Ca. 1910 – „Marktplatz Ottobeuren“ (Fehldruck aus Dresden)

Titel

Ca. 1910 – „Marktplatz Ottobeuren“ (Fehldruck aus Dresden)

Thema

Ansicht Marktplatz

Beschreibung

Diesen Marktplatz (ca. 1910) gab es weder in Ottobeuren, noch in Ottobrunn. Der Verlag von „Reinicke & Rubin“ aus dem fernen Dresden hat die Beschriftung durcheinander gebracht. Lange blieb unklar, welcher Marktplatz hier tatsächlich dargestellt wird.

Am 24.8.2026 hat Jakob Vogel aus Sontheim das Geheimnis gelüftet, nachdem er zuvor die fast identische Perspektive auf einer Marktplattform gesehen hatte: Die dort abgebildete Ansicht zeigt den Marktplatz in Geisingen an der Donau (Landkreis Tuttlingen, Baden-Württemberg)! 

Daraufhin wurde ein weiteres Exemplar der Karte beschafft – gelaufen innerhalb Belgiens! Das birgt uns freilich zu einer ganz anderen Fragestellung: Wie kommt es, dass ein in Dresden herausgegebener Fehldruck aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mit Aufdruck „Ottobeuren“ 1928 in Belgien als Bildpostkarte verwendet wurde?
Das tatsächliche Ziel der Karte lautet Wautuyne, das korrekte Versanddatum ist voraussichtlich der 12. September 1928, die Briefmarke stammt aus einer Serie, die ab 1922 herausgegeben wurde. Der offizielle Poststempel (BRUXELLES) lässt sich zwar – missverständlich – als 12. Januar 1928 lesen, die „9“ für September ist aber wohl einfach nicht richtig abgeschlagen; es liest sich wie eine „1“. (Auch bei der Jahreszahl fehlt die vorausgehende 1.)

Der Werbestempel daneben („Spa (Belgique) Eaux-Bains / Watereen-Baden“) passt in die späten 1920er Jahre. Bei der belgischen Briefmarke handelt es sich um eine karminrote 35-Centimes-Briefmarke mit dem Profil von König Albert I. (sogenannter Typ „Houyoux“ oder „Montenez“). Diese Dauerserie mit dem Porträt des Königs im Profil wurde ab 1922 in verschiedenen Wertstufen und Farben von der belgischen Post herausgegeben, sie war bis zum 1. Oktober 1959 gültig.

Der französische Kartentext (in deutscher Übersetzung):
12. September
Liebe Catherine und [Alfred], in der Tat, ihr habt großes Glück, so schönes Wetter zu haben. Wir freuen uns sehr für euch und wünschen euch das Gleiche bis zum Ende eures Aufenthalts. Wir zählen darauf, bei eurer Rückkehr ein langes und schönes Echo aus Brüssel zu hören. In der Zwischenzeit amüsiert euch gut und empfangt unsere besten Grüße. Albert und Louise [Unten links am Rand:] 61 rue G. [huba], Brüssel

Einige Anmerkungen zum Text:
– Die Empfänger: Die Karte ist im Adressfeld an „M.m & M.s Albert Meunier“ adressiert. In der Post- und Briefkultur der damaligen Zeit (genau wie im Deutschen) war es absolut üblich, ein Ehepaar unter dem Namen des Ehemannes zu führen. Der Text beginnt dann aber mit „Liebe Catherine und Albert“. 
– Das „Echo“: Der Satz „un long et sera écho de Bruxelles“ ist grammatikalisch etwas holprig geschrieben, bedeutet im übertragenen Sinne aber einfach: „Wir freuen uns darauf, nach eurer Rückkehr ausführliche und schöne Berichte aus Brüssel von euch zu hören.“

Ob die Karte die Empfänger je erreicht hat, wissen wir nicht. Handschriftlich ist im Adressfeld vermerkt: „Inconnu à cette adresse“ (unbekannt unter dieser Adresse) – ein klassischer Postvermerk für unzustellbare Sendungen. Eine Berichtigung fehlt jedoch. Eine Recherche mit Google ergab: Der tatsächliche Ort könnte Hollebeke (als Ortsteil der Stadt Ypern in Westflandern) gewesen sein. „Wautuyne“ bezog sich vermutlich auf den dortigen historischen Gutshof/Weiler „Wanduyne“ (heute Wandunemolen / Wandunestrat), weshalb der Postbote die Postkarte nicht richtig zuordnen konnte.

Urheber

Helmut Scharpf

Quelle

Sammlung Helmut Scharpf

Verleger

Reinicke & Rubin, Dresden

Datum

1910-06-01

Rechte

gemeinfrei

Format

jpg