Anfang 1923 – Gründung der NSDAP-Ortsgruppe Ottobeuren bzw. Wiedergründung 1929/30
Titel
Beschreibung
Das Foto zeigt die Gründung der NSDAP-Ortsgruppe Ottobeuren in der Alten Post – aller Wahrscheinlichkeit aber die Wiedergründung nach dem reichsweiten Verbot 1929/30. Wann die Gründung genau erfolgte, ist noch nicht abschließend recherchiert; es spricht alles für eine Gründung ca. März - Mai 1923 (s.u.). Im Artikel von Elke Fröhlich und Martin Broszat von 1977 (s. weiterer Download-Reiter) heißt es: „Vor der Machtübernahme der NSDAP in Bayern (9.3.1933) bestanden im Kreis Memmingen-Land 18 Ortsgruppen und 2 Stützpunkte der NSDAP. Zu ihnen gehörten die 3 großen Gemeinden mit über 2.000 Einwohnern, sämtliche überwiegend katholisch (Ottobeuren, Legau, Grönenbach), wo die NSDAP schon 1922/23 organisatorisch kurzfristig Fuß gefasst hatte (...).“
In den 20er-Jahren gibt es etliche Hinweise auf nationalsozialistische Agitation.
Im Zusammenhang mit dem „Deutschen Tag“ in Ottobeuren am 18. und 19. August 1923 war Adolf Hitler eingeladen worden, um im Bräuhaus-Garten zu sprechen. Das Inserat in der Zeitung ist mit „N.S.D.A.P. Ortsgruppe Ottobeuren“ unterzeichnet. Nachdem Hitler (angeblich) wegen einer Autopanne bei Salzburg verhindert war, kam stattdessen Hermann Esser zu uns und hielt eine zweistündige Hetzrede. Der Theaterverein führte von Wolf Meyer (aus Erlach) das Stück „Das deutsche Leid“ auf (2. umgearb. Aufl. 1923, J. F. Lehmanns Verlag, München, 32 S.), in dem es um die Besetzung des Rheinlandes durch die Franzosen ging. (Weitere Aufführung in Memmingen; s. Inserat.)
Die Personen auf dem Foto konnten noch nicht zugeordnet werden, der spätere NS-Kreisleiter Wilhelm Schwarz dürfte dabei gewesen sein.
Aufschluss über das Gründungsdatum oder über die Neugründung könnte eine weitere Durchsicht des „Völkischen Beobachters“ ergeben. Im Bericht zum „Deutschen Tag“ („Völkischen Beobachter“, Ausgabe 22.08.1923, S. 6) steht:
In aller Stille hat sich unsere Partei nun auch in Mittelschwaben festgesetzt, und mit echt Schwäbischer Zähigkeit wurde in den letzten Wochen Ortsgruppe um Ortsgruppe gebildet. Neben Kempten und Lindau bestehen nun Kampfgruppen in Memmingen, Leutkirch, Legau, Buchloe, Marktoberdorf und Ottobeuren, welch letztere Sonntag, 19. des Monats, die mittelschwäbischen Parteigenossen zu einem Deutschen Tag zusammengerufen hatte. Trotzdem naturgemäß die einzelnen Ortsgruppen nur kleine Vertretungen entsenden konnten, hatten doch fast zweitausend Nationalsozialisten der Einladung Folge geleistet. Schon am Samstag trafen mit den Abendzügen die ersten Gäste ein, von der Ottobeurer S.A. freundlichst empfangen. Eine Aufführung von „Das deutsche Leid“ [von Prof. Dr. Wolfgang Meyer, der sich auch Meyer-Erlach nannte, 1891 - 1982] war die beste Einleitung zu einer deutschen Feier und erntete stürmischen Beifall.
Am Sonntagvormittag fand die Weihe der Sturmfahnen verschiedener S.A.-Abteilungen statt, die mit einem Gottesdienst in der berühmten Basilika begann. Unerhörterweise hatte das Stadtpfarramt die kirchliche Weihe abgelehnt, was unter den Parteigenossen, die fast restlos katholischen Glaubens sind, maßlose Erbitterung hervorrief. Die kirchlichen Behörden tun nicht gut daran, ihre Gläubigen auf diese Weise vor den Kopf zu stoßen.
Am Nachmittag fand im Freien eine große Massenversammlung statt, zu der nicht nur die Ottobeurer Bevölkerung, sondern Interessenten aus der weiteren Umgebung in Scharen herbeigeeilt waren. An Stelle unseres in letzter Stunde behinderten Führers Adolf Hitler hielt Hermann Esser die Festrede. Ausgehend von der „Regierung“ des Reiches, zeigte der Redner die gegenwärtige Lage des deutschen Volkes und wies nach, daß mit den Mitteln des Parlaments eine Änderung unseres Schicksales nicht zu erreichen sei. (...)
Dass die Menge trotz wiederholten schweren Gewitterregens fast zwei Stunden am Platze aushielt, bewies besser als aller Beifall, wie sehr die Ausführungen des Redners als richtig anerkannt wurden. Ein geselliges Zusammensein mit musikalischen Darbietungen vereinigte bis zum Abmarsch der auswärtigen Teilnehmer die Parteigenossen.
Die Zusammenkunft in Ottobeuren bewies, daß die kleinen Anfänge der Organisation der Bewegung in Mittelschwaben sich bereits zu einem achtungsgebietenden Faktor im politischen Leben dort entwickelt haben.
(Die Ankündigung stand im „Völkischen Beobachter“, Ausgabe Nr. 162 vom 14.08.1923)
Im „Völkischen Beobachter“ vom 21.8.1923 wurde erwähnt, dass die „Sturmglocke – nationalsozialistisches Kampfblatt für den Bezirk Schwaben und Neuburg“ bis 31.08.1923 verboten wurde. Für den 01.09.1923 wurde angekündigt, dass die „Sturmglocke“ wieder regelmäßig wöchentlich erscheint. Im Juli 2026 wurden per Internet-Recherche keine digitalen Archive, konkrete Ausgabenlisten oder Antiquariate gefunden, wo entsprechende Ausgaben einsehbar sind. Ein Prompt bei Gemini ergab, dass es eine extrem seltene, regionale Propagandaschrift aus der frühen sogenannten „Kampfzeit“ der NSDAP im Jahr 1923 sei (kurz vor dem Hitler-Putsch im November 1923, nach dem die Partei und viele ihrer Schriften vorübergehend verboten wurden). Da es sich nicht um eine überregionale Großzeitung, sondern um ein lokales Bezirkspapier handelte, ist die Quellenlage in klassischen Online-Zeitungsportalen schwierig.
Wer hat Exemplare? Sie könnten weitern Aufschluss über die Ereignisse in Ottobeuren 1923 geben.
Nach der Ausgabe vom 9. November 1923 (zum Hitler-Putsch) wurde die NSDAP und damit auch der Völkische Beobachter reichsweit verboten. Bis Februar 1925 konnte das Blatt nicht mehr erscheinen. Bereits im August 1923, als Hitler in Ottobeuren sprechen sollte, dürfte die Ausrede, er hätte aufgrund einer „Autopanne bei Salzburg“ nicht kommen können, einen ganz anderen Hintergrund gehabt haben. Im „Völkischen Beobachter“ vom 22.8.1923 hieß es:
An sämtliche Ortsgruppen!
Die veränderte politische Lage bedingt eine erhöhte Werbetätigkeit vor allem in der Hauptstadt. Die ständige Anwesenheit der Führung der Bewegung in München ist notwendiger denn je. Die Parteileitung ersucht daher sämtliche Ortgruppen, davon Kenntnis zu nehmen, daß es unserem Führer Adolf Hitler bis auf weiteres unmöglich ist, irgendwelchen Einladungen zu Vorträgen oder deutschen Festfeiern und Fahnenweihen Folge zu leisten. Die bereits gegebenen Zusagen, die in diesen Tagen den betreffenden Ortsgruppen schriftlich bestätigt werden, werden eingehalten.
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Einrodnung der Uniformen per Google-KI (am 11.07.2026): Die Tatsache, dass die Herren in den hellen Hemden (SA) die Kragenspiegel tragen und die Männer in den dunklen Jacken nicht, verschiebt die zeitliche und organisatorische Zuordnung völlig. Ein Beleg von 1923 beweist, dass es im Februar 1923 bereits eine frühe Gruppe gab, die sich im Café Hasel traf. Das vorliegende Foto im Postsaal (Alte Post) stammt jedoch definitiv aus der Zeit der Wiedergründung und des massiven Ausbaus um 1929/1930.
Aus uniformkundlicher Sicht lässt sich die Szene exakt aufschlüsseln:
1. Die SA-Männer in hellen Hemden (rechts)
Dass die Männer in den hellen Hemden die Kragenspiegel tragen, ist der Beweis für die SA-Uniformierung nach der Reorganisation von 1929:
* In dieser Phase trugen einfache SA-Männer und Unterführer das Braunhemd (das hier hell wirkt) mit Kragenspiegeln, um ihren „Sturm“ (die lokale Einheit) und ihren Dienstgrad anzuzeigen.
* Aufgenähte Hakenkreuze auf dem Ärmel waren in manchen bayerischen SA-Einheiten üblich, bevor die Armbinden reichsweit absolut vereinheitlicht wurden.
2. Die Rauten (Sterne) auf dem Kragenspiegel des einzelnen Herrn
Der Herr rechts oberhalb der Frau mit den Blumen ist der Schlüssel zur Datierung. Drei Rauten (die historisch korrekte Bezeichnung in Dokumenten lautet meist Sterne) auf dem Kragenspiegel standen in der SA-Dienstgradordnung ab 1929/1930 für einen SA-Truppführer (vergleichbar mit einem Feldwebel/Sergeant im Militär).
Er war vermutlich der militärische Leiter dieser lokalen Formation (des „Trupps“ Ottobeuren). Seine hervorgehobene Position direkt hinter der Frau, die vermutlich als Ehrengast oder Spenderin die Blumen hält, unterstreicht seine Führungsrolle.
3. Die Männer in den dunklen Anzügen (ohne Kragenspiegel)
Dass diese Männer (trotz Krawatte und Schulterriemen) keine Kragenspiegel besitzen, entlarvt sie zweifelsfrei als politische Funktionäre der NSDAP-Ortsgruppe (Zivil-Mitglieder) und nicht als Angehörige einer paramilitärischen Einheit wie der SS.
Ab 1929 galt für offizielle Parteimitglieder bei Versammlungen eine strenge Kleidungsordnung: Wer keine SA-Uniform besaß, trug den dunklen bürgerlichen Sonntagsanzug. Durch das Anlegen des Schulterriemens und der Hakenkreuz-Armbinde über dem normalen Sakko wurde der Anzug im Handumdrehen zur „politischen Dienstkleidung“ aufgewertet. Sie hatten keine Kragenspiegel, weil sie keine militärischen Ränge in der SA bekleideten, sondern rein politische Ämter in der Ortsverwaltung von Ottobeuren (z. B. Kassenwart, Schriftführer, Propagandaleiter).
Fazit für die Wiedergründung
Das Foto zeigt ein klassisches Dokument der Wiedergründungs- und Konsolidierungsphase um 1929/1930. Nach dem reichsweiten Verbot der NSDAP bis 1925 dauerte es in katholisch geprägten Regionen wie dem Allgäu oft bis Ende der 1920er Jahre, bis die Strukturen im Rahmen der neuen, straffen Richtlinien der Reichsleitung aus München neu formiert wurden. Das Bild dokumentiert den Moment, in dem die rein politische Führung der Ortsgruppe (Männer im Sakko) und der neu aufgestellte, uniformierte Saalschutz (SA-Trupp in Hemden unter der Führung des Truppführers mit den drei Rauten) im Postsaal der „Alten Post“ zusammenkamen.
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Abrufbar sind auf dieser Seit zwei weitere Dokumente:
Plakat für einen „kulturpolitischen Werbeabend“ der NSDAP-Ortsgruppe Ottobeuren am 9. Juli 1932. Die Theateraufführung der „Berliner Nationalsozialistischen Gastspielbühne“ fand im Postsaal im Postsaal Ottobeuren statt, zur Aufführung kam das Stück „Der Wanderer“ von Dr. Josef Goebbels, ein „Spiel in einem Prolog, Epilog und 8 Bildern“ (von 1927). In den Jahren 1932 / 33 kam es an verschiedenen Orten im Deutschen Reich zur Aufführung, wie dieses Plakat von 1932 für eine Veranstaltung in Stuttgart zeigt. (Format ca. 22,8 x 31,3 cm; Sammlung Herbert Gschweicher, Ottobeuren)
sowie das Parteiprogramm der NSDAP vom 24.02.1920 auf einem Flugblatt mit einem Aufruf vom 13.04.1928 (Vorderseite, Format ca. 22,8 × 31,3 cm, Sammlung Herbert Gschweicher, Ottobeuren) (Die Rückseite muss erst noch bearbeitet werden.)
Rechtlicher Hinweis: Die Abbildungen und Texte werden als zeitgeschichtliche Dokumente veröffentlicht. Sie sind zwar gemeinfrei, eine missbräuchliche Nutzung ist dennoch untersagt! Die zeitgeschichtlichen Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus werden nur zu Zwecken der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungsfeindlicher Bestrebungen, der wissenschaftlichen und kunsthistorischen Forschung, der Aufklärung oder der Berichterstattung über die Vorgänge des Zeitgeschehens gezeigt und sind in keiner Weise als propagandistisch zu sehen. Es gelten die Maßgaben im Sinne des § 86 und 86a StGB.
https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Schwarz_(Politiker,_1902)
Literaturzitat:
Fröhlich, Elke / Broszat, Martin: Politische und soziale Macht auf dem Lande. Die Durchsetzung der NSDAP im Kreis Memmingen, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Nr. 25 (1977), S. 546 - 572
Veröffentlichung auf Ottobeuren macht Geschichte mit freundlicher Genehmigung durch Dr. Julia Menzel vom Institut für Zeitgeschichte (27.06.2025).














