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01.05.1891 – Darstellungen der Kneippkur in der Zeitschrift „Das Buch für Alle“


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Ein wunderbarer Holzstich zeigt 13 verschiedene Szenen der Kneippkur. Die großformatigen Darstellungen (ca. 35,5 x 28,3 cm) aus der populären illustrierten Zeitschrift „Das Buch für Alle“ bebilderten einen Artikel über Kneipps Wirken in Wörishofen, z.B. die Szene „Bloßfüßig-Gehen im Morgen- und Abendtau“ oder „Vortrag im Freien“. Die Vorlagen hatte Carl Stauber (1815 - 1902) gezeichnet. Wie einer der frühen Vorträge Kneipps tatsächlich ausgesehen hat, können Sie hier abrufen (Foto vor April 1891).

Literaturzitat:
Das Naturheilverfahren des Pfarrers Kneipp in Wörishofen, S. 215 - 217, Heft 9 (S. 209  - 232) in: Union Deutsche Verlagsgesellschaft (Hrsg.): Das Buch für Alle. Illustrirte Familien-Zeitung. Chronik der Gegenwart, Stuttgart, 26. Jahrgang, 1891, 636 S.
Nachdem die Zeitschrift alle 14 Tage erschien, muss Heft 9 Anfang Mai herausgegeben worden sein.

Der Text erklärt in knappen Worten auf sehr realisische Weise, wie es den Hilfesuchenden in Wörishofen 1891 erging. Die Wohnungsnot war groß, beim Besuch in Kneipps Sprechstunde ging es durchaus rustikal zu. Lesen Sie hier die Abschrift des Artikels (S. 215f.):

 
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Das Naturheilverfahren des Pfarrers Kneipp in Wörishofen
(Siehe das Bild auf Seite 217.)

Unter den Männern, welche durch Wort, Schrift oder praktische Ausübung eines vernunftgemäßen Naturheilverfahrens wirken, nimmt Pfarrer Kneipp gegenwärtig mit seiner Wasserkur die erste Stelle ein. Nicht etwa, daß er ein neues Wasserheilverfahren entdeckt hatte; seine Wasserkur fußt vielmehr ganz und gar auf der schon seit Prießnitz in allen Wasserheilanstalten geübten, aber sein Verdienst ist es, die Art der Wasseranwendung auf die einfachsten, von Jedermann ohne kostspielige Hilfsmittel und Geräthschaften ausführbaren Maßnahmen zurückgeführt und daher auch dem ganz Unbemittelten möglich gemacht zu haben. Zur Unterstützung der Kur dienen einfache Lebensweise, derbe, reizlose Kost, Spazierengehen, Mäßigkeit, Nüchternheit und

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einige beim Landvolke schon gebräuchliche, pflanzliche Arzneimittel, wie Enzian, Heublumen, Wermuth, Hollunder [Holunder], Augentrost und Arnika. Dieses Heilverfahren, das Pfarrer Kneipp seit vielen Jahren an sich selbst und den Mitgliedern seiner Gemeinde erprobt, hat er zuerst in dem Buche „Meine Wasserkur“ kundgethan, dessen Erfolg ein ungeahnter war. Seitdem – d.h. seit etwa vier Jahren – strömen dem Pfarrer Kneipp Heilsuchende aller Stände in Schaaren [Scharen] zu, und das kleine Wörishofen ist ein neues Mekka für alle Arten von Kranken geworden. Unsere Bilder auf S. 217 führen den Leser nach dem Dörfchen des bayerischen Schwabens, das plötzlich aus gänzlicher Unbekanntheit zu einem internationalen Kurorte geworden ist, zu dem Kleriker und Weltkinder, Mönch und Stutzer, Bauernweib und Modedame einträchtiglich wallfahrten in der Hoffnung, daß die Kneipp-Kur sie von ihren Gebrechen erlöse. Die Wohnungsnoth ist in den Sommermonaten bereits eine große, und glücklich ist, wer noch eine Knechts- oder Magdskammer mit grobem Bauernbett erwischt; minder Begünstigte nehmen auch mit einem Lager auf dem Bodenraum vorlieb. Am nächsten Morgen früh 7 ½ Uhr geht es zur Sprechstunde, die bis 12 Uhr dauert. Wer nicht schon bei Tagesanbruch antritt, findet das Vorzimmer im Pfarrhause schon belagert von einem Haufen von Kranken und hat lange zu warten, bis die Reihe an ihn kommt und er in das „Allerheiligste“ eingelassen wird. Pfarrer Kneipp, ein rüstiger Greis von 70 Jahren, sitzt dort auf einem alten Sopha [Sofa] hinter einem Tische, an seiner Seite meist einige Ärzte, die sein Verfahren kennen lernen wollen. Er faßt den Eintretenden scharf in’s Auge, stellt Fragen, macht Bemerkungen, die oft genug sarkastisch und derb ausfallen, und gibt seine Verordnung.
Nach dem Mittagessen ist wieder Sprechstunde von 1 ½ bis 3 Uhr, dann macht Kneipp bei einigen Kranken persönliche Wasseranwendungen. Um fünf Uhr hält er bei gutem Wetter Vorträge über sein Naturheilverfahren im Freien. Die Lebens- und Kurordnung ist die denkbar einfachste. Morgen früh um 4 Uhr schon beginnen die Kurgäste ihre Übungen, die ausnahmslos mit Barfußgehen im Morgenthau ihren Anfang nehmen. Den Tag über läuft in Wörishofen auch fast alles barfuß, vom Stallknecht bis zur Salondame, denn das Barfußgehen ist ein Hauptbestandtheil der Kur.
Auch das Wassertreten in Tümpeln oder im Bache gilt als höchst heilkräftig, zur Noth vertritt eine Butte mit Wasser die Stelle des Tümpels. Daran schließen sich verschiedene andere Wasseranwendungen, besonders die verschiedenen Arten der „Güsse“, als Oberguß, Rückenguß, Knieguß u.s.w., Sitzbäder, Schwitzen im Wickel oder im „spanischen Mantel“. Alle Wasseranwendungen sind kurz und energisch, und wenn die Kur auch nicht Todte [Tote] lebendig und Krumme gerade macht, so leistet sie doch bei allen Übeln, die auf Stockung des Blutes und Stoffwechsels beruhen, so Erfreuliches, daß bereits in vielen Städten Ärzte Heilanstalten eröffnet haben, in denen nach dem Vorgange des Pfarrers von Wörishofen „gekneippt“ wird.

Sammlung Helmut Scharpf, 12/2021