Marktgemeinde Ottobeuren
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28.09.1766 - Die Ottobeurer Bürgermiliz und ihre Aufgaben während der Einweihungs-Festtage


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Die Einweihung und Eröffnung der barocken Abteikirche 1766 war eines der größten Ereignisse in der Geschichte unseres Marktortes. Pater Maurus Feyerabend bezeichnete es folgendermaßen: „... für Ottenbeuren war diese Zeit eine Woche des goldenen Zeitalters, von welchem die Alten vieles gedichtet, das aber die Sterblichen niemals erlebt haben.“

Um einen geordneten Ablauf der achttägigen Festtage zu gewährleisten, wurde eine eigene Bürgermiliz gegründet, die zur Bewachung, als Ordonanzen bei den Festmahlen, zur Begleitung der hohen Gäste ab den Gebietsgrenzen, zur Abhaltung von Militärparaden, als Ordner und für repräsentative Aufgaben sowie für das Schießen von Böllern und Kanonen eingesetzt wurde.

Ein bis dato unveröffentlichtes Dokument aus dem Kosterarchiv (Signatur AO III 2, Produkt 2) zeigt eine Namensliste („Catalogus“), gedruckt als Andenken für die Mitglieder deser Miliz. Auf einem Gemälde aus dem Klostermuseum ist die Bürgerwehr am 26.09.1766 in Aktion zu sehen.
Neben dieser Liste können wir auf drei weitere Quellen zurückgreifen: eine Regensburger Monatsschrift, die Beschreibungen des Zeitzeugen Pater Augustin Bayrhammer und der 4. Band der Jahrbücher von Pater Maurus Feyerabend. Letzterer liefert die genaueste Beschreibung zum Einsatz der soldatischen Truppe (Abschrift der Seiten 90-121 hier abrufen).

Genannt werden im Druck von Carl Joseph Wanckenmiller drei Kompagnien, Füsiliere, Grenadiere, Musquetiere, Kavallerie nebst eigener Feldmusik, Infanterie und Dienstgrade (Hauptmann Joseph Hochenleüther / Leutenant [Leutnant] Johann Ulrich Eberle, Fendrich [Fähnrich] Johann Michael Hiemer, Feldwaybl [Feldwebel] Joseph Wollfahrter, Feldscherer Dominicus Mayr, Furier-Schützen, Dambour und Pfeiffer [Tamburin-Spieler bzw. Trommler und Pfeifer bzw. allgemein für Musikant], Kunstebler [eigentl. „Konstabler“ = Kanonier; später auch Polizist; vgl. den engl. Constable als Dienstrang eines verbeamteten Polizisten]. Der greise Abt Anselm Erb war Schutzherr der Truppe (der „löblichen Compagni Schutz-Vatter“).

Feyerabend berichtet, man habe die Miliz „eine geraume Zeit vorher“ eingerichtet und „zu einer militärischen Ordnung geübt, und gewöhnt“. Die Ausstattung erfolgte auf eigene Kosten der Teilnehmer, die bis auf zwei Gastwirte (Rittmeister Nassal von Niederrieden und Oberlieutenant Johann Georg Peppel von Erkheim) aus Ottobeuren kamen.
Die Uniformen sind auf dem Gemälde gut zu erkennen: Die Kavallerie „blau mit roten“, die Füseliere „blau mit gelben Aufschlägen“. Eine dritte Kompagnie bestand „bloß aus Bürgern, welche in ihrer bürgerlichen Kleidung Dienste verrichtete, und die Wache in dem Marktorte versah“.

Im „Catalogus“ von Wanckenmiller (Originalgröße ca. 36,5 x 43,5 cm; Wasserzeichen vermutlich von Kemptener Papiermühle) taucht am Ende noch der Hinweis auf, dass die Milizionäre einen Kreuzer dafür bezahlten, damit nach ihrem Ableben in der Pfarrkirche St. Peter und Paul (heute: Haus des Gastes) sechs heilige Seelenmessen gelesen werden, zu denen die verbliebenen Teilnehmer (= die „Einverleibten“) höflichst eingeladen werden. Wörtlich heißt es:
Dise Hochlöbl. Burgerl. Compagni hat den Christl. und freywilligen Bundt gemacht, daß ein jeder auß disen 1 kr. zu zahlen bereit seye (nachdeme einer aus disen das Zeitliche mit dem Ewigen verwechseln solte) vor jede abgeleibte Seel sechs Heil. Messen in unserer Hochlöbl. Pfarr-Kirchen HH. Peter und Paul gelesen werden, dahin alle Einverleibte höflichist zum Opffer und GOttes-Dienst eingeladen seyn.

Hier nun die Fundstellen zur Bürgermiliz bei Pater Maurus Feyerabend (Gesamtlink zu Bd. 4 hier):

S. 101
Auch die hiesige Bürgerschaft, und alle Dorfschaften des Gebietes sammt den Weilern faßten einmüthig den Entschluß zur Verherrlichung der tausendjährigen Feier das Ihrige beyzutragen. Es wurden deßwegen zwei Kompagnien, eine zu Pferde blau mit rothen – und eine zu Fuß, wovon das erste Glied aus Grenadier [Elite der Infanterie], die übrigen aus Fuselier [Füsiliere: leichte Infanteristen, zu Fuß, mit Handfeuerwaffen] bestanden, blau mit gelben Aufschlägen montirt, errichtet, und eine geraume Zeit vorher zu einer militärischen Ordnung geübt, und gewöhnt. Beide Kompagnien equipirten [statteten sich aus], und montirten sich auf eigene Kosten*. Die Kavallerie führte eine rothsammte, schwer mit Silber gestickte Standarte, die Infan-

* Die Kavallerie führte ihre eigene Feldmusik, und gewährte einen sehr feierlichen Anblick ; besonders zeichneten sich die zwei Gastwirthe [Johannes] Nassal von Rieden [Niederrieden], als Rittmeister, und Johann Georg Peppel von Erkheim als Oberlientenant, derer Pferde, wie der Mann selbst, mit Silber gleichsam bedeckt waren, prächtig aus.

S. 102
terie eine fliegende gelbe Fahne mit schwarzen Streifen, und keinen gereuete es entweder des gemachten Aufwandes, noch der gehabten Bemühungen bei so einer Veranlassung. Neben diesen Zweien bestand noch eine dritte Kompagnie bloß aus Bürgern, welche in ihrer bürgerlichen Kleidung Dienste verrichtete, und die Wache in dem Marktorte versah.
Nachdem alle diese Vorkehrungen so gut, als je möglich, getroffen waren, kommandirte man den 27ten [es war der 26.09.1766] des Herbstmonats Einige von der Kavallerie nach der Gebietsgränze hinter dem so genannten Grabus, die Kompagnien sammt dem bürgerlichen Fußvolke stellte man hier in Parade ; der damalige Herr Prior aber, Peter Sedelmayer, und der Herr Kanzler Stephan von Mayersburg eilten dem Hochwürdigsten, und durchlauchtigsten Herrn Klemens Wenzeslaus, damaligen Kondjutor [Koadjutor = Bischof, der einem Bischof zur Seite gestellt ist; auch: designierter Nachfolger; Wenzeslaus folgte Joseph 1768 als Augsburger Fürstbischof nach] von Augspurg, Fürstbischofe zu Freisingen, und königlichen Prinzen von Polen, und Lithauen etc. bis Mindelheim zum Empfange entgegen, von woher Höchstdieselben mit hiesiger Ehrenequipage [Kutschen-Gespann] unter der Läutung alles Glocken, Abfeuerung des grössern Geschützes, und Paradirung der errichteten Kompagnien mit einer zahlreichen, und hochansehnlichen (...)

S. 104
Nachdem sich die Hochwürdigsten, und durchlauchtigsten Fürsten in ihre Wohnzimmer zurück gezogen hatten, genossen die zwei errichteten Kompagnien der höchsten Gnade, ihre erlernte kleinen Manövers machen zu dürfen, und hatten das Glück von den höchsten Herrschaften mit einem lauten Beifalle beehret zu werden.

S. 110
für die stete Erhaltung Ottenbeurens zum Himmel stiegen. Der würdige Herr Abt erlebte den grossen Jahrtag dieses Festes nicht mehr.
Nach geendigtem Gottesdienste nahmen die durchlauchtigsten Herren Fürstbischöfe sammt einem zahlreichen sowohl geistlichen, als weltlichen hohen Adel die Mahlzeit, worunter der junge vierzehen jährige Tonkünstler Janitsch mit grosser Fertigkeit ein angenehmes Violinkonzert spielte, in dem sogenannten Kaisersaal abermal öffentlich ein. Fünf und zwanzig Grenadiers, welchen Joseph Wohlfarter von hier voran trat, setzten in drei Zügen jedesmal 25 Platten auf die Tafel, worauf in zwei Zügen das Konfekt folgte. Den Mundschenk machte der Herr Gastwirth Tschiderle zum weissen Roß von Memmingen.
Noch war die Mittagstafel nicht aufgehoben, als die lauten Ehrenbezeugungen, nämlich die Paradierung der Kompagnien, und der Laut des Geschützes, und der Glocken die Annäherung Seiner Hochfürstlichen Gnaden, des Herrn Honorius Fürstabtes des hochadelichen benediktiner Stiftes Kempten, Ihro Majestät der römischen Kaiserinn Erberzmarschalls Nachmittags um drei Uhr mit einer noch weit zahlreichern Begleitung ankündigten.

S. 114
Indeß versahen die errichteten Kompagnien, wie vorher, also auch noch heute, und in den folgenden Tagen mit aller Genauigkeit sowohl die Ehren- als die andern Wachen, welche zum Schutze des stets offenen Kellers, und einiger herrschäftlichen Zimmer erforderlich waren.
 
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In der Monatsschrift (Link hier)
Kurtz-gefaßter historischer Nachrichten zum Behuf der neuern europäischen Begebenheiten auf das Jahr 1766, Bd. 58, Nachtrag zu den wöchentlich und kurtz- gefaßten privilegirten historischen Nachrichten der neuern europäischen Begebenheiten auf das Jahr 1766. Xtes Stück. Des Monaths October, Verlag Christian Gottlieb Seiffarts, Regensburg, 1766
taucht die Miliz zweimal auf:

„Des folgenden Tages frühe Morgens wurde alles um den Tempel und Kloster herum veranstaltet, um welche eine ziemliche Anzahl Miliz, sowohl zu Fuß, als zu Pferdt, in einer neuen und schönen Uniform gekleidet, welche auch des Tags vorher bey der Ankunft Ihro Hochfürstl. Durchl. und K.[önigliche] H.[oheit] im Gewehre stunden, paradirten.“
Während des Hochamts wurden von der außen stehenden Miliz verschiedene Salven aus ihren Musqueten und Feuerröhren gegeben“.

Bei Pater Augustin Bayrhammer (Link hier) finden sich folgende Fundstellen:

S. 10
Unsere Unterthanen hatten freywillig zu diesem Ende eine Compagnie zu Pferd errichtet, und sich selbst auf eigene kösten einen sehr schönen Uniform angeschaffet. Gleichfahls ware ein Compagnie zu Fuß auß Burgern montieret; die andere muste in ihren gewöhnlichen Kleidern Dienst thun, und die Wachen in dem Marckt-flecken versehen. Die bemeldte Compagnien versammelten sich an besagten Tage, und stellten sich in parade. P.R.P. Prior, und Herr Cantzler wurden beordnet, denen Durchleuchtigsten Gästen in Mindelheim unterthänigst aufzuwarten, wie denn auch einige Reutter auf Gräntzen postieret, die erwünschte Ankunfft Höchst derenselben erwarteten.
    Diese geschahe endlich nach 3. Uhr Nachmittag, unter Läutung aller Glocken, und Erthönung unserer Pöllern.
(…)
Weilen sich nun die Cavallerie, und Infanterie in dem inneren Hof rangiret hatte; so geruheten die Höchste Gäste derselben Ubungen von den Fenstern anzusehen, und darüber ein gnädigstes Wohlgefallen zu bezeugen. Gleich hernach folgte eine sehr kurtze Tafel, welche diesem erfreulichsten Tage ein Ende machte.
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S. 11
Ihro Hochfürstl. Gnaden wurden von unseren R.P. Sub-Priore, und Herrn Cantzley Verwaltern auf den Gräntzen complimentiert, und trafen unter Begleitung einiger entgegen geschickten Reuttern glücklichst um 3. Uhr Nachmittag allhier mit einer zahlreichen, und ansehnlichen Suite ein. Auch diesen beglückten Zeit Punckt verkündete uns das klingende Ertz der Glocken, und das krachen der Pöllern, dabey denn wiederum unsere Soldatesca so wohl zu Pferd, als zu Fuß, die Ehre genosse, in Höchst deroselben Angesicht aufmarchieren zu können, und den mehrmahllgen Beyfall dieses Höchsten Gasts zu verdienen.
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S. 13
Die gantze heutige Musik, welche auf diese Feyerlichkeit Sr Durchleucht Hof Capell-Meister Herr Petrus Pompeius Sales Mitglied der Akademie zu Bologna neu erfunden, ware auserlesen. Auch liessen sich unter währendem Hoh-Amt die Pöller fast ohne Unterlaß hören, und paradierten die aufgestellte Compagnien von Morgens fruhe an biß zum Ende.
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S. 43
Ubrigens ware auch die heutige Musik ein Werck deß schon oben belobten fürtreflichen Meisters Herrn Sales; unser Geschütze wurde fast immerdar abgefeuert, und stunden unsere Unterthanen so wohl zu Pferd, als zu Fuß, wie gestern, auf den angewiesenen Oertern.
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S. 44
Höchstdenselben folgten um 8. Uhr fruhe Se. Durch-laucht, unser Gnädigste HErr Ordinarius, dero Abreise ebenfalls der allgemeine Klang der Glocken, das erthönen der Pöllern, ein Theil der Reutter, noch vielmehr aber die heisse, und mit den unterthänigsten Dancksagungen vermengte Glücks-Wünsch begleiteten.
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S. 45
Die holde Glücks-Blicke dieses Tages betreffend, ware der erste, daß wir auf unserer Cantzel Ihro Hochwürden, und Gnaden Baron Tänzel von Trazberg deß Hochfürstlich Hochadelichen Stiffts Kempten würcklichen Capitularn, und Bibliothecarium um eben jene Zeit ersahen, da wegen der Abreise Ihro Durchleucht Bischofen von Augsburg unter dem Volck ein ungewöhnliches Getöß entstunde, auch andere Zufallenheiten alle Aufmercksamkeit an sich zu ziehen schienen.
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S. 58
Die hierbey aufgeführte Musik, so wiederum ein fürtrefliches Werck deß HErrn Krauß ware, wurde immer durch die frohe Lösung deß Geschützes begleitet. So hatten sich auch, wie bißhero die Compagnien auf ihrem bestimmten Posten eingefunden.
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S. 59
Kaum als die aufsteigende Morgenröthe den Anbruch deß heutigen Tages, und nahe Ankunfft der Sonne verkündet hatte, entfernete sich von unserem Gesichts-Kreise eine andere Sonne, indeme Ihro Hochfürstliche Gnaden wieder die Ruck-reise nacher Kempten unter Erthönung der Glocken sowohl, als deß Geschützes, geleit einiger Reuttern und tausend Seegens wünschen antraten.
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S. 80
Damit wir nit gezwungen werden, unserem Leser durch Wiederhollung deß alten beschwerlich zu fallen; so bemercken wir, daß so wohl heute, als in nachfolgenden Tägen dieser Feyerlichkeit, die frohe Abfeuerung unserer Pölleren, und Paradierung der montierten Burgerschafft allzeit die Abhaltung deß Hoh-Amts begleitet habe:
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Schon früher war einmal eine bewaffnete Schutzwehr zusammengestellt worden, allerdings aus echter Kriegsgefahr. 1622 musste Abt Gregor Reubi (Abt von 1612 - 28) auf die Gefahren durch den 30-jährigen Krieg reagieren. Im dritten Band von Pater Maurus Feyerabend heißt es auf Seite 356:
Diese besonderen Zeitumstände veranlaßten unsern würdigen Abt Gregor, zum Beßten seines kleinen Gebietes verschiedene Verordnungen ergehen zu lassen, und auch einige Sicherheitsanstalten zu treffen. In dieser Absicht kaufte er verschiedene Waffen, vertheilte dieselben unter die Bürger, Bauern, und Söldner, räumte der Waffenübung, um den ersten Anfall abtreiben zu können, in jeder Woche einen bestimmten Tag an, hieß die Unterthanen bei jeden Falle zur Schutzwehr bereit seyn, und bei jedem militairischen Durchzuge durch die Gebietsdörfer 6 Mann, 3 mit Musqueten, und 3 mit Helleparten bewaffnet, umher ziehen.

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Klosterarchivar Rupert Prusinovsky sei für die Zurverfügungstellung des „Catalogus“ herzlich gedankt. Die Namensliste wird voraussichtlich im „Life“ (Ausgabe September 2016) abgedruckt werden.
Der Catalogus ist in zwei Dateiversionen abrufbar; mit 300 dpi in der Vorschau (ca. 3,6 MB) und mit 600 dpi mit knapp 30 MB (rechter Reiter oder hier).
Abschriften, Zusammenstellung, Scans und digitale Restaurierung: Helmut Scharpf (08/2016)