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05.04.1946 – Flüchtlings-Postkarte aus Schellenberg


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Für viele Flüchtlinge und Heimatvertriebene war Ottobeuren nur eine Durchgangsstation. Aus der vorliegenden Postkarte, die „E. Pohl“ im April 1946 vom Hof der Familie Zettler in Schellenberg an einen Leidensgenossen in Niederbayern schrieb, geht die Stimmungslage hervor, die zwischen Hoffen auf ein Wiedersehen in der alten Heimat und dem Versuch schwankt, Fuß zu fassen bzw. alte Kontakte wieder herzustellen.
Vielleicht wissen die heutigen Bewohner des Anwesens in Schellenberg noch etwas über den damaligen Gast. (Die Transkription der Karte ist etwas geglättet, um den Text besser lesbar zu machen.)

Transkript:

Poststempel „Gebühr bezahlt“, Rundstempel Ottobeuren 8.4.1946

German

Herrn G.[eorg] Böhm
Schwarzbach 6 ⅓
Post Hengersberg
Niederbayern

Abs. E. Pohl, Schellenberg 2, Post Ottobeuren

Schellenberg, d. 5.4.46.
Lieber Georg!
Deine Karte habe ich dankend erhalten und schreibe mit bitte einmal wie ihr so fortgekommen seid. Wie es mir ergangen ist, wirst du wohl schon aus meinen Briefen erfahren haben. Also willst du dich wieder in die Arbeit hineinstürzen?
Hast du noch viele Sachen gerettet oder konntest du nicht wenigstens dein Besitztum verkaufen? Wenn du etwa von Kollegen noch einige Adressen hast, so teile sie mir mit. Bist du auch einmal in Maria-Höfchen gewesen? Wie schaut es da so aus?
Vorläufig mache ich nichts. Ich hoffe immer noch, dass wir in unsere Heimat zurückkommen. Was meinst du dazu? Oder müssen wir die Hoffnung aufgeben?
Also, wenn es deine Zeit erlaubt, dann lasse nur einmal etwas Genaueres hören. Jedenfalls sind wir sehr übel dran.
Nun viele Grüße an alle sendet E. Pohl

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Theresia Menhild (geb. Zettler, seit ihrer Heirat 1964 in Gugenberg), Jahrgang 1936, war in der Zeit auf dem Hof und kannte die Flüchtlinge. Sie erzählte am 07.04.2020 davon, was ihr und ihrer älteren Schwester dazu noch einfiel:

Frau Pohl war eine Witwe aus einem kleinen Ort ( mit ca. 70 Einwohnern) westlich von Breslau: Maria-Höfchen bzw. Mariahöfchen (im Landkreis Breslau, 1928 nach Breslau eingemeindet). Heute handelt es sich um den Stadtteil „Nowy Dvór“ des Stadtbezirks Fabryczna der Stadt Wrocław.

Anfang 1945 musste (Frau) „E. Pohl“  mit ihren zwei eigenen Töchtern und den vier Töchtern, die der – ebenfalls verwittwerte – Herr Pohl (oder gar der angeschriebene Georg Böhm?) in die Ehe eingebracht hatte, kriegsbedingt fliehen. Der Haitzener Bürgermeister Ulrich Hölzle quartierte Frau Pohl mit ihrer ältesten Tochter auf dem Zettler-Hof ein, auf dem bereits das Ehepaar Zettler mit ihren fünf Kindern wohnten. Zwei der Pohl-Töchter wurden in Geißlins untergebracht, zwei weitere kamen zu einem Onkel der Zettlers in Dingisweiler, eine Tochter kam nach Bibelsberg.
Frau Pohl half im Haushalt der Zettlers mit. Die älteste Tochter arbeitete in der Schraubenfabrik von Jakob Fallscheer (auf diesem Foto links, in der Mitte Adolf Fergg, rechts Max Graf II.) in der sog. „Kaserne“, wo die Fabrikation seit 1942 lief. Sie erkrankte, starb mit 24 Jahren und wurde in einem kleinen Grab auf dem Friedhof Ottobeuren beerdigt.
Herr Pohl war Soldat und holte die Familie Anfang 1947 nach München, wo er Arbeit und eine Wohnung gefunden hatte.

Die erste Einquartierung mit den Pohls hatte – wie oben geschrieben – Bürgermeister Ulrich Hölzle verordnet. Auf dem Weg zur Schule nach Ottobeuren kamen die Kinder an seinem Hof in Böglins vorbei und mussten dort jedes Mal mit dem „Hitlergruß“ salutieren. Nachdem die Pohls Schellenberg verlassen hatten, wurden andere Flüchtlinge bzw. Vertriebene einquartiert - diesmal von Bürgermeister Lohr (Leupolz). Ein Foto der Pohls wurde damals leider nicht gemacht.

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Der Stempel „Gebühr bezahlt“ wurde verwendet, wenn das Postamt keine Briefmarken zur Verfügung hatte; die verpflichtende Kennzeichnung des Absenders mit „German“ war für die Zensur gedacht.
Postkarte aus der Sammlung von Helmut Scharpf, 03/2020