Marktgemeinde Ottobeuren
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31.12.2016 - Markus Albrecht schließt sein Geschäft am Marktplatz


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Fast 50 Jahre (Tabakwaren unter dem Namen Werner 66 Jahre) lang wurde das Geschäft von den Werners und anschließend von Markus Albrecht betrieben. Am 31.12.2016 war letzter Öffnungstag. Nachfolgend eine Zusammenfasung der vielen Änderungen und Vorgänge an dieser prominenten Stelle.

Vor 1951 waren beide Hälften des Hauses am Marktplatz 3 + 5 im Besitz von Viktoria Bayerlein, geb. Wiehrer (Haus Nr. 3, vor 1951: Marktplatz 1½) und ihres Bruders Johann Wiehrer (5, vor 1951: Haus Nr. 1⅓). Das Tabakwarengeschäft auf Hausnr. 3 wurde von Maria Wiehrer geführt, einer weiteren Schwester.

Johann Wiehrer betrieb auf Nr. 5 schon in den 1930er Jahren ein Friseurgeschäft (bis ca. 1949/50). Der Friseurladen - einschl. Kurzwaren - wurde von Adolf Zauzig (Schwiegersohn von Johann Wieherer) bis 1956 weitergeführt. Mit einem Opel P4 fuhr Zauzig auch auf die umliegenden Dörfer, um dort Haare zu schneiden oder Waren zu verkaufen. Johanna Zauzig war die Tochter von Johann Wiehrer. Nachdem ihr Mann Adolf das Frieseurgeschäft aufgab, ging er zur neu gegründeten Bundeswehr als Berufssoldat.

1956 kam Edwin Bartsch als Pächter, der auf dem kleinen Marktplatz einen (beweglichen) Kiosk betrieben hatte und führte das Geschäft bis 1966 als Feinkost Bartsch. (Teilweise gleichzeitig hatte Bartsch als Wirt auch das Gasthaus Stern betrieben.) Altersbedingt gab Bartsch - optisch an seinem markanten Spitzbart zu erkennen - mit ca. 80 Jahren das Geschäft auf.

Das Tabakwarengeschäft von Maria Wiehrer (Haus Nr. 3) pachtete ab 1951 Martin Werner sen. (*1907 in Ottobeuren, † 1974). Er war vorher Schlosser in der Herdfabrik von Robert Plersch. Die schwere Arbeit - man trug Herde sogar bis auf Almhütten (u.a. auf die Kempter Hütte), machte seinem Rücken Probleme. Seine Frau (Viktoria, in Ottobeuren als Dora Werner, geb. Vogt, bekannt) hatte von von 1936 bis 1986 in der Bergstraße 1 ein Lebensmittelgeschäft.
1963 erwarb Martin Werner sen. das Tabakwarengeschäft von Frau Bayerlein, 1967 kam es zu einem großen Umbau: Beide Haushälften wurden baulich zusammengeführt, die Westhälfte (Nr. 5) blieb dennoch gepachtet (von Adolf und Johanna Zautzig).

Zum Sortiment gehörten neben Tabakwaren, Raucherzubehör und Zeitschriften; nach dem Umbau wurden in der Westhälfte Obst und Gemüse (Tomaten auch aus der Klostergärtnerei; Äpfel, Birnen und Erdbeeren sowie Himbeeren kamen vom Bodensee; für Obst gab es in Memmingen zwei Großhändler, Doser und Salger; Doser hörte ca. 1985 auf), Süßwaren, Spirituosen und Reiseandenken verkauft. 1970 übergab Martin Werner sen. an einen Sohn, Martin Werner jun.

1972 erweiterte Martin jun. - er war (von 1961-71) zehn Jahre lang in der Zentralmolkerei als kaufmännischer Angestellter tätig. Er hatte bei Oexle in Memmingen den Beruf des Großhandelskaufmanns erlernt.
Das Andenkengeschäft lief aufgrund der vielen Kurgäste und aufgrund des Reiseverkehrs - der Marktplatz war damals deutlich belebter als heute - hervorragend. In Kurorten war es darüber hinaus möglich, an 22 Sonntagen im Jahr zu öffnen; letztlich war das ganze Jahr über auch sonntags (von 10 - 12 Uhr) geöffnet.
Ausgewirkt hat sich auch die Wiedervereinigung, nach und nach änderte sich jedoch der Geschmack der Leute und das Andenkengeschäft wurde weniger und in den 1990ern weitgehend aufgegeben. Dafür wurde das Weinsortiment erweitert - bis auf 120 Weine - und ein Naturkostangebot eingeführt. Es gab sogar Weinproben und gedruckte Rezepte. Getreide wurde frisch gemahlen. Das dazu gepachtete Milchfachgeschäft (in der Nachfolge des Café Reichenwallner; Anna Eitler blieb Verpächterin) mit 60 Sorten Schnittkäse, Quark, lose Milch und offene Sahne (beide vom Milchwerk Hawangen; in der Zentralmolkerei gab es auch offene Milch, sonst aber nur ein kleines Sortiment mit Romadur, Stangenkäse - Limburger in 20 und 40% -, Buttermilch; für Bauern gab es auch Molke zum Füttern der Schweine, gegen Ende auch etwas Joghurt) wurde bis 1979 von Herrn Werner betrieben, anschließend von Herrn Huberle aus Memmingen, anschließend betrieb es kurzzeitig eine Verkäuferin Huberles - bis zur Eröffnung des Al Canevon. Beliefert wurde auch vom Grossisten Pade aus Memmingen und von der Milchversorgung Memmingen (mit Zweigstelle Woringen). Mit dem Milchladen bediente er eine Marktlücke, nachdem die Zentralmolkerei am „kleinen Markplatz“ 1973 geschlossen worden war. Dazu wurde im Nebengebäude (heute: Al Canevon, vormals Café Reichenwallner) etwas zugepachtet. 

An einer kleinen Mauer Richtung Gasthof Mohren war seit jeher ein Schaukasten des Fußballvereins. Martin Werner war selbst 30 Jahre lang aktiver Fußballer; im Laden wurden immer auch die Fußballergebnisse und -ereignisse diskutiert. Das Haus hatte „früher“ noch Stuckelemente an der Fassade.
Die Teilung des Hauses (als Besitz) wurde erst mit dem Kauf durch Markus Albrecht 2004 aufgehoben (ab 1.1.1999 nur Pacht). Er erwarb von Reinhard Zautzig jun. die Westhälfte und den ersten Stock vorne, von seinem Onkel – Martin Werner jun. – die Osthälfte und den ersten Stock hinten.
Den Umbau des Marktplatzes nahm Herr Werner mit zum Anlass für Verkauf und Übergabe an seinen Neffen.
Markus Albrecht führte das Geschäft weiter unter dem Namen „Tabakwaren Martin Werner“, zum einen, weil es im Sinne eines Hausnamens Tradition war, zum anderen, weil es sonst eine Verwechslungsgefahr mit der Bäckerei Albrecht (Hasebäck, Fam. Osterrieder) gegeben hätte – auch wenn Backwaren nie Teil des Sortiments waren.

Am längsten hatte Mitarbeiterin Marianne Schneider dort verbacht, die bereits 1986 – nach einer Lehre als Verkäuferin in der Konditorei Gerle – am Marktplatz anfing. Nach Vergleichen früher-heute und einem Resümee gefragt, erzähIte Markus Albrecht am 24.01.2017:
„Als wir 1999 anfingen gab es noch Kurgäste, die eine relativ hohe Verweildauer hatten. Insofern boten wir zusätzlich zu den Tabakwaren, den Zeitungen und Zeitschriften, dem Obst und Gesundheitsprodukten der Firma Davert und den Getränken von Rabenhorst auch noch Andenken an, vom Stocknagel bis zur Ansichtskarte. Die Karten bezogen wir vom Schöning-Verlag in Lübeck. Früher gab es außerdem mehr Stammkundschaft, die praktisch alle ihre Einkäufe bei uns tätigten. Auch in den letzten Jahren hatten wir Stammkunden, die aber kauften nun gezielt einzelne Waren ein.
Größere Einschnitte bedeuteten die zeitweise Schließung des Hotels Hirsch zwischen 2004 und 2007 sowie die Schließung der Filiale der Metzgerei Bemmerl Mitte 2012. Es bewegte sich damit viel weniger Laufkundschaft auf dem Marktplatz. Mit der Umstrukturierung des Einzelhandels wurde die Zahl der kleinen Geschäfte immer weniger, die Warenbeschaffung auf der anderen Seite immer schwieriger. Früher bezogen wir unsere Waren vom Grossisten Salger aus Memmingen – später, bis zur Insolvenz, hieß er Haga. Zuletzt wurden wir von der Firma „Früchte-Jork“ aus Isny beliefert. Der kam jeden Morgen und stellte die Lieferung in den Laden. Am Freitag war ich dann ab 6 Uhr, an den anderen Wochentagen 30-45 Minuten vor Öffnung da, um die Ware einzuräumen. Selbst eine Umstellung auf Bio-Gemüse hatten wir geplant (schon unter Werner). Auf der Reichenau waren sie aber noch nicht so weit und auch unser Grossist stellte das Bio-Segment wieder ein. Der Isnyer Anbieter konzentrierte sich außerdem zunehmends auf die Belieferung von Gaststätten.

Von 1999 bis 2001 ist drei Mal eingebrochen worden – vermutlich durch eine auf Zigarettenstangen spezialisierte Bande –, meinem Onkel ist das nie passiert. Nach dem dritten und letzten Einbruch verlangte die Versicherung, dass die Lagerung der Zigaretten zukünftig in einem Tresor zu erfolgen hatte, an den Fenstern mussten Gitter angebracht werden. Betrug die Prämie anfangs noch 700 Mark, wurden für die Einbruch- und Diebstahlversicherung zuletzt 2.700 Euro fällig. Außerdem sollte eine Alarmanlage mit Direktschaltung zur Polizei eingebaut werden, was die Kosten zusätzlich erhöht hätte.“

Man erkennt an diesen Aussagen, welchen Schwierigkeiten man im Einzelhandel heute gegenübersteht. Am „Puls der Zeit“ war Albrecht 2001, als er während der Marktplatz-Umgestaltung einen „Coffee-to-go“ anbot, den er in der Frühe machte und der in einer großen Thermoskanne warm gehalten wurde.
Bei den Tabakwaren haben sich ständig Veränderungen ergeben, teils war das „Katz-und-Maus-Spiel“ mit den Steuerbehörden dafür verantwortlich, wenn mal Stopftabake en vogue waren oder Steckzigaretten zum Abschneiden. Insgesamt ging und geht die Zahl der Raucher kontinuierlich leicht zurück. „Heute raucht fast niemand mehr Pfeife, beim Schnupftabak ist es dafür fast etwas mehr geworden“, so Albrecht. Auch etliche Klosterbrüder zählten zu seinen Tabak-Kunden; einer ging immer beim Westeingang rein, damit es so aussah, als würde er Gemüse kaufen wollen. Bei den Zigarren wurden früher mehr „Stumpen“ geraucht, das Niedrigpreissegment ist weitgehend verschwunden, dafür werden mehr höherpreisige Zigarren nachgefragt.
 
Nicht nur von der Lage lag der Laden nahe am Rathaus: Sobald die Bürger etwas bewegte, ging es erst ins Geschäft zu Markus Albrecht, denn er sitzt seit 1996 für die CSU im Gemeinderat und stand so doppelt in der Öffentlichkeit; seit 2008 ist er außerdem 2. Bürgermeister. 2016 ereilte ihn zusätzlich die Leitung des Kunerth-Museums, zunächst als Kulturreferent, seit September 2016 als beim Trägerverein angestellter Direktor. Das führte zu einer Mehrbelastung: einen halben Tag im Laden, einen halben im Museum, auch am Wochenende. Neben Marianne Schneider musste deshalb auch Gattin Sieglinde immer öfter aushelfen. Diese Doppelbelastung ist durch die Schließung vom Tisch. Geöffnet war von Montag-Donnerstag von 8.00 - 12.15 Uhr und von 14.00 - 18.00 Uhr, am Freitag bereits ab 7.30 Uhr, samstags von 7.30 - 12.15 Uhr. Die insbesondere vor der Jahrtausendwende noch übliche Schließung am Mittwochnachmittag war schon von Martin Werner jun. nicht praktiziert worden. Der Kassenbeleg (wird am 26.1. gescannt!) stammt von der letzten Stunde der Öffnung.

In der ersten Hälfte von 2017 wird es primär um die Modernisierung des Hauses gehen, z.B. den Rückbau der Nachtspeicheröfen, dann um die Frage einer Nachnutzung.
Am 12.08.2018 begannen Ahmed und Nil Bozdag (Mert Imbiss“) mit dem Verkauf von Dönern und Kebabs (Umzug aus der Bahnhofstraße 2), die offizielle Eröffnung fand am 08.09.2018 statt. Der bisherige Standort, wo im Februar 2002 eröffnet worden war, wird als Lager beibehalten.

Die Bilder wurden aufgenommen: Bild 1-3 am 22.12., 4-5 am 31.12. (etwas unscharf, dennoch nett), Bild 6-7 am 22.12., Bild 8 am 27.12.

Neben dem Interview stammt die Information aus einem Gespräch mit Renate und Martin Werner vom 01.03.2017. Fotos, Recherche und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 01-03/2017
Im Laufe des März 2017 werden noch einige Bilder eingepflegt.
Bild 9 zeigt das Haus 1938 - zumindest ist die Karte am 10. Oktober 1938 postalisch gelaufen. Der Text (Bild 10) - an Hanni Wiehrer von ihrer Mutter - nimmt auf den Kauf eines Hauses Bezug; Transkription:

Frl Hanni Wiehrer
Säuglingsheim
Augsburg
Kapellenstr. 30

Ottobeuren d. 30. Okt. 38
Meine lb. Hanni!
Deine Karte erhalten, besten Dank. Freut mich, daß ihr zwei beinander seid. Auf Kirchweih schicke ich dir eine Kleinigkeit, es wird wohl recht sein. Du wirst wohl auch bald warme Handschuh brauchen, vielleicht leg ich dir welche bei, auch etwas Obst wirst du nicht verschmähen. Wei geht es dir, hoffentlich gut. Bei Frl. Centa ihre Mutter geht es langsam besser ... ganz schlecht beinander.
(Vorderseite:) Kaufe du das Haus, denke mir ich will es dir einmal senden. Schorsch hat es gemocht, ist auch wieder heimgekommen. Gruß Mutter

Bild 11 zeigt den Laden Hausnr. 5 ca. 1963, als er von Edwin Bartsch (ca. 1956-66) geführt wurde (Im Fenster stehen die Begriffe: Eisdiele, Imbissstube, Feinkost, Milchbar).

Bild 12 (noch nicht online) zeigt am Nordwesteck des Mohren ein Haltestellenschild der Busfirma Zacharias Manz aus Bad Grönenbach (ab 1986 zu Brandner).