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06.04.1963 - Einweihung der Volksschule am Standort Bergstraße


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Schüblinge mit Semmeln gab es für die Kinder bei der Einweihung der Volksschule Ottobeuren am neuen Standort an der Bergstraße. Vermutlich handelt es sich hier um die Einweihung am 6. April 1963.

Vom damaligen Konrektor Neudert gab es eine Festschrift, die er zu seiner Pensionierung um 1972 rausgab (er starb vor einigen Jahren.) Rektor zur Zeit des Neubaues war Josef Leist (07.05.1920 - 19.11.2006).
Köstlich ist der Schulaufsatz von Kurt Gebauer, der Motivation zum Bau der neuen Schule, Grundsteinlegung, Richtfest und Einweihung zum Inhalt hat. (Quelle: Gemeindearchiv)

Namentlich bekannt auf dem Bild sind vier Klassenkameradinnen, die zwar in ihrem achten - und damit letzten - Schuljahr waren und nicht mehr im neuen Gebäude unterrichtet wurden, aber zur Einweihung durften: (von rechts mit purpurrotem Mantel: Brigitte Kortmann (geb. Ströhr, Jahrgang 1948, Familie kam 1946 aus dem Sudetenland, Vater aus dem Erzgebirge; wohnten in den ersten Jahren in der Kaserne), Agathe Steinle (heute Kofler), Irene Burkhard, Rosemarie Seitz, dann ein Mädchen, das den Rücken zuwendet, und Rosemarie Anderl (heute Penka).
Der linke Gebäudeteil, bewohnt von Hausmeister Auchtor mit seiner Familie, war bereits bezogen. Die Mädchenschule mit den Maria-Stern-Schwestern wurde anschließend (?) geschlossen, die Schwestern zogen in das neue Klostergebäude südwestlich des Kindergartens Maria Stern, das Schulgebäude (heute: Pfarrheim St. Michael) stand dann bis zum Abriss leer.

Das Gebäude zog die Firma Gebrüder Filgis & Co. (Ottobeuren und Altusried) hoch; die beiden Aufnahmen stammen von Georg Filgis sen. (*03.06.1908, † 19.02.1986). Für die Erdarbeiten mit Kanalisation und Straßenbau sowie für die Beton-, Stahlbeton-, Maurer- und Verputzarbeiten am West-Trakt war die Ottobeurer Bauunternehmung Josef Mayer & Co. zuständig. Die Zentralheizung baute Emil Hoffmann & Söhne, Ottobeuren, die Linoleum-Böden lieferte und verlegte M. Riedele, die Statik war vom Augsburger Büro A. Hillenbrand berechnet worden. Architekt war Regierungsbaudirektor Willy Hornung. Das Grundstück hatte die Gemeinde von Max Graf bekommen, im Gegenzug die Fläche des ehemaligen Schulgartens der Knabenschule am Marktplatz an Graf abgetreten.

Die Grundschule blieb zunächst in der Mädchenschule (heute: Pfarrheim) sowie weiteren Standorten und zog erst in die Bergstraße, als die Hauptschule 1975 ihre neuen Räumlichkeiten im Schulzentrum beziehen konnten.
1969 wurde aus der Volksschule die Hauptschule.

Die Memminger Zeitung vom 05.04.1963 kündigte die Einweihungsfeier an (Ottobeuren weiht sein neues Schulhaus ein. Pontifikalamt mit Abt Vitalis Maier in der Basilika - Feierstunde des Schulzweckverbandes). Vollendet war demnach nur der erste Bauabschnitt. Das Knabenschulhaus, das nun praktisch ein Jahrhundert auf dem Marktplatz bestand, konnte einer anderen Bestimmung zugeführt werden. Gemeint war z.B. der Umzug des Fremdenverkehrsamts aus dem Rathaus in das bisherige Schulhaus - dem heutigen Haus des Gastes.
Um 10 Uhr wurde der neue Bau von Ottobeurens Pfarrherrn H.H. Pater Wilhelm Höß eingeweiht. Bürgermeister Josef Hasel begrüßte die Gäste, Architekt Willy Hornung überreichte den Schlüssel auf einem Kissen zunächst Bürgermeister Hasel, dieser gab ihn wiederum weiter an Rektor Josef Leist.
Es sprachen Landrat Martin Frehner, Oberschulrat Georg Ziegler, ein Vertreter der Regierung von Schwaben (Oberregierungsschulrat Felber) und des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus sowie der Schulleiter. Gestaltet wurde der Festakt von Schülerinnen der Mädchenschule, die Knabenschule stellte einen Knabenchor, es spielte das „Streichquartett Hans Braun“.

Der zweite Bauabschnitt sah laut Zeitungsartikel die Angliederung der Mädchenschule und einer Turnhalle vor.
Am 09.04.1964 erschien ein ausführlicher Bericht über die Einwihungsfeier. Die Gesamtkosten des 1. Bauabschnitts betrugen ca. 1,3 Millionen Mark, es gab eine „Beihilfe des Staates“ an den Schulverband in Höhe von 400.000 Mark; der Landkreis Memmingen steuerte als „eine Gabe zum Tage einen Zuschuss von 50.000 Mark“ bei.
Der Bauabschnitt umfasst 11 Klassenzimmer (Endausbau: 17), 2 Gruppenzimmer (4), 1 Schulleiterzimmer, 2 Lehrerzimmer (3), 1 Elternsprechzimmer, 2 Lehrmittelzimmer, 1 Werkraum, 1 Hausmeisterwohnung. In Abschnitt 2 sollten später dazukommen: 1 Lehrküche mit Ess- und Vorratsraum, 1 Turnhalle.
Der umbaute Raum beträgt 9.541 m³ (17.413 m³), die bebaute Fläche 820 m² (1.921 m²). Im Treppenhaus schuf der Ottobeurer Grafiker Walter Geiger bilderbogenartige Fresken und Supraporten nach Themen aus der Ottobeurer Geschichte.
Zweckmäßige Nebenräume und eine moderne Schulmöblierung ergeben „das abgerundete Bild einer modernen Schule, die soch von allen Überspitztheiten reformerischer Pädagogik fernhält und einen soliden Eindruck macht“.
Weitere Aussagen zur Pädagogik machte Oberschulrat Georg Ziegler: Das Haus solle eine Heim-, Lebens- und Bildungsstätte werden, in der die Bildungsarbeit im Geiste der Gegenwart fortgesetzt werde, damit unsere Jugend nach Abschluss der Volksschule das Leben meistern können, nicht Sklave, sondern Herr der Technik werde. Der Nachwuchs müsse in den demokratischen Staat, die christliche Wertordnung und die sozialen Bereiche hineinwachsen.
Oberregierungsschulrat Felber äußerte sich zum Erziehungsauftrag der Volksschule dahingehend, dem Kind müssten gewisse Ordnungsprinzipien vermittelt werden, eine Hinführung an die Werte des Wahren, Guten, Schönen und Heiligen. Gediegenes Wissen, vergeistigtes Können und geläutertes Wollen seien das Erziehungsziel.
Abt Vitalis Maier beleuchtete im vorgeschalteten Pontifikalamt die Geschichte des Ottobeurer Schulwesens. Im Interesse der Kinder und des Staates müssten immer Kirche, Gemeinde, Schule und Elternhaus einheitlich vom Glauben her ausgerichtete Erziehungsmächte sein.

Relativ nüchtern betrachtete Architekt Willy Hornung den Bau. Er hatte pädagogische Reformen studiert, die sich in den Schulneubauten widerspiegeln würden. Man habe vieles versucht, aber nichts Endgültiges erreicht. Da er sich auch an einen vernünftigen Kostenaufwand und an einen tragbaren Bauunterhalt gebunden fühlte, habe jeglicher Hand zur „pädagogischen Baureform“ einer Ernüchterung weichen müssen. Man habe zwar einen modernen Zweckbau erreicht, aber doch eine pädagogisch tragbare Lösung gefunden.Glücklich war Hornung mit der Platzwahl, denn die Schule sei von allen Seiten verkehrstechnisch gut erreichbar, die Hanglage würde eine Ausnutzung aller Räume für schulische Zwecke ermöglichen. Die Schule verfügt nun über eine Sprechanlage, Rundfunk, Fernsehen und sogar eine „feste Filmproduktionsfläche“.


Nicht nur der zweite Bauabschnitt war noch nicht fertig, auch die Zufahrtsstraße musste noch gerichtet werden. Bemerkenswert ist der Satz: „Die Umgebung des Schulhauses, das inmitten von Wiesen liegt, wird noch gartenarchitektonisch eindrucksvoll gestaltet werden.“

Rektor Leist nannte in seinem Redebeitrag den Gesamtzeitraum, in dem das Knabenschulhaus - die alte säkularisierte Ottobeurer Pfarrkiche Sankt Peter - als Schulhaus diente: Der Unterricht begann dort am 07.12.1807 und endigte am 05.04.1963.

Die Ottobeurer Bevölkerung konnte die neue Schule erst einen Tag später, am 07.04.1963, besichtigen. Wegen des beschränkten Platzes und der zahlreichen Ehrengäste gab es dafür einen „Tag der offenen Tür“.

Weitere Quelle: Festschrift zum Rupert-Ness-Schulzentrum, 1975, Abschnitt „Volksschule durch 4 Jahrhunderte“