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08.10.1892 - Artikel über die Kneippkur im englischen Magazin „The Graphic“


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Bekannt wurde die Kneippkur in England erst im Dezember 1890, als das Blackwood's Magazine darüber berichtete. Und nach der Übersetzung von „Meine Wasserkur“ ins Englische entstanden - wie schon in Frankreich, den USA und vielen anderen Ländern, Kneippvereine und Kurorte.

In der britischen illustrierten Wochenzeitschrift The Graphic (unter diesem Titel erschienen vom 04.12.1869 - 23.04.1932) berichtete Pfarrer Bramley Moore den Lesern von seiner Wörishofer Kneippkur (Kneipp Cure). Die Bildunterschrift zur reizvollen Illustration von M. A. Brugier klärt über wesentliche Elemente der Hydrtherapie auf: kurze Anwendungen mit kaltem Wasser, mit unmittelbarem Anlegen der Bekleidung aus Leinen ohne sich zu trocknen, frühmorgendliches Tautreten (walking in the early morning barefoot among the dewy grass) oder Wassertreten in Sandalen oder barfuß. Im Hintergrund rechts sind die Türme von St. Justina und der Dominikanerinnen-Kirche zu erkennen.

Moore geht kurz auf die Herkunft Kneipps (Sohn eines Webers, der in jungen Jahren sehr kränklich war, sich aber selbst kurierte, nachdem ihm die Schulmedizin nicht helfen konnte) ein, um dann die wesentlichen Züge der Kneippkur zu beschreiben, darunter die Herstellung von Medikamenten aus einfachsten Kräutern oder die Verbesserung des Kreislaufs (rectifiation of the circulation of the blood). Kneipp sei umgeben von sieben oder acht Ärzten; die Sprachstunden sollten vermutlich Sprechstunden heißen. Wörishofen sei voll von lamen (lame), verkrüppelten (maimed), blinden (blind) oder entstellten (disfigured, meist mit Lupus) Kranken, für die Kneipp die letzte Hoffnung sei, von denen aber auch Hunderte geheilt zurückkehren würden.
Sebastian Kneipp wird wie folgt beschrieben (Übersetzung darunter):

His diligence, unselfishness, and humility are remarkable, as also is the absence of obsequiousness to persons and his total indifference to his so-called interest pecuniarily. It was possible for Father Kneipp to become a very wealthy man had he accepted one-half of what had been offered him for his services ; he is content to live in utmost simplicity on his small benefice, and charges the most absurdly small fees for his advice.

Seine Gewissenhaftigkeit, Uneigennützigkeit und Bescheidenheit sind bemerkenswert, wie auch das Fehlen von Unterwürfigkeit gegenüber (höher gestellten) Menschen und seine völlige Gleichgültigkeit, was finanzielle Interessen anbelangt. Pfarrer Kneipp wäre ein reicher Mann, würde er auch nur die Hälfte dessen anngehmen, was man ihm für seine Dienste anbietet. Er ist damit zufrieden, auf der Basis seiner schmalen Pfründe in äußester Einfachheit zu leben und verlangt aberwitzig geringe Gebühren für seine Ratschläge.

Moore berichtet, dass während seines Aufenthaltes (sojourn) in Wörishofen gerade der 74. Geburtstag Kneipps gefeiert wurde. Da Kneipp bekanntlich am 17.05.1821 geboren wurde, der Artikel aber im Oktober 1892 erschien, muss es sich tatsächlich um den 71. Geburtag gehandelt haben. Es formierte sich ein Fackelumzug mit etwa 2000 Menschen, die sich zwei Stunden lang vor seinem Wohnhaus versammelten, um den Reden der Gratulanten zuzuhören. Kneipps Antwort darauf dauerte immerhin 50 Minuten. Auch Ausländer seien aus aller herren Länder da, aus China, Kanada und Australien, darunter aber nur sechs Engländer und acht US-Amerikaner. Am 28.05.1892 kamen 300 Kranke in seine Sprechstunde (sonst um die 200) und täglich werden etwa 150 Fälle brieflich behandelt, wofür er fünf Schreiber beschäftige.
Auf der zweiten Seite ist ein kleines Portraitfoto von Kneipp abgedruckt (H. Bischoff, Wörishofen). Ein Hinweis auf seine Geburtsheimat Stephansried und Ottobeuren fehlt leider.

Das deutsch-englische Verhältnis war 1892 nicht zuletzt wegen der verwandschaftlichen Beziehungen zwischen dem deutschen Kaiser und dem englischen Königshaus noch in bester Verfassung. Die Queen sollte im Dezember 1892 das neue Portrait von Kaiser Wilhelm II. erhalten und hatte dafür auch schon einen passenden Platz in der Offiziersmesse in der James Street, im sog. Buckingham Gate ausgesucht. Der Berliner Maler Rudolf Wimmer (1849-1915) hatte es 1892 gemalt. Nach 14 Jahren wird man das martialisch wirkende Bild dann wohl abgehängt haben.

Die Vorlage aus der Zeitschrift (Seite 421 und 422) ist im Original 40 x 29,3 cm groß und stammt aus der Sammlung von Helmut Scharpf. Die pdf-Datei mit beiden Seiten liegt in Druckqualität (300 dpi, Reiter ganz rechts) vor, ist dadurch aber ca. 48 MB groß.