Um 1912 bis 1994 – das „Gasthaus zur Linde“

Titel

Um 1912 bis 1994 – das „Gasthaus zur Linde“

Beschreibung

Für den „oberen Flecken“ war das Gasthaus „zur Linde“ (Luitpoldstraße 47) eine wichtige Einrichtung. Hier verirrten sich keine Touristen, der Trachtenverein ist hier gegründet worden. Die Geschichte des Wirtshauses geht bis in die Zeit der Säkularisation zurück.
Auf dem Eingangsfoto aus den Jahren vor dem 1. Weltkrieg steht über dem Eingang zu lesen: Besitzer Alois Nägele.

Die letzten Pächter vor der Schließung um 1994 waren Hugo und Emma Roth. (Hugo war Badenser, Emma kam vom Weiler Brandholz bei Wolfertschwenden; sie hatten zwei Söhne). Hugo (1904 - 1982) war zunächst Metzger vom Engelwirt, bis dieser die Metzgerei schloss. Links hinter dem Haus sieht man auf dem Foto von 1932 den Schweinestall. Zu den besonderen Angeboten gehörten deshalb Schlachtpartien mit Kesselfleisch. Aber auch Kaffeekränzle waren Teil des Angebots. Der Wirtsraum befand sich rechts vom Eingang, dahinter gab es ein Nebenzimmer, die Küche war links vom Eingang, im 1. Stock bot ein Saal Raum für Versammlungen bzw. Feiern. Bei dem vor der Wirtschaft abgestellten Auto handelt es sich um einen „Opel 4 PS“ mit Rechtssteuerung, auch „Opel Laubfrosch“ genannt.

Als der Schweinestall um 1980 abbrannte, wollte der Trachtenverein den Gebäudeteil als Vereinsheim wiederherstellen, das wurde jedoch vom Besitzer (zuletzt die Bürger- & Engelbräu Memmingen, der auch die „Krone“ in der Bahnhofstraße gehörte) nicht unterstützt. Nach der Schließung ging Emma Roth (1911 - 1996) zurück nach Brandholz, das Gebäude stand nur kurze Zeit leer, bis es ein Ottobeurer Architekt im Sommer 1994 erwarb und renovierte. Die Renovierung begann im Februar 1995, an Weihnachten 1996 war der Einzug. Zum Wohle des Ottobeurer Ortsbildes blieb die – nun ehemalige – Linde bis heute erhalten.

Fiffi Steiner stellte drei Fotos zur Verfügung: von den Wirtsleuten Emma und Hugo Roth sowie vom Stammtisch. Zu sehen sind hier:
vorne links: Karl Reichle
hinten links: Eduard Schneider
hinten rechts: Rudi Fischer
vorne rechts: Siegfried Böhnel
 
Anlässlich der Schließung hat Eduard Schneider einen Artikel verfasst, der ca. 1995 in der Zeitschrift „Das schöne Allgäu“ erschien und nachfolgend in der ungekürzten Originalvorlage wiedergegeben wird:

Das Gasthaus »Linde« wurde vor Kurzem geschlossen. Ein Stück Ottobeuren ging zu Ende!
Schon zur Zeit der Säkularisation war die »Linde« im »obera Flecka« als Wirtschaft erwähnt und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht vornehm, aber mit einem eigenen Ambiente. Damals schon lieferte die Klosterbrauerei das Bier, dies wurde von den jeweiligen Besitzern der Brauerei übernommen. Gerade dieser Teil des Ortes war doch sehr vom Kloster geprägt, wohnten hier doch viele Handwerker und Taglöhner die ihr Brot dort verdienten.

Ein Gasthaus mit Geschichte
Bis zur heutigen Zeit hatte die »Linde« ihr eigenes Gesicht bewahrt, besucht von jung und alt, vom Arbeiter, Handwerker und Bauern nach getaner Arbeit im Arbeitshäs oder Sonntagswand. Hier zahlte der Viehhändler sein »Kälblegeld« aus, der Metzger kaufte sein Schlachtvieh, der Handwerker machte während des Dämmerschoppens sein Geschäft.
In der Nachkriegszeit mussten die Arbeitslosen des Ortes wöchentlich erscheinen, um ihre Unterstützung zu bekommen, so manchesmal warteten Frau und Kinder lange, bis der Ernährer der Familie den Rest des Geldes nach Hause brachte.

Da waren dann die verschiedenen »Kartler«, von der Schafkopfpartie, den Sechsundsechzigspielern und Gaigtarockern bis zu den »Wattern« die hier ihrem Spieltrieb nachgingen. Hier wurden Hochzeiten und Geburtstage – wenn auch im kleinerem Rahmen – gefeiert, Erstkommunikanten mit den Eltern und Firmlinge mit ihren Paten konnte man noch vor einigen Jahren zur Feier des Tages treffen.

Der kleine Saal im 1. Stock wurde nach dem Krieg wegen der herrschenden Wohnungsnot geschlossen.
Bekannt und beliebt waren vor allem die Schlachtpartien und Kaffeekränzle in den in den 60er und 70er Jahren. Vor beinahe 60 Jahren (am 09.01.1935) wurde hier auch der Trachten- und Heimatverein »Günztaler« gegründet und hatte da über 30 Jahre sein Vereinslokal.
An einige der verschiedenen Wirtinnen und Wirte der letzten 60 Jahren werden sich alte Ottobeurer noch erinnern: Namen wie Kohler, Leonhard Weilbach (1928), Sailer und Frick.
Von letzterem gibt es eine nette Anektote: Kurz nach Kriegsende, als das Besorgen von Schnaps noch ziemlich schwierig war, setzte sich besagter Gastwirt in das „Ottobeurer Zügle“ um in Richtung Lindau zu fahren und dort „Bodensee-Diesel“ zu holen, den er natürlich zuvor ausgiebig kosten musste. Als er sich dann gegen Abend zur Heimfahrt wieder in den Zug setzte, war sein Zustand ziemlich desolat und der Zugschaffner legte ihn in weiser Voraussicht gleich in den Gepäckwagen. Dort geriet er jedoch in Vergessenheit, wurde also weder in Memmingen noch in Ungerhausen ins „Ottobeurer Zügle“ umgeladen und landete so zu später Stunde schließlich in Augsburg. Steifgefroren und blaurot im Gesicht schaffte ein eifriger Bahnarbeiter den scheinbar Leblosen umgehend in den Zentralfriedhof. Dort klärte sich gegen Morgengrauen der Irrtum ziemlich bald auf und mit dem ihm eigenen Humor landete er gegen Mittag wieder in Ottobeuren .

35 Jahre lang in einer Hand
Seit über 35 Jahren war dann Familie Roth als Pächter auf der »Linde«, die letzten 14 Jahre, seit ihr Mann verstarb, leitete unsere »Emma« – wie sie von allen genannt wurde – das Lokal. Sicher wurde das Angebot an Speisen und Getränken kleiner und die Gäste griffen statt zum Glase eben zur Flasche, fühlten sich trotzdem wohl in dieser Umgebung und die Besucher wurden keineswegs weniger.
Lange bevor unsere Fremdenverkehrs-Gastronomie wieder auf schwäbische Spezialitäten setzte, waren diese in der »Linde« zu haben; berühmt waren »Emmas« Krautkrapfen und Kässpätzle, Saure Kuttla und ihre Tellersulzen. Leider werden solche Gasthäuser immer weniger, weil allzuviele dem Modetrend unserer Zeit zum Opfer fallen und zu Pizzerien, Pilsbars und Gaststätten mit Tischchen, an denen kaum noch eine Familie Platz zum Essen hat, umfunktioniert werden. Wo bleibt da die sprichwörtliche schwäbische Gemütlichkeit? Wo bleiben Wirtsleute, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und auch ihr Herz sprechen lassen, vor allem im Umgang mit unserer Jugend und mit den Vereinen?
Und wenn sich unsere heimischen Brauereien um solche Wirtsleute bemühen, erfolgen auch weniger Pächterwechsel. Dies dient dem Erhalt von guter Tradition und unserer Heimat.

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Ein schönes Ölgemälde, das die Linde von der Rückseite abbildet, finden Sie hier.

Urheber

unbekannt

Quelle

Eduard Schneider und Sammlung Helmut Scharpf

Verleger

Helmut Scharpf

Datum

1912-07-10

Mitarbeiter

Eduard Schneider

Rechte

gemeinfrei