Marktgemeinde Ottobeuren
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01.01.1941 - Die „Katholische Pfarrbücherei Ottobeuren“ wird auf Druck der Machthaber geschlossen.


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Der NS-Staat war bestrebt, die Kirchen aus dem öffentlichen Leben zurückzudrängen. Das zeigte sich beim Streit um die Kirchturmuhren 1937 und seit September 1935 auch bei den Vorgängen rund um die „Volksbücherei Ottobeuren“, deren Namen die Pfarrei zunächst ändern musste: Pater Maurus Zech erklärte mit seinem Antwortschreiben an das Bezirksamt (= Landratsamt) Memmingen, die Volksbibliothek sei nun in „Katholische Pfarrbibliothek“ umbenannt worden.

Die NSDAP-Ortsgruppe Ottobeuren hatte im Rathaus eine eigene Bibliothek eingerichtet, zur Hochzeit schenkte die Gemeinde den Brautpaaren eine Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“. Das neue Deutschland duldete keine kirchliche Konkurrenz: Bücher wurden aussortiert, zum 1.1.1941 musste der Ortspfarrer die kirchliche Bibliothek ganz schließen. Erhalten blieb diese bis zum Kriegsende nur, weil er sie zum Privatbesitz des Pfarrers erklärte.

Hier zunächst die Abschrift des eigentlichen Schriftverkehrs zwischen dem Bezirksamt Memmingen und der Pfarrei:

Nr. 6827                                       Memmingen, den 26. September 1935.

Bezirksamt Memmingen
An das Benediktinerkloster in Ottobeuren.
Befreff: Katholisch-konfessionelle Büchereien.

Der Herr Reichs- und Preussische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung [Bernhard Rust] hat dem Generalsekretariat des Borromäus-Vereins in Bonn gegenüber erklärt, dass es nicht länger geduldet werde, wenn katholisch-konfessionelle Büchereien sich noch weiterhin als „Volksbüchereien“ bezeichnen. Diese Büchereien haben künftig vielmehr die Bezeichnung zu führen, die wie „Katholische Bücherei“, „Kath. Pfarrbücherei“, „Kirchliche Bücherei“ usw. den kirchlich-konfessionellen Charakter belegen.

Die Klosterbücherei Ottobeuren führt noch die Bezeichnung „Katholische Volksbücherei“. Ich ersuche die hienach erforderliche Umstellung zu veranlassen und die Bezeichnung „Volksbücherei“ künftighin zu vermeiden. Einer Mitteilung über die neu gewählte Bezeichnung darf ich entgegensehen.

In Vertretung Thoma

Antwort am 7.10.1935: Die Volksbücherei wurde umbenannt in „Katholische Pfarrbibliothek“. Der Aushang trägt bereits diese Bezeichnung. Es wurde ein Stempel bestellt, welcher obige Aufschrift trägt; damit werden Kataloge und Bücher signiert werden.

Katholisches Pfarramt [Pater Maurus Zech]
...............................

                                                                 08.03.1941
Katholisches Pfarramt Ottobeuren
An die
Gendarmeriestation Ottobeuren

Betreff: Katholische Pfarrbücherei Ottobeuren.
Mit 1 Beilage

Die katholische Pfarrbücherei Ottobeuren ist Eigentum des Pfarrers. Sie führte früher den Namen „Volksbücherei Ottobeuren“. Dieser wurde auf Anordnung des Herrn Reichs- und Preussischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (Schreiben des Bezirksamtes Memmingen, jetzt Landrat Memmingen, vom 26.9.1935 No. 6827) im Oktober 1935 geändert in „Katholische Pfarrbücherei Ottobeuren“. Das Bücherverzeichnis stammt aus der vorhergehenden Zeit und wurde durch Stempelaufdruck mit der vorgeschriebenen Bezeichnung versehen.

Die im Bücherverzeichnis mit Blaustift – gestrichenen Bücher sind nicht mehr vorhanden; sie wurden vom Unterfertigten vor Jahren zum teil ausgemerzt, weil veraltet. Der grössere Teil ging jedoch beim Ausleihen im Laufe der Jahre verloren, indem die Ausleiher die Bücher nicht mehr zurückbrachten. Es dürften auf diese letztere Weise noch mehr Bücher zu Verlust gegangen sein, was festzustellen mir nicht mehr möglich war. Die mit Rotstift – gestrichenen Bücher sind jene, die auf neuerliche Anweisung ausgemerzt wurden und in einem abgeschlossenen Schrank verwahrt sind.
Es wird ausdrücklich vermerkt, dass der Unterfertigte in letzter Zeit aus der Bücherei keine Bücher verschenkt hat. Die Kath. Pfarrbücherei wurde mit 1.1.1941 geschlossen vom Unterfertigten und es werden daraus keine Bücher mehr verabfolgt [ausgehändigt] bezw. ausgeliehen.

Katholisches Pfarramt
Pfv. [Pfarrvikar Pater Maurus Zech]
________________

Der NSDAP-Politker Bernhard Rust (* 30. September 1883 in Hannover; † 8. Mai 1945) leitete laut Wikipedia 1933/34 das preußische Kultusministerium und von 1934 bis 1945 das anfangs erwähnte Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Rust war ein Hauptvertreter der nationalsozialistischen Erziehung. Er setzte die Ideologisierung des Fachunterrichts (z.B. im „Erlass Vererbungslehre und Rassenkunde im Unterricht“ vom 15. Januar 1935) durch und erwirkte unter Bruch des Reichskonkordats das Verbot der katholischen Schulen mit dem Schuljahr 1939/1940. In allen Schulen wurden Elternbeiräte und Schülermitverwaltung abgeschafft.
In der Nacht vom 7. zum 8. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation, erschoss sich Rust in der Nähe des Dorfes Nübel in Schleswig-Holstein selbst.

Im Schreiben des Bezirksamts ist der „Borromäus-Verein“ in Bonn erwähnt (s. auch: Wikipedia). Auch heute (2019) betreibt der Verein ein „Christliches Medienhaus“. Zur Geschichte des Vereins heißt es auf deren Homepage („Wir über uns“):
Wir sind eine Einrichtung der Katholischen Kirche und ein engagierter Dienstleister, der Ihnen mit Kompetenz einen Überblick über den Medienmarkt verschafft und Ihnen als Bildungsvermittler zur Seite steht.
Gegründet 1845 als „Verein vom Heiligen Karl Borromäus zur Förderung des katholischen Lebens und zur Begünstigung guter Schriften und Bücher”, zählen die 15 (Erz-) Diözesen Deutschlands zu unseren Mitgliedern. Unser besonderes Augenmerk liegt auf den Katholisch öffentlichen Büchereien, für die wir zusammen mit den diözesanen Fachstellen Angebote entwickeln, von Leseförderung bis „50 plus“. Außerdem liefern wir Ihnen Tipps und Arbeitshilfen zu Themen rund um die Bücherei- und Pressearbeit.

Nicht nur die Ottobeurer Pfarrbibliothek litt unter den Repressalien des Staats, auch der Borromäus-Verein selbst. In der Vereinsgeschichte heißt es zum Jahr 1934:
Schikanen durch die Nationalsozialisten setzen der Arbeit mehr und mehr Grenzen: Schließung der Bibliothekarsschule, die örtlichen Volksbüchereien müssen zu nicht öffentlichen Pfarrbüchereien umgewidmet werden, Begrenzung auf religiöses Schrifttum, Beschlagnahmung von Büchern nicht religiösen Inhalts.

Zwei geschichtliche Eckdaten des Vereins:
1845
Gründung des „Vereins vom Heiligen Karl Borromäus zur Förderung des katholischen Lebens und zur Begünstigung guter Schriften und Bücher” als Reaktion auf die gesellschaftspolitische Situation. Die Hauptaufgaben: Empfehlung und Verkauf geeigneter Medien. Neben dem Zentralverein in Bonn werden zahlreiche Ortsvereine ins Leben gerufen.
1950
Nach intensiver Aufbauarbeit bestehen 4.017 Ortsvereine mit 3.606 Büchereien. Diese bieten 3,4 Millionen Bücher an.
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Das hier verwendete Foto des NS-Politikers Bernhard Rust, das auch Wikipedia nutzt, stammt aus dem Bundesarchiv (Bild 119-1998) und ist gemeinfrei (CC-BY-SA 3.0) verwendbar.
Abrufbar ist im virtuellen Museum auch der Abdruck des Original-Schriftverkehrs, den Heidi Kraft aus dem Nachlass von Pater Winfried Stenke erhielt.

Zur Geschichte der „Volksbücherei Ottobeuren“ geht es hier.

Abschriften, Recherche, Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 02/2019