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02-1895 – „Ein Tag in Wörishofen“, Artikel in der „Gartenlaube“


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Die Bekanntheit Sebastian Kneipps lässt sich auch an seiner medialen Präsenz ermessen: In der „Gartenlaube“ – laut Wikipedia das „erste große erfolgreiche deutsche Massenblatt“ und „Vorläufer moderner Illustrierten“ wurde ihm und seiner Kneippkur1895 (in Ausgabe 4) ein zweiseitiger Artikel („Ein Tag in Wörishofen“) gewidmet, verfasst von Max Haushofer (1840 - 1907), illustriert – auf zwei weiteren Seiten – von Ismael Gentz (1862 - 1914).
Die im August 1894 entstandenen „Originalzeichnungen“ zeigen auf S. 57 „Eine Sprechstunde im Sebastianeum zu Wörishofen“, auf S. 61 „Ansprache des Pfarrers Kneipp in der offenen Halle zu Wörishofen“ (gemeint ist die sog. „Wandelhalle“ in der Promenadenstraße).

Zum Artikel (auf den Seiten 60 und 62): Max Haushofer beschreibt zunächst die Anreise mit dem Zug von München nach Türkheim, das Eintreffen der Fuhrwerke, den Fußmarsch nach Wörishofen – einschließlich der landschaftlichen Einbettung. Er geht kurz auf den Ort ein, auf Kneipps Herkunft, die Entwicklung seiner Heilmethode, schildert kleine Beobachtungen („Wir wandern weiter durch den Ort, indem wir uns fast genieren, Stiefel an den Füßen zu haben, weil wir sehen, daß einigemal teils vorwurfsvolle, teils bemitleidende Blicke auf unserer ketzerischen Fußbekleidung haften.“). Haushofer beschönigt nicht, er schildert seine subjektiven Eindrücke („Das Kloster, welches unmittelbar neben der Pfarrkirche, nur durch eine Gasse von ihr getrennt liegt, ist ein weitläufiger unschöner Bau aus dem vorigen Jahrhundert, aber mit einer hübschen zopfigen Kirche. Der aus einigen Fenstern des Klosters qualmende lebhafte Malzgeruch deutet an, daß man drinnen mit Bierbereitung beschäftigt ist. Vergeblich aber ist unser Bemühen, eine der frommen Schwestern bei dieser profanen Beschäftigung zu beobachten, das Fenster ist zu dicht vergittert und verqualmt.“) Etwas ausführlicher geht der Autor auf die Sprechstunde im Sebastianeum ein, vor allem aber auf Kneipps öffentliche Vorträge in der Wandelbahn.

Es schwingt ein Hauch von Melanchholie mit, auch eine gewisse Reserviertheit. Haushofer resümiert jedoch: „Aber selbst wir, die wir als Gesunde gekommen sind mit der ganzen Zweifelsucht und kühlen Kritik des Jahrhunderts, können doch ein gewisses wärmeres Interesse nicht von uns abwehren: das Interesse für einen Mann, den ein felsenfester Glaube an seine Mission und an seine vermeintlichen Heilswahrheiten trägt, der aus schlichtesten Verhältnissen heraus zu einer Berühmtheit gekommen ist und in seltener Uneigennützigkeit alles, was ihm zufließt, den Kranken und Elenden zuwendet.“
Die Skepsis („vermeintliche Heilswahrheiten“) gilt der Wirkung der Kur, da kommt es gar zu einer Warnung: „Es war nicht unsre Aufgabe, in eine Kritik des Kneippschen Kurverfahrens einzugehen, das unter Umständen sehr verhängnisvoll wirken kann und jedenfalls in seiner Anwendung auf alle möglichen Leiden einer wissenschaftlicheren Kontrolle bedürfte, als des Pfarrers ungenügende medizinische Bildung gestattet; wir wollten bloß den Ort und den Mann schildern und den Zauber, den er auf seine Kranken ausübt.“ Diese Warnung wird durch eine Fußnote der Redaktion noch verstärkt.

Literaturzitat:
Hauhofer, Max: Ein Tag in Wörishofen, S. 57 und 60 - 61, in: Kröner, Adolf (Hrsg.): Die Gartenlaube. Illustriertes Familienblatt, Nr. 4, Leipzig, Februar 1895, 16 S. (laufende S. 53 - 68)

Der Stich der Sprechstunde stammt aus der Sammlung von Helmut Scharpf, der Stich von der Wandelbahn von der Wikipedia-Seite über Ismael Gentz, Scans der beiden Textseiten sind bei Wikisource abrufbar (S. 60 und S. 62)

Ein Tag in Wörishofen
Von Max Haushofer.
(Mit den Bildern S. 57 und S. 61.)

Breit liegen die Herbstnebel auf der südbayerischen Hochebene, während der dröhnende Bahnzug uns westwärts trägt. Station um Station fliegt vorüber. Wie eine Gespensterlandschaft erscheint im Süden der Spiegel des Ammersees, dann die alten Türme des Städtchens Landsberg am Lech, jene Türme, die einst von den Frauen und Mädchen Landsbergs so heldenmütig gegen die Schweden verteidigt wurden. Noch etliche Stationen – dann hält unser Zug in Türkheim. Außer dem Stationsgebäude ist fast nichts zu sehen als Wald, dunkler nebelumrauchter Fichtenwald. – Ein Dutzend Fuhrwerke hält am Bahnhofe: gelbe und blitzblaue Kästen, Ein- und Zweispänner. Wir entschließen uns zu keinem derselben, sondern fragen einen Gendarmen, der sich mit einem Kutscher friedlich unterhält, um die Straße nach Wörishofen. Der Diener der öffentlichen Sicherheit weist uns ein Sträßchen, das vom Bahnhof in südlicher Richtung waldeinwärts läuft. Eine gute Stunde sei’s nach Wörishofen, und nicht zu fehlen.
Eine Schar von Kutschern lädt uns mit schmeichelhaften Handbewegungen zum Einsteigen ein. Wir danken so höflich, wie die doch nicht ganz selbstlose Einladung verdient, und wandern zu Fuß weiter. Bald umfängt uns ein lockerer melancholischer Wald, eigentlich nur einzelne Gruppen von Bäumen, mit weiten Ausblicken in ein Nebelmeer. Das Sträßchen ist spottschlecht, mit grobem Schotter bedeckt, mit großen Pfützen durchsetzt, so daß es wohl eine halbe Stunde währt, bis uns der letzte der langsam einher holpernden Wagen überholt hat. Und nun lichten sich Wald und Nebel, im Südwesten sehen wir weites Blachfeld sich ausdehnen und am Rande der Ebene, wo die Landschaft wieder hügelig wird, ein schwäbisches Bauerndorf mit einigen ragenden Türmen, weißen Häusern und roten Ziegeldächern. Das ist Wörishofen.
Vor undenklicher Zeit mag wohl ein mächtiger, aus den Lechthaler Alpen niederbrausender Gletscherstrom seine Geschiebe hier niedergelegt haben. Jetzt ist dieser Strom verschwunden; am westlichen Ufer seines meilenbreiten, längst vom Pfluge gefurchten Bettes liegt Wörishofen, halb in der Ebene, halb an die angrenzende Hügellehne hingebaut. Statt des verschwundenen Gletscherstromes fließt mitten durch das Dorf nur ein sanftes Wässerlein, der Wettbach, welcher, so bescheiden er auch daherströmt, doch genug Wasser für die Kuren des großen Heilkünstlers von Wörishofen mit sich führt.
Wörishofen gehört in das bayerische Bezirksamt Mindelheim, im Kreise Schwaben. Die Lage des Ortes ist nicht gerade romantisch, aber freundlich, und bei klarem Wetter grüßt von Süden her die langgestreckte Kette der bayerischen und schwäbischen Alpen, überragt von der mit ihren Felsmauern und Schneefeldern großartig aufstrebenden Zugspitze. Der Ort hat etwa 1000 Einwohner, eine hübsche Pfarrkirche und daneben ein weitläufiges Kloster, in welchem Nonnen vom Orden der Dominikanerinnen eine Erziehungsanstalt für verwaiste und verwahrloste Mädchen errichtet haben, daneben auch eine Haushaltungs- und Molkereischule unterhalten und sogar der Kunst des Biersiedens obliegen.
Das alles würde dem Orte zu keiner Berühmtheit verholfen haben. Eine solche gewann derselbe erst, als sein jetziger Pfarrherr, Sebastian Kneipp, anfing, mit erstaunlichem Erfolge als Heilkünstler aufzutreten. Seit jener Zeit ist Wörishofen im Laufe weniger Jahrzehnte zu einem der besuchtesten Kurorte Deutschlands geworden.
Sebastian Kneipp hat im Jahre 1821 als Sohn einer armen Weberfamilie in dem Dörfchen Stephansried das Licht der Welt erblickt. Erst ward er Weber und spät gelang es ihm, doch noch die geistlichen Studien zu vollenden und im Jahre 1852 die Priesterweihe zu erhalten. Er wurde zunächst Beichtvater des Dominikanerinnenklosters zu Wörishofen, seit 1881 auch Pfarrer des Orts.
Zur Thätigkeit auf dem Gebiete der Heilkunde führte ihn, wie er erzählt, die Sorge um die eigene Gesundheit, welche in seiner anstrengenden Studienzeit einigermaßen gelitten hatte. Er probierte an sich selber die Kaltwasserheilmethode, die ja an sich nichts Neues war; er entwickelte sie selbständig weiter, und als er an sich die schönsten Erfolge sah, gab er auch Anderen Rat. Einige gelungene Kuren verschafften ihm Ruf in weiteren und immer weiteren Kreisen, und heute ist der schlichte Webersohn eine europäische Berühmtheit, wie es einst der „Wasserdoktor“ Vincenz Prießnitz zu Gräfenberg in Schlesien war; Tausende und aber Tausende wallfahrten nach seinem schwäbischen Dorfe, um Heilung bei ihm zu suchen; wenn er Vortragsreisen nach den großen Städten unternimmt, findet er überall mächtigen Zulauf, in Rom zeichnete ihn sein höchster Oberhirt aus; der Ehrentitel eines Prälaten ward ihm zu teil; sein erstes Buch „Meine Wasserkur“ erlebte im Laufe weniger Jahre mehr als fünfzig Auflagen.
Das waren große und seltene Erfolge. Den Mann konnten sie nicht verändern, aber sein heimisches Wörishofen haben sie gründlich umgestaltet. Aus dem schwäbischen Bauernnest ist ein strebsamer Kurort geworden.
Schon von weitem fallen uns zahlreiche Neubauten auf. Wir nähern uns dem Orte und begegnen städtisch gekleideten Herren und Damen, sämtlich barfüßig oder mit nackten Füßen in Sandalen gehend, die Damen auch barhäuptig. Ein flüchtiger Blick in die Auslagen der Ladengeschäfte belehrt uns sofort, daß hier alles dem Kurgebrauche dient und von der Kneippkur lebt. Die Schuhmacher führen nur Sandalen, die Krämer nur kurmäßige Artikel: Kneippwäsche, Kneippkaffee und dergleichen.
Das Barfußlaufen, welches hier Sitte und Kurgebrauch ist, hat offenbar einen vernünftigen Sinn insofern, als es den Menschen immerfort darauf aufmerksam macht, wie wertvoll für ihn überhaupt eine naturgemäße Tracht und eine naturgemäße Lebensführung sei. Für zarte Damenfüße bietet die beschotterte Landstraße namentlich eine recht wünschenswerte Gelegenheit zur Abhärtung.
Wir wandern weiter durch den Ort, indem wir uns fast genieren, Stiefel an den Füßen zu haben, weil wir sehen, daß einigemal teils vorwurfsvolle, teils bemitleidende Blicke auf unserer ketzerischen Fußbekleidung haften.
Zu unserer Linken zeigt sich nun die Pfarrkirche, ein teilweise ehrwürdiger Bau aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts, zum Teil auch renoviert. Um die Kirche ist der kleine Friedhof des Ortes gelagert; und da uns die Neugier plagt, zu sehen, ob interessante Kurgäste hier begraben seien, steigen wir zu dem erhöhten Friedhof hinan. Aber unsere Neugier ist enttäuscht; hier schlummern bloß Einheimische den ewigen Schlaf. Von Fremden stirbt, wie es scheint, niemand in Wörishofen. Oder werden diese Toten nur in ihrer eigenen Heimat begraben?
Das Kloster, welches unmittelbar neben der Pfarrkirche, nur durch eine Gasse von ihr getrennt liegt, ist ein weitläufiger unschöner Bau aus dem vorigen Jahrhundert, aber mit einer hübschen zopfigen Kirche. Der aus einigen Fenstern des Klosters qualmende lebhafte Malzgeruch deutet an, daß man drinnen mit Bierbereitung beschäftigt ist. Vergeblich aber ist unser Bemühen, eine der frommen Schwestern bei dieser profanen Beschäftigung zu beobachten, das Fenster ist zu dicht vergittert und verqualmt.
So wenden wir uns nach dem Westende des Dorfes. Hier ist alles im Werden und Bauen begriffen. Zwischen den alten Bauernhäusern erheben sich frischgetünchte Neubauten städtischen Aussehens mit Kaufläden und Restaurationslokalen. Auf einem größeren Platze sind Turngerüste aufgestellt, einige barfüßige Kurgäste schwingen sich da eifrig an Reck und Barren. Eine Seite dieses Platzes wird von einer mit gläsernen Wänden

S. 62
versehenen Wandelbahn begrenzt. Wir werfen einen Blick in dieselbe und sehen etwa fünfzig Kurgäste, der Kleidung nach offenbar aus allen Ständen: Barfüßig mit schwingenden Armen und schweigendem Munde, umkreisen die meisten von ihnen im Geschwindschritt die Holzsäulen der Wandelbahn offenbar an nichts anderes denkend als an die Zahl ihrer Wandelgänge.
Wir gehen weiter. Durch eine Bodensenkung fließt ein klarer Bach; an seinen Ufern ist er von Neubauten gesäumt, unter ihnen das stattliche „Sebastianeum“. Dasselbe ist ein modernes, ausschließlich den Kurzwecken dienendes Gebäude, in welchem geistliche und arme Patienten unentgeltliche Verpflegung finden. Hier ist auch das Ordinationszimmer, wo der Prälat täglich seine Sprechstunde abhält. Er hält diese Sprechstunde aber nicht allein, sondern sitzt an seinem Tische, umgeben von einer Art Stab aus jüngeren Geistlichen und Ärzten bestehend. Während er selbst die in strenger Reihenfolge vor ihn hintretenden Patienten um ihre Krankheitsgeschichte befragt und mit seinen lebhaften Augen das Krankheitsbild überfliegt, welches die Person des einzelnen Patienten ihm bietet, schreibt einer seiner geistlichen Adjutanten auf seinen Wink die Behandlungsmethode nieder. Sie wird mittels besonderer Zeichen in ein kleines Buch eingetragen, welches jeder Patient vor der ersten Consultation erhält. Die Vollstreckung der Kur nach diesen Anweisungen liegt dann teils in den Händen von Badewärtern, teils ist sie Aufgabe des Patienten selbst.
Wir wandern am Kurhause vorbei. Hinter demselben steigt die Landschaft zu einem bewaldeten Höhenzuge auf. Hier, am Westende des Ortes, erhebt sich aus jungen Anlagen der schöne Bau des Kinderasyls, das ebenfalls unter Kneipps Leitung steht.* Während wir vorbeigehen, sitzen auf der Freitreppe vor dem Asyl etliche Kinder mit blassen kranken Gesichtern; eine der dienenden Ordensschwestern steht bei ihnen.
Es wird indessen Zeit, daß wir uns nach der großen Halle verfügen, wo Pfarrer Kneipp seine tägliche Ansprache an die Kurgäste zu halten pflegt. Wir wandern zurück über den Bach. Jetzt fällt uns eine Warnungstafel auf mit der Inschrift: „Wassertreten ist hier verboten“. Es scheint demnach, daß vor Erlaß dieses Verbots einzelne Kurgäste, von lobenswürdigem Eifer beseelt, im Bache selbst spazieren gegangen sind. Etwas anderes kann man ja unter „Wassertreten“ hier nicht wohl verstehen.
Eine Tasse Kaffee, die wir unterwegs in einem Kaffeehause zu genießen versuchen, versetzt uns in eine höchst melancholische Stimmung. Denn da Kneipp ein entschiedener Gegner des wirklichen Kaffees ist, setzt man uns ein Getränk vor, welches niemals eine Kaffeebohne gesehen hat. Das ist der berühmte „Kneipp-Kaffee“.
In der Nähe des Klosters liegt die große Wandelbahn, wo der Pfarrherr jeden Nachmittag seine Ansprache hält. Schon auf dem Wege dahin wird uns klar, daß wir uns dem wichtigsten Ereignis nähern, welches ein Tag in Wörishofen bietet. Denn von allen Seiten her strömen in Scharen die Kurgäste, arm und reich, krank und halbkrank. Hier sieht man aristokratische Erscheinungen in kokett zusammengestellten Kurtoiletten; dazwischen Kleinbürger und auch manchen armen Menschen, der vielleicht seine letzten Pfennige verausgabt hat, um die Fahrt nach Wörishofen zu bezahlen. Und man hört hier neben deutschen italienische und russische, englische und böhmische Laute. Man sieht aber auch vieles, fast alles, was das menschliche Elend an körperlichem Siechtum bietet, und was oft genug mit Entsetzen erregender Deutlichkeit aus gelben, fahlen, gedunsenen und sonst entstellten Gesichtern, aus gelähmten, schwerfällig nachgeschleppten Gliedern spricht. Besonders stark ist die Anzahl der Gelähmten, die mühsam ihren Weg hierher suchen. Sehr zahlreich sind aber auch die von bösartigen Hautkrankheiten Heimgesuchten; unter ihnen einzelne, deren ganzes Gesicht von Tüchern mitleidig verhüllt ist. Und der Ausdruck in diesen Gesichtern – von freudigster Zuversicht abgestuft bis zur hoffnungslosen Verzweiflung! In unserer Nachbarschaft sahen wir drei, die unser tiefstes Mitgefühl erregten. Drei junge Männer, alle mit den Anzeichen schwersten körperlichen Leidens behaftet, in ärmlicher Kleidung. Der mittlere, mit einer Soldatenmütze, war hager und totenblaß; aber er ging noch aufrecht; und an jedem seiner Arme hing ihm ein Kamerad, den er noch liebevoll unterstützte. Ein Bild des Jammers und doch wieder so reich an Barmherzigkeit!
Die mächtige Halle hat sich gefüllt. Es ist vier Uhr vorüber; lautes Händeklatschen und Beifallrufen verkündet die Ankunft des Pfarrers. Und nun steht der Wasserkurapostel auf seiner Rednerbühne: trotz seiner siebzig Jahre eine kräftige untersetzte Gestalt, mit lebhaften Gebärden und ausdrucksvollen Augen unter buschigen Brauen. Pfarrer Kneipp ist ein Naturredner. Er spricht einen schwäbisch-bayerischen Dialekt; aber doch so deutlich, daß, wer überhaupt der deutschen Sprache mächtig ist, jedes seiner Worte versteht. Kunstlos fügt er seine Sätze; aber er spricht mit Humor und wie ein Mann sprechen kann, der von der Wahrheit und dem Werte dessen, was er sagt, im Innersten durchdrungen ist. Er beginnt, indem er irgend ein Krankheitsbild vor den Augen seiner Zuhörer entrollt und an dieses Krankheitsbild dann seine Lehre von den Segnungen seiner Wasserkur anknüpft. Seine Vorträge gehen nicht über das Begriffsvermögen der einfachsten Menschen hinaus; jeder muß ihn verstehen. Ab und zu apostrophiert er auch in höchst ungenierter Weise ein Mitglied des Zuhörerkreises, mit dem Finger auf dasselbe deutend.
Wir fühlen uns seltsam angemutet von diesem Vortrage. So laienhaft unsere medizinischen Kenntnisse auch sind, ist uns doch, als wären wir Kinder des 19. Jahrhunderts plötzlich zurückversetzt in eine Zeit, in welcher etwa Hippokrates oder Galenus vor einer gläubigen und bewundernden Volksmenge sprach. Und dann denken wir wieder an die Wunderdoktoren des Mittelalters und an die derben Scherze, mit welchen einst Abraham a Santa Clara seine Zuhörerschaft entzückte. Aber zum Lachen ist uns nicht; dafür ist viel zu viel menschliches Elend, zu viel gläubiges Vertrauen um uns her.
Zum Schlusse bietet heute der Redner seinem Publikum noch etwas Besondres. Er hat seinen Vortrag geendet; da stellt sich ihm eine ehemalige Patientin vor, eine fein gekleidete fremde Dame von bescheidenem Wesen. Vor vier Jahren wäre sie nach Wörishofen gekommen, mühsam in einer eisernen Maschine gehend. Jahrelang hätte sie kaum gehen können; alles mögliche hätte sie versucht; in Wörishofen aber war sie gesundet. Mit leiser Stimme erzählt sie das dem Pfarrer, der es laut und fröhlich der Versammlung verdolmetscht.
Seltsam, wie da die Augen der armen Kranken aufleuchten!
Der Prälat geht, gefolgt von seinen eifrigsten Anhängern und Verehrerinnen; die Versammlung löst sich auf. Wir atmen wieder freier, aus dem Gedräng so vieler kranker Menschen uns in die gesunde herbstliche Natur hinausarbeitend. In Scharen pilgert die Zuhörerschaft heimwärts durch die Ortsgassen. Nach einem solchen Vortrage sind sie alle von neuer Lebenshoffnung erfüllt. Die meisten dieser Kranken verehren den Prälaten, wie nur ein heilspendender Patriarch des grauesten Altertums verehrt werden konnte. Aber selbst wir, die wir als Gesunde gekommen sind mit der ganzen Zweifelsucht und kühlen Kritik des Jahrhunderts, können doch ein gewisses wärmeres Interesse nicht von uns abwehren: das Interesse für einen Mann, den ein felsenfester Glaube an seine Mission und an seine vermeintlichen Heilswahrheiten trägt, der aus schlichtesten Verhältnissen heraus zu einer Berühmtheit gekommen ist und in seltener Uneigennützigkeit alles, was ihm zufließt, den Kranken und Elenden zuwendet. Es war nicht unsre Aufgabe, in eine Kritik des Kneippschen Kurverfahrens einzugehen, das unter Umständen sehr verhängnisvoll wirken kann und jedenfalls in seiner Anwendung auf alle möglichen Leiden einer wissenschaftlicheren Kontrolle bedürfte, als des Pfarrers ungenügende medizinische Bildung gestattet; wir wollten bloß den Ort und den Mann schildern und den Zauber, den er auf seine Kranken ausübt.
Während wir über den Einfluß fester Überzeugtheit auf fremde Gemüter nachdenken, sinkt die Sonne hinter den schwäbischen Wäldern; die Nebel sind zerrissen und lassen im fernen Süden, gleich einem funkelnden Feenmärchen die Hochgebirgskette mit ihren Schneefeldern zum Vorschein kommen. Einen Augenblick nur – dann, während wir im Postwägelchen wieder der Bahnstation entgegenrasseln, verschwindet das ganze Wörishofen in den Schleiern der Herbstnacht.

* Ganz besonders gegen dieses Asyl und die darin geübte Wundbehandlung mit Wasser und ohne antiseptische Verbände werden von wissenschaftlicher Seite neuerdings sehr schwere Bedenken erhoben. D. Red.
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Ende der Abschrift, Helmut Scharpf, 05/2021

Eingepflegt ist hier noch ein schönes Kneipp-Portrait des französischen Fotografen Félix Potin aus dem Jahr 1893.