18.05.1958 – Fahnenweihe der „Kameradschaft ehemaliger Gebirgstruppen Ottobeuren und Umgebung“

Titel

18.05.1958 – Fahnenweihe der „Kameradschaft ehemaliger Gebirgstruppen Ottobeuren und Umgebung“

Beschreibung

Im Juni 1956 schloss sich unter der Leitung von Ludwig Mößlang jun. eine Anzahl ehemaliger Gebirgsjäger aus Ottobeuren und Umgebung zusammen, „um auch im täglichen Leben die Kameradschaft zu pflegen und die Tradition der Gebirgstruppen fortzuführen“. Die Schar all derer, die unter dem Edelweiß gekämpft hatten, vergrößerte sich über die Jahre, bis man den Zeitpunkt erreicht fand, eine Fahne zu brauchen.

Den Boden hatte der General a.D. Rudolf Konrad bereitet. Bei Wikipedia heißt es über ihn:
1952 rief Konrad den „Kameradenkreis der Gebirgstruppe“ ins Leben. Im selben Jahr lud der „Kameradenkreis“ erstmals zum Pfingsttreffen. Seitdem versammeln sich die einstigen Gebirgsjäger alljährlich zum Gedenken an die gefallenen Kameraden. Anfangs traf man sich vor der Feldherrnhalle in München zum „Tag der Treue“, seit 1957 an einem, vom „Kameradenkreis“ eigens zu diesem Zweck errichteten, Kriegerdenkmal auf dem Hohen Brendten bei Mittenwald zur „Brendtenfeier“.

Beim „Kameradschaftsabend“ in der „Post“ in Ottobeuren – heute befindet sich dort der Feneberg-Parkplatz – am 17. Mai 1958 wurde anfangs denn auch ein Farbtonfilm gezeigt, der die Einweihung des Kriegerdenkmals auf dem Hohen Brendten im Vorjahr (1957) zeigte.
Die Teilnahme des früheren Wehrmachtsgenerals Konrad muss als problematisch angesehen werden. Die Traditionspflege wurde damals freilich völlig unkritisch betrachtet. In der Memminger Zeitung hieß es damals nur: „Wohl selten hat der Postsaal einen solchen Andrang erlebt.“ Gebirgsjäger, deren Angehörige und Besucher waren bis aus Frankfurt angereist. Als Ehrengäste hatten sich neben dem General a.D. Rudolf Konrad, Oberstleutnant a.D. Karl von Manz (28.06.1893 - 28.09.1974), der Landrat des Landkreises Memmingen Dr. Karl Lenz, der Ottobeurer Bürgermeister Josef Hasel, die Bürgermeister der Nachbargemeinden sowie zahlreiche Gemeinde- und Kreisräte eingefunden. Auch der Standortoffizier Hauptmann Bayer, einige Offiziere der neuen Bundeswehr und Vertreter der Soldatenvereinigungen kamen zum Kameradschaftsabend. Das Musikkorps der 1. Gebirgsdivision aus Mittenwald spielte unter der Leitung von Hauptmann Zimmermann Marschmusik und volkstümliche Weisen. Die Konzertveranstaltung riss die Besucher immer wieder „zu Stürmen der Begeisterung hin“.

Nach General Konrad (*7. März 1891 in Kulmbach; † 10. Juni 1964 in München) war die „General-Konrad-Kaserne“ in Bad Reichenhall benannt worden, obwohl er (zum Jahreswechsel 1941/42) Sätze wie „Dem Führer und seinem Werk gehört unsere ganze Hingabe. Wir wollen es hüten und siegreich tragen durch das neue Jahr zum Heile Deutschlands.“ geäußert oder auch Greultaten an Zivilisten auf der Krim befohlen hatte. Er ließ dort ganze Ortschaften zerstören. Trotzdem wurde am 13. Juni 1966 die besagte Kaserne nach ihm benannt. (Seit 1. August 2012 heißt sie „Hochstaufen-Kaserne“.)

Den Gottesdienst am 18. Mai 1958 leitete der ehemalige Divisionsgeistliche, Professor Georg Lipp (*15.04.1904, Winden bei Haag; †19.03.1983 in Rosenheim), der nach dem Krieg eine politische Karriere einschlug: Für den Wahlkreis Oberbayern saß Lipp vom 13.12.1954 bis 04.12.1958 für die CSU im Bayerischen Landtag.

Seine Predigt ging „tief zu Herzen“. Lipp erinnerte an die „in Notzeiten bewiesene Kameradschaft, an das gegenseitige Helfen und den hohen Opfersinn“. Wörtlich weiter: „Wenn diese im Krieg gelebten Tugenden heute vielfach verloren zu gehen scheinen, dann ist es die Pflicht der Überlenden den Gefallenen gegenüber, diese Tugenden wieder zu pflegen., damit das Opfer der nicht heimgekehrten Kameraden nicht umsonst war.“
Als weitere Redner traten H. Kraft von der Jägerkameradschaft auf („Die Fahne ist das Symbol der Verbundenheit mit den Gefallenen. Sie in unsere Mitte zu holen ist der tiefe Sinn dieser Stunde.“) sowie der Schirmherr der Veranstaltung, Ex-General Konrad. Über die Fahne sagte Konrad: „Sie ist das sichtbare Zeichen der Verpflichtung, weiterhin die Treue zu halten. Sie darf nicht nur ein Schmuck sein, sondern mit ihr müssen die Gesetze der Kameradschaft auch in den Kleinigkeiten des Alltags Erfüllung finden.“

Geschichtliche Einbettung: Nur gut zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bekamen die Bundesrepublik und die DDR ihre eigenen Streitkräfte. Das wurde verständlicherweise sehr kontrovers diskutiert. Auf Wikipedia wird diese Entwicklung ausführlich beschrieben:
Am 10. Oktober 1955 ernannte Bundespräsident Theodor Heuss die ersten Soldaten der neuen Streitkräfte und am 12. November 1955 wurden die ersten 101 Freiwilligen der Bundeswehr aus der Hand des Bundesministers für Verteidigung, Theodor Blank, vereidigt. Dieser 12. November gilt als der eigentliche „Geburtstag der Bundeswehr“. Am 22. Mai 1956 wurde schließlich die mit großer Mehrheit beschlossene Wehrverfassung (Ergänzung des Grundgesetz-Artikels 87a) in Geltung gesetzt. Am 18. Januar 1956 folgte für die DDR die Nationale Volksarmee (NVA).

In diesem Umfeld traten auch die Veteranenverbände verstärkt ins Licht der Öffentlichkeit, eben auch die „Kameradschaft ehemaliger Gebirgstruppen Ottobeuren und Umgebung“. Am 18. Mai 1958 feierte sie mit ca. 30 anderen allgäuer Verbänden und Vereinigungen in der Basilika Ottobeuren die Weihe ihrer Fahne. Vor dem Gottesdienst zog man durch die Straßen Ottobeurens und feierte anschließend auch am Kriegerdenkmal, das sich damals noch am Basilika-Hang befand (gegenüber dem Ratskeller).

Die Fahne zeigt auf der Vorderseite das Edelweiß als Zeichen der Gebirgstruppen, auf der Rückseite (siehe das letzte Foto mit der Menschenmenge am Kriegerdenkmal) ist ein „Eisernes Kreuz“ abgebildet. Am Denkmal wurde die Fahne von Ehrenjungfrau Thea Filgis an den Fahnenträger Michael Herz übergeben. Verlängert man auf diesem Foto die Fahnenstange gedanklich, trifft sie auf den Hauptorganisator der Kameradschaft in Ottobeuren, Ludwig Mößlang jun. Er wohnte in der Guggenberger Straße und war selbst kriegsversehrt (am Bein). Im Einwohnerbuch von 1937 ist in der Mühlbachstr. 170 der Taglöhner Ludwig Mößlang und in der Langenberger Straße 233b (beide nach der Nummerierung vor 1951, dann 21) die Händlerin Theres Mößlang (vermutlich die Mutter) aufgeführt.

Am Kriegerdenkmal endete die Fahnenübergabe und Gedenkstunde mit dem „Lied vom guten Kameraden“. Hier der Text:
Ich hatt’ einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
Im gleichen Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen,
Gilt sie mir oder gilt sie dir?
Ihn hat sie weggerissen,
Er liegt zu meinen Füßen,
Als wär’s ein Stück von mir.

Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ew’gen Leben
Mein guter Kamerad.

Unter Begleitung der Blasmusikgesellschaft Ottobeuren und der Blaskapelle Sontheim zog man im Anschluss zum Gasthaus „zur Post“ zum gemeinsamen Mittagessen und geselligen Beisammensein.

Mit Kurt Heinrich gibt es ein letztes Mitglied der Kameradschaft, die Fahne ist (Stand 2023) im Kloster eingelagert, zusammen mit den Fahnen des Veteranenvereins und der Artillerievereinigung (letzter Vorsitzender war Herr Boneberger aus Attenhausen, letzter Stellvertreter Herr Huber aus Frechenrieden). Die Fahnen werden durchaus noch getragen, es fehlen aber immer öfter die Träger.

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Die Fotos wurden von Christine und Gerhard Wölfle (Benningen) zur Verfügung gestellt und aufwändig nachbearbeitet.
Quellen:
Memminger Zeitung vom 22. und 23.05.1958 sowie Interview mit der damals 16-jährigen Ehrenjungfer Christine Wölfle im Juni 2023. Sowie Gespräche mit Frau Weinhardt und Franz Josef Utz am 22.06.2023.

Urheber

Groll

Quelle

Wölfle, Benningen

Verleger

Helmut Scharpf

Datum

1958-05-18

Rechte

gemeinfrei