1766 – Pierre Bernard Morlot malt die Familie des Orgelbauers Karl Joseph Riepp

Titel

1766 – Pierre Bernard Morlot malt die Familie des Orgelbauers Karl Joseph Riepp

Beschreibung

An dem Ölgemälde der Familie des in Eldern geborenen Orgelbauers Karl Joseph Riepp im Klostermuseum sind Sie – liebe Leser*innen dieses Beitrags – wahrscheinlich schon einmal vorbeigegangen und haben einen kurzen Blick darauf geworfen. Aber: Mit diesem Gemälde aus dem Jahr 1766 kann man sogar etliche Stunden verbringen. Wer dieses Gemälde nur als Familienbild betrachtet, sieht fünf Menschen. Wer genauer hinsieht, entdeckt ein Netzwerk. Nichts ist dem Zufall überlassen! Entstanden ist ein komplexer, umfangreicher Beitrag, der auf die verschiedensten Quellen (s. ganz unten) zurückgreift.

Begonnen hat die Recherche mit einem Detail am rechten unteren Bildrand. Dort sieht man Briefpapier, das in der oberen Hälfte nur angedeutete Buchstaben erkennen lässt, in der unteren Hälfte jedoch einen konkreten – wunderbaren – französischen Text des Malers Morlot:

De ma tendresse, ami, reçois ce foible gage,
Il me feroit beaucoup d'honneur,
Si mon pinceau docile eût rendu ton image,
Comme elle est peinte dans mon cœur.“

„Nimm, mein Freund, dieses schwache Unterpfand meiner Zärtlichkeit an. Es wäre mir eine große Ehre, wenn mein folgsamer Pinsel dein Bild so festhalten könnte, wie es in meinem Herzen gemalt ist.“ (Übersetzung: Emma Scharpf)

Was es damit auf sich hat, wird in diesem Beitrag erklärt. Und noch ein schwer zu entzifferndes Detail, das die Neugierde weckt; schauen Sie genau hin: Auf dem Instrument liegt ein Buch mit zwei Einmerkern. Bei genauer Betrachtung ist auf dem Cover zu erkennen: „maga des enfans“. Der Titel steht für das Buch „Le Magasin des enfans“ – die Schreibweise ist tatsächlich korrekt – von Jeanne-Marie Leprince de Beaumont aus dem Jahr 1756. Sie beschreibt Dialoge einer weisen Gouvernante mit ihren Schülerinnen und verbindet Erziehung, moralische Bildung, Geschichte, Geographie und moralische Erzählungen. Das Buch und die beiden Einmerker haben eine Bedeutung.

Und sogar die abgebildeten Noten auf dem Instrument hatten ein konkretes Vorbild: Es handelt sich um das Menuett in A-Moll aus dessen „Premier livre de pièces de clavecin“; Rameau-Catalog-Texte: RCT 1: IX (bzw. RCT 1/9) von Jean-Philippe Rameau

Statt einer flüchtigen Betrachtung: Nehmen Sie sich etwas mehr Zeit für spannende Erkenntnisse!

Drei Ebenen werden im Ölgemälde miteinander verbunden: die Musik, die Lebens- und Heiratsgeschichte der beiden Töchter und die persönliche Beziehung zwischen Karl Joseph Riepp und dem Maler Pierre Bernard Morlot. Etliches ist klar belegbar, andere Elemente sich zumindest wahrscheinlich, lassen aber Raum für Interpretationen.

Das Familienbild der Riepps von 1766

Ein Familienporträt zwischen Musik, Bildung, Ehe und Freundschaft

Pierre Bernard Morlot (1716 - um 1780), Dijon, 1766
Öl auf Leinwand/Holz – heute im Klostermuseum Ottobeuren
Darstellung: Karl Joseph Riepp, seine Ehefrau Anne-Françoise Ève, die beiden überlebenden Töchter Claude und Jeanne-Françoise sowie vermutlich der spätere Schwiegersohn Barthélemy Trouvé.
Das großformatige Familienbild gehört zu jenen Gemälden, die sich erst bei genauer Betrachtung vollständig erschließen. Auf den ersten Blick sieht man eine wohlhabende Familie in einem repräsentativen Interieur. Doch nahezu jedes Detail scheint auf Beziehungen zwischen den Personen, auf Bildung, Musik und die Zukunft der Familie zu verweisen. Es ist weit mehr als ein bloßes Familienporträt, es handelt sich um eine Inszenierung.

1. Wer ist auf dem Gemälde dargestellt?

Auf der rechten Bildseite sieht man Karl Joseph Riepp und seine Ehefrau Anne-Françoise Ève. Riepp, 1710 in Eldern bei Ottobeuren geboren und 1775 in Dijon gestorben, war nicht nur einer der bedeutendsten Orgelbauer seiner Zeit, sondern zugleich ein erfolgreicher Weinunternehmer in Burgund. Die Philidor-Datenbank beschreibt ihn ausdrücklich als Orgelbauer und Burgunderweinhändler und bestätigt Dijon als seinen dauerhaften Lebensmittelpunkt. (philidor.cmbv.fr)
Besonders wichtig für die Deutung des Bildes sind die beiden jungen Frauen: Claude und Jeanne-Françoise Riepp waren die beiden einzigen Kinder des Ehepaares, die das Erwachsenenalter erreichten. Die Familie hatte insgesamt zehn Kinder; die hohe Kindersterblichkeit des 18. Jahrhunderts hatte die Familie schwer getroffen.
Damit verändert sich die Bedeutung der beiden Töchter: Sie sind nicht einfach zwei von mehreren Kindern, sondern die beiden Trägerinnen der unmittelbaren Zukunft der Familie Riepp.

2. Der Maler: Pierre Bernard Morlot – ein Freund der Familie

Eine der wichtigsten neuen Erkenntnisse betrifft den Maler selbst. Morlot war nicht lediglich ein bezahlter Porträtist. Die Philidor-Recherche bezeichnet ihn ausdrücklich als „peintre dijonnais ami des Riepp“, also als mit den Riepps befreundeten Dijoner Maler. Morlot war bereits 1741 bei der Hochzeit von Karl Joseph Riepp und Anne-Françoise Ève anwesend. Damit erhält die Widmung auf dem Gemälde besondere Bedeutung. Unter den weiteren Anwesenden der Hochzeit befand sich auch der Organist Claude Rameau

Am unteren rechten Bildrand steht: Morlot divione pinxit 1766.
also sinngemäß: „Morlot hat dies 1766 in Dijon gemalt.“

Darunter folgt das persönliche Gedicht:

De ma tendresse, ami, reçois ce foible gage,
Il me feroit beaucoup d'honneur,
Si mon pinceau docile eût rendu ton image,
Comme elle est peinte dans mon cœur.

Sinngemäß: 
„Nimm, mein Freund, dieses schwache Unterpfand meiner Zuneigung an. Es wäre mir eine große Ehre, wenn mein folgsamer Pinsel dein Bildnis so wiedergegeben hätte, wie es in meinem Herzen gemalt ist.“

Das ist keine gewöhnliche Signatur. Das Gemälde wird damit zu einem persönlichen Freundschaftsgeschenk Morlots an Karl Joseph Riepp. Die Beziehung lässt sich sogar über 25 Jahre zurückverfolgen: Morlot war – wie gesagt – schon bei der Eheschließung des Ehepaares 1741 anwesend und wird von Philidor ausdrücklich als Freund der Riepps bezeichnet.

3. Musikalisch im Zentrum: das Cembalo

Lange war die genaue Bedeutung des Tasteninstruments unsicher. Die neuere Recherche des Greifenberger Instituts für Musikinstrumentenkunde führt hier weiter: Das Instrument wird als Cembalo eingeordnet. Gleichzeitig weist das Institut darauf hin, dass der Bau von Cembali im 18. Jahrhundert ein übliches Nebengewerbe von Orgelbauern war. Das Cembalo könnte von Karl Joseph Riepp selbst stammen. Es wäre dann nicht bloß ein kostbares Möbelstück, sondern möglicherweise ein Familienerzeugnis des Vaters, der seine Tochter an einem von ihm selbst gebauten Instrument darstellen lässt.

Das Instrument verbindet damit vier Ebenen:
– musikalische Bildung
– Wohlstand
– die kulturelle Atmosphäre des Hauses
– und möglicherweise unmittelbar den Beruf des Vaters.

Die musizierende Tochter wird also zugleich als gebildete junge Dame und als Tochter eines Orgel- und Instrumentenbauers präsentiert.

4. Rameaus Menuett

Die detaillierte Untersuchung des Notenblatts hat ergeben, dass es sich um ein Menuett von Jean-Philippe Rameau handelt, aus dessen Premier livre de pièces de clavecin. Laut Greifenberger Institut weicht die dargestellte Notation nur unwesentlich vom gedruckten Vorbild ab. Das ist für die Interpretation außerordentlich wichtig. Denn Rameau ist mit Dijon unmittelbar verbunden. Sein Vater Jean Rameau, sein Bruder Claude Rameau und Jean-Philippe selbst standen in der Dijoner musikalischen Tradition; zugleich bestanden nach der Recherche enge Beziehungen zwischen den Familien Rameau und Riepp.

Claude Rameau war ebenfalls bereits 1741 bei der Hochzeit von Karl Joseph Riepp und Anne-Françoise Ève anwesend. (philidor.cmbv.fr)

Das Gemälde zeigt also möglicherweise nicht irgendeine junge Frau mit irgendeinem Musikstück. Es zeigt eine Riepp-Tochter an einem Cembalo mit Musik aus dem unmittelbaren kulturellen Umfeld der Familie. Das macht die Musik auf dem Notenpult zu einem starken dokumentarischen Detail des Gemäldes.

5. Welche Tochter sitzt am Instrument?

Die Philidor- und Miltschitzky-Quelle ermöglicht hier eine interessante, wenn auch noch nicht absolut beweisbare Zuordnung. In seiner Dissertation bezeichnet Miltschitzky die beiden Töchter als Claude und Jeanne-Françoise und den jungen Mann als „vermutlich den künftigen Schwiegersohn Barthélemy Trouvé“. Gleichzeitig heiratete Jeanne-Françoise 1769 tatsächlich Trouvé. Die wahrscheinlichste Identifikation:

  • Jeanne-Françoise Riepp = junge Frau mit den Rosen und dem Mann an ihrer Seite,

  • Barthélemy Trouvé = der Mann mit der Hand auf ihrer Schulter,

  • Claude Riepp = vermutlich die musizierende Tochter.

Das bleibt eine Rekonstruktion, denn Philidor selbst weist die beiden Frauen nicht anhand einer detaillierten Bildbeschreibung eindeutig einzelnen Positionen zu. Das stärkste Indiz ist derzeit die Verbindung Trouvé – Jeanne-Françoise; auch das Alter passt besser, denn Jeanne-Françoise ist die ältere der beiden Töchter.
Dass statt Trouvé der Bruder von Karl Riepp abgebildet ist, ist mehr als unwahrscheinlich, denn der Orgelbauer Rupert Riepp (*26.03.1711, Eldern, †02.05.1749 oder am Tag zuvor in Chagny) starb bereits 17 Jahre vor der Entstehung des Ölgemäldes.

6. Die Hand auf der Schulter: ein Bild der bevorstehenden Ehe?

Der junge Mann legt seine Hand auf die Schulter der jungen Frau. Nachdem seine Identifizierung mit Barthélemy Trouvé wahrscheinlicher geworden ist, gewinnt diese Geste erheblich an Gewicht. Jeanne-Françoise heiratete Trouvé am 24. Oktober 1769 in Dijon. Sie war damals erst 16 Jahre und acht Monate alt; Trouvé war bereits 31 Jahre alt und Advokat.
Damit beträgt der Altersunterschied tatsächlich ungefähr 15 Jahre – genau jener Unterschied, den man im Bild anhand des deutlich älteren bzw. reifer wirkenden Mannes wahrnimmt. Erkennbar ist sogar ein leicht grauer Haaransatz, er lässt Trouvé sichtbar reifer erscheinen als die junge Frau.

Das Bild beweist gleichwohl nicht, dass die beiden 1766 bereits verlobt waren. Miltschitzky nennt das Gemälde zwar ausdrücklich ein „Verlobungsbild?“, setzt aber selbst ein Fragezeichen. Auch die weitere Recherche hat bislang keinen archivalischen Beleg für eine bereits 1766 bestehende Verlobung gefunden. Gesichert ist dagegen:

1766 → Gemälde
1768 → Aussteuer für Jeanne-Françoise dokumentiert
1769 → Hochzeit mit Barthélemy Trouvé.

Die Darstellung könnte also eine bereits angebahnte Verbindung zeigen – aber wir sollten hier im virtuellen Museum von einer möglichen bzw. wahrscheinlichen Verlobungs- oder Heiratsdarstellung sprechen, nicht von einer bewiesenen Verlobung.

7. Die zwei Rosen

Jeanne-Françoise hält zwei Rosen. Eine Rose kann im höfischen und bürgerlichen Porträt des 18. Jahrhunderts für Liebe, Schönheit, Jugend und Ehe stehen. Die Kombination aus:

junger Mann → Hand auf Schulter → junge Frau → zwei Rosen

macht eine Beziehungssymbolik sehr wahrscheinlich.

Eine weitergehende Deutung als Fruchtbarkeit oder Kindersegen ist denkbar, aber nicht beweisbar. Entscheidend ist, dass die Rosen nicht isoliert betrachtet werden sollten: Ihre Bedeutung entsteht aus dem gesamten Gestensystem des Bildes. Und genau hier liegt eine der interessantesten Eigenschaften des Gemäldes.

8. Die ungewöhnliche Hand Karl Joseph Riepps

Karl Joseph Riepps rechte Hand ist auffällig gespreizt. Die Finger greifen optisch in den schwarzen Umhang seiner Frau hinein. Diese Geste ist nicht rein zufällig, sie erzeugt eine körperliche Verbindung:

Karl Joseph Riepp → Anne-Françoise → Tochter am Instrument.

Diese Verbindung wird durch die Hand der Mutter fortgesetzt.

9. Die Hand der Mutter: der vielleicht wichtigste „Zeigefinger“ des Bildes

Anne-Françoise Riepp weist mit ihrem Zeigefinger auf die musizierende Tochter. Zusammen mit der Hand ihres Mannes entsteht dadurch fast eine visuelle Satzstruktur:

Vater → Mutter → Tochter.

Auf der anderen Seite:

junger Mann → junge Frau mit Rosen.

Das Gemälde scheint damit zwei unterschiedliche Lebenswege der Töchter gegenüberzustellen:

Jeanne-Françoise

Liebe – Verbindung – möglicher zukünftiger Ehemann – Rosen – bevorstehende Ehe.

Claude

Musik – Bildung – Cembalo – Rameau – kulturelle Bildung – offenbar noch unverheiratet.

Zugespitzt könnte man für das Gemälde von einer „Heiratsanzeige in Öl“ sprechen. Das Bild könnte dem Betrachter zugleich mitteilen, dass die eine Tochter bereits in eine konkrete familiäre Verbindung eingebunden ist, während die andere als musikalisch gebildete und gesellschaftlich attraktive junge Frau präsentiert wird. Das ist eine Interpretation, aber eine, die durch die Häufung der Bildelemente ungewöhnlich gut gestützt wird.

10. Der Hut der musizierenden Tochter

Nur die musizierende Tochter trägt einen auffälligen Hut. Allein daraus darf man nicht schließen, dass sie ledig sei. Ein Hut konnte im 18. Jahrhundert modische, gesellschaftliche oder individuelle Funktionen haben. Aber im Zusammenhang mit ihrer übrigen Darstellung ist die Besonderheit bemerkenswert: Sie trägt den Hut, sitzt am Instrument und wird durch ihre Tätigkeit als eigenständige, gebildete Persönlichkeit charakterisiert. Der Hut betont ggf. ihre individuelle gesellschaftliche Rolle.

11. Die Halsketten der Töchter – und die Schmucklosigkeit der Mutter

Ein weiteres sehr feines Detail:

Beide Töchter tragen kostbaren Hals- und Haarschmuck, die Männer Halsbinden, die Mutter dagegen keine sichtbare Halskette und keine auffällige Halszier.

Das sollte nicht als Zeichen geringeren Wohlstands verstanden werden. Im Gegenteil: Anne-Françoise Ève war eine wirtschaftlich bemerkenswert selbständige Frau. Seit 1759 verfügte sie über eine „Procuration général“ und konnte während der Abwesenheit ihres Mannes Geschäfte des Weinhandels führen sowie Verträge über Weinberge und Immobilien unterzeichnen. Ihre scheinbare Zurückhaltung in der Kleidung könnte daher geradezu als bewusste matriarchale Selbstpositionierung gelesen werden: Die Töchter werden als junge Frauen repräsentiert, die Mutter als etablierte Hausherrin und wirtschaftlich handlungsfähige Frau. Das ist eine Interpretation – aber eine historisch besonders interessante.

12. Anne-Françoise Ève: mehr als „die Frau hinter Riepp“

Die Biografie macht die Mutterfigur des Gemäldes deutlich spannender. Bereits der Ehevertrag von 1741 ist ungewöhnlich persönlich: Anne-Françoise erklärte darin, dass sie Karl Joseph aus aufrichtiger Zuneigung heiraten wolle, aber nicht nach Deutschland gebracht werden möchte, dessen Sprache sie nicht beherrschte. Riepp versprach seinerseits, in Burgund zu bleiben und ihr ein glückliches und ruhiges Leben zu ermöglichen. Die Ehe erscheint damit nicht lediglich als wirtschaftliche Verbindung.

Auch kulturell war Anne-Françoise in Dijon vernetzt. 1748 ist sie als Patin im Umfeld des Musikers Claude-Anatoile Chauvereiche belegt; der Pate war der Organist Edme Lausserois. Die Frau, die im Gemälde scheinbar still und schmucklos im Zentrum sitzt, war somit wirtschaftlich, familiär und kulturell eine wichtige Akteurin.

13. Das Buch: „Le Magasin des enfans“

Jetzt kommt eine weitere faszinierende Ebene hinzu: Auf dem Instrument bzw. in unmittelbarer Nähe von Jeanne-Françoise Riepp liegt ein Buch. Die auf dem Buch erkennbare Aufschrift („mag des enfans“) lässt sich als Hinweis auf „Le Magasin des enfans“ [heutige Schreibweise: enfants] lesen. Das Werk von Jeanne-Marie Leprince de Beaumont erschien 1756 in London. Der vollständige Titel beschreibt Dialoge einer weisen Gouvernante mit ihren Schülerinnen und verbindet Erziehung, moralische Bildung, Geschichte, Geographie und moralische Erzählungen. (leprincedebeaumont.univ-lorraine.fr)

Das Buch war also kein gewöhnliches Unterhaltungsbuch. Es gehörte in die Welt der Erziehung junger Mädchen – und genau das macht seine Platzierung im Riepp-Porträt so interessant.

14. Die zwei Einmerker im Buch

Die zwei sichtbaren Einmerker sind dabei besonders spannend. Zunächst könnte man meinen, es handle sich um ein Noten- oder Musikbuch. Die räumliche Lage spricht aber eher dagegen: Das Buch liegt näher bei dem jungen Paar als bei der musizierenden Tochter. Wenn es tatsächlich Le Magasin des enfans ist, könnten die beiden Einmerker auf unterschiedliche Abschnitte des Erziehungswerks verweisen.

Der erste Bereich behandelt die moralische Erziehung junger Mädchen und ihre Vorbereitung auf das gesellschaftliche Leben. Die Altersangabe der im Werk angesprochenen Schülerinnen – etwa 12 bis 13 Jahre – passt bemerkenswert gut zum Alter Jeanne-Françoises im Jahr 1766.

Noch aufregender ist der zweite mögliche Bezug: Im Werk findet sich „La Belle et la Bête“ – Die Schöne und das Biest. Das Buch verbindet die Erzählung mit moralischer und erzieherischer Unterweisung. Die Forschung zur Autorin betont ebenfalls die Spannung zwischen Bildung junger Frauen und ihrer Vorbereitung auf Ehe und gesellschaftliches Leben. (thesis.dial.uclouvain.be)

15. „Die Schöne und das Biest“ – ein ungewöhnlich passender Bildbezug?

In der Geschichte muss Belle lernen, hinter dem zunächst fremdartigen und beängstigenden Äußeren der Bestie deren innere Tugenden zu erkennen. Die Beziehung führt schließlich zu Liebe und Ehe. Wenn das aufgeschlagene bzw. markierte Buch tatsächlich Le Magasin des enfans bezeichnet und einer der Einmerker auf diesen Abschnitt verweist, könnte das im Zusammenhang mit dem jungen Paar eine außerordentlich subtile Anspielung auf die Vorbereitung einer jungen Frau auf Ehe und Partnerwahl darstellen.

Und dann passt ein biografisches Detail erstaunlich gut: Jeanne-Françoise war bei ihrer späteren Heirat erst 16 Jahre und acht Monate alt; Barthélemy Trouvé war 31. Der Altersunterschied betrug damit ungefähr 14½ Jahre. Mit dem Motiv – ein deutlich älter wirkender Mann, eine sehr junge Frau und ein Buch über die moralische Vorbereitung junger Mädchen auf die Ehe – ergibt dadurch eine bemerkenswerte Verbindung.

Das Buch kann als starkes ikonographisches Indiz interpretiert werden; ein direkter Nachweis, dass Morlot mit den beiden Einmerkern genau auf die Geschichte von Belle und dem Biest hinweisen wollte, liegt bislang nicht vor.

16. Die runde Vertiefung am Instrument

Rechts neben der Klaviatur befindet sich eine auffällige runde, leicht vertiefte Form. Es könnte sich um eine Mulde bzw. Ablagevorrichtung handeln. Historische Tasteninstrumente konnten tatsächlich über Vorrichtungen zur Aufnahme von Kerzen verfügen. Vergleichsinstrumente des 18. Jahrhunderts besitzen seitliche Kerzenablagen oder klappbare Kerzenhalter.

Vorsichtig formuliert: „Rechts neben der Klaviatur ist eine runde, leicht vertiefte Vorrichtung zu erkennen, deren ursprüngliche Funktion nicht eindeutig geklärt ist. Vergleichbare historische Tasteninstrumente besaßen Vorrichtungen für Kerzen; möglicherweise diente die Vertiefung zur Aufnahme eines Leuchters.“

17. Das Stimmhorn – ein kleines, aber bedeutendes Detail

Am rechten Bildrand befindet sich ein Stimmhorn. Es gehört damit in die musikalische Welt des Gemäldes, verweist auf den Orgelbau und ist zugleich ein schönes Beispiel dafür, wie genau Morlot offenbar Gegenstände beobachtete. Das Instrument bzw. seine musikalischen Requisiten sind keine bloße Staffage: Gemeinsam mit Noten, Cembalo, Buch und dem musikalischen Umfeld der Familie entsteht ein geschlossenes kulturelles Milieu.

18. Das Briefpapier: der Schlüssel zum ganzen Gemälde

Der vielleicht wichtigste Gegenstand befindet sich rechts unten. Das Briefpapier trägt nicht nur die Signatur und das Datum des Malers. Morlot schreibt dort ausdrücklich, dass er das Bild seinem „ami“, seinem Freund, widmet. Damit wird das Gemälde zugleich:
– Familienporträt,
– gesellschaftliche Selbstdarstellung,
– musikalisches Dokument,
– Dokument der Freundschaft,
– und persönliches Geschenk.

Die Tatsache, dass Morlot bereits 1741 bei der Hochzeit der Riepps anwesend war und später ausdrücklich als Freund der Familie bezeichnet wird, macht diese Widmung besonders glaubwürdig.

19. Rameau und Morlot verbinden sich über 1741

Hier schließt sich ein besonders schöner Kreis:

1741
– Karl Joseph Riepp heiratet Anne-Françoise Ève
– Pierre Bernard Morlot ist anwesend
– Claude Rameau ist anwesend.

1766
– Morlot malt das Familienbild
– Auf dem Cembalo erscheint ein Menuett von Jean-Philippe Rameau
– Die Familie wird in einem musikalischen Milieu dargestellt

Das ist weit mehr als eine zufällige Ansammlung von Namen. Das Gemälde wird dadurch zu einem visuellen Zeugnis des Dijoner Musik- und Freundschaftsnetzwerks, in dem sich Riepp, Morlot und die Familie Rameau bewegten.

20. Karl Joseph Riepp: Orgelbauer und Unternehmer

Das Familienbild zeigt Riepp – anders als im Einzelportrait von 1774 (gemalt in Salem, vermutlich von Andreas Brugger) – nicht mit einer Orgel oder einem Weinberg. Trotzdem gehört seine berufliche Identität zum Verständnis des Bildes. Er war einer der bedeutenden Orgelbauer Frankreichs, baute unter anderem die große Orgel von Saint-Bénigne in Dijon und war zugleich ein erfolgreicher Weinunternehmer. Philidor beschreibt ihn ausdrücklich als Orgelbauer und Burgunderweinhändler. (philidor.cmbv.fr)

Seine wirtschaftliche Stellung erklärt den aufwändigen Rahmen des Familienporträts, die kostbare Kleidung, den Schmuck und das repräsentative Instrument. Interessant ist außerdem, dass Riepp schon früh für die Abtei Cîteaux arbeitete. Dadurch entsteht ein mögliches Netzwerk:

Riepp → Cîteaux → Generalabt François Trouvé → dessen Neffe Barthélemy Trouvé.

Das beweist nicht, dass Riepp Trouvé auf diesem Weg kennenlernte. Es zeigt aber, dass zwischen beiden Familien ein realer institutioneller Berührungspunkt existierte.

21. Die Familie Riepp als europäisches Netzwerk

Das Bild zeigt damit nicht nur eine Familie, sondern eine Familie, die tief in europäische Netzwerke eingebunden war:

Ottobeuren – Dole – Dijon – Burgund – Cîteaux – Salem – Musik – Orgelbau – Weinhandel.

Karl Joseph Riepp war in Ottobeuren geboren, arbeitete in Frankreich und Deutschland als Orgelbauer, etablierte sich in Dijon, handelte mit Burgunderwein und unterhielt Beziehungen zu Klöstern und kirchlichen Institutionen.

Seine Frau Anne-Françoise stammte aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie in Dole und verfügte später selbst über weitreichende wirtschaftliche Vollmachten.

Die Töchter erhielten eine repräsentative musikalische und gesellschaftliche Darstellung.

Der Maler Morlot war ein Freund der Familie.

Und über Claude Rameau führt eine direkte Verbindung in die musikalische Welt Dijons.

22. Die vielleicht tiefste Aussage des Bildes: Zukunft

Wenn man alle Details zusammennimmt, scheint das Gemälde weniger von der Vergangenheit als von der Zukunft der Familie zu handeln.

Die Eltern stehen für die bereits erreichte gesellschaftliche und wirtschaftliche Position. Die beiden Töchter stehen für die nächste Generation.

Die eine:
Jeanne-Françoise – Rosen – junger Mann – mögliche Heiratsverbindung – Buch über Erziehung und Ehe.

Die andere:
Claude – Cembalo – Rameau – musikalische Bildung – Eigenständigkeit.

Die Mutter weist auf die musizierende Tochter.

Der Vater verbindet sich körperlich mit seiner Frau.

Der junge Mann verbindet sich körperlich mit der anderen Tochter.

Und Morlot stellt mit seinem Gedicht seine persönliche Beziehung zum Familienoberhaupt heraus.

Das gesamte Bild lässt sich daher tatsächlich auch als ein „Beziehungsdiagramm in Öl lesen.

23. Was ist gesichert – und was bleibt Interpretation?

Sehr gut belegt

– Morlot malte das Bild 1766 in Dijon
– Karl Joseph Riepp, Anne-Françoise Ève und ihre beiden überlebenden Töchter gehören zum dargestellten Familienkreis
– Morlot war mit den Riepps befreundet
– Morlot war bereits 1741 bei der Hochzeit der Eltern anwesend
– Das Instrument wird als Cembalo eingeordnet
– Das Notenblatt lässt sich dem Menuett aus Rameaus Premier livre de pièces de clavecin zuordnen
– Jeanne-Françoise heiratete 1769 Barthélemy Trouvé
– Trouvé war bei der Hochzeit 31, Jeanne-Françoise 16 Jahre und acht Monate alt
– Anne-Françoise besaß seit 1759 eine weitreichende wirtschaftliche Vollmacht
– Die Familie hatte zehn Kinder; nur Claude und Jeanne-Françoise überlebten

Sehr wahrscheinlich

– Der junge Mann auf dem Bild ist Barthélemy Trouvé
– Die von ihm berührte Tochter ist Jeanne-Françoise
– Die musizierende Tochter ist Claude
– Die beiden Rosen gehören zur Darstellung der Beziehung zwischen Jeanne-Françoise und Trouvé
– Das Cembalo könnte aus Riepps Werkstatt stammen
– Die runde Vertiefung am Instrument könnte eine Vorrichtung für einen Kerzenhalter sein
– Das Buch könnte „Le Magasin des enfans“ sein.

Faszinierende, aber offene Deutungen

– Das Bild könnte ein Verlobungs- bzw. Anbahnungsbild sein
– Die beiden Einmerker könnten bewusst auf Erziehung, Ehe und La Belle et la Bête verweisen
– Das Buch könnte eine direkte Botschaft an Jeanne-Françoise enthalten
– Die Handgesten könnten bewusst die beiden unterschiedlichen Lebenswege der Töchter erzählen
– Das Bild könnte – überspitzt formuliert – eine gesellschaftliche Präsentation der noch unverheirateten Claude darstellen

24. Eine neue Gesamtlesart

Bei dem Ölgemälde handelt es sich nicht lediglich um ein „Familienbild des Orgelbauers Karl Joseph Riepp“. Es ist vielmehr ein außergewöhnlich dichtes Dokument der bürgerlichen Kultur Dijons um 1766:

Ein erfolgreicher Orgelbauer und Weinunternehmer präsentiert seine Familie; seine Frau erscheint als wirtschaftlich selbständige Partnerin, die eine Tochter zur Musik weist; diese Tochter musiziert Rameau auf einem kostbaren Cembalo, möglicherweise aus der Werkstatt des Vaters; die andere Tochter wird mit Rosen und dem mutmaßlichen künftigen Ehemann gezeigt; ein pädagogisches Buch verweist möglicherweise auf die Erziehung junger Frauen und die Vorbereitung auf die Ehe; und der Maler selbst erklärt das ganze Werk in einer persönlichen Widmung als Ausdruck seiner Freundschaft zu Riepp.

Damit wird aus dem Bild tatsächlich eine Art „Familiengeschichte in verschlüsselten Details“.

Und gerade die Tatsache, dass nicht jedes Detail endgültig entschlüsselt werden kann, macht das Gemälde für das virtuelle Museum besonders reizvoll: Der Besucher kann nachvollziehen, wie aus Beobachtung, Quellenforschung und vorsichtiger Interpretation ein immer dichteres Verständnis entsteht.

Zum Schluss ein „kleiner Detektivsatz“:

Wer dieses Gemälde nur als Familienbild betrachtet, sieht fünf Menschen. Wer genauer hinsieht, entdeckt ein Netzwerk: Vater und Mutter, zwei Töchter, einen möglichen künftigen Schwiegersohn, einen befreundeten Maler, Rameaus Musik, ein pädagogisches Buch, Rosen, Hände, einen möglichen Kerzenhalter, ein Stimmhorn und eine persönliche Widmung. Zusammen erzählen sie nicht nur, wer die Riepps waren – sondern auch, wie sie leben, was sie schätzten und welche Zukunft sie sich für ihre Familie vorstellten.

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Die Gesamtbiografie der Riepp-Familie hier nun als Familiengeschichte über mehrere Generationen und mit drei Hauptlinien:

  1. Die Ottobeurer Herkunft – Martin Riepp, Eldern, Rupert und Karl Joseph.

  2. Die französische Lebensphase – Dole, Anne-Françoise Ève, Dijon, Orgelbau, Weinhandel, Cîteaux und die kulturellen Netzwerke.

  3. Die nächste Generation – die zehn Kinder, die beiden überlebenden Töchter Claude und Jeanne-Françoise, Barthélemy Trouvé und die weitere Familiengeschichte.

Gerade die Philidor-Quelle bietet dafür eine außergewöhnlich gute Grundlage, weil sie nicht nur Eckdaten, sondern konkrete Taufen, Hochzeiten, Patenschaften und Todesfälle überliefert.

Hier nun ein biographischer Teil:

Die Familie Riepp

Von Eldern nach Dijon – eine oberschwäbisch-burgundische Familiengeschichte

Eine Familie zwischen Ottobeuren, Dijon, Orgelbau, Musik und Wein

Die Geschichte der Familie Riepp ist eine außergewöhnliche europäische Familiengeschichte des 18. Jahrhunderts. Sie beginnt im kleinen oberschwäbischen Eldern bei Ottobeuren und führt über Dole und Dijon bis in die bedeutenden Klöster und Weinlagen Burgunds.

Im Mittelpunkt steht Karl Joseph Riepp (1710–1775), einer der bedeutendsten Orgelbauer seiner Zeit. Doch sein Aufstieg lässt sich nur verstehen, wenn man die Familie als Ganzes betrachtet: seinen Vater Martin Riepp, seinen Bruder Rupert, seine Ehefrau Anne-Françoise Ève, die beiden überlebenden Töchter Jeanne-Françoise und Claude sowie schließlich den Schwiegersohn Barthélemy Trouvé.

Die Familie steht beispielhaft für eine Epoche, in der handwerkliches Können, Mobilität, wirtschaftlicher Unternehmergeist, kirchliche Netzwerke und familiäre Verbindungen sozialen Aufstieg ermöglichten.

I. Die erste Generation: Martin Riepp und das Umfeld von Eldern

Martin Riepp – Schneider und Mesner

Karl Joseph Riepp wurde am 24. Januar 1710 in Eldern, dem Wallfahrtsort unmittelbar bei Ottobeuren, geboren.

Sein Vater war Martin Riepp (1668–1733), Schneider und zugleich über Jahrzehnte Mesner der Wallfahrtskirche Maria Eldern. Seine Mutter war Barbara Bertler, in französischen Quellen als „Barbe Bercholerine“ bezeichnet.

Martin Riepp war mehrfach verheiratet. Aus seinen drei Ehen gingen zahlreiche Kinder hervor; die Quellen nennen insgesamt 15 bzw. 14 Geschwister und Halbgeschwister Karl Josephs.

Damit stammte Karl Joseph keineswegs aus einer etablierten französischen oder aristokratischen Familie. Seine Herkunft war vielmehr kleinbürgerlich-handwerklich und kirchennah. Gerade darin liegt ein wichtiger Ausgangspunkt für seine spätere Lebensgeschichte.

Josef Miltschitzky hat für seine Dissertation (2012) zu den Anfängen Folgendes zusammengetragen:

Der in Linggen bei Durach geborene Schneider und spätere Mesner Martin Riepp (06.02.1668 – 08.09.1733) heiratet am 22.04.1694 die verwitwete Mesnerin von Eldern, Anna Maria Fergg oder Förgg(in). Nach deren frühem Tod am 3. 8. 1695 ehelicht Martin Riepp bereits am 25.10.1695 in Eldern seine zweite Gattin Magdalena (Maria), geborene Waldvoglin oder Waldmöglin aus Aitrang.
Nach ihrem Tode am 11.01.1708 „an Geburt“ heiratet der zweifache Witwer, dem aus den drei Ehen insgesamt 15 Kinder geschenkt worden sind, am 14.07.1708 Barbara Bertlerin (Bertele, Bertler) aus Börwang bei Haldenwang, die im 1695 erbauten und heute noch bestehenden alten Meßmerhaus am 24.01.1710 Carl Joseph und am 26.03.1711 seinen Bruder Rupertus zur Welt bringt.

Die Kirche von Eldern als Ausgangspunkt

Für Karl Joseph und seinen jüngeren Bruder Rupert Riepp (1711 - 1749) wurde die Wallfahrtskirche Maria Eldern entscheidend. In der Nähe der Familie wirkte der Benediktiner Pater Christoph Vogt OSB, Architekt des barocken Neubaus der Abtei Ottobeuren und zugleich Orgelbauer. Auch der Orgelbauer Jörg Hofer war in Ottobeuren tätig.

Die heutige Darstellung der Pfarrei Ottobeuren sieht in diesem Umfeld den Ausgangspunkt für das Interesse der beiden Brüder am Orgelbau. Eine Lehre bei Jörg Hofer wird als wahrscheinlich, aber nicht vollständig dokumentiert bezeichnet. (pg-ottobeuren.de)

So führt bereits die erste Generation der Familiengeschichte zu einem Motiv, das später immer wiederkehrt:

Kirche → Musik → Orgelbau → soziale Kontakte.

Die berufliche Laufbahn Karl Josephs entstand also nicht zufällig. Sie wuchs gewissermaßen aus der kirchlich-musikalischen Welt seiner Heimat.

II. Die zweite Generation: Karl Joseph und Rupert Riepp

Zwei Brüder gehen nach Frankreich

Karl Joseph und sein jüngerer Bruder Rupert erlernten gemeinsam das Orgelbauerhandwerk.

Nach ihren Wanderjahren verließen sie Oberschwaben und gelangten nach Frankreich. Die Philidor-Datenbank nennt für Karl Joseph bereits 1737/38 Besançon als einen seiner ersten belegten französischen Wirkungsorte. (philidor.cmbv.fr)

Die Brüder arbeiteten zunächst gemeinsam und gründeten schließlich in Dole eine eigene Werkstatt.

Damit vollzog sich der entscheidende Schritt:

Aus zwei Handwerkern aus dem Umfeld Ottobeurens wurden mobile europäische Fachleute, die ihre Kenntnisse dort einsetzten, wo bedeutende Orgelprojekte vergeben wurden.

Karl Joseph Riepp und die französische Orgelwelt

Riepp erhielt bald bedeutende Aufträge.

Zu seinen frühen Arbeiten gehörte die Orgel der Benediktinerabtei Saint-Vincent in Besançon. Es folgten Arbeiten in Dole und Dijon sowie später in zahlreichen anderen Orten Burgunds, der Franche-Comté und Süddeutschlands. (philidor.cmbv.fr)

Besonders bedeutend wurde sein Auftrag für die große Orgel der Benediktinerabtei Saint-Bénigne in Dijon.

Damit war Riepp in eine völlig neue gesellschaftliche Welt aufgestiegen: Der Sohn eines Schneiders und Mesners aus Eldern wurde zum gesuchten Orgelbauer großer französischer Kirchen und Klöster.

Rupert Riepp – der Bruder und Partner

Rupert blieb zunächst eng mit Karl Joseph verbunden.

Die Brüder arbeiteten gemeinsam an Orgelprojekten und führten ihre Werkstatt zusammen. Rupert starb jedoch bereits 1749, vermutlich im Alter von etwa 38 Jahren. Karl Joseph war bei seiner Beerdigung in Chagny anwesend. Der frühe Tod seines Bruders bedeutete einen tiefen Einschnitt.

Von nun an lag die weitere Entwicklung des Unternehmens und der Familie im Wesentlichen in Karl Josephs Händen. Später wurde ein Neffe, Joseph Rabiny, zu einem wichtigen Vertreter der nächsten Generation des Orgelbaus. Philidor nennt Rabiny als späteren Werkstattnachfolger bzw. als einen derjenigen, die nach Riepps Tod die Pflege seiner Instrumente übernahmen. (philidor.cmbv.fr)

Damit reicht die Geschichte des Rieppschen Orgelbaus über Karl Joseph selbst hinaus.

III. Die Ehe mit Anne-Françoise Ève

Eine Verbindung nach Dole

Am 18. April 1741 heiratete Karl Joseph Riepp in Dole Anne-Françoise Ève (1718–1779).

Sie stammte aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie in Dole. Diese Ehe war für Riepp nicht nur persönlich, sondern auch sozial bedeutsam. Er verband sich mit einer etablierten französischen Familie. Bemerkenswert ist der überlieferte Ehevertrag vom 4. April 1741. Anne-Françoise erklärte darin ausdrücklich, dass sie Riepp trotz ihrer aufrichtigen Zuneigung nur unter der Bedingung heiraten wolle, dass er sie nicht nach Deutschland mitnehme – in ein Land, dessen Sprache sie nicht verstand. Riepp versprach daraufhin, in Burgund zu bleiben und ihr ein glückliches und ruhiges Leben zu ermöglichen. Dieser Vertrag gehört zu den besonders menschlichen Dokumenten der Riepp-Geschichte.

Er zeigt keine bloße Vernunftehe, sondern zumindest nach dem Wortlaut des Vertrags eine Verbindung, die ausdrücklich mit „affection sincère“, aufrichtiger Zuneigung, begründet wurde.

IV. Dole und Dijon – die Familie entsteht

Am 3. März 1742 wurde das erste Kind, Charles-Robert-Joseph, in Dole geboren. Ende 1742 oder Anfang 1743 zog die Familie nach Dijon. Dort wurden zwischen 1743 und 1764 weitere neun Kinder in der Pfarrei Saint-Philibert getauft.

Insgesamt hatte das Ehepaar zehn Kinder. Doch die Familie wurde von der Kindersterblichkeit des 18. Jahrhunderts schwer getroffen. Nur zwei Kinder erreichten das Erwachsenenalter:

  • Jeanne-Françoise Riepp (1753 - 1802)

  • Claude Riepp (1754 - 1812)

Diese Tatsache ist für das Familienbild von 1766 von größter Bedeutung. Das Gemälde zeigt nicht einfach zwei Töchter aus einer großen Familie. Es zeigt die beiden einzigen überlebenden Kinder.

Damit bekommt die ungewöhnlich prominente Darstellung der Mädchen eine zusätzliche emotionale und dynastische Bedeutung.

V. Anne-Françoise Ève – eine ungewöhnlich selbständige Frau

Eine der interessantesten Erkenntnisse der neueren Forschung betrifft die Mutter.

Anne-Françoise war nicht lediglich Ehefrau und Mutter.

Seit 16. Mai 1759 verfügte sie über eine „Procuration général“. Damit konnte sie während der teilweise monatelangen Abwesenheit ihres Mannes Geschäfte des Weinhandels führen und Verträge über Weinberge und Immobilien unterzeichnen. Die Weinbauquelle geht noch weiter: Anne-Françoise war während Riepps Abwesenheit für die Weinproduktion zuständig und konnte selbständig Rebparzellen erwerben.

Das verändert unseren Blick auf die Frau im Familienporträt erheblich. Die zentral platzierte, scheinbar zurückhaltende Frau war in Wirklichkeit eine wirtschaftlich handlungsfähige Mitträgerin des Familienunternehmens.

VI. Riepp wird Franzose – und Unternehmer

Karl Joseph Riepps Aufstieg vollzog sich nun in mehreren Stufen.
1747 erhielt er das französische Bürgerrecht.
1748 wurde er in die Dijoner Gilde der Weinhändler aufgenommen.

Das ist ein entscheidender Wendepunkt. Riepp war nicht mehr nur ein auswärtiger Orgelbauer. Er war nun:

– französischer Bürger
– etablierter Dijoner Handwerker und Unternehmer
– Orgelbauer bedeutender Kirchen
– und zunehmend Weinhändler.

Seine berufliche Welt wurde dadurch zweigeteilt: Orgelbau und Wein.

VII. Das zweite wirtschaftliche Standbein: Burgunderwein

Riepp erkannte früh die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Burgunderweins. Die „Weinquelle berichtet, dass er Johann Andreas Silbermann bereits 1755 erzählt habe, mit dem Weinhandel mehr zu verdienen als mit dem Orgelbau. Riepp investierte seine Gewinne in Weinberge:

1763 erwarb er ein fünf Hektar großes Weingut in Spitzenlagen bei Vosne und oberhalb des Clos de Vougeot.

Bis 1772 besaß das Ehepaar Riepp rund zwölf Hektar Rebfläche in den besten Lagen der Côte de Nuits und erzeugte rund 520 Hektoliter eigenen Wein.

Heute gehören Teile dieser Gebiete zu den berühmtesten Weinlagen Burgunds. Damit war aus dem einstigen Handwerkersohn ein Großgrundbesitzer und erfolgreicher Unternehmer geworden.

VIII. Ein europäisches Handelsnetz

Riepps Weinhandel reichte weit über Dijon hinaus. Seine Weine gelangten insbesondere zu süddeutschen Klöstern. Dabei konnte er auf familiäre und geschäftliche Netzwerke zurückgreifen:

Seine Schwester Magdalena Riepp war mit dem Ottobeurer Weinhändler Johannes Danner verheiratet. Dessen Schwiegersohn Johannes Philipp Bazer war ebenfalls Weinhändler. Über diese Verbindung konnten Riepps Weine bis nach München vertrieben werden. Auch Anne-Françoises Familie spielte eine Rolle: Ihr Cousin Ernest Marchand war Privatsekretär des Salemer Abtes Anselm II. Damit verbanden sich die verschiedenen Welten:

Familie – Handel – Klöster – Wein – Orgelbau.

IX. Riepp und die Klöster

Riepps kirchliche Kontakte waren besonders weitreichend. Er arbeitete für bedeutende geistliche Institutionen, darunter Cîteaux, Salem und Ottobeuren. Seine Beziehung zu Cîteaux reicht in eine frühe Phase seiner Tätigkeit zurück. Besonders eng wurde die Verbindung zu Salem. Riepp lieferte dorthin nicht nur Wein, sondern auch andere Waren und sogar Reben. Damit verband er sein Orgelbaugeschäft mit seinen Handelsinteressen. Sein berufliches Netzwerk war daher ungewöhnlich weit:

Dijon – Dole – Cîteaux – Salem – Ottobeuren – Süddeutschland.

X. Karl Joseph Riepp und Ottobeuren

Für Ottobeuren besitzt diese Familiengeschichte eine besondere Bedeutung. Bereits 1754 begann Riepp mit dem Chororgelprojekt der Benediktinerabtei Ottobeuren. 1766, im Jahr des Familienporträts, waren die beiden heute noch weitgehend erhaltenen Chororgeln fertiggestellt worden (der viermanualigen Dreifaltigkeitsorgel auf der Epistelseite und der zweimanualigen Heilig-Geist-Orgel auf der Evangelienseite; laut Miltschitzky wurden die Arbeiten am 29. September 1766 abgeschlossen – und damit praktisch zeitgleich mit der Einweihung der Abteikirche). (Für den Bau der Hauptorgel fehlten der Abtei die finanziellen Ressourcen.)

Das bedeutet: Das Familienporträt von 1766 entstand genau in dem Jahr, in dem Riepp eines seiner bedeutendsten Werke in seiner oberschwäbischen Heimat vollendet hatte.

Sein Leben schien sich zu diesem Zeitpunkt zu schließen:

– geboren in Eldern
– aufgestiegen in Frankreich
– erfolgreich in Dijon
– wohlhabender Weinunternehmer
– bedeutender Orgelbauer
– und nun vollendete er die großen Chororgeln der Heimatabtei Ottobeuren.

Das Familienbild entstand somit auf dem Höhepunkt seines Lebenswerks.

XI. Die Familie Riepp und die Familie Rameau

Ein besonders schönes Kapitel der Familiengeschichte ist die Verbindung zu den Rameaus. Bei der Hochzeit von Karl Joseph Riepp und Anne-Françoise Ève im Jahr 1741 war der Organist Claude Rameau anwesend. Claude war Bruder des berühmten Komponisten Jean-Philippe Rameau. Auf dem Familienbild von 1766 ist nun auf dem Cembalo ein Menuett von Jean-Philippe Rameau zu erkennen. Die Untersuchung des Greifenberger Instituts ordnet das Stück dem Premier livre de pièces de clavecin zu. Damit begegnen sich auf dem Gemälde zwei Familiengeschichten:

Riepp – Rameau.

Und zwar nicht nur abstrakt, sondern über konkrete Personen und ein konkretes Musikstück. Die musizierende Tochter sitzt damit gleichsam mitten in einem Dijoner Musiknetzwerk, das bereits 25 Jahre zuvor bei der Hochzeit ihrer Eltern sichtbar war.

XII. Die beiden Töchter

Jeanne-Françoise Riepp

Geboren: 16. Februar 1753
Gestorben: 22. August 1802

Jeanne-Françoise war die ältere der beiden überlebenden Töchter. 1766 war sie erst etwa 13 Jahre alt. Drei Jahre später, am 24. Oktober 1769, heiratete sie in Dijon Barthélemy Trouvé.

Trouvé war damals 31 Jahre alt und Advokat. Er stammte aus einer angesehenen Juristenfamilie und war Neffe von Dom François Trouvé, dem Generalabt von Cîteaux. Später bekleidete er weitere hohe Ämter. Die Verbindung war deshalb auch gesellschaftlich bemerkenswert.

Claude Riepp

Geboren: 6. Oktober 1754
Gestorben: 29. Januar 1812

Claude war nur rund 19 Monate jünger als Jeanne-Françoise. Nach Miltschitzkys Angaben blieb sie unverheiratet. Gerade diese spätere Lebensgeschichte ist für die Interpretation des Familienbildes interessant. Denn auf dem Gemälde scheint Claude tatsächlich als diejenige Tochter dargestellt zu sein, die nicht durch einen Partner, sondern durch Musik und Bildung charakterisiert wird.

Das ist zwar keine sichere Aussage über die Absicht des Malers – aber biografisch ergibt sich eine erstaunliche Übereinstimmung.

XIII. Barthélemy Trouvé – vom „Fremden“ zum Familienmitglied

Die Anwesenheit Trouvés auf dem Bild von 1766 bleibt eines der großen Rätsel. Denn Jeanne-Françoise war damals erst 13 Jahre alt. Die Hochzeit erfolgte erst 1769. Miltschitzky bezeichnet den jungen Mann deshalb vorsichtig als:

„vermutlich den künftigen Schwiegersohn Barthélemy Trouvé“

und das Gemälde als: „Verlobungsbild?“

Ein direkter Beweis für eine Verlobung im Jahr 1766 fehlt. Aber die Indizien sind bemerkenswert:

– Trouvé erscheint bereits 1766 im Familienporträt
– Seine Hand liegt auf der Schulter der jungen Frau
– Die junge Frau hält Rosen
– 1768 wird eine Rente ausdrücklich als Aussteuer für Jeanne-Françoise erworben
– 1769 heiratet sie Trouvé

Hinzu kommt das Cîteaux-Netzwerk: Riepp arbeitete mit Cîteaux; Trouvés Onkel war Generalabt von Cîteaux. Ein direkter Nachweis, dass diese Verbindung die Bekanntschaft vermittelte, fehlt zwar. Als Netzwerkhypothese ist sie jedoch ausgesprochen interessant.

XIV. Die dritte Generation: die Familie Trouvé-Riepp

Die Ehe von Jeanne-Françoise und Barthélemy Trouvé führte die Riepp-Familie in eine neue Generation. Am 9. November 1770, nur rund ein Jahr nach der Hochzeit, wurde ihr erster Sohn Léon-François Trouvé getauft. Pate war der Großvater väterlicherseits, Léon Trouvé. Patin war Anne-Françoise Riepp, die Großmutter mütterlicherseits. Bemerkenswert ist ihre Unterschrift: „eve riepp“

Sie verband damit ihren Geburts- und Ehenamen. Das ist ein kleines, aber außergewöhnlich schönes Dokument der Familiengeschichte. Anne-Françoise war nun nicht mehr nur Mutter Jeanne-Françoises, sondern Großmutter der nächsten Generation.

XV. Barthélemy Trouvé bleibt der Familie verbunden

Trouvé verschwand nach der Hochzeit nicht aus dem Leben der Riepps. Im Gegenteil: Als Karl Joseph Riepp am 5. Mai 1775 starb, gehörte sein Schwiegersohn Barthélemy Trouvé zu den Zeugen bzw. Unterzeichnern des Sterbeeintrags. Als Anne-Françoise am 2. Januar 1779 starb, war Trouvé bei ihrer Beisetzung anwesend.

Damit erscheint Trouvé in den Quellen nicht nur als „zukünftiger Schwiegersohn“ des Familienbildes, sondern als dauerhaft in die Familie integriertes Mitglied.

XVI. Das Ende der Rieppschen Weinwirtschaft

Karl Josephs wirtschaftlicher Erfolg war allerdings nicht dauerhaft. Nach seinem Tod 1775 wurden die Weinberge schließlich von den Erben veräußert. Lediglich das Haus in Vosne blieb zunächst in Familienbesitz. Neuere Forschungen weisen sogar auf finanzielle Schwierigkeiten und spätere juristische Auseinandersetzungen nach dem Tod beider Ehepartner hin. Die Académie des Sciences, Arts et Belles-lettres de Dijon berichtet, dass die Nachlass- und Finanzfragen die Dijoner Justiz noch bis 1783 beschäftigten.

Damit bekommt die Geschichte einen bemerkenswerten Spannungsbogen:

Aufstieg → Wohlstand → Höhepunkt → Tod → wirtschaftlicher Niedergang.

Das Familienporträt von 1766 hält somit nicht irgendeinen Zeitpunkt fest, sondern wahrscheinlich den Höhepunkt der Rieppschen Erfolgsgeschichte.

XVII. Das zweite Riepp-Porträt von 1774

Acht Jahre nach dem Familienbild entstand ein weiteres Porträt Karl Joseph Riepps, 1774 in Salem, vermutlich von Andreas Brugger.

Dieses Bild erzählt eine ganz andere Geschichte. Riepp erscheint dort mit:

– der Salemer Orgel
– einem Rebstock mit Trauben
– einer Kristallkaraffe mit Rotwein
– und einem Stimmhorn

Damit werden seine drei großen Lebensbereiche ausdrücklich nebeneinandergestellt:

Orgelbau – Weinbau – Weinhandel.

Die beiden Porträts lassen sich deshalb als Gegenstücke lesen:

Familienbild 1766

Einzelporträt 1774

Karl Joseph als Familienvater

Karl Joseph als Unternehmer

Ehefrau und Töchter

berufliche Lebensleistung

Musik und Bildung

Orgelbau

familiäre Zukunft

wirtschaftlicher Erfolg

gesellschaftliches Netzwerk

berufliches Netzwerk

Diese Gegenüberstellung ist eine Interpretation, aber sie zeigt sehr schön, wie unterschiedlich Riepp sich darstellen ließ.

XVIII. Die Riepps als europäische Familie

Wenn man die Familiengeschichte über die Generationen hinweg betrachtet, ergibt sich ein ungewöhnliches geografisches Dreieck:

Eldern / Ottobeuren

Herkunft, Familie, Kirche, erste Begegnung mit dem Orgelbau 

Dole

Wanderjahre, eigene Werkstatt, Ehe mit Anne-Françoise Ève 

Dijon

dauerhafter Lebensmittelpunkt, Orgelbau, französisches Bürgerrecht, Weinhandel, gesellschaftlicher Aufstieg

und von dort aus: Cîteaux – Salem – Ottobeuren – Dole – Süddeutschland – Burgund.

Die Familie Riepp war damit im 18. Jahrhundert Teil eines europäischen Netzwerks von Musikern, Orgelbauern, Künstlern, Kaufleuten, Klöstern und Juristen.

XIX. Drei Generationen – drei Hauptlinien

Für das virtuelle Museum würde ich die Familiengeschichte deshalb tatsächlich in den von Ihnen vorgeschlagenen drei Hauptlinien präsentieren:

1. Linie: Herkunft und Orgelbau

Martin Riepp → Karl Joseph und Rupert → Rieppsche Orgelbau-Tradition

Die Geschichte beginnt im Mesnerhaus von Eldern und führt über die Brüder Karl Joseph und Rupert nach Frankreich. Sie erzählt von Handwerk, Mobilität und dem Aufstieg eines oberschwäbischen Orgelbauers zu einem europäischen Meister.

2. Linie: Familie, Dijon und wirtschaftlicher Aufstieg

Karl Joseph Riepp + Anne-Françoise Ève → zehn Kinder → Jeanne-Françoise und Claude

Hier steht die Familie selbst im Mittelpunkt. Die Ehe mit Anne-Françoise verbindet den aus Eldern stammenden Orgelbauer mit einer wohlhabenden Familie aus Dole. In Dijon entsteht ein wohlhabender Haushalt. Anne-Françoise wird zur wirtschaftlich selbständigen Partnerin.

Die Familie baut Weinberge auf. Die beiden Töchter werden zu Trägerinnen der Familienzukunft. Und 1766 entsteht Morlots großes Familienporträt.

3. Linie: Die nächste Generation und gesellschaftliche Vernetzung

Jeanne-Françoise → Barthélemy Trouvé → Léon-François Trouvé

Die Hochzeit von Jeanne-Françoise mit Barthélemy Trouvé verbindet die Riepp-Familie mit einem angesehenen juristischen und kirchlichen Netzwerk.

Der erste Enkel Léon-François wird 1770 geboren. Anne-Françoise wird Patin. Trouvé steht später beim Tod beider Schwiegereltern als Zeuge an der Seite der Familie. Damit wird aus dem möglichen „künftigen Schwiegersohn“ des Familienbildes ein tatsächliches Mitglied der Familie.

XX. Und damit schließt sich der Kreis zum Gemälde

Das ist vielleicht der schönste Gedanke für den Museumsbeitrag: Das Familienbild von 1766 zeigt nicht nur eine Familie – es zeigt den Augenblick, in dem sich eine Familie auf ihre Zukunft vorbereitet.

Karl Joseph und Anne-Françoise stehen für die erste erfolgreiche Generation in Burgund. Jeanne-Françoise und Claude stehen für die nächste. Barthélemy Trouvé steht möglicherweise bereits für die Verbindung in die nächste gesellschaftliche Welt.

Drei Jahre später wird aus dem Bildmotiv eine tatsächliche Ehe. Ein Jahr danach wird der erste Enkel geboren. Und Anne-Françoise, die auf dem Gemälde mit ihrem Finger auf eine ihrer Töchter weist, wird schließlich selbst Großmutter.

Schlussbemerkung

Das Gemälde von 1766 hält mehr fest als das Aussehen einer wohlhabenden Familie. Es bewahrt einen Augenblick zwischen zwei Generationen: Karl Joseph und Anne-Françoise Riepp hatten sich in Burgund eine neue Existenz aufgebaut; ihre beiden überlebenden Töchter standen vor ihrem eigenen Lebensweg. Jeanne-Françoise sollte wenige Jahre später Barthélemy Trouvé heiraten, Claude blieb unverheiratet. Musik, Bildung, Wohlstand, Freundschaft und familiäre Zukunft sind in dem Bild auf ungewöhnlich dichte Weise miteinander verbunden. Aus dem Handwerkersohn von Eldern war ein europäischer Unternehmer geworden – und aus der Familie Riepp eine burgundische Familie mit oberschwäbischen Wurzeln.

Verwendete Quellen

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Recherche (auch KI-gestützt), Zusammenstellung und Fotos / Repros: Helmut Scharpf, 08/2026
Rechtlicher Hinweis: Sollten Sie das Familienbild oder Teile davon kommerziell verwenden wollen, wenden Sie sich zur Genehmigung bitte an die Abtei Ottobeuren.

Urheber

verschiedene

Quelle

Recherche Helmut Scharpf

Verleger

Helmut Scharpf

Datum

1766-09-20

Rechte

gemeinfrei