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01.05.1898 - Dr. Alfred Baumgarten veröffentlicht seine biografischen Studien zu Sebastian Kneipp


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Nur wenige hatten einen so unmittelbaren Zugang und Umgang mit Sebastian Kneipp wie Dr. Alfred Baumgarten (1862 - 1924). 1892 war er von Koblenz aus nach Wörishofen übergesiedelt und hatte die fünf letzten Lebensjahre des „Wasserdoktors“ an dessen Seite gearbeitet. In seinem Vorwort schreibt Baumgarten denn auch:
„Wenige haben in gleicher Weise, wie ich, mit Kneipp verkehrt; denn es beschränkten sich unsere Aussprachen nicht auf den täglichen Verkehr in den Sprechstunden und am Krankenbette, sondern recht häufig haben wir im trauten Gespräche beisammen gesessen und uns über mancherlei Dinge unterhalten, über die man in der Öffentlichkeit zu schweigen pflegt. (...) Durch die Natur der Verhältnisse war ich zu seinen Lebzeiten gezwungen, diese vertraulichen Mitteilungen in absolut diskreter Weise zu behandeln; nach seinem Tode jedoch bin ich naturgemäss in der Lage, Aufschluss zu geben über das, was der Verstorbene gewollt.“

Ein knappes Jahr nach dem Tode Kneipps († 17.06.1897) gab Baumgarten einen Prachtband heraus, der uns durch die zeitliche Nähe sehr unmittelbar an dessen Lebensgeschichte teilhaben lässt und in dem dem eine Fülle von spannenden Bildern enthalten sind. Diese Bilder wurden allesamt einzeln gescannt, etliche davon sind im virtuellen Museum digital aufbereitet abrufbar. Das Gros der Bilder stammt vom ehemaligen Hoffotografen Fritz Grebmer sen. (04.01.1861 - 04.01.1925), den Kneipp in den 1880ern mit dem Auftrag angestellt hatte, ihn gemeinsam mit berühmten Gästen zu fotografieren. Grebmer hatte darüber hinaus dafür zu sorgen, dass die Bilder europaweit in Zeitungen veröffentlicht wurden.
Die Lebensdaten des Fotografen sind noch nicht recherchiert, 2005 stellte der Verein des Kneippmuseums Bad Wörishofen in seinem Angedenken eine Fototafel zusammen.
Die Bildbeschriftung wurde jeweils direkt aus dem Buch übernommen. Zu sehen viele Portraits Kneipps, auch ein schönes Foto vom Papstbesuch im Vatikan im Februar/März 1894, Fotos aus seiner Wörishofener Wohnung, Straßenszenen, sein Webstuhl, die Kinder des Kinderasyls, sein allgegenwärtiger Spitz, die von ihm finanzierten Bauten oder ein Bild mit einem seiner einflussreichsten Gönner, Erzherzog Josef Karl Ludwig von Österreich (1833 - 1905) und dessen Sohn Erzherzog Joseph August von Österreich (1872 - 1962).

Der handschriftliche Text Kneipps, den er im Mai 1835 in der Werktagsschule schrieb, lautet in der Transkription:
Einst stieß König Max auf einen krüppelhaften Mann. Er wolte [wollte] ihm ein Geschenk geben, aber der Mann äußerte mit einem dankbaren Blicke zum Himmel, daß er zu leben habe und zufrieden sei. Erstaunt sagte der Monarch: „Nun, du bist der Einzige, der meiner Hülfe nicht bedarf; du bist glücklich.“
Sebastian Kneipp von Stephansried.

Literaturzitat:
Baumgarten, Alfred: Sebastian Kneipp, 1821 - 1897. Biografische Studie, Verlag Julius Becker, Berlin, Mai 1898, mit Porträt-Frontispiz, 150 Abb., XXIII (Inhalts-, Abbildungsverzeichnis und Einleitung), 263 S.  
Die Datei hat ca. 126 MB, pdf-Datei, und ist textdurchsuchbar gescannt (OCR)
Den Gesamtscan des Buches können Sie hier herunterladen.

Am 01.06.2015 wurde das Buch vom Severus Verlag in einem unveränderten Nachdruck erneut herausgebracht – allerdings mit anderem Coverbild (ISBN-13: 978-3958011908, 19,2 x 2,5 x 26,1 cm) und mit 288 Seiten, 24,90 €.

Auch vom ehemaligen Prior der Barmherzigen Brüder in Wörishofen, Bonifaz Max Reile, sind Lebenserinnerungen erhalten, die er im Juli und August 1942 schrieb – also mit fast einem halben Jahrhundert Abstand; sie können sich aber weder inhaltlich an Baumgartens Veröffentlichung messen, noch enthalten sie irgendwelche Bilder.
Literaturzitat:
Reile Max: Meine Erinnerungen an Hochwürden Herrn Pfarrer Kneipp, Verlag Johann von Gott, Regensburg, (1951), 40 S.
(Der Johann von Gott-Verlag hat seinen Sitz heute in München; das Büchlein ist ebenfalls in einem Nachdruck erhältlich.)

Nun zum Hauptwerk der vorliegenden Themenseite:
Im Zusammenhang mit Kneipps Lebensgeschichte wird insb. auch die Geburtsheimat Stephansried beschrieben. Baumgarten hatte Kneipp 1893 vorgeschlagen, den Kurgästen seine Heimat vorzustellen und so kam es nicht nur zu den jährlichen Ausflügen am Primiztag (24.08.), sondern letztlich auch zur Aufstellung eines Obelisken („Kneippdenkmal“), – die Skizze von Bildhauer Stückle aus Mindelheim ist auf Seite 240 abgedruckt.

Hier nun die ersten vier Seiten des Textes, die sich mit Stephansried befassen. Man beachte vor allem die Aussagen zum Fleischkonsum!

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Stephansried.
Auf einem der Hügelzüge, welche die Hochebene des bayerischen Schwabens zumal im südlichen Teile zahlreich durchziehen, liegt hingelehnt an den Bergeshang Stephansried, die Geburtsstätte Sebastian Kneipps. Das Dörfchen zählt etwa 14 Häuser und ein kleines Filialkirchlein, das zur Pfarrei Ottobeuren gehört.

Der Hügelzug, an welchem Stephansried liegt, erhebt sich etwa 30 m über die Hochebene, zieht sich von Südost nach Nordwest und hat eine Ausdehnung von vielleicht 1,5 bis zwei Stunden. Stephansried selbst liegt ungemein reizvoll und landschaftlich schön, teils im Thale, teils auf dem Berge, halb versteckt in Bäumen. - Weit hinaus schweift der Blick auf die Hochebene, wo zahlreiche Ortschaften mit ihren weissen, hell glänzenden Häusern und den Kirchtürmen mit den keilförmigen Spitzen dem Auge angenehme Unterbrechung bieten; bewaldete Höhenzüge fern und nah, und in fruchtbaren Fluren eingesprengt kleine Waldpartieen, und zwar ausschließlich Nadelholz, wie man es in Bayern so häufig findet.

Aus der Ferne grüssen die schneebedeckten Gipfel der Allgäueralpen herüber, und lange und gerne schweift das Auge durch die üppigen Fluren; und wenn auch der Reiz der Hochgebirgslandschaft manchen mehr anzieht, und wenn es auch richtig ist, dass in der Landschaft ohne Wasser manches entbehren lässt, so sind doch die landschaftlichen Schönheiten,

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wie sie zu mal auf der bayrischen Hochebene öfters wiederkehren, von einem nicht ermüdenden Reize und in ihrer plastischen Ruhe für das Gemüt außerordentlich wohltuend.

Ein schöner Punkt, dieses Stephansried! - Und wenn man an der jenigen Stelle steht, wo das Geburtshaus unsers Sebastian Kneipp gestanden, so muss man sagen, das gerade dieser Punkt der schönste ist und dem Gemüte eines einfachen, zur Naturbeobachtung geneigten Menschen manchen Genuss und manche Anregung unbewusst zuteilt; es versteht sich leicht, dass dazu veranlagte Gemüter in solcher Gegend und solche Umgebung stärker und mit größerer Liebe an die Brust der Mutter Natur geworfen werden.

Auf diesem Fleckchen Erde, wo Kneipps Geburtshaus gestanden hat, wo heute noch der Brunnen sich befindet, aus dem er Wasser schöpfte, stand ich vor vier Jahren zum erstenmal und liess die Landschaft, die noch durch keinerlei menschliche Kunst verändert ist, auf mein Gemüt einwirken. Wahrhaft, in diese unberührte Schönheit der Natur passt auch ein Mann wie Sebastian Kneipp, mit seinen einfachen, unendlich klaren Ideen, mit seiner unerschütterlichen Ruhe und seinem grossen, goldenen Herzen! -

Die Stelle, wo das Haus Sebastian Kneipps stand, ist im Laufe der Jahre aus dem Besitze der Familie in andere Hände übergegangen. Doch ist sie bereits durch ein Komitee von Kurgästen aus Wörishofen, das an dieser Stelle einen Merkstein errichten will, wieder angekauft; und in kurzer Zeit wird ein schlanker Obelisk als Wahrzeichen der Dankbarkeit von Kneipp Geheilter der Mit- und Nachwelt verkünden , dass die Pietät seiner Anhänger nicht dulden wolle , dass die Stelle, wo sein Geburtshaus stand, in fremden Händen sei. Es wird der Brunnen wieder geöffnet werden, aus dem er selbst Wasser schöpfte und es soll den müden Wanderer die labende Quelle beständig die fliessen, zum Andenken an den Reformator der Wasserheilkunde das 19. Jahrhunderts Jahrhunderts, Sebastian Kneipp. -

Das Klima dieses Ortes ist rauh, und wenn man bedenkt, dass die Meereshöhe derjenigen Hochebene , über welche der Hügel von Stephansried noch etwa 30 m hinaus-

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ragt , etwas 600 m ist, dass schützende Berge und Wälder in unmittelbarer Nähe sich nicht befinden, dass das Gebirge etwa zehn Stunden entfernt ist, so erkennt man leicht, dass es ein rauhes, subalpines Klima ist, wo starke, häufige Winde wehen und der Boden einer besonders guten Bearbeitung Bedarf, um rechten Ertrag zu bieten.
Rah wie das Land sind auch seine Bewohner: aus derbem Holze geschnitzt, ehrlich, doch nicht ohne einen gewissen, ausgesprochen Zug schwäbischer Pfiffigkeit, die der allgemeinen deutschen Bauernschlauheit eigentlich um eine oder zwei Ochsenlängen voraus zu sein glaubt, hoch und groß gewachsen, mit starkem Knochenbau.

Die Beschäftigung der Leute ist naturgemäß der Ackerbau und wegen der vielen Wiesen auch die Milchwirtschaft und die Käserei. Die Nähe des Allgäus hat zur Folge, dass man Schönes Vieh hat, und der Sinn für die Viehzucht ist jedenfalls hochentwickelt, was wir ja auch bei Sebastian Kneipp finden.

Es lebt das Volk in dieser Gegend meist ohne Fleisch. Die Milch, die Erdäpfel und die Feldfrüchte, die in Gestalt von Mus zubereitet werden, und mancherlei treffliche Mehlspeisen bilden die Hauptbestandteile der sogenannten Bauernkost, und nur alle heiligen Zeiten wird Fleisch genossen; jedesmal aber nur am heiligen Tage, d. h. Am ersten Weihnachtstage, ersten Ostertage und ersten Pfingsttage, und am „Fest“, d. h. Patrocinium oder Fest des Kirchenpatrons. - Dann wird allerdings dem Fleischgenusse in einer Weise gefrönt, die jeglicher Beschreibung spottet.

Unglaubliche Mengen werden verzehrt und von morgens früh bis abends spät hat die Küche der Bäuerin vollauf Arbeit, um für die hungrigen Mannsbilder genügend zu

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sorgen. - Hausvater und Hausmutter, Söhne und Töchter, Knechte und Mägde, alles isst und freut sich des Essens vom frühen Morgen bis in die späte Nacht; und die notwendigen Raufereien, die aus solchem übermässigen Genusse schliesslich hervorgehen, werden meistens in später Abendstunde „beim Wirt drunter“ Mann gegen Mann ausgekämpft. Doch geht's bei diesen Raufereien im südlichen Bayern meist gnädiger zu als in Niederbayern. - Stephansried ist als ein äusserst solides Dörfchen zu bezeichnen; denn zur Jugendzeit Kneipps befand sich, wie Kneipp oft mit Stolz bemerkte, noch kein Wirt in Stephansried, und es hat lange gedauert, bis eine Wirtschaft gegründet wurde. Jetzt ist ein Wirt da*, doch ist er nicht übermässig beschäftigt.
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* Im Ottobeurer Wochenblatt vom 01.11.1899 ist auf S. 1 im Zusammenhang mit einer Versteigerung „in Sachen Rudolf und Creszenz Siegel, Müllerseheleute von Stefansried jetzt in Kempten“ z.B. von einem „Eicher'schen Gasthaus“ als Veranstaltungsort die Rede.

Der Prachtband ist antiquarisch praktisch nicht zu bekommen. Das vorliegende Exemplar stammt aus der Sammlung von Helmut Scharpf (02/2018).

Wer sich mit der Biografie von Alfred Baumgarten näher beschäftigen möchte, dem sei folgendes Buch empfohlen:
Betz, Isa-Maria: Wörishofen wird Weltbad. Dr. Alfred Baumgarten, 1862 - 1924, Anton Konrad Verlag, Weißenhorn, 3.1.2012, 261 S., ISBN 978-3-87437-476-7

Im virtuellen Museum ist übrigens ein original Kneipp-Brief vom 11.12.1877 eingepflegt, in dem einem uns namentlich unbekannten Empfänger Anweisungen gibt, mit denen er seine Gesundheit erhalten kann.