
Eintritt: 1. Platz, 1 Mark, 2. Platz 0,70 Mk. – 1. Platz im Vorverkauf im Vorverkauf (Braun) bleibt reserviert. Zu zahlreichem Besuch ladet ein: Georg Braun.

Im Kloster Ottobeuren waren zwar etliche der Mönche selbst im Kriegsdienst (siehe eigener Eintrag hierzu), der Kapiteljahrtag war wie jedes Jahr ein großes Ereignis. Es fuhr sogar ein Sonderzug:
Memminger Volksblatt Nr. 208 vom 09.09.1918, S. 3 (pdf S. 241):
Ottobeuren
Anläßlich des Kapiteljahrtages verkehrt am Montag den 16. Sept. nachstehender Sonderzug:
Memmingen ab 5.26 vormitt.
Eisenburg an 5.32, ab 5.33
Schwaighausen an 5.37, ab 5.38
Ungerhausen an 5.42, ab 5.48
Westerheim an 5.54, ab 5.55
Hawangen an 6.06, ab 6.07
Ottobeuren an 6.16.

Memminger Volksblatt Nr. 210 vom 11.09.1918, S. 4 (pdf S. 250):
Bekanntmachung.
Der sogenannte Kapiteljahrtag findet heuer am Montag, den 16. September statt. Zur Beteiligung wird ergebenst eingeladen mit dem Bemerken, es möchten die Teilnehmer die notwendigen Lebensmittel mitbringen, da in den Gastwirtschaften bei der Knappheit der Lebensmittel eine Verköstigung so gut wie ausgeschlossen ist.
Ottobeuren, den 10. September 1918.
Kath. Pfarramt:
P.  Augustin O. S. B.

Thema am Rande des Kapiteljahrtags, siehe Ausgabe Memminger Volksblatt Nr. 218 vom 20.09.1918, S. 3 (pdf 282):
Ottobeuren
Zur Magdalenen-Frage.
Frauenversammlung. Im Nachtrag zu dem kurzen Berichte über den Kapiteljahrtag soll nun ein solcher folgen über die Frauenversammlung, welche am Nachmittag im Gasthaus zur „Post“ stattfand. Dr. oecum. publ. Rost behandelte die „Magdalenenfrage“, d. h. die Frage „Wie haben wir uns nach den Grundsätzen der katholischen Kirche gegenüber unehelichen Müttern zu verhalten?“  Die Wichtigkeit dieser Frage erkennen leider viele nicht. Gibt es doch eine starke Strömung, welche die uneheliche Mutter der ehelichen gleichgestellt wissen will, andererseits aber wieder solche, welche über derartige Menschenkinder kurzweg den Stab brechen. Uns ist die Ehe heilig; das freie Verhältnis ist verwerflich und bedeutet für uns eine Durchbrechung der sittlichen Ordnung, die für Leib und Seele, für den Einzelmenschen wie für die ganze menschliche Gesellschaft von allergrößtem Schaden ist. Ist aber ein Menschenkind in ein solches Unglück gekommen, dann soll man demselben eine warme Fürsorge und Aushilfe angedeihen lassen und zur Besserung verhelfen: so hat die katholische Kirche es immer gehalten, wie näher gezeigt wurde.
Den zweiten Vortrag hielt Frau Landgerichtsrat Simon - Augsburg über die Ziele und die Tätigkeit des kath. Frauenfürsorgevereins für Mädchen, Frauen und Kinder. Es war, kurzweg gesagt, eine rednerische Glanzleistung, ein Vortrag geschöpft aus der Erfahrung und vorgetragen mit liebewarmem Herzen. Ach, wieviel Elend ließ er uns schauen! Aber auch wieviele Liebe, um diese armen, gefährdeten und gefallenen Mitschwestern zu retten, wieder aufzurichten, ihnen Mutterliebe zu ersetzen, welche sie oftmals nie erfahren hatten. Fürwahr! eine solche Tätigkeit muß  man auch kennen lernen, um zu wissen, welch edle Seelen im Stillen arbeiten, während man soviel schimpft über die Schlechtigkeit der Menschen. Ganz von selbst mußte bei den Zuhörern ….

Memminger Volksblatt Nr. 240 vom 16.10.1918, S. 4 (pdf 378):
Einladung. Am Montag, den 21. Oktober, vormittags 9 Uhr, wird in der Pfarrkirche zu Ottobeuren der herkömmliche Veteranen-Jahrtag abgehalten. — Nach dem Seelenamt ist am Kriegermonument gemeinsamer Grabbesuch. — Hierauf Auflage im Gasthause zum „Engel“, woselbst auch ein Vortrag über die derzeitige Kriegslage stattfindet. Zu dieser Gedächtnisfeier ladet alle Mitglieder und Ehrenmitglieder des Veteranen- und Soldaten-Vereins Ottobeuren und Umgebung, alle jungen Veteranen und beurlaubten Soldaten, sowie alle Freunde des Soldatenstandes besonders aber auch die benachbarten verehrl. Vereine freundlichst ein. Der Ausschuß.
NB. Die Aufstellung des Zuges erfolgt um ¾ 9 Uhr beim Kriegermonument. Zugleich findet auch der Trauergottesdienst für den auf dem Felde der Ehre gefallenen Krieger Franz Dreier von Ottobeuren statt.
[siehe Todesanzeigen pdf-S. 378, Dreier und Franz Xaver Willer]
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Ein paar Aussagen zur Versorgungslage

Wörishofener Rundschau Nr. 788, 30.09.1918, S. 3 (pdf der Gesamtausgabe S. 383, Überschrift der Ausgabe auf S. 1: „Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte“)
Wildabschuß. Zum Schutze der Landwirtschaft und zur Linderung der Fleischnot wird von der Regierung ein möglichst ausgedehnter Abschuß des Wildes (insbesondere des Rot-, Dam-, Schwarz- und Rehwildes, der Hasen, Kaninchen und Fasanen) angeordnet. Der Abschuß hat sofort zu beginnen und ist mit tunlichster Beschleunigung durchzuführen.

Memminger Volksblatt Nr. 231 vom 05.10.1918, S. 5 (pdf 337):
Schon lange hat sich der Verband [der Viehlieferungsverband für den Bezirk Memmingen] um die Lieferung des Kleinviehes (Kälber) etc. beworben, doch bisher vergebens. Wo kommen hier die Provisionen hin, die pro Kalb 4 M und pro Schwein 7 M betragen? Werden diese auch der Allgemeineinheit zugeführt, wie bei Großvieh, oder kommen sie nur in die Taschen Einzelner? Es ist bekannt, daß ein Aufkäufer (Steiner) in Ottobeuren jede Woche 30 bis 50 und noch mehr Kälber verladet bezw. durch einen Pensionisten (Kohler) verladen läßt und diesen mit 30 ₰  pro Stück entschädigt, der Überschuß kommt in seine Tasche. Der Mann verdient für seine mühevolle Tätigkeit mehr wie der erste Beamte des Bezirkes. — Ich lasse nun das Publikum selber urteilen, wer mehr Recht hat, der Lieferungsverband oder die Kleinviehaufkäufer.

Memminger Volksblatt (pdf-Seite 360):
Sammelt Eicheln und Kastanien! Sie liefern wertvolle Stoffe für Munitionszwecke fern. Kaffee-Ersatz, Speiseöl und Futtermittel. Eicheln und Kastanien dürfen in Bayern nur an die von den Bayerischen Futtermittelverteilung ausgestellten Sammelstellen abgesetzt werden. Der Absatz an andere Personen ist verboten und wird strengstens bestraft.
Sammel-Stelle: Josef Sailer, Schreinermeister Babenhausen.

Wörishofener Rundschau 1918 vom 14.08.1918, S. 3:
Das Verbot des Radfahrens zu Vergnügungs- und Sportzwecken, das seinerzeit von den drei stellv. Generalkommandos erlassen wurde, findet immer noch nicht allgemeine Beachtung. Das stellv. Generalkommando erinnert deshalb neuerdings daran. Die Polizeibehörden sind angewiesen, das Verbot mit Rücksicht auf die beruflich auf das Radfahren angewiesenen Personen strengstens und unnachsichtlich durchzuführen.

dito:
Kaninchen. In Augsburg wurde eine Kaninchenverwertungsstelle gegründet; diese hat nun wieder in ganz Schwaben und Neuburg und einem Teil von Oberbayern ihre Aufkäufer, die von der Bayer. Fleischversorgungsstelle München zugelassen sind. Die Aufkäufer kaufen alle schlachtreifen Tiere lebend, mit einem Gewicht von möglichst nicht unter 5 Pfund, zu guten, den festgesetzten höchsten Preisen; wo Aufkäufer noch nicht waren, werden solche hingeschickt; außerdem kann die Anlieferung erfolgen jeden Mittwoch, Freitag und Sonntag an die Kaninchenverwertungsstelle in Augsburg (Wollmarktgebäude, Bäckergasse). Nicht zugelassene Aufkäufer werden zur Anzeige gebracht und mit 1500 Mk. Geld oder mit 6 Monaten Gefängnis bestraft.

Dazu passt die Meldung aus dem Memminger Volksblatt Nr. 187 vom 14.08.1918, S. 3:
Ottobeuren Eingesandt. [= eingesandter Beitrag]
Unfug. Wer Kaninchenzucht betreiben will, sollte sich denn doch zuvor überlegen, wo er das nötige Futter für seine Hasen hernimmt. Die Kaninchenzucht nimmt zur Zeit allenthalben stark überhand. — Es geht aber doch nicht an, daß Kinder täglich nächstgelegene fremde Wiesen ohne Erlaubnis betreten, dort das Gras zertreten und einfach ihren Bedarf decken ganz nach Herzenslust. — Es würde mancher Grundstücks-Eigentümer stillschweigend dulden, wenn Kinder am Wiesensaume oder an einem Straßengraben Gras rupfen würden, aber es geht denn doch zu weit, wenn man sehen muß, wie sich Kinder mitten in einer Wiese herumtummeln und nach Belieben Gras herausreißen. Es ist dies auch Felddiebstahl und nach dem Gesetze strafbar.
Einer für Viele.
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Den Halbjahresband Memminger Volksblatt, 02.01. - 30.06.1919, können Sie hier abrufen  (ca. 160 MB).

Abschriften und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 12/2017