Marktgemeinde Ottobeuren
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04.09.1955 - Grundsteinlegung der evangelischen Kirche


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Die Grundsteinlegung der Erlöserkirche fand am 4. September 1955 als feierlicher Festakt statt. Die Gründungsurkunde beginnt mit den Worten von Pfarrer Fabricius: „Es hat Gott gefallen, daß heute, am 4. September im Jahre des Herrn 1955, der Grundstein zu dieser Kirche mit Gemeindehaus und Pfarrwohnung, Gemeindesaal und Jugendheim gelegt wird. Die Kirche sei unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus geweiht, dessen Namen sie trägt.“

Der erste dokumentierte Zusammenschluss evangelischer Christen in Ottobeuren fand Anfang 1919 statt. Gegründet wurde der Evangelische Verein Ottobeuren und Umgebung, dessen Satzung im selben Jahr in gedruckter Form herauskam (Buchdruckerei Johann Werner), am 17.06.1919. Bis 1922 hatten vier Gottesdienste im Jahr stattgefunden – zuerst im Ämtergebäude, in der Privatwohnung des damaligen Leiters des Vermessungsamtes Ottobeuren, Otto Schott, bis 1935 dann 8 - 10 Gottesdienste. 1937 wurde die evangelische Gemeinde Ottobeuren mit ihren knapp 100 Mitgliedern zur Tochtergemeinde von St. Martin in Memmingen. Mehrere Male musste man innerhalb des Ämtergebäudes umziehen.
Durch den Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen zählte die evangelische Gemeinde nach dem Krieg zeitweise über 1.000 Mitglieder. Nachdem die Amerikaner das Ämtergebäude in Beschlag genommen hatten, zog die evangelische Gemeinde bis 1947 in die Sebastianskapelle am Friedhof, ehe sie in einem größeren Raum im Ämtergebäude einziehen konnte, in einen Betsaal mit Altar und Stufen, mit einem Kreuz und Bänken. Bis 1946 kam Pfarrer Pommer aus Memmingen mit dem Moped, 1947 begann der aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrte schlesische Pfarrer Gerhard Krehl Gottesdienste in Ottobeuren abzuhalten. Krehl lebte in Ollarzried und kam zu Fuß zum Religionsunterricht, zum Abendmahl ins Krankenhaus oder zu den Gottesdiensten nach Markt Rettenbach. Erst später hatte auch er ein Moped.

Im Mai 1954 wandte sich der Kirchenvorstand an die Gemeinde. „Benötigt würde“, so heißt es im Schreiben wörtlich, „eine Fläche von rund 1100 qm. Vorgesehen ist der Bau eines Gemeindezentrums (Betsaal mit Pfarrwohnung und womöglich noch einer Wohnung).“ In der Sitzung vom 8. Juli 1954 beschloss der Kirchenvorstand unter Vorsitz des Herrn Dekan Emmert aus Memmingen, das von der Marktgemeinde kostenlos angebotene Grundstück zwischen Eldernstraße und Friedhofsweg freudig anzunehmen. In der Kirchenvorstandssitzung vom 29. November 1954 wurde unter dem Vorsitz von Vikar Reinel der Bau eines Kirchengebäudes mit Gemeindezentrum und Pfarrwohnung einstimmig beschlossen.

Das erste Bild zeigt den Regierungsbaumeister Willy Hornung (27.04.1908 - 31.08.1980), der der Architekt des Vorhabens war. Hornung zeichnete für etliche Ottobeurer Großbauprojekte verantwortlich, darunter die Grundschule, die Getränkeabfüllhalle der Brauerei Hirsch oder die erste Halle der Firma Berger.
Bauunternehmer war die Firma Johann Mayer, Ottobeuren. Rechts neben Herrn Hornung dürfte Pfarrer Helmut Fabrizius (Fabricius?) stehen.

Zu den Gästen gehörten u.a. Landrat Dr. Karl Lenz, Regierungsrat Noll, Bürgermeister Hasel, die Oberin des Kreiskrankenhauses, Vertreter der Schulen und Behörden sowie seitens der Benediktinerabtei Prior Rupert. Am 6.9.55 berichtete die Memminger Zeitung von dem Ereignis.

Die Einweihung fand am 24. März 1957 statt.
Quelle: Gemeindebrief der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Ottobeuren Februar/März und April/Mai 2007 sowie die Festschrift „1957 - 1982, 25 Jahre Erlöserkirche Ottobeuren“.

Pfarrer Fabrizius verließ Ottobeuren im Juni 1964. Die Memminger Zeitung vom 09.06.1964 berichtete, dass evangelisch-lutherisch exponierte Vikariat Ottobeuren verlasse, „um in Frankfurt eine Seelsorgstelle im Katharinen-Krankenhaus der ehemals ostpreußischen Schwesternschaft aus dem Emsland zu übernehmen.“ Er habe neun Jahre in Ottobeuren gewirkt. Unter seiner Ägide seien Kirche und Pfarrhaus gebaut und die Orgel der Erlöserkirche erstellt worden. Seinen Abschiedsgottesdienst hielt er am 14.06.1964, ab 15.06. ging er – bis zum Antritt seiner Stelle in Frankfurt am 01.07.1964 – in Urlaub. Mit der Vertretung war Pfarrer Krehl, Memmingerberg, betraut.
Am 13.06.1964 erschien eine etwas ausführlichere Würdigung seines Wirkens. Fabrizius stamme aus Allenstein in Ostpreußen und sei in der ermländischen [emsländischen?] Diaspora aufgewachsen. Theologie habe er in Erlangen und Bethel studiert. Sein besonderes Interesse galt der Seelsorge, der Psychologie und Psychotherapie. In Bayern sei er fünf Jahre in Buchloe und neun Jahre in Ottobeuren tätig gewesen; in beiden Orten habe er „reichlich gebaut“. Für die Glocken der Erlöserkirche habe er schon zwei Drittel der Kosten zusammengebracht. Auch die Gattin von Helmut Fabrizius, eine Ärztin, habe sich in Ottobeuren Verdienste um die Bevölkerung erworben. [Zu einer namentlichen Erwähnung hat es dennoch nicht gereicht.]
Die evangelische Kirchengemeinde veranstaltete am Nachmittag des 14.06.1964 – nach dem Ballonstart – eine Abschiedsfeier im geschmückten Saal der „Post“. Daran nahmen auch die Abtei, die katholische Pfarrei und Vertreter der Marktgemeinde teil.
Über die Verabschiedung wurde dann nochmals ausführlicher am 19.06.1964 berichtet. Mehrere Redner ließen anklingen, ob sein Weggang mit der Tatsache zu tun habe, dass das Vikariat noch immer nicht zum Pfarramt erhoben worden sei. Pfarrer Fabrizius äußerte sich dahingehend, dass ein Pfarrer nach rund einem Jahrzehnt die Stelle wechseln solle. Daneben sei ihm die Wohnung zu klein geworden. Darüber hinaus fand er in der Bayerischen Landeskirche keine Seelsorgerstelle, die seine Vorstellung als Tiefenpsychologe entsprochen habe. Aus den Angeboten zahlreicher Landeskirchen habe er sich deshalb für Frankfurt entschieden. Der Abschied falle ihm gleichwohl nicht leicht, „da er überall ein glänzendes Verhältnis zur eigenen, katholischen und politischen Gemeinde und ein freundschaftliches Verhältnis zur Abtei gefunden habe“. Seine Vorredner klangen an als Fabrizius abschließend mit der Bemerkung schloss: „Möge Ottobeurens evangelische Gemeinde bald Pfarrei werden!"

Die einmaligen Bilder des früheren Ottobeurer Fotografen Theo Grossbach wurden von seiner Tochter Regina zur Verfügung gestellt.