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24.05.1939 – Das Haus „Fürgut“ in der Bahnhofstr. 26


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Wir sehen eine Szene in der Bahnhofstraße der unmittelbaren Vorkriegsjahre. Das Haus mit der heutigen Hausnummer 26 sieht ziemlich heruntergekommen aus – ein in der damaligen Zeit in Ottobeuren ganz normaler Anblick.

Es gab drei Treppenhäuser, die unbeheizten Klos für den ersten Stock waren im EG, drei Kamine waren vorhanden, – davon einer „zum Schlupfen“ –, das Haus war nicht unterkellert; es war feucht. Das sehr alte Haus – noch aus der Zeit der „Froschgasse“ Anfang des 19. Jahrhunderts – steht heute nicht mehr. Der Zustand ließ nur einen Abriss zu. Mit Datum 30.3.76 erstellte ein Mitarbeiter der Firma Filgis (namens Eder) einen Bauplan, den Neubau errichtete dann aber das „Baugeschäft Mayer“, das die Ausschreibung gewann. (Hans Walter Mayer und Heinz Keidler waren „fast Nachbarn“, Mayer, geb. 07.02.1940, war nur ein halbes Jahr jünger als er, man hatte sich „immer gut verstanden“.)

Der Laden war – wie auf dem Foto zu sehen – zunächst sehr klein und wurde einige Male umgebaut. Es gab „einen Holzboden, durch den die Kunden plötzlich durchgebrochen sind“ und mehrere Ölöfen. Nach der Ablöse der Erbengemeinschaft (zwei Schwestern) war der Neubau die einzige Lösung.
Hinweis: Die Hausnummer in der Bahnhofstraße (bzw. von 1933 - 45 „Adolf-Hitler-Straße“) ist seit 1951 die „26“, davor war es die „98“.

Gelaufen ist das Foto als Ansichtskarte am 24.05.1939 an Anna Göppel, „Postschaffnerswe“ [Witwe?] in Diessen, Klosterhof 18. An ihre Mutter gerichtet, schreibt „Dora“ (oder „Dor.“ – kurz für Viktoria?):
Liebe Mutter! Teile Dir mit, daß Großmama u. Johanna bei gutem Wetter am Freitag um 9 Uhr 15 Min. hier abfahren u. gegen mittag nach Diessen kommen werden. Herzliche Grüße an Alle, Dora und Martin.
(Auf der Rückseite ist leider weder ein Fotograf, noch ein Verlag genannt; wahrscheinlich kam der Fotograf aus München.)

Mit der Nutzung des Gebäudes ist eine Serie von Einheiraten verbunden: Die Zeit nach dem 1. Weltkrieg ist nicht mehr ganz nachvollziehbar. Ein „Held“ kam von außerhalb, war verwandt mit dem „Stern-Held“ (vermutlich), war aber nicht lange drauf. Danach übernahm Alois Fürgut das Geschäft.

Der Schneidermeister Alois Fürgut kam aus Illerbeuren – ein Bruder war dort sogar Bürgermeister – und heiratete mit Anna (geb. Held?) in die Bahnhofstr. 98 ein. In den Einwohnerbüchern von 1926 und 31 wird er als „Schneidermeister“ unter der Adresse geführt, im Einwohnerbuch von 1937 steht nurmehr die Witwe („Fürgut Anna, Privatiere, Adolf-Hitler-Straße 98“). (Hier besteht noch eine Unklarheit, denn Fürguts erste Frau starb früh. Die zweite Frau arbeitete bei Pfalners – schräg gegenüber, heute „Zaunkönig“ – und war bekannt als „Pfalners Marie“. Sie war aber nicht verwandt, sondern arbeitete nur dort.) Und 1939 deutet die Ansichtskarte auf ihren neuen Wohnort in Diessen am Ammersee hin.

Alois Fürgut hatte mit Anna (oder eben Marie) zwei Töchter:
Josefa Fürgut arbeitete in Augsburg als Kindegärtnerin, wurde dort im Krieg ausgebombt und kam zurück nach Ottobeuren, wo sie ein Wohnrecht hatte. Sie blieb ledig. (Wir finden sie im Einwohnerbuch von 1966.)
Viktoria übernahm die Schneiderei und schlug sich mit dem kleinen Geschäft durch. Viktorias Mann, Martin Göppel, hatte bis Ende der 1920er Jahre in der Alexanderstraße eine Herren- und Damenmaßschneiderei und wechselte zwischen ca. 1932 und 36 mit der Einheirat in die Bahnhofstraße. Er galt im 2. Weltkrieg für vermisst und wurde schließlich für tot erklärt.

Martin Göppel und Viktoria Keidler hatten zwei Töchter:
Johanna Göppel heiratete einen Egle und landete in Fürstenfeldbruck. (Ihr passierte am Bahnhof in Fürstenfeldbruck ein Unfall: Sie hatte Kleidung fürs Geschäft gekauft, stieg aus dem Zug und bemerkte, dass sie die Kleidung im Zug zurückgelassen hatte, versuchte, wieder aufzuspringen, geriet aber mit dem Fuß aufs Gleis, wo ihr die Zehen abgetrennt wurden.)
Annemarie Göppel, die Heinz Keidler aus der Luitpoldstraße heiratete. Sie hatte mit 17 gerade die Schule abgeschlossen und sollte in Mindelheim eine Lehrstelle antreten, als ihre Mutter Viktoria mit 50 tot umfiel. So musste Annemarie doch zu Hause bleiben.

In den Nachkriegsjahren wurde die Konkurrenz größer: Flüchtlinge und Heimatvertriebene arbeiteten als Schneider, es gab „9 oder 10 Schneider in Ottobeuren“, so Heinz Keidler im Interview am 17.2.2021. Er machte 1973 seine Prüfung zum Schneidermeister, die eigene Schneiderei wurde aufgegeben, der eigene Laden in der Luitpoldstraße 37 (von 1935 - 45 „Saarlandstr. 141b“) war zu klein geworden. Mit der Schneiderei ging es stetig bergab, er wollte „ins Textilgeschäft einsteigen“.

Den Vater von Heinz, Theodor Keidler (03.09.1910 - 09.07.1980) mit seiner „Herren- und Damenmaßschneiderei“, kennen wir bereits von einem früheren Eintrag im virtuellen Museum. Schicksalhaft waren dessen Erlebnisse im Krieg, als er in Polen „im Sumpf liegen musste“ und sich eine Lungenentzündung einfing, und alles letztlich mit einem „Morbus Bechterew“, einer chronisch-entzündlichen rheumatischen Erkrankung, endete. Er wurde letztlich als zu 100% kriegsbeschädigt anerkannt, konnte nurmehr ganz leicht Aufgaben übernehmen und starb wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag.

Heinz machte 1973 nicht nur seinen Meister, er heiratete auch seine Annemarie. Er war Schneidermeister in 3., seine Frau (geb. Göppel) sogar in 5. Generation. Es gelang den beiden, zunächst den Laden abzulösen, vor dem Abriss – etwa 1976 – dann auch das Grundstück und das Haus.
Vom Sortiment musste man „immer wieder umstellen“, Babykleidung, neue Mode, das sich ändernde Verhalten der Leute, der aufkommende Versandhandel.

Das Modegeschäft war unter dem Hausnamen „Fürgut“ (vgl. „Fergg“) eingeführt, auch wenn der Inhaber wechselte, so blieb es im Volksmund bei „Fürgut“ – ähnlich wie beim „Fergg“, wo sogar der Standort wechselte. In seinem Artikel zu den Ottobeurer Hausnamen erwähnt Hermann Köbele 1938 Fürgut zwar nicht, er stellt aber möglicherweise einen Zusammenhang mit dem Vorgäng Held her:
Haus Nr. 106 „beim Schneider Held“ (die Familie Held von 1789 bis nach 1830 nachweisbar. Umzug auf Nr. 98b)

Die Umstellung auf den Euro nahmen Keidlers zum Anlass, das Geschäft zu verpachten.
Zunächst betrieb Hans Steiner aus Memmingen das Geschäft als Filiale. Die „Steiner Trendline“ gibt es auch 2021 noch in Memmingen (Zangmeisterstr. 7).

Das Sportgeschäft „Sport Ecki“ (oder Eggi?) (vorher beim Raith; hier befindet sich 2021 Annes Bikeshop), der im Südbau wohnende Betreiber war Vorstand des TSVO, hielt sich aber nur ein Jahr in der Bahnhofstraße.

2007 wurde der Laden 10 Jahre lang zum „Schuhhaus Dietrich“ – als Filiale von Obergünzburg. Auf der Homepage heißt es: „Besonders die Auswahl der richtigen Schuhe für Ihre Kinder liegt uns am Herzen – selbstverständlich vermessen wir die Füße Ihres Kindes und helfen Ihnen bei der Wahl der richtigen Schuhe.“ In der Sportabteilung gab und gibt es „eine Vielzahl an Fußballschuhen, Teamsportausstattung sowie FC Bayern Fanartikel“.

Und wie geht es nach mehr als vier Jahren Leerstand 2021 weiter? Man munkelt, es werde bald ein Sanitätshaus einziehen.
Wie beim westlichen Nachbarn, dem ehemaligen Spielwarenladen von Armin und  Kummer, gilt: Ein weiterer Baustein einer langen Kette wechselnder Betreiber und Nutzungen …
Jetzt fehlt nur noch ein aktuelles Vergleichsbild.

Recherche, Bildbearbeitung, Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 02/2021