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02.12.1945 - Bgm. a.D. Adolf Fergg verstorben


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Mit Adolf Fergg starb am 2.12.1945 eine für die Geschicke Ottobeurens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeutende Persönlichkeit. Von 1919 bis 1933 war er Bürgermeister, Bezirksrat (im Altlandkreis Memmingen) und (seit Ende 1927) Gewerberat.

Der von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister Alexander Wegmann hielt bei der Beerdigung am 5.12.1945 eine Grabrede, die sein in Tübingen lebender Enkel Adolf Fergg (jun.) zur Verfügung stellte. Spannend ist darin z.B. die Aussage, dass ihn „jugendlicher Revolutionsgeist“ ins Gefängnis brachte. Allerdings bleibt unklar, um was es sich genau handelte. In der Spartakus-Zeit 1918/19 war er jedenfalls immerhin schon 41 Jahre alt. Er war damals bei der Niederschlagung des Aufstandes im April 1919 in München und Kempten dabei (siehe Teilnehmerliste auf Seite 214 des Buches von Pitrof; Fergg wird beim Freikorps Schwaben in der Verwendung „Koch/Feldküche“ genannt). Er könnte sogar auf einem Bild vor dem Rathaus zu sehen sein.

Interessant in der Grabrede ist auch das Zitat eines Satzes, den er als Pensionär gesagt haben soll: „So wahr der alte Gott lebt und Gerechtigkeit waltet, so wahr wird auch für Terror und Kriegsgeschrei der letzte Tag kommen!
Fergg war wie schon sein Vater Johann Fergg (1842-1914; dessen Vater Andreas wiederum stammte aus Attenhausen) passionierter Jäger; in die Partei trat er nicht ein. Was Wegmann in seiner Rede nicht sagte: Dem Pensionär - ursprünglich war er Buchbindermeister (Meisterbrief vom 18.03.1903) - wurde nach seinem Rücktritt 1933 die Pensionsberechtigung entzogen. Laut seiner Enkelin Elsbeth Scheufele (Ulm, 09.04.2015) war er sogar zwei Tage in „Schutzhaft“.

Die Grabrede gibt ein wenig den Blick frei auf die Nachkriegsbefindlichkeiten in Ottobeuren, Wegmann nahm den Gedanken der Versöhnung in den Focus, als er sagte:

Meine lieben Mitbürger! Nach dem großen Kriegsgeschehen ist es heute, an dieser hehren Stätte, die erste freie Begegnung zwischen Bürger und Bürger. Ein Amerikaner sagte in der Kanzlei des Rathauses: "Wir Amerikaner sind Menschen, die nicht hassen können!" - Dieses Wort hat mich tief beeindruckt, zumal noch vor Monaten das deutsche Volk den Befehl erhielt: "Ganz Deutschland muß hassen lernen!" Ich möchte in alle Wohnstätten rufen das Wort unseres Amerikaners - und zur Ergänzung möchte ich beistellen den herrlichen Ausruf eines, unserer heimischen, Predigers: "Vergessen? - nein! - aber Verzeihen! Ja! Dieses wäre der Frieden der ganzen Gemeinde.

Im 1. Weltkrieg war Fergg aktiver Kriegsteilnehmer, wenn auch mehr in der Logistik. Ausgebildet wurde er laut Militärpass bei der Feldartillerie. Er hatte sich am 14.10.1896 freiwillig auf zwei Jahre dienstverpflichtet und brachte es im „Königlichen 3. Feldartillerie-Regiment, I. Abteilung, 1. fahrende Batterie“ zum Unteroffizier. Zum Gefreiten war er am 01.10.1897 befördert worden. Die Entlassung in die „Reserve“ erfolgte am 30.09.1898. Zur Landwehr (zum Landsturm) 1. Aufgebots wurde er am 01.04.1904 eingetragen, 2. Aufgebots dann zum 01.04.1909.
Berufsangabe lt. Militärpass: Buchbinder, später geändert in „Kaufmann“. Zwischen 1914 und 1918 war er in Serbien und Mazedonien, war bei der „Mobilen bayerischen Wirtschaftskompanie“ in der „Munitions- und Geräteverwaltung“ eingesetzt. Unter „Erkrankungen“ wird vom 04.01. - 17.01.1918 ein „Malaria-Rückfall“ angegeben. Zeitweise war Fergg bei der „Etappen Abteilung des Alpenkorps“, gegen Kriegsende, vom 03.07.18 bis 05.08.18 diente er in München bei einem „technischen Betriebs-Bataillon.“

Er muss längere Zeit Vorsitzender des Ottobeurer Veteranenvereins gewesen sein. 1911 wurde ihm - möglicherweise für seine Verdienste für die Völkerverständigung - von der „Association nationale pour l'édifiaction et l'entretien des tombes des militaires et marins français morts pour la patrie“ (fondée en 1887) 1911 folgende Auszeichnung verliehen:
Diplôme offert par décision du Conseil d'Administration à Monsieur Adolf Fergg, President de l'association des Vétérans d'Ottobeuren en reconnaissance des services rendus au Souvenir Français. Paris, le 12 Juillet 1911
Le Président, Gal [General] Soullian
Le Secretaire Général, H. Niehsen [oder Nießen bzw. Niessen]
Vielleicht hatte es auch indirekt noch damit zu tun, dass der Großvater (Andreas Fergg aus Attenhausen) in der französischen Armee war (s. Urkunde ganz rechts von 1825). Wahrscheinlicher ist aber, dass das französische Pendant zur Kriegsgräberfürsorge anerkannte, dass die Gräber von französischen Internierten aus dem Krieg 1870/71 und von französischen napoleonischen Kriegsgefangenen bei den beiden Franzosenkreuzen (zwischen Schinderwäldle und Allenberger Wald sowie auf der Südseite des Schelmenheider Waldes) gepflegt wurden und der französischen Soldaten gedacht wurde. Über die Einweihungsfeier der Gedenktafel für die verstorbenen Ottobeurer Veteranen von 1870/71 hieß es im Ottobeurer Volksblatt vom 20.07.1911:
Damit war eigentlich der Festakt auf dem Friedhofe zu Ende, aber im Festprogramm war noch eine weitere Feier vorgesehen. Auf unserem Gottesacker ruhen bei 40 französische Soldaten, die von den im Jahre 1871 hier internierten Kriegsgefangenen damals starben. Auch sie sollten heute nicht ohne besondere Ehrung bleiben.

Adolf Fergg steuerte Ottobeuren durch wirtschaftlich sehr unsichere Zeiten. Ein Extrablatt gab 1919 das Ergebnis der Kommunalwahlen bekannt, aus der er mit 69% der Stimmen als Bürgermeister hervorging. 1929 - zum 10-jährigen Amtsjubiläum - berichtete das Ottobeurer Volksblatt auf Seite 1. Im Juli 1924 war Fergg maßgeblich an der Errichtung eines neuen Kriegerdenkmals beteiligt. Ein Schreiben des Bezirksamtes Memmingen 1933 war vermutlich einer der Auslöser für seinen Rücktritt. Nachfolger wurde Johann Fickler, der - bis 1935 - allerdings nur zwei Jahre im Amt blieb. Von 1935 bis 1945 stand Josef Hasel an der Spitze der Gemeinde (sowie erneut ab 1950).

Zurück zur Familienhistorie:
Nur wenige Wochen nach dem Tod des Gatten - am 31.12.1945 - starb dann auch Johanna Fergg. Sie war eine geb. Blessing (im Militärpass des Mannes als „Anna Hessing“ bezeichnet). Johanna starb am 31.12.1945 im Alter von 68½ Jahren – nach „jahrelangem, mit größter Geduld ertragenem Leiden“. (Beerdigung am 03.01.1946)

Johanna und Adolf Fergg hatten fünf Kinder:
Der Erstgeborende Adolf Ernst starb am 28.08.1938 im Alter von einem Jahr.
Tochter Maria Feldmeier hat den ehemaligen Ottobeurer Pater Paulus geheiratet und lebte in der Schweiz (zunächst Schönenwerd bei Oppeln, später St. Gallen (wo er die altkatholische Gemeinde unter sich hatte).
Paula Müller (verh. mit einem Tierarzt in Freiburg)
eine weitere Maria (Füßinger; nichts weiter bekannt)
und Sohn, Hanns bzw. Johann Fergg, der zusammen mit seiner Frau Regina (geborene Wendle) bis zum Umzug nach Tübingen den Ratskeller betrieb.

Johanna Fergg bekam am 21.05.1939 „die dritte Stufe des Ehrenkreuzes der Deutschen Mutter“ verliehen.

Von den beiden Fotografien zeigt eine Adolf Fergg zwischen dem Brauereibesitzer Max Graf II. (rechts) und dem Schraubenfabrikanten Jakob Fallscheer (kam aus der Nähe von Ulm; das Werk befand sich von 1942 - 51 in der Kaserne, er wohnte dort, wo sich seit 2014 das Kunerth-Museum nach Osten erstreckt; ging mit Sohn Rainer nach Babenhausen, heute: SFB Babenhausen) vor dem Ratskeller am Marktplatz, das andere - sehr stimmungsvolle - Bild zeigt Adolf Fergg 1927 im Alter von 50 Jahren in der Wiese zwischen Bannwald und Ämtergebäude.

Das von Steinmetz Max Holzmann gestaltete Grab wird als Ehrengrab noch heute von der Marktgemeinde gepflegt.

Recherche (insb. Besuch in Tübingen am 08.04. und in Ulm am 09.04.2015), Scans, digitale Restaurierung und Zusammenstellung: Helmut Scharpf (04/2015). Die Grabrede und die Urkunde von 1911 hat Adolf Fergg jun. zur Verfügung gestellt, die übrigen Dokumente steuerte Elsbeth Scheufele bei - dafür herzlichen Dank!
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