Marktgemeinde Ottobeuren
Marktplatz 16
87724 Ottobeuren
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12.10.1919 - Bekanntgabe der Wiedererlangung der Unabhängigkeit des Klosters Ottobeuren


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Der Weg Ottobeurens vom abhängigen Priorat bis zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit vom Kloster St. Stephan in Augsburg war lang und zog sich über etliche Jahre hin. Die hier eingepflegte Schrift „Ottenbura rediviva“ beleuchtet zum einen den Moment der öffentlichen Bekanntgabe der Unabhängigkeit und seiner Umstände im Rahmen einer Predigt in der Basilika Ottobeuren – gehalten vom Administrator, dem Abt von St. Stephan in Augsburg, Placidus Glogger – am 12.10.1919, zum anderen ist dem Druck eine Ergänzung angehängt, die als letztes Ereignis in der Vergangenheit die Amtseinführung des neuen Abtes, Dr. Josef Maria Einsiedler, am 11.04.1920 aufführt, während dessen Abtsweihe (Benediktion) am 21.04.1920 erst angekündigt wird.

Entscheidenden Einfluss hatte im Hintergrund Theodor Freiherr von Cramer-Klett jun. – Reichsrat und einer der reichsten Männer Europas und ein großzügiger Gönner – ausgeübt. Im Oktober 1916 kam er mit Dr. Felix Graf – königlicher Geheimkämmerer aus München – und dem aus Rom angereisten Abtprimas Fidelis von Stotzingen nach Ottobeuren. Die Ankunft der hohen Gäste zeigte an, dass etwas im Gange war. Im Oktober teilte Cramer-Klett dem Prior Anton Gulda und dem Abt Placidus Glogger (beide vom Benediktinerkloster St. Stephan, Augsburg) mit, er wolle die Selbständigmachung Ottobeurens durch die Überlassung des Gutes Wessobrunn ermöglichen. Aber im Kapitel St. Stephan gab es Bedenken: Bei den Stephaner Lehrern war Ottobeuren in der Ferienzeit sehr beliebt. Placidus Glogger (1874 - 1941) schrieb im vorliegenden Druck denn auch: „Wir freuen uns alle über dieses Ereignis, so sehr es mich als Abt von St. Stephan, das Ottobeuren von 1834 - 1918 als abhängiges Priorat treulich gehütet, mit Schmerz und Wehmut erfüllt, daß dieser schöne Stein aus unserer Krone fällt.“

Der Freiherr – er war in Rom heimlich zur katholischen Kirche übergetreten – trieb den Prozess der Wiedererlangung der Unabhängigkeit voran, nicht nur in Ottobeuren: Er kaufte Kloster Ettal, das seit der Säkularisation in Privatbesitz war und verkaufte es an die Abtei Scheyern weiter. Auch die Wiedererrichtung der Abtei Plankstetten wurde durch ihn ermöglicht. Dem Kloster Ottobeuren hat er viel Geld geschenkt – in bar ausgehändigt, durch die Inflation verlor es allerdings weitgehend an Wert.

Es gibt ein weiteres Indiz, dass sich während der Kriegsjahre etwas im Priorat Ottobeuren bewegte: Im August 1916 wurde das Grab des Abtes Rupert Ness geöffnet – ein Zeichen, dass „etwas im Gange war“. Warum öffnete man in der Gruft Äbte-Gräber? Man wussten damals gar nicht, wo er begraben liegt, nur, wo er begraben sein wollte: am Eingang der Kirche, wo er sich ein Gruft hatte mauern lassen. Da war er aber nicht. Im Dezember 1916 wurde auch das Grab von Abt Honorat Göhl geöffnet. 1917 wurden alle aus der Gruft umgebetteten Äbte am Eingang der Kirche bestattet; die Grabplatte wurde vom Ottobeurer Steinmetzmeister Hohl geschaffen.

Auch in Augsburg kam Bewegung in die Sache: Im Februar 1917 wurde im Konventkapitel von St. Stephan beschlossen, Ottobeuren die Unabhängigkeit zu ermöglichen, sobald sieben Chormönche – also Priester – vorhanden seien. Zum Vergleich: 1893 hatte das Priorat Ottobeuren 19 Mönche (5 Priester, 12 Laienbrüder, 2 Novizen). Die großzügig gewährten 100.000 Reichsmark schmolzen bei genauerem Hinsehen auf 40.000 RM zusammen. Zu weiteren finanziellen Opfern war das Kapitel von St. Stephan nicht bereit. Ebenfalls im Februar 1917 teilte von Cramer-Klett schriftlich mit: Falls Ottobeuren die Ökonomie in Wessobrunn nicht übernehme, werde er sie St. Ottilien überlassen. Genau so geschah es dann auch, nachdem die Distanz von Ottobeuren aus zu groß schien: Der schöne Hof, den Cramer-Klett in Wessobrunn hatte erbauen lassen, befindet sich noch heute im Besitz von St. Ottilien.

Rückblende: 1915 fand in Augsburg eine neue Abtswahl statt, weil Abt Theobald Labhardt aus gesundheitlichen Gründen resignierte, es kam zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Pater Placidus Glogger und Pater Josef Maria Einsiedler. Einsiedler war Chef und Lehrer am Ludwigs-Instituts, dem Internat der Stephaner. Glogger wurde in der Stichwahl gewählt – und machte Josef Maria Einsiedler (1870 - 1955) in Ottobeuren zum Prior.

Am 8. Mai 1917 stiftete Cramer-Klett dem Creszentia-Kloster in Kaufbeuren ein Messgewand um am 21. Juli 1917 ein Ziborium (hier: ein Kelch zur Aufbewahrung der konsekrierten Hostien) als Dank für die Fürsprache der am 7.10.1900 seliggesprochenen Creszentia Höss bzw. Höß (1682-1744) „bei der Lösung eines Problems im Kloster Ottobeuren“.
Am 3. März 1918 war es dann soweit: es erfolgte endlich der einstimmige Beschluss von St. Stephan, dass Ottobeuren selbständig werden durfte. Der Termin war nicht zufällig gewählt: Am 8. März 1918 hatte der Ottobeurer Geschichtsschreiber und letzte Prior der Reichsabtei, Pater Maurus Feyerabend, seinen 100. Todestag.

Die kirchlichen und weltlichen Behörden hatten die Selbständigmachung bislang noch nicht genehmigt. Die Regierung hatte angesichts des Krieges, von Hungersnot und Aufständen anderes zu tun, als sich mit Klöstern zu befassen. Zunächst wurde deshalb ein von St. Stephan abhängiger Prior gestellt, der gesetzliche Oberhirte blieb weiterhin der Abt von St. Stephan – jetzt allerdings nicht mehr als „Vater“, sondern als „Pflegevater“. Erst das weitere Anwachsen der Zahl der Patres sollte die Administration von St. Stephan beenden. Der bisherige Leiter des Stephaner „Ludwigs-Instituts“, Pater Josef Maria Einsiedler (er stammte aus Winneberg bei Altusried), wurde am 20.8.1918 zum neuen Prior von Ottobeuren ernannt – als Nachfolger von Pater Anton Gulda, der von 1915 - 18 eingesetzt war.

Die Rätezeit (bis Mai 1919) hatte alles noch etwas verzögert. Erst als sich Bayern am 14.08.1919 eine Verfassung gegeben hatte, konnte die Ministerialbürokratie die anstehenden Aufgaben erfüllen, Ottobeuren konnte vom Kultusministerium endlich auch von Staats wegen unabhängig erklärt werden. Seitdem untersteht das Kloster dem Kultusministerium, Hausherr ist der Kultusminister von Bayern. Am 14.09.1919 bestätigt das Staatsministerium für Unterricht und Kultus die Umwandlung des bisherigen Zweigklosters in ein selbständiges Benediktinerkloster; das Kloster wurde dadurch staatsrechtlich genehmigt.

Am 15.01.1920 wurde Josef Maria Einsiedler nach der Anerkennung durch den Abt von St. Stephan („nach Befragen des Ottobeurer Konventes“) zum 56. Abt von Ottobeuren gewählt und am 21.4.1920 – dem Schutzfest des hl. Joseph – geweiht. Im letzten Absatz von „Ottenbura rediviva“ wird dann noch eine wichtige Formalie erwähnt: „Nachdem vom Hl. Stuhl laut brieflicher Mitteilung vom 3. April die Bestätigung erteilt worden war, legte der Administrator [Abt Placidus Glogger] sein Amt nieder und führte als Stellvertreter des Hochwürdigsten Herrn Abtes Sigisbert Liebert von Schäftlarn, Präses der Bayerischen Benediktiner-Kongregation, den neuen Abt am Weißen Sonntag, den 11. April [1920], in sein Amt ein. Ottobeuren war wieder unabhängige Abtei, die Zahl der Mönche stieg 1920 auf 26.

Nachgang: Am 18.01.1921 legte Friedrich Freiherr von Cramer-Klett II. – unter dem Namen des Kirchenpatrons Theodor – seine Oblation in Ottobeuren ab.

Nun zum Druck selbst:
Literaturzitat:
Benediktinerstift Ottobeuren (Hrsg.): Ottenbura rediviva. Das wiedererstandene Ottobeuren. Predigt gehalten am Eldernfeste, 12. Oktober 1919, zur Bekanntgabe der kirchlichen und staatlichen Selbstständigmachung des Klosters Ottobeuren von Abt. Dr. Placidus Glogger O.S.B., Apostolischer Administrator der Abtei Ottobeuren, im Selbstverlag, Ottobeuren 3.12.1919 [April 1920], 8 S., Format 18,5 x 11,5 cm

Abt Placidus Glogger geht in seiner Predigt – neben der öffentlichen Bekanntgabe – zunächst auf den „Geist dieses Gotteshauses“ ein: „Von all diesen Steinen wird nicht einer auf dem andern bleiben (Mark. 13, 1f). Auch dieses Gotteshaus wird einst vergehen und ist dem Verfall geweiht. Wenn wir herein gehen zum Hauptportal, so sehen wir über demselben die große Gestalt des hl. Benedikt. In dessen Geist ist dieses Gotteshaus geschaffen.“ Es folgen über einen geschichtlichen Abriss einige Hinweise auf die lange Tradition der Benediktiner in Ottobeuren. Man hege keine Absicht, die Verhältnisse der Zeit vor der Säkularisation anzustreben. Glogger dazu und in Anspielung auf die schwere Nachkriegszeit: „Wir, die geistlichen Nachkommen dieses Klosters, dürfen uns nicht in solchen Plänen wiegen, wir wollen nicht als Reichsprälaten vier- oder sechsspännig fahren oder eine weltliche Herrschaft anstreben. (…) Unsere Zeiten sind trübe und von Reichtümern und Wohlbehaglichkeit dürfen wir nicht träumen.“

Voraussetzung für eine gute Zukunft: „So lange in Ottobeuren der wahre Ordensgeist herrscht, der Geist der Zucht und des Familiensinnes, so lange wird es stehen. Die Steine fallen auseinander und vergehen. Wir haben es in diesem Kriege gesehen, wieviele herrliche Kirchen in Schutt und Asche gesunken sind. Der Geist aber bleibt.“ Die Ottobeurer Bevölkerung wird ausdrücklich einbezogen, wenn er sagt: „Meine lieben Ottobeurer! Vergeßt nicht, wenn man zur Kirche hält, muß man sich äußerlich und innerlich zur Kirche bekennen. Der Tempel dieses Gotteshauses ist heilig; aber ein viel heiligerer Tempel seid ihr.“

Mit einem Hinweis auf das Priorat Maria Eldern leitet er zu einem neuen Thema über, die Marienverehrung:
„Früher stand draußen gegen Süden die schöne Wallfahrtskirche Maria Eldern. Auch sie ist in der Säkularisation abgebrochen worden. Bürger dieses Ortes haben sie abtragen lassen. Es waren nur wenige. Die Pfarrgemeinde hat durch ihren Eifer und ihre Verehrung dieses Unrecht wieder gut gemacht. (…) Die alte Wallfahrtskirche wurde abgebrochen, die Liebe zu Maria aber dauert fort.“

Der Abt schloss seine Predigt mit den Worten: „Dieses Gotteshaus ist nur ein Durchgangspunkt, eine Herberge auf der Reise zum großen Gotteshaus, das uns der hl. Johannes in der geheimen Offenbarung schildert, zur Gottesstadt, die schimmert, von Gold und Edelstein, von Kristall und Saphir und Jaspis, deren Leuchte das Lamm selbst ist, in dem wir einst ein ewiges `Tedeum´ singen wollen. Amen.“

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Die Abschrift können Sie unten direkt lesen oder hier abrufen (als doc / als pdf), das Original (pdf, ca. 3,4 MB) hier. Pater Rupert Prusinovsky nahm das Büchlein zum Anlass, das geschichtlich bedeutsame Thema bei der Jahreshauptversammlung des Heimatdienstes Ottobeuren am 02.05.2019 aufzugreifen.
Scan, Abschrift, Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 05/2019.

Ottenbura rediviva
(das wiedererstandene Ottobeuren)
Predigt gehalten am Eldernfeste
12. Oktober 1919 zur Bekanntgabe
der kirchlichen und staatlichen Selbst-
ständigmachung des Klosters Ottobeuren
von
Abt. Dr. Placidus Glogger O.S.B.
Apostolischer Administrator der Abtei Ottobeuren
Ottobeuren 1919.
Selbstverlag des Benediktinerstiftes Ottobeuren.

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Imprimatur [Druckfreigabe]
Augusta Vindelic.[orum – Augsburg], die 3 Decembre 1919
M.[agnus] Niedermair, Vic. Gen. [Generalvikar]
[Kaspar] Hauser [Domvikar], Secr.

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Da aber das Volk dies sah, pries es Gott“ (Matth. 9, 8).

Geliebte, in Christus dem Herrn versammelte Zuhörer! Meine lieben Ottobeurer!

„Da aber das Volk dies sah, pries es Gott.“ So haben wir soeben im heutigen Sonntagsevangelium gelesen. Auch wir, Geliebteste, preisen heute Gott aus einem besonderen Anlaß: Wir werden heute am Eldernfeste am Schluß ein feierliches „Tedeum“ singen; wir wollen Gott preisen für ein Ereignis, das ich Euch nicht mehr länger vorenthalten darf. Am 2. Juli 1918 hat der jetzt regierende Hl. Vater Benedikt XV. Ottobeuren als Kloster, wie es vor der Aufhebung war, als selbstständige Abtei mit allen kirchlichen Privilegien und Rechten des alten Ottobeuren wiederhergestellt. Diese Wiederherstellung wurde in aller Stille ausgeführt durch die Einweisung des neuen Pflegevaters am 16. März des laufenden Jahres durch den Hochwürdigsten Herrn Abt Rupert III. von Scheyern in Vertretung des Hochwürdigsten Herrn Abtpräses Sigisbert von Schäftlarn. Am 14. September dieses Jahres hat nun auch die staatliche Gewalt die Selbstständigkeit [Selbständigkeit] des neuen Klosters anerkannt. Solange die Zahl der Patres noch eine so geringe ist, wie gegenwärtig, bleibt Ottobeuren unter der Administration des jeweiligen Abtes von St. Stephan in Augsburg. Ottobeuren ist also jetzt ein selbstständiges Kloster, kann Novizen aufnehmen und, wenn ihr recht um einen eifrigen und zahlreichen Nachwuchs betet, so bekommt ihr bald einen eigenen Abt. Wir freuen uns alle über dieses Ereignis, so sehr es mich als Abt von St. Stephan, das Ottobeuren von 1834 – 1918 als abhängiges Priorat treulich gehütet, mit Schmerz und Wehmut erfüllt, daß dieser schöne Stein aus unserer Krone fällt. Doch so ist es nun einmal auf dieser Welt: Wenn die Kinder groß geworden sind, wollen sie heiraten und einen neuen Haushalt gründen und die Eltern freuen sich darüber. Auch ich freue mich trotz alledem auf den Tag, wo ich im Namen des Apostolischen Stuhles nach Befragen des neuen Konventes dem Kloster einen neuen Hausvater geben kann. Und wenn ich jetzt auch nur mehr Euer Pflegevater bin, so werdet Ihr mir immer noch gerade so am Herzen liegen wie vorher.
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„Te deum laudamus“, Großer Gott, wir loben Dich“, wollen wir heute singen; so soll es mächtig dringen durch dieses Gotteshaus.

Denn das Gotteshaus ist eine Abteikirche geworden. Jeder Fremde, der hierher kommt und diese Räume sieht, mag er auch nicht tiefer dringen, wird überwältigt durch den Eindruck dieses Gotteshauses. Gewiß, es ist eine stolze Abteikirche, die der Hl. Vater in seiner Wiedererrichtungsbulle als eine der schönsten Kirchen Deutschlands bezeichnet. Aber, Geliebteste, wir dürfen nicht beim Äußern stehen bleiben; sonst könnte es uns ergehen wie den Jüngern, denen der Heiland zugerufen, als sie vor dem Tempel standen und sagten: „Herr, sieh, welche Steine, welch ein Bau!“ Der Heiland antwortete: „Von all diesen Steinen wird nicht einer auf dem andern bleiben“ (Mark. 13, 1f). Auch dieses Gotteshaus wird einst vergehen und ist dem Verfall geweiht. Da müssen wir uns an ein anderes Heilandswort halten, das er zu Nikodemus gesprochen: „Der Geist ist's, der lebendig macht“ (Joh. 6, 64). Der Geist hat dieses Gotteshaus gebaut und wiederhergestellt. Wessen Geist? Wenn wir herein gehen zum Hauptportal, so sehen wir über demselben die große Gestalt des hl. Benedikt. In dessen Geist ist dieses Gotteshaus geschaffen.

Meine Lieben! Als Ottobeuren aufgehoben wurde, war es eine Reichsabtei, es hatte eine kleine weltliche Herrschaft; die Äbte waren landständige Reichsäbte und Landesherren. Zu ihrer Ehre kann ich sagen, daß sie väterlich gesorgt haben für ihre Untertanen. Wir, die geistlichen Nachkommen dieses Klosters, dürfen uns nicht in solchen Plänen wiegen, wir wollen nicht als Reichsprälaten vier- oder sechsspännig fahren oder eine weltliche Herrschaft anstreben. Wir wollen zurückkehren zu den allerersten Anfängen unserer Gründung, wo 764 die ersten Mönche sich hier bescheiden ansiedelten und anfingen mit dem Gotteslob, wo sie in Armut und Bescheidenheit bei einander lebten, wo sie unter dem Abt ein stilles Familienleben, ein Leben des Gebetes, der Arbeit, des Opfers und der Entsagung führten und auch der Umgebung ein Beispiel für ein christliches Familienleben, stille Arbeit, fortwährendes Gebet und Selbstentsagung wurden. Unsere Zeiten sind trübe und von Reichtümern und Wohlbehaglichkeit dürfen wir nicht träumen. Darum, liebe Mitbrüder, ist es unsere Sache zu beten, sich für die Kirche, die Umgebung, die anvertrauten Schäflein zu opfern und zu entsagen und jetzt in dieser Zeit, wo eine große Schamlosigkeit und Sittenlosigkeit das
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Familienleben und alle Bande der Ordnung untergräbt, durch Disziplin und Zusammenhalt, Familiengeist und Arbeit ein stummes aber beredtes Beispiel zu geben. Das ist der Geist unseres hl. Vaters Benedikt, kein anderer Geist als der Geist Christi, der auch für dieses Haus der Eckstein bleiben muß. Dem gewöhnlichen Gläubigen hat Christus die Gebote Gottes ans Herz gelegt, uns die er auserwählt zu engeren Jüngerschaft, hat er die evangelischen Räte gegeben. Die, meine lieben Mitbrüder, müssen wir einhalten. So lange in Ottobeuren der wahre Ordensgeist herrscht, der Geist der Zucht und des Familiensinnes, so lange wird es stehen. Die Steine fallen auseinander und vergehen. Wir haben es in diesem Kriege gesehen, wieviele herrliche Kirchen in Schutt und Asche gesunken sind. Der Geist aber bleibt. Die gegenwärtige Kirche ist nicht die erste. Zwei schon sind niedergebrannt, eine wurde niedergelegt, um Platz zu machen für diesen Tempel. Wie lange die jetzige Kirche steht, wissen wir nicht. Der Geist aber, der die erste Kirche gebaut und die gegenwärtige so schön geschmückt hat, dieser Geist ist verkörpert in diesen Mauern. Ohne Geist ist all diese Kunst ein entseelter Leichnam. Wie sinnig ist in der hinteren Kuppel die große Schar der Benediktinerheiligen dargestellt! Den Geist dieser unserer geistigen Vorfahren wollen wir bewahren. Die Karolinger, die Stifter dieses Hauses sind dahingegangen, die ganzen Reiche der deutschen Kaiser – vom ersten bis zum letzten – ist vorbeigezogen und auch andere Herrschaftshäuser sind nicht mehr auf dem Thron. Aber Ottobeuren steht noch dank dieses Geistes und wird, wenn der Geist unseres hl. Vaters Benedikt erhalten bleibt, auch stehen bis ans Ende der Zeiten. Beten wir heute beim „Tedeum“ recht innig: „Bewahre o Herr in dieser Kirche den Geist, dem unser hl. Vater Benediktus gedient, damit wir, von diesem Geist erfüllt, uns bestreben zu lieben, was er geliebt, um im Werke zu üben, was er gelehrt hat.“

Auch Ihr, meine lieben Ottobeurer, Ihr verdankt dem hl. Vater Benedikt sehr viel. Verehrt ihn hoch, feiert sein Fest hoch und nehmt zu ihm eure Zuflucht in euren Anliegen, besonders im letzten Stündlein. Er wurde ja von Gott durch einen glorreichen Tod ausgezeichnet und ist ein vorzüglicher Sterbepatron.

Wenn die Ottobeurer Klosterkirche jetzt wiederum Abteikirche ist, so bleibt sie nach wie vor auch Pfarrkirche. Die alten Urkunden sind verbrannt, aber wahrscheinlich war schon vor der Klosterkirche eine Pfarrkirche vorhanden. Die bei der Säkularisation
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noch vorhandene Pfarrkirche St. Peter und Paul auf dem Marktplatze wurde teilweise abgetragen, teilweise aufgelassen. Aber die Pfarrgemeinde besteht noch immer fort, eng verbunden mit dem Kloster. Liebe Ottobeurer! Seit 1200 Jahren waren die Mönche Eure geistigen Väter, haben Leid und Freud mit Euch geteilt. Wir dürfen es den frommen Vätern nicht vergessen. In den trübsten Zeiten der Kirchengeschichte haben sie Euch den hl. Glauben bewahrt: Eine große Errungenschaft, eine gerettete Perle, für die ihr nicht genug danken könnt. Wem verdankt aber in letzter Linie Ottobeuren als christliche Gemeinde dieses schöne Gotteshaus, diese herrliche Pfarrkirche? In letzter Linie steht die Pfarrkirche auf dem Felsen Christi und seiner Kirche, auf dem Felsen Petri. Als Ottobeuren gegründet wurde, wurde es vom Hl. Stuhle bestätigt und als es im 12. Jahrhundert in Verfall geraten war, scheute Abt Isengrin [Isengrim] die weite Reise nach Rom nicht, um die Rechte und Privilegien wieder bestätigen zu lassen und den Segen Petri herüber zu bringen über die Berge. Als er heimkam, fand er Kloster und Kirche in Asche. Doch der Segen Petri half wieder zum Aufbau. Der Segen blieb auf diesem Hause und wenn ihr treu zur Kirche haltet, wird der Segen auch ferner bleiben.

An alle Größen hat sich unsere Zeit gemacht, viele Reiche sind gesunken; das eine Reich, gegen das alle anstürmten: Aufklärung, Freimaurerei, Revolution, Unglaube, Kirchenhaß, das steht noch. „Ein Haus steht wohl gegründet!“ Ein Thron konnte nicht gestürzt werden, der steht noch aufrecht und fester denn je sitzt auf Petri Stuhl der arme gefangene Papst. Niemand kann ihm an. Mitten in dieser allgemeinen Zerrissenheit steht die Kirche da als starker Fels und an diesem Felsen wollen wir uns anklammern. Dieser Felsen gibt der Welt Festigkeit und wird sie auch unserem lieben Ottobeuren verleihen. Dieser Fels bleibt in Ewigkeit. „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ (Matth. 16, 18). Schaut vor auf das Deckengemälde in der Vierung! Dort hat des Künstlers Hand den Triumph der Kirche dargestellt.

Meine lieben Ottobeurer! Vergeßt nicht, wenn man zur Kirche hält, muß man sich äußerlich und innerlich zur Kirche bekennen. Der Tempel dieses Gotteshauses ist heilig; aber ein viel heiligerer Tempel seid ihr. Ihr seid „Tempel des hl. Geistes“. Lebt nach den Geboten Christi und nach den Geboten der Kirche, zeigt im Werk und im Bekenntnis und in Ertragung von
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mancher Unbill für den hl. Glauben, daß ihr wahre Bekenner Christi seit.

Wenn ihr euch so anklammert an den Felsen Petri, so verläßt euch auch die Kirche nicht. Dann habt ihr auch die Gewähr, daß der Weltgeist euch nichts anhaben kann, und die Seelen eurer unschuldigen Kinder euch nicht entreißen wird. Laßt den Glauben nicht aus dem Herzen eurer Kinder reißen, steht ein für die christliche Schule, dieses Erbgut der Kirche. Gebt eure Kinder keinem andern als dem Herrn Jesus Christus.

Die Kirche hat im letzten Jahrhundert noch ein besondere Weihe erhalten. Sie ist Wallfahrtskirche geworden. Früher stand draußen gegen Süden die schöne Wallfahrtskirche Maria Eldern. Auch sie ist in der Säkularisation abgebrochen worden. Bürger dieses Ortes haben sie abtragen lassen. Es waren nur wenige. Die Pfarrgemeinde hat durch ihren Eifer und ihre Verehrung dieses Unrecht wieder gut gemacht. Im Jahre 1841 ist durch Abt Barnabas, der noch ein Pater des alten Reichsstiftes war, das Gnadenbild in feierlichem Zuge in diese Kirche eingeführt worden. Ihr alle erinnert Euch außerdem noch an die vorjährige „Eldernweihe“, wo wir uns alle, Kloster und Pfarrei, von neuem dem Schutze der allerseligsten Jungfrau empfohlen haben, und zwar nicht umsonst, denn das letzte Jahr war ein Sturmjahr und an dieser Stätte sei es laut gesagt: Maria hat wunderbar unsere Klöster geschützt, St. Stephan und Ottobeuren. Tausend Dank sei Dir, Du liebe Mutter. Du hast Deinen Schutzmantel über uns ausgebreitet und wirst uns auch in Zukunft schützen.

Die alte Wallfahrtskirche wurde abgebrochen, die Liebe zu Maria aber dauert fort. „Der Geist ist's, der lebendig macht.“ Diese alte Liebe zu Maria soll auch in diesem Tempel weilen. Ottobeuren ist ein Wallfahrtsort geworden. Der glorreich regierende Hl. Vater hat sie mit einem vollkommenen Ablaß für jeden Besucher an einem beliebigen Tag und einen solchen für das Eldernfest unter den gewöhnlichen Bedingungen ausgezeichnet.

Es werden Stürme kommen und der Teufel hat es besonders abgesehen auf die Heiligtümer der allerseligsten Jungfrau. Aber immer zieht er den kürzeren, wie geschrieben steht: „Sie wird ihm den Kopf zertreten“ (1 Mos. 3, 15). Meine Lieben, wer Maria nicht kennt, kennt die beste aller Mütter nicht. Wer Maria nicht verehrt, muß durchs Leben gehen ohne Mutter, liegt allein und verlassen auf dem Krankenbett ohne Pflege und niemand
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kann ihm helfen. Wer Maria zur Mutter hat, hat eine liebende Mutter. Sie bleibt bei ihm auch in finsterer Nacht, in Krankheit, in Zweifel, in der Trübsal des Todes, wenn er teure Angehörige wegreißt, im Sturm der Verfolgung, in Spott und Verachtung, wenn der Herr zur Nachfolge im Leiden uns ruft. Auch da begleitet sie uns und steht mit uns unter dem Kreuze. Wer einmal eine Mutter geliebt hat und von ihr geliebt worden ist, dem braucht man nicht zu beweisen, was Mutterliebe ist. Wer Maria noch nicht liebt, soll es einmal probieren. „Probieren geht über's Studieren.“ Bete ein „Ave Maria“ in der Versuchung, Gewohnheitssünder! Bete, die liebe Mutter wird dich erhören! Bete, junger Mann, wenn Zweifel dich bedrängen seit du aus dem Kriege heimgekehrt; bete alter Mann, alte Frau, die du dem Tode entgegensiehst! Maria löst ihr Versprechen. „Es ist noch nie erhört worden, daß jemand sie umsonst um ihre Hilfe angegangen hätte“ (vergl. Memorare des hl. Bernhard).

„Der Geist ist's, der lebendig macht.“ Der Geist des hl. Benedikt in der Regeltreue seiner Jünger, der Geist der Kirche in der Christustreue der Pfarrgemeinde, der Geist der kindlichen Liebe in unser aller Verehrung zu Maria. Ihr weihen wir heute wieder das Kloster, das neue. Verteidige es, Mutter Maria! Erflehe uns von Deinem Sohne, daß dieses neuerstandene Kloster werde ein Haus stiller Arbeit und Entsagung, ein Mittelpunkt des religiösen Lebens für die umliegenden Gaue, eine Stätte der blühenden Klosterzucht und des liturgischen Gottesdienstes, ein Ort des Trostes für die Wallfahrer im Beichtstuhl und eine Rettungsinsel für weite Kreise durch hl. Exerzitien, ein Hort hl. Wissenschaft und gediegener christlicher Jugenderziehung. Möge keiner, der Ottobeuren besucht, leer von hinnen gehen, sondern Gnade und Friede von diesem Ort nachhause bringen.

Wir fürchten uns nicht. Es mag die moderne Zeit sich brüsten mit ihren hohlen Phrasen. Sie hat noch nicht geleistet und kann nichts Gediegenes leisten und darum kann sie uns nicht blenden. Im Anschluß an den hl. Benediktus, an die Kirche Christi hat Ottobeuren seit mehr als 1100 Jahren etwas geleistet. Dem Herrn allein sei Ehre! Er wird, so hoffen wir, auch ferner im Tabernakel unter uns wohnen und Ottobeuren schützen. Die Mutter der Barmherzigkeit wird auch ferner ihren Mantel über ihr Heiligtum ausbreiten und die alten Schutzpatrone St. Alexander, St. Theodor und St. Sebastian – wie sie am
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jetzigen Eldernaltar dargestellt sind – werden Ottobeuren auch fürder[hin] treu bleiben.

So, Geliebte, ist Ottobeuren wieder königlich ausgestattet mit Gnaden. Die Steine, der herrliche Schmuck sind nur das äußere Kleid und das Sinnbild der inneren Gnaden. Ein „Tedeum“ dürfen wir deshalb anstimmen zum Dank. Wer zählt die unzähligen Gnaden, die der Allgütige an dieser Stätte ausgeteilt hat im Laufe von vielen Jahrhunderten, die Tausende von hl. Messen und Kommunionen, die Milliarden von Gebeten? Wahrlich, das ist das „Haus Gottes und des Himmels Pforten“, wie es draußen am Portale steht.

Blicken wir zum Schluß nochmal nach vorne zum Deckengemälde über dem Hochaltar. Dort sehen wir die Anbetung des Lammes. Auch uns drängt es nach vorne, nach aufwärts. Trotz aller Pracht, die wir hier sehen, verlangen wir nach einer größeren Kirche, nach einer länger, ja, immerdauernden Gemeinschaft. Wie zwei große Finger deuten die mächtigen Türme der Abteikirche, die ins Land hinausschaut, nach oben. Dahin zieht es auch uns. Dieses Gotteshaus ist nur ein Durchgangspunkt, eine Herberge auf der Reise zum großen Gotteshaus, das uns der hl. Johannes in der geheimen Offenbarung schildert, zur Gottesstadt, die schimmert, von Gold und Edelstein, von Kristall und Saphir und Jaspis, deren Leuchte das Lamm selbst ist, in dem wir einst ein ewiges „Tedeum“ singen wollen. Amen.


Auf die Predigt folgte die feierliche Prozession mit dem Gnadenbilde U.[nserer] L.[ieben] Frau von Eldern durch die ganze Kirche zum Kreuzaltar, an welchem die „Eldernweihe“ vorgenommen wurde. Nachdem das Bild an den Gnadenaltar zurückgebracht war, begann das feierliche Pontifikalamt am Hochaltar. Die ganze Feier, die sich auf die Kirche beschränkte, endigte mit einem feierlichen Te Deum. Als Ornat wurde der bei Gelegenheit der ersten Eldernweihe im Mai 1918 von ungenannt sein wollender Seite gestiftete grüne „Eldernornat“ verwendet.
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Die in der Predigt ausgedrückte Hoffnung, daß Ottobeuren bald einen eigenen Abt bekommen werde, hat sich früher als erwartet verwirklicht. Am 15.1.1920 hat der bisherige Administrator von dem ihm durch den Apostolischen Stuhl verliehenen Rechte Gebrauch gemacht und nach Befragen des Ottobeurer Konventes [Abtswahl] den bisherigen Prior

Hochwürden Herrn Dr. P. Josef Maria Einsiedler

zum ersten Abt des wieder neuerrichteten Klosters Ottobeuren ernannt. Nachdem vom Hl. Stuhl laut brieflicher Mitteilung vom 3. April die Bestätigung erteilt worden war, legte der Administrator sein Amt nieder und führte als Stellvertreter des Hochwürdigsten Herrn Abtes Sigisbert Liebert von Schäftlarn, Präses der Bayerischen Benediktiner-Kongregation, den neuen Abt am Weißen Sonntag, den 11. April, in sein Amt ein. Der Hochwürdigste Herr Diözesanbischof Maximilian gedenkt, den neuen Abt am 21. April [1920] (Schutzfest des Hl. Joseph) die feierliche Abtsweihe zu erteilen.

U. I. O. G. D.
[„Ut in omnibus glorificetur Deus“ – „Auf dass in allem Gott verherrlicht werde.“ Die Abkürzung verweist also auf einen Vers in 1. Petrus 4,11, in dem beschrieben steht, dass die Gemeinde alle Begabungen zu Gottes Ehre einsetzen soll. Benedikt von Nursia, der Gründer des Benediktinerordens, hat in der 57. Regel seines Klosterregulariums auf diesen Vers verwiesen.]
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[9 = Leerseite]
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Druck des Ottobeurer Volksblatt[s]
Inh.[aber] Benedikt Baur in Ottobeuren.

[10 = Umschlagseite hinten]

[Ende der Abschrift, Helmut Scharpf, 05/2019]