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01.03.1816 - Aquarell mit Gedicht an die Freundschaft


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Die 500. Seite im virtuellen Museum soll ein besonderes Dokument zieren. Willibald Eberle (*1794/95, † 06.11.1873) schrieb und malte als junger Erwachsener einen Freundschaftsbeweis, wie man sich ihn im Internet-Zeitalter nicht mehr recht vorstellen kann.

Das kleine Aquarell (Malfläche 7,5 x 13 cm) zeigt Eberle und seinen uns unbekannten Freund in bürgerlichem Gewand, hohen Stiefeln und mit breitkrempigen Hüten. Der Wegweiser ist links nach Ottobeuren gerichtet, rechts nach Memmingen. Eberle schreibt denn auch, sie seien durch „Berg und Wald“ (= der Hawanger Wald) getrennt. Das waren damals durchaus „zwei Stunden Wegs“! Bei der Darstellung beider Orte braucht man etwas Fantasie, sie sind jedoch erkennbar.

Das Blatt war vermutlich in einem Passepartout eingeklebt, die rückseitigen Klebestreifen sind noch vorhanden. Ein Teil des Briefes ist abgeschnitten, sodass wir den Hintergrund der Freundschaft oder die Identität des Empfängers nicht nachvollziehen können.
Die Aufschrift auf der Vorderseite wurde wahrscheinlich nachträglich mit Bleistift hinzugefügt und dürfte da lauten:
„Auf der Rückseite Gedicht. Ottobeueren 1. März 1816.“

Monika Hoede (M.A.) von der Trachtenkulturberatung des Bezirks Schwaben in Krumbach, hat in ihrem Exposé vom 23.12.2016 eine sehr detaillierte Beschreibung geschickt (siehe Links oben oder direkt hier: als doc / als pdf)

Der Text der Rückseite:
Freund! Trennt uns nicht schon Berg und Wald,
So bleiben wir doch stets die Alten;
Denk dann an deinen Willibald,
Und laß die Freundschaft nicht erkalten. -
Ach! Nichts soll unsre Harmonie
Und unsren Freundschafts-Bund betrüben. -
Er bleibe fest - er wanke nie
So können wir Uns ewig lieben.
                    Zur Erinnerung
[Otto]beuren                     von Ihrem Tr.[euen]
1ten Merz 1816.                W. Eberle.
                                         gewidmet meinem Bru.()?

Sucht man im Internet nach alten Quellen zu Willibald Eberle, so finden sich Hinweise auf einen „Gemeindebevollmächtigten“ in Hopferau (Königlich Bayersches Intelligenz-Blatt für den Ober-Donau-Kreis 1831); am 8.10.1831 ist ein Willibald Eberle als „Schullehrer“ in Steppach genannt; auch in Kimratshofen wird ein Lehrer mit diesem Namen erwähnt (Königlich Bayersches Intelligenz-Blatt für den Ober-Donau-Kreis 1835) - hier besteht also noch „Forschungsbedarf“!

Ende des 19. Jh. gab es in Ottobeuren einen Kupferschmied names Eberle sowie einen Benediktiner, der diesen Familiennamen trug – nur keinen Willibald. Am 11.07.1872 erschien die Todesanzeige für den Frechenrieder Lehrer Philipp Jakob Eberle, der kurz zuvor die „Silberne Medaille des Civilverdienst-Ordens der bayerischen Armee“ erhalten hatte und nun „im Alter von 70 Jahren, 3 Monaten und 12 Tagen“ verstorben war.

Eine Ende Oktober 2018 gefundene Fundstelle belegt Willibald Eberle am 4.10.1866 als Verfasser von Gedichten im Ottobeurer Wochenblatt. Vom Stil her erinnert das vorliegende Bild ein wenig an die politischen Karikaturen von 1847.

Der entscheidende Hinweis zu den Lebensdaten fand sich im Ottobeurer Wochenblatt Nr. 46 vom 13.11.1873 auf Seite 2:
Danksagung. Für die ehrende und zahlreiche Leichenbegleitung und für Anwohnung des Trauergottesdienstes unseres am 6. dß. dahingeschiedenen lieben Gatten, Vaters und Schwiegervaters Willibald Eberle, pens. Lehrer dahier, sprechen wie Allen unsern wärmsten Dank aus mit der Bitte, demselben ein freundliches Andenken zu bewahren.
Ottobeuren den 12. November 1873. Die tieftrauernd Hinterbliebenen.“

Im Ottobeurer Wochenblatt Nr. 44 vom 02.11.1866 erfahren wir von ihm selbst, dass Eberle Lehrer (gewesen) war. Auf den Seiten drei und vier veröffentlichte er folgendes Gedicht:

An meine ehemaligen lieben und theuren Schüler des Marktes Ottobeuren, jetzt verehrlichte und achtungswerthe Bürger und Bürgersfrauen u.s.w.
Schon fünfzig Jahre sind verschwunden
Seitdem Ihr meine Schüler war't,
Und unvergeßlich sind mir die Stunden,
Da Ihr Euch froh um mich geschaart.

Froh schlug mein Herz in jenen Tagen
Mir ward die Mühe süß und leicht;
Denn Eure Liebe - ich darf es sagen –
Hat keine and're noch erreicht.

O, diese kindliche, innige Liebe
Zertrümmerte die Scheidewand,
Sie hob des Wissens mächtige Triebe,
Geleitet duch des Lehrers Hand.

Das sanfte Roth auf Euern Wangen,
Von reinster Unschuld aufgedrückt,
Der heiße Drang an mir zu hangen
Hat stets mein liebendes Herz entzückt.

Zur Schule gabt Ihr mir das Geleite,
Nicht Weg und Wetter scheutet Ihr -
Ihr hüpftet, wie Lämmchen, an meiner Seite,
Denn diese Ehre galt ja mir!

Ich sah Euch oft in heitern Gruppen;
Die Knaben, sie ritten das Steckenpferd,
Die Mädchen spielten mit den Puppen
Mit Wiegelein, und Küche und Herd.

Doch Ihr verließet Wiege und Küche,
Wenn Euer Aug das meine fand –
Ihr ließet Pferd und Peitsche im Stiche,
Und küßten grüßend mir die Hand!

Solch einer lieblich schönen Szene,
Wie oft gedenk ich ihrer doch!
Und eine sanfte Freudenthräne
Entrollet dem greisen Lehrer noch!

Für Eltern war dieß Augenweide,
Die längst schon ruh'n in der Erde Schoos,
Sie nahmen Theil an unsrer Freude;
Ich frage gibt's ein schöneres Loos?

Wir sind nun meistens Väter und Mütter,
Wir haben Gutes und Bitt'res erlebt
So manches unheilvolle Gewitter
Hat über unsern Häuptern geschwebt;

Es war mein Wunsch in Euere Mitte,
In's süße Heimathort zu zieh'n;
Die Vorsicht leitete meine Schritte
Dahin, wo mir nur Freuden blüh'n!

Ihr werdet ferner mit Liebe schenken,
Ich glaube dieß mit Zuversicht;
Ich werd' stets auch Euer gedenken
Bis einst, o Freunde! meine Auge bricht!
                                           W. Eberle.

Eberle veröffentlichte regelmäßig Gedichte, sie waren fast in jeder Ausgabe zu finden. Im Laufe des Jahres 1871 wurden es weniger, es kamen neue Autoren hinzu. Letzte Fundstelle für ein von ihm namentlich unterzeichnetes Gedicht: Ottobeurer Wochenblatt Nr. 50 vom 14.12.1871. In den Ausgaben von 1872 und bis zu seinem Tod am 06.11.1873 taucht er nicht mehr als Autor auf.
Einen Nachruf gab es leider nicht. In Ausgabe Nr. 48 vom 27.11.1873 erschien auf Seite 4 jedoch ein Gedicht von Andreas Leonhard, das uns die Stellung bzw. Beliebheit Eberles vor Augen führt:

Eine Winterblume auf das Grab unsers unvergeßlichen Herrn Willibald Eberle, pens. Lehrers. Gesandt aus der Ferne von Andr. Leonhard.

Der Winter kam, des Sturmes Toben,
Hat manchen Eichenstamm geknickt.
Der lang sein Haupt emporgehoben
Und mächtig himmelan geblickt.
So hat auch Dich des Todes Wehen
In wilder Hast dahingestreckt;
Und trauernd müssen wir nun sehen,
Wie Dich der stille Hügel deckt.

Der Glanz der Augen ist verschwunden,
Die stets so freundlich sah'n umher;
Dein Lächeln, das in manchen Stunden
Uns mild erfreuet, ist nicht mehr.
Den Mann, der in der Jugend Garten
So rastlos manches Jahr geschafft,
Des Geistes Bildung treu zu warten,
Ihn hat der Tod hinweggerafft.

Uns als nach segensvollem Walten
Des Lebens Ruh er endlich fand,
Selbst da noch wollt't er rüstig schalten
Mit seinem Geiste und Verstand.
Wie oft bot seines Witzes Feuer
Stoff zur Erheiterung uns dar!
Gar mächtig schlug er noch die Leier,
Als schon sich weß gefärbt sein Haar.

Auf Wiedersehen! Lieg im Schlummer,
Du theurer Greis, du hast's erreicht.
Du ruhst von jedem ird'schen Kummer,
Die Mutter Erde sei Dir leicht!
Wir wollen immer Dein gedenken,
Und leis wol [wohl] manche Lippe spricht:
„O Herr, mög'st ihm die Ruhe schenken,
Laß leuchten ihm das ew'ge Licht!“

Auf Seite 3 in Ausgabe 49 des Ottobeurer Wochenblatts vom 04.12.1873 erfahren wir in der „Geburts-, Trauungs- und Sterbeanzeige der Pfarrei Ottobeuren im Monat November 1873“ noch, wie alt Eberle wurde:
Am 6. Willibald Eberle, pens. Schullehrer v. h. [von hier] 78 J [Jahre]; geboren wurde er also zwischen dem 06.11.1794 und dem 05.11.1795. Steppach und Kimratshofen könnten seine Stationen als Lehrer gewesen sein. In den damaligen Intelligenzblättern dürfte seine Anstellung vermerkt gewesen sein.

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Das Aquarell aus der Sammlung von Helmut Scharpf wurde digital nachbearbeitet (04/2016). Ausführliche Recherche zur Ergänzung des ursprünglichen Eintrags: 10/2018.