Marktgemeinde Ottobeuren
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16.02.1901 - die Schrannenordnung der Marktgemeinde Ottobeuren


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Die Schranne war im Rathaus untergebracht. Dort wurde jeden Donnerstag Getreide gehandelt. Wie das von statten ging, regelte die Schrannenordnung. Hier abgedruckt ist Fassung von 1901, die Bürgermeister Anton Frey samt der Marktgemeindeverwaltung beschlossen hatte.

Normalerweise hat niemand so ein Gebrauchsdokument aufbewahrt. Im Klosterarchiv hat sich ein Exemplar erhalten - wenn auch in denkbar schlechtem Zustand. Die digitale Bildrestauration machte es möglich, das Blatt wieder auferstehen zu lassen (Vergleich vorher-nachher).

Pater Maurus Feyerabend erwähnte die Bezeichnung „Schranne“ erstmals in seinem dritten Band. Und auch im vierten und letzten Band seiner Jahrbücher nimmt er 1816 darauf Bezug.
Als weitere Begrifflichkeit für Getreidespeicher nennt er in Bd. 3 (S. 49f.) für das Jahr 1525 - dem Jahr des Bauernkrieges - den „Fruchtkasten“:
Auf dem hiesigen Fruchtkasten lagen da­mals bei ausgehendem Märzmonate, zwei tau­send fünf hundert Malter Frucht nach Memminger Schrannenmaß aufgeschüttet; die Kel­ler waren mit den Bedürfnissen für mehrere Jahre gefüllet ; die Küche mit allen nothwen­digen, und anständigen Lebensmitteln, die Gastzimmer mit Betten, Kästen, und kleinen Verzierungen, der Büchersaal mit einer Men­ge der seltensten Handschriften ...
... in we­nigen Tage war das Mehreste von allem diesem entweder verzehrt, oder verbrannt, oder geraubt, oder zerschlagen, oder zerstreuet, oder sonst von der wilden Horde unbrauchbar gemacht. Der obenbemeldte grosse Vorrath von Früchten wurde hinweg geführt, und unter die Rotte vertheilt, der vorräthige Wein theils getrunken, theils nach zerschlagenen und geöffneten Fässem in den Kellern unnütz ver­schwendet, die Betten sammt allen Zimmer- und Küchegerätschaften verdorben, die Reliquiensargen eröffnet, und die heiligen Gebeine allenthalben zerstreuet.

Für das Jahr 1584 wird der Fruchtkasten im Zusammenhang mit dem glücklosen Abt Gallus Memminger kurz erwähnt:
Abt Gall Memminger zählte damals das 49 Jahr seines Alters. Er ward im J. 1535 zu Och­senhausen geboren, verband sich mit den feier­lichen Ordensgelübden im J. 1556, besorgte einige Zeit den hiesigen Fruchtkasten, und die Ökonomie ; hatte aber seine Beförderung zur abteilichen Würde vielmehr der hohen Zunei­gung,  und Gnade des Hr. Fürstbischofes, an­ der Freundschaft des damaligen Konventpriors, als der Vorzüglichkeit einer besondern Geistesanlage zu danken.

Auf S. 357 taucht erstmals die „hiesige Schranne“ auf. 1622 war es (Zitat S. 355) einerseits infolge der Kriegslasten zu einer „ebenso ungewöhnlichen Theurung der Lebensmittel, als eine gleich ungewöhnliche Erhöhung aller Geldsorten in Schwaben“ entstanden. Zum anderen kam es zu einer Angebotsverknappung, weil Getreide in großen Mengen aufgekauft wurde:
Die benachbarte Schweitz trug zu dieser Theurung sehr bei. Sie kaufte zu Lindau und Memmingen einen ungeheuren Getreidvorrath auf und wäre man nicht entgegen gewesen, so hätten drei Schweitzer von St. Gallen den 8ten Jäner dieses Jahres, an welchen mebr als 2000 Malter Frucht auf dem Kornmarkte zu Memmingen stunden, 2000 derselben baar bezahlt und hinweg geführt.
(Quelle: Schorers Memmingische Stadtchronik auf das Jahr 1622) Abt Gregor Reubi (Abt von 1612 - 1628) musste reagieren. Er „verbot wegen des Getreidemangels die Ausfuhr aller Früchte, zwang jede Dorfschaft, wöchentlich 10 Malter auf die hiesige Schranne zu stellen, und bestimmte billige, und erträgliche Fruchtpreise, gleichwie einen von dem memmingischen verschiedenen Werth aller Geldsorten für sein Gebiet“.

1702 kam es kriegsbedingt erneut zur einer Erwähnung der Schranne durch Feyerabend (Bd. 3, S. 582f.):
Nun wurde Schwaben neuerdings, und zwar von einer Seite her, von welcher man vormals nur Schutz, und Hilfe zu erwarten gewöhnt war, von zahlreichen Truppen wie überschwemmt. In kurzer Zeit sammelte Baiern ein Kriegsherr [Kriegsheer] von 22,900 Mann, drang mit demselben in Schwaben ein, und war glücklich genug, durch eine wohl ausge­führte Kriegslist sich der Reichsstadt Ulm zu bemächtigen.
Ende September 1702 war Kurbayern „mit einem Theile seiner Armee an dem Illerstrome“ heraufgezogen. Der Churfürst selbst verlegte sein Hauptquartier nach Buxheim und „ließ alle Anstalten zur Belagerung der Reichsstadt Memmingen“ treffen.
Betroffen war vor allem die Umgebung, Zitat S. 584f.:
Während dieses Unternehmens litt die umliegende Gegend vielleicht grössern Schaden, als selbst die belagerte Stadt. In dem hiesigen Gebiete machten sich die baierschen Truppen 300 Malter schwere Frucht ei­gen, welche auf die hiesige Schranne den Weg eingeschlagen hatten, luden dieselben auf zwanzig Wagen, und bestimmten alles ihrem Gebrauche ; zu Memmingen wurde das ottenbeurische Haus sehr hart mitgenommen, zu Hawangen, Stephinsried [Stephansried], und den benachbarten Weilern Grundisried, jetzt Gumpertsried [Gumpratsried], Eggisried, Tennen- [Dennenberg] und Langenberg plünderte nach Belieben ...

Breiten Raum nimmt die Schilderung der Auswirkungen der „italienischen Fruchttheurung“ der Jahre 1765 - 1770 ein, die sich dramatisch auch auf Schwaben und damit Ottobeuren auswirkte. Im vierten Band schreibt Feyerabend auf S. 139 - 144:
Übrigens litt vom J. 1765 bis auf den Anfang des gegenwärtigen [1770], Italien einen so drückenden Mangel an Korn, daß im J. 1768 zu Rom ein dasiger Metzen, welcher einem baierischen Scheffel gleich kommen mag, mit hundert Gulden unsers Geldes bezahlt wurde, und diese italienische Fruchttheurung zeigte sich auch bald aus folgenden Ursachen in Schwa­ben, und andern benachbarten Ländern, als zum Beispiele in Baiern, in der Pfalz, in Böhmen, und Mähren. Denn einerseits leer­te die Schweitz [Schweiz], von dem hohen Verkaufspreise gelockt, zur Unterstützung des brodlosen Italiens ihre mit schwäbischem, und baierschem Getreide angefüllte Fruchtlager, und füllte dieselben eben sobald wieder durch einen wohlfeilern [günstigeren] Ankauf eines neuen Getreidvorrathes in Schwaben, und Baiern, wodurch schon während der Erntereit hier das Malter Kern auf 33 fl. [Gulden] stieg, welches man als eine grosse Theurung betrachtete ; anderseits war der Winter dieses Jahres so heftig, und die Schneelage so häufig, und andauerend, daß man vom Winterroggen kaum einen Drittheil dessen einerntete, worauf man bei der Aussaat gerechnet hatte. Eine solche Unfruchtbarkeit, welche schon bei dem Eintritte der Herbstzeit allenthalben neben einem leidentlichen Preise aller übrigen Lebensmittel einigen Brodmangel [Brotmangel] den gemeinen Mann fühlen ließ, bewog an­fange Churbaiern alle Getreidausfuhr zu sper­ren, und bald folgten die anliegenden Stände Babenhausen, Memmingen, Kaufbeuren, und andere diesem Beispiele ; nur die hiesige Schran­ne stand nicht nur den Gebietsunterthanen ; sondern auch den auswärtigen Käufern, und Kornjuden so lange noch offen, bis die unbegräntze Gewinnsucht derselben auch für das hiesige Gebiet ein ernsthafteres Benehmen einrleth,  und den frommen, und klugen Herrn Prälaten Honorat [Abt Honorat Göhl] bewog, geeignetere Anstalten zu treffen. Zuerst wurden wochentlich

dreimal unter der sogenannten Sieben Uhr Messe zur Abwendung der göttlichen Strafgerichte öffentliche Volksandachten in der hiesigen Stiftskirche angeordnet ; nachmals alle Ausfuhr des Getreides schärfest verboten, und dem damaligen Landkassier der Auftrag gegeben, alles nach dem Einkaufe der Unterthannen [Untertanen] auf der hiesigen Schranne noch vorräthige Getreid zur Schätzung gegen die gemeine Noth baar aufzukaufen, und zu hinterlegen. Hätte der Landmann, wie es demselben befohlen war, und wie es einige Zeit fieissig geschah, die hiesige Schranne mit seinem Kornvorrathe beharrli­cher besucht, und sich nicht durch eine lieblose Gewinnsucht auf Schleichwege, und zu einer geheimen nächtlichen Ausführung der Früchte verleiten lassen, so wäre für das hiesige korn­reiche Gebiet keine sonderheitliche Theurung zu besorgen gewesen ; allein eben daran ließ man's ermangeln, und der Kornwucher hielt am Ende des laufenden, und beim Anfange des folgenden Jahrs sechs Wochen lang, zwanzig Malter ausgenommen, alle andere Zufuhr auf die hiesige Schranne zurück. Nun sah man sich auch hier genöthiget, gleich andern anliegenden Herrschaften die Kornsperre anzulegen, und nicht nur alle Ausfuhr schär­fest zu verbieten,  sondern auch eine Durch­suchung aller Häuser, Kornböden, und sogenannten Speicher durch das gesammte Gebiet zu unternehmen, wodurch es sich sodann er­gab, daß an Feesen 40,170, an Roggen 9,121, an Haber 60,451, und an Gerste 2,954 Viertel noch vorräthig waren, ein Vorrath, bei welchem man zu einer jährigen Verproviantirung [Versorgung] der gesammten Unterchanschaft noch 500 Malter Kern als nothwendig vermißte. Zwar hatte diese strenge Untersuchung zur Folge, daß mehrere Früchte aus die hiesige Schran­ne geführt wurden ; jedoch der Getreidpreis, anstatt im Werthe zu fallen, erhöhete sich stets so, daß das Malter Kern um die Mitte des Märzmonats zu Memmingen auf 68 fl. stund, und auch höher bezahlt wurde.
Hier ließ ein ergangenes Strafgesetz den Fruchtpreis über 46 fl. nicht steigen, und zur Unterstützung der Armen ließ das Stift in je­der Woche eine Quantität Getreides in die Schranne führen, welches noch bedeutend wohlfeiler bloß an die ärmere Menschenrasse verkauft wurde. Deß ungeachtet verblieb doch stets die schon berechnete Nothwendigkeit, 500 Malter fremden Getreides anderswoher beizuschaffen. Zum Glücke Schwabens, und Baierns hatte sich indeß Italien nach zwei äusserst er­giebigen Ärnten [Ernten] so sehr von dem Brodmangel

erholt, daß es von seinem Überflusse sogar andere Länder jetzt nähren konnte. Schwa­ben, Baiern, Pfalz, Salzburg, und die Schweitz nahmen nun bei der gemeinen Noth ihre Zuflucht dahin. Zu Trient war gleich­sam die Hauptniederlage des italienischen Waizens [Weizens] und Roggens, wovon die erstere Sorte zu 12 die letztere zu 10 fl. unsers Geldes angekauft, und anfangs auf der Achse das Malter für 27 fl. bald aber her­nach, da die Transportkosten ungemein stiegen, für 35 fl. bis hieher geführt, und geliefert wurden. Zu Nassareuti [Nassereith] unweit Innspruck [Innsbruck], wo sich die Strassen aus Italien theilen, stiessen öfter bei der Nachtherberg 300 schwer beladene Lastwägen zusammen ; die Unsrigen, welche Haber nach Italien führten, kehrten von dannen den 22ten, und 26ten des Maimonats glücklich nach Hause zurück, und lies­sen dafür 10,000 fl., welche die Landkasse vor­streckte, in Italien liegen. Übrigens fiel das italienische Getreid auf den Mühlen weit mehlreicher, und ergiebiger, als das einheimi­sche aus, und da es beinebens wohlfeiler war, so stimmte es die hohen Preise des geldgie­rigen Landmannes von selbst, und zwar so herunter, daß man gegen die Ärntezeit dieses Jahrs das Malter des innländischen Getreides schon für fünf- oder sechs und zwanzig Gulden

kaufte, welcher Preis grossentheils auch in dem folgenden Jahre noch blieb*. Was hier noch neben der allgemeinen Noth der Einwohner, deren Einige sich sogar aus Hun­ger an dem Futter der Klosterhüner [Klosterhühner] vergriffen, und dasselbe begierig aufzehrten, zu bemerken kömmt, war die ganz ungewöhnliche Ungenügsamkeit der Menschen, welche sich auch bei dem Gemüse einer zwei und dreimal grössern Portion, als sie sonst gewöhnlich zu sich nahmen, kaum einmal satt assen, worüber man sich öfter wunderte.
* Die auf Befehl des Herrn Abtes Honorat von dem damaligen Oberamtmann Franz Xavier Huber verfertigte kleine Abhandlung über die Ursachen der entstandenen Theuerung.
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Weitere Hinweise zur Schranne und zur Bevorratung von Lebensmitteln gibt Altabt Vitalis Altthaler in seiner Zulassungarbeit von 1965. Auf S. 29 schreibt er, das Recht des Klosters, den Großzehnten zu verlangen, „fand wiederum einen Niederschlag im ländlichen Siedlungsbild durch die Errichtung der Zehentscheunen, deren es innerhalb des Herrschaftsgebietes 23 gab. Als Gegenleistung hatte das Kloster für die Pfarreien zu sorgen.“
Am umfänglichsten erfahren wir in dieser Zulassungsarbeit auf den Seiten 30 und 31 - Ottobeuren als Marktort - von der Schranne und vom Wochenmarkt (Zitat nicht kursiv):

Von Kaiser Friedrich III. erhielt Ottobeuren laut eines kaiserlichen Gnadenbriefes die Erlaubnis, jährlich zwei Jahrmärkte zu halten 69). Kaiser Maximilian erlaubte, „was ehedem nicht war, für jeden Donnerstag einen Wochenmarkt, welcher noch heute besteht“ 70). Diesen Wochenmarkt suchten die Äbte durch geeignete Gesetze zu fördern. Nach der Marktordnung der letzten Äbte vor der Säkularisation waren z.B. „alle Bürger und Untertanen, ob Kornhändler oder nicht, gehalten, alles Getreide, Erbsen und Lein, das sie verkaufen wollen, ohne herrschaftliche Erlaubnis nirgends anderswohin zu führen als auf die Ottobeurer Schranne.“ Art. 15 verbot, „in der Herrschaft zu hausieren oder Lein oder Öl zu schlagen oder anderwärtigen Verkauf aufzukaufen, ehe und bevor selbiger in allhiesiger Schrand fail gehabt und die Gebühr hievon entrichtet worden.“ Nach Art. 18 waren alle Untertanen verpflichtet, nicht nur all ihr verkäufliches Getreide in die Ottobeurer Schranne, sondern auch alles was sie sonst zu verkaufen hatten, Schmalz, Butter, Öl, Pech, Flachs, Hanf, Werg, Garn usw. in das Ottobeurer Waaghaus, sowie Geflügel, Eier, Häute und Felle auf den Markt zu bringen. Händler mussten auswärts eingekaufte Viktualien und sonstige Waren auf den Ottobeurer Markt stellen (Art. 19). Umgekehrt verlangt Art. 21, dass „Aufkäufer, die Handel in andere Herrschaften treiben wollen, ihre Waren allein auf dem Ottobeurer Markt einkaufen“ sollten. Vieh (Hornvieh, Pferde, Schafe, Rinder usw.) durften nach Art. 23 nur dann außerhalb der Herrschaft verkauft werden, wenn es drei Markttage hintereinander auf dem Ottobeurer Markt war, wobei jedoch für unverkaufte Stücke kein „Fail- und Strafzoll“ zu entrichten war 71). Wenn man bedenkt, dass es um 1800 1636 bäuerliche Anwesen im Territorium von Ottobeuren gab, deren Inhaber verpflichtet waren, ihre verkäuflichen Tiere, Lebensmittel und sonstigen Waren in Ottobeuren zentral anzubieten, so kann der Wochenmarkt als bedeutender Wirtschaftsfaktor für Ottbeuren nicht unterschätzt werden. Er brachte wöchentlich zahlreiche Menschen aus der bäuerlichen Umgebung nach Ottobeuren, die ihre Waren verkauften und selbst zu Käufern wurden bei den Handwerkern, Krämern und Wirten des Marktortes. In gesteigertem Umfang gilt das, allerdings nur für jeweils wenige Tage, für den Jahrmarkt, der auch „vom auswärtigen Handelsstande zahlreich besucht wurde“ 72).
(Zitat Ende)

Der Tag des Wochenmarktes fiel mit dem Schrannentag (Donnerstag) zusammen.
Ganz entscheidende Hinweise zur Bedeutung - und Schließung - der Schranne gibt Altabt Altthaler auf den Seiten 63 - 65 im Kapitel „Ottobeuren als Marktort“. Das Zitat (nicht kursiv) beginnt auf S. 64:

Weniger Schwierigkeiten als mit dem Viktualienmarkt gab es offenbar mit der Getreideschranne. Jedenfalls konnte sie, wie aus den wöchentlichen Veröffentlichungen der erzielten Preise im „Ottobeurer Wochenblatt“ zu entnehmen ist, das ganze 19. Jahrhundert hindurch ohne Unterbrechung bestehen. Angaben über Angebot und Absatz lassen sich leider nur aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ermitteln, wobei sich seit 1885 eine ständige Abnahme erkennen lässt. Die Schuld für diese Entwicklung der Tatsache zuschieben zu wollen, dass Ottobeuren durch die Einrichtung eines Bezirksamtes und eines Landgerichtes bzw. Amtsgerichtes in Memmingen seit 1862 erhebliche Verluste an zentraler Bedeutung hinnehmen musste, wäre jedoch nicht richtig. Die Hauptursache dafür ist vielmehr in einer außerhalb des lokalen Bereiches vor sich gehenden Änderung der Wirtschaftsverhältnisse zu sehen, die schließlich auch in größeren Marktzentren wie z.B. in Memmingen zu einer Änderung der bestehenden Markteinrichtungen führen mussten. Im Gegensatz zu Memmingen, das als Fruchthandelsplatz zunächst einen beachtlichen Aufschwung erlebte und in zeitgenössischen Berichten neben den großen Schrannen zu Augsburg, Nördlingen, Kempten und Lindau genannt wurde 20), diente die Schranne zu Ottobeuren vorwiegend dem lokalen Verkehr. Somit stand sie an Bedeutung immer weit hinter Memmingen zurück, was folgenden Zahlen leicht zu entnehmen ist:
Tabelle 7: Getreidebestand an den Schrannen zu Ottobeuren und Memmingen 1809/10 (in Schäffel) 21)
                          Ottobeuren          Memmingen
Korn                         885                      14.922
Weizen und Kern  1.684                      43.969
Gerste                      449                      18.050
Hafer                        603                      13.666
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20) Seuffert G., Statistik des Getreide- und Viktualienhandels im Königreich Bayern, München 1857, nach Chr. Borchert, Fruchtfolgesysteme und Marktorientierung als gestaltende Kräfte der Agrarlandschaft in Bayern, S. 39
21) Montgelas’sche Gütererhebung, Bayerische Staatsbibliothek München, Handschriftenabteilung

Die Schranne zu Ottobeuren reiht sich also unter die große Zahl jener Schrannen ein, deren Absatz fast ausschließlich „an die Bäcker und Consumenten des Marktortes und der näheren Umgebung“ geht (Anm. 20). Eine Entwicklung zu größerer Bedeutung wäre allein schon wegen der dichten Lage der alten und wesentlich größeren Schrannenorte Kempten, Memmingen, Kaufbeuren und Mindelheim nicht möglich gewesen. Das natürliche Ergänzungsgebiet von Ottobeuren war zu klein, um den zentralen Marktort zu überörtlicher Bedeutung aufsteigen zu lassen. Außerdem wurde in dem Gebiet, welches Ottobeuren nach der Säkularisation als natürliches Ergänzungsgebiet verblieb, nämlich die frühere obere Herrschaft, der Getreidebau weniger gepflegt als in der Umgebung von Memmingen. Die Ernteerträgnisse waren relativ gering; durfte man doch nur mit dem drei- bis zehnfachen Betrag der Aussaatmenge rechnen im Gegensatz zum sechzehn- bis achtzehnfachen Betrag in der Gegenwart 22). Außerdem war der Eigenverbrauch wegen einer starken agrarischen Überbevölkerung und wegen der gerade in Schwaben so bevorzugten Mehlspeisen sehr hoch. Nach übereinstimmenden Berichten kam noch um 1900 auch bei wohlhabenden Bauern Fleisch nur an den höchsten Festtagen auf den Tisch.

Der Rückgang des Umsatzes an der Schranne zu Ottobeuren bis zu ihrer Schließung zeigt sich in folgenden Angaben aus dem Ottobeurer Wochenblatt bzw. Tagblatt, das leider nicht mehr in allen Jahrgängen vollständig erhalten ist:
Tabelle 8: Getreidebestand an der Schranne zu Ottobeuren 1865 - 1904 23)
                   April     September   November
1865            493            404            539 Schäffel
1870            443            424            539
1885            639            308            735 Zentner
1890            302            202             --
1895            247            170              85
1901              92            107            137
1904              73              49              42
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22) Borchert Chr., a.a.O., S. 35
23) Ottobeurer Wochenblatt und Ottobeurer Tagblatt der angegebenen Jahrgänge

Die Auswahl der genannten Monate richtet sich lediglich nach dem vollständigen Vorhandensein des benötigten vergleichbaren Zahlenmaterials. Der Schrannenverkauf erstreckte sich über sämtliche Monate des ganzen Jahres. Der Schrannenbestand und die verkaufte Getreidemenge – in der Regel war es der ganze Schrannenbestand – wurden wöchentlich veröffentlicht. Können wir, soweit mit nur zwei Angaben überhaupt eine Aussage erlaubt ist, in den Jahren 1865 und 1870 noch einen normalen Ablauf des Schrannenverkehrs mit jährlich ungefähr gleich bleibenden Getreidemengen beobachten, so spiegeln sich in den Angaben aus späteren Jahren deutlich die als Krise bekannten Vorgänge auf dem deutschen Getreidemarkt, die sich auch in den kleinsten Zentren bemerkbar machten und die schließlich zu einer Änderung der bäuerlichen Wirtschaftsstruktur, nämlich einer stärkeren Hinwendung zur Viehzucht den Anstoß gaben 24). 1905 wurde offenbar die Ottobeurer Schranne geschlossen. Die folgenden Jahrgänge des Ottobeurer Tagblattes bringen nur noch Schrannenberichte aus Memmingen.
(Zitat Ende)

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Im Ottobeurer Wochenblatt begann mit der ersten Ausgabe am 02.03.1820 der Abdruck der Schrannenpreise (Erstausgabe, S. 4-1 hier klicken).

Dies wurde auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch so beibehalten. Abt Vitalis Altthaler nennt 1905 als vermutlichen Zeitpunkt der Schließung. In einer der letzten Ausgaben des Ottobeurer Volkblatts vor Beginn des 1. Weltkrieges, am 30.07.1914, hieß es auf S. 4 unter Ottobeuren: „Heute fand keine Schrannenzufuhr statt.“ Abgedruckt waren die Preise der Memminger und der Mindelheimer Schranne für „Kern, Roggen, Gerste und Haber“.
Im „Ottobeurer Tagblatt“ (Ausgaben ab August 1914) sind lediglich noch Marktberichte vom landwirtschaftlichen Verband für Schwaben abgedruckt (Schlachtviehpreise) bzw. der „Amtliche Münchener Viehmarktbericht“. In der Ausgabe vom 22.10.1922 findet sich auf S. 3 ein „Schrannenbericht“ aus Babenhausen.

Wer über das Ende der Ottobeurer Schranne Näheres weiß, bitte melden!

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Das Kloster hatte einen eigenen Vorratsplatz für Getreide: dort, wo einst die Nikolauskapelle stand.
Im Rathaus war es vermutlich der westliche Gebäudeteil, der für landwirtschaftliche Zwecke - ev. auch als Getreidelager - genutzt wurde. Davor befand sich bis ca. 1970 eine Viehwage. Auf der anderen Seite gab es eine Freibank - bis es zum Umzug in die ehemalige Metzgerei Mayer (Schreibweise?) in der Alexanderstraße kam. Die Freibank existierte dort noch bis ca. 1995.
Bei Wikipedia finden sich einige Hinweise zum Thema Schranne.
Nachdem Ottobeuren an einer Salz-Handelsstraße lag, gab es im Ort außerdem einen Salzstadel. Eine Inschrift am südöstlichen Teil des Genobank-Gebäudes erinnert daran.
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Das Originalformat der Schrannenordnung ist ein gutes Stück größer als DIN A4. In der hier abgebildeten Fassung wurde es - unter Wahrung der Schriftgröße - auf DIN A4 gesetzt.
Aus dem Jahr 1787 stammt zum Vergleich eine Kornhaus- und Schrannenordnung der freyen Reichsstadt Schwäbsich-Gemünd [Gmünd], die bei der Uni-Bibliothek Tübingen unter der Creative-Commons-Lizenz (Auflage: Namensnennung) als Digitalisat abrufbar ist:
Link über die Uni-Bibliothek  /  Link virtuelles Museum

(Scan, Restaurierung, Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 08/2016). Eine Abschrift folgt!
(Probe: Einfuegung eines Links unter Windows10)