02.04.1909 – Überflug des „Luftschiffes Z I“ von Graf Zeppelin

Titel

02.04.1909 – Überflug des „Luftschiffes Z I“ von Graf Zeppelin

Beschreibung

Man muss sich das Ereignis am 2. April 1909 für die Ottobeurer in etwa vergleichbar mit der ersten Mondlandung vorstellen. Die Aufnahme (von Max Pfalner;*8.1.1867, †1.8.1931) ist lediglich beschriftet mit „Nordseite von Ottobeuren, verunglückte Zeppelin-Aufnahme“. Glücklicherweise hat sich das Glasnegativ erhalten, insofern sind Gebäude wie auch der Zeppelin selbst gut erkennbar. (Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Aufnahme hier seitenverkehrt abgebildt ist. Im Vordergrund ist vermutlich die Klosterwaldstraße zu sehen.)

Abrufbar ist unten die Abschrift aus dem Ottobeurer Volksblatt samt einer Zusammenfassung weiterer Meldungen.

Das über Ottobeurer Gebiet fliegende Starrluftschiff war das vom Heer aufgekaufte LZ 3 („Luftschiff Zeppelin“) das als Militärluftfahrzeug in „Z I“ umbenannte wurde. Das LZ 3 war lt. Wikipedia am 9. Oktober 1906 erstmals zu Testfahrten aufgestiegen und wurde der erste erfolgreiche Zeppelin, der bis 1908 aus 45 Fahrten insg. 4398 km zurücklegte und so für das Militär interessant wurde. Bis 1913 diente das Z I als Schulschiff, dann wurde das technisch überholte Schiff abgerüstet.
Was die Ottobeurer in ihrer Begeisterung nicht ahnen konnten: Zeppeline wurden im 1. Weltkrieg (zwischen Januar 1915 und August 1918) zu Bombenangriffen auf Ziele in England - vor allem London - eingesetzt. Sie flogen in Höhen von bis zu 7000 Metern und waren mit der herkömmlichen Munition schwer abzuschießen. Da man für die Herstellung der Gaszellen für einen einzigen Zeppelin 250.000 Kuhdärme benötigte (insb. den großen Blinddarm) galt laut der britischen Tageszeitung Daily Telegraph vom 24.08.2013, S. 9 („Bratwurst ban kept Zeppelins airborne“) zeitweise sogar ein Verbot der Wurstherstellung.

Hier die Fundstellen aus dem Ottobeurer Volksblatt:
Ottobeurer Volksblatt vom 3. April 1909, Seite 2
Ottobeuren, 2. April 1909.
„Zeppelin“ bei uns vorbei.
Als heute nachmittag bekannt wurde, daß Zeppelin mit seinem Luftschiffe auf der Rückreise von München in unserer Nähe vorbeikommen werde, da war alles auf den Beinen, um einen günstigen Aussichtspunkt zu suchen. Die einen bestiegen die Kirchtürme, die andern machten sich auf ins Buschel. Diese gingen hinaus auf den Annakeller, jene stellten sich auf der Höhe bei Brüchlins auf. Wer nicht so weit gehen konnte, suchte sich in der Nähe ein hochgelegenes Plätzchen. Und alles spähte am Himmel herum, ob er nichts vom „Zeppelin“ sehen könne. Aber die Geduld der Leute wurde auf eine harte Probe gestellt. Mancher verließ nach stundenlangem Warten und Schauen seinen Aussichtsplatz, um sich zu Hause die kalt gefrorenen Glieder wieder zu erwärmen; denn es blies ein scharfer Nordostwind. Da, es war ¾ auf 6 Uhr, kam der Ballon in nordöstlicher Richtung über dem Wald bei Fröhlins in Sicht. Die Leute auf den Türmen ließen die Glocken anschlagen und überall erhob sich ein mächtiges Jubelgeschrei. Scheinbar ganz langsam kam das Luftschiff in der Richtung von Sontheim näher und bewegte sich nördlich von Klosterwald in ziemlicher Höhe über das Tal. Wie es so majestätisch durch die Luft fuhr, machte es einen großartigen Eindruck. Die blanke Ballonhülle in ihrer eleganten Form und dem feinsten Ebenmaß die verschiedenen Steuer, die beiden Gondeln, der ruhige und doch schnelle Flug, alles das weckte unwillkürlich ein Gefühl der Bewunderung und des Staunens. Wenn man das Schiff so sicher auf und ob, rechts und links steuern sieht, trotz seiner Größe, so ruhig und leicht, wie ein Adler durch die Lüfte streicht, dann erfaßt den Zuschauer großer Respekt vor dem Manne, der so etwas zu Stande gebracht. Als das Schiff nordwestlich von hier vorbeifuhr, kam es uns so nahe, daß wir deutlich sein Surren hören und die Leute in den Gondeln sehen konnten. Südlich von Memmingen drehte es sich so weit nach Norden, daß uns von Brüchlins aus auch seine rechte Seite zu Gesichte bekam. Dann ging es scharf nach Südwesten weiter. Um 6 Uhr 55 Minuten entschwand es unsern Augen als ein runder schwarzer Punkt am Horizont links von Kronburg.

Memmingen, 1. April. Um 5.55 Uhr wurde Z I von hier aus beobachtet.
Mindelheim, 1. April. Das Luftschiff Z I passierte um 7.05 Uhr die hiesige Stadt.
Schwabmünchen, 1. April. Gegen halb 8 Uhr fuhr Z I an Schwabmünchen vorbei, gegen heftigen Südwestwind ankämpfend.
Kempten, 2. April. Von Friedrichshafen wird der „Allg. Ztg.“ mitgeteilt, daß die Rückfahrt des Reichsluftschiffes in Anbetracht der günstigen Windverhältnisse bevorsteht.

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Aus aller Welt.
Zeppelin über den Münchener Frauentürmen!
Friedrichshafen, 1. April. Das Reichsluftschiff Z I ist heute früh um 4 Uhr von Friedrichshafen zur Fernfahrt nach München aufgestiegen.
Ulm, 1. April. Um 5.25 Uhr passierte Z I Biberach und steuerte hinter Erbach, Ulm links liegen lassend, der bayerischen Grenze zu.
München, 1. April. Das Luftschiff Z I ist um 9 Uhr dahier eingetroffen und macht prachtvolle Manöver über den Frauentürmen. Die ganze Bevölkerung ist höchst entzückt über das prächtige Schauspiel.
München, 1. April. Das Luftschiff Z I des Grafen Zeppelin ist Punkt 9 Uhr über der Theresienhöhe erschienen, machte dort Bewegungen in die Höhe und abwärts und Schwenkungen nach verschiedenen Seiten und fuhr dann gegen die Stadt zu. Eine ungeheure Menschenmenge füllte die Theresienhöhe. Der Prinz-Regent, Prinz Ludwig und die übrigen Mitglieder des königlichen Hauses erwarteten die Ankunft des Luftschiffes im Verwaltungsgebäude der Ausstellung auf der Theresienhöhe. Das Publikum begrüßte das Luftschiff mit ungeheurem Jubel, Tücherschwenken und Hochrufen. Das Luftschiff kreuzte direkt über der Stadt und bewegte sich gegen Oberweisenfeld, wo die Landung auf dem großen Exerzierplatz erfolgen soll.
München, 1. April. 11 Uhr 30 Min. Graf Zeppelin versuchte um halb 10 Uhr vergeblich auf dem Exerzierplatz zu landen. Ein heftiger Südwestwind drehte das Luftschiff gegen Oberföhring. Die Luftschifferabteilung wurde zur Hilfeleistung in der Eisenbahn einparkiert; Schwere Reiter zu Pferde ritten nach.

Ottobeurer Volksblatt vom 10. April 1909
Bayern!
Wir haben in diesen Tagen Zeppelin und sein stolzes Schiff über uns hinfliegen gesehen. Wir haben in banger Sorge um ihn gezittert. Wir haben ihn bestaunt, bejubelt. Im Sommer 1908 tatet Ihr den ersten Schritt. Zögert jetzt nicht, den zweiten zu tun. Tretet unserem Volksverein in Massen bei, gründet Ortsgruppen überall, werbet für unsere Sache!
Deutschland in der Luft voran!
Anmeldungen und Anfragen nimmt entgegen die Geschäftsstelle Theatinerstraße 18. München, im April 1909.
Der Landesverband Bayern des Deutschen Luftflottenvereins.
In der Ausgabe am 12.06.1909 war ein Zeppelin-Gedicht abgedruckt (allerdings ohne Bezug auf Ottobeuren).
Ottobeurer Volksblatt vom 21.08.1909
Es wurde über Pläne zur Errichtung eines Zeppelin-Denkmals in Dingolfing berichtet:

Dingolfing. Zur Erinnerung an die erste Landung Zeppelins in Bayern soll dem Grafen bei Loiching ein Gedenkstein errichtet werden. Zu diesem Zwecke hat die hier erscheinende Isarzeitung eine Sammlung eröffnet, die bisher den Betrag von 140 Mk. ergeben hat. Nach dem vom Landbauamt Landshut hergestellten Entwurf (ein etwa 2 Meter hoher Stein, Naturblock mit Tafel auf Granitunterbau, zwischen zwei Eichen) würden sich die Kosten für das Denkmal auf 400 Mk. belaufen. Es ist nun schwer, diesen Betrag in der hiesigen Gegend aufzubringen. Darum ergeht an alle Freunde des kühnen Grafen die herzliche Bitte, zum Zeppelin-Gedenkstein bei Loiching beizusteuern. (…)

Ottobeurer Volksblatt vom 28.08.1909
Das Projekt einer Luftbahn über Berge und Meere.“
In Marburg hat sich eine Luftbahngesellschaft gebildet, welche ein ganz eigenartiges Projekt zur Ausführung bringen will. Es handelt sich um die „zwangsweise“ Führung eines Luftschiffs auf Kabeln, die aus sogen. Führungsböcken ans Eisen oder Holz in Gitterwerkkonstruktion in einer gewissen Höhe über den Erdboden hingeleitet werden, und zwar so, daß selbst die höchsten Fuhrwerke bequem darunter durchfahren können. (…)
Nachrichten über die Luftschiffe ziehen sich über viele Ausgaben bis Ende 1909, insb. Anfang September. In der Regel haben die Fahrten militärische Bedeutung.
Über die Errichtung des Gedenksteines im Bannwald wurde der entscheidende Hinweis bislang noch nicht gefunden.

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Die Aufstellung des Zeppelin-Gedenksteines im Bannwald (zwischen Hochbehälter und Parkplatz Ottostraße) hatte der Verschönerungsverein auf seiner Jahreshauptversammlung 1910 beschlossen. Die Idee hatte der königliche Forstmeister Schneeberger, der auch die Festrede hielt. Die Inschrift wurde von Flaschnermeister A. Raith sehr schön in Kupfer getrieben.
Ältere Ottobeuren kennen den Gedenkstein aus grauem Marmor als wichtigen Treffpunkt. Eltern z.B. haben ihren Kindern immer gesagt, man treffe sich „beim Zeppelin“. Aufgestellt wurde der Stein durch den Verschönerungsverein im Rahmen des Kindefestes am 25.07.1910. In Ausgabe 83 vom 28.07.1910 erschien zur Errichtung des Zeppelindenkmals sowie der Pflanzung der Zeppelintanne auf der Coverseite ein ausführlicher Bericht.
Bevor es in den Annakeller ging (an der Ottostraße beim Bannwald) zogen die Schüler der Volksschule zur Zeppelintanne (eine Nordmanntanne) und stellten sich zu beiden Seiten mit ihren Lehrerinnen und Lehrern auf. „Die Knaben mit weißblauen Fahnen und die Mädchen in ihren bunten Kleidern boten im Grün der Bäume ein ungemein malerisches, farbenprächtiges Bild.“ Die Blechmusik spielte ein einleitendes Stück. Nach der Festrede erklang ein dreifaches Hoch auf Seine königliche Hoheit, Prinzregent Luitpold, und auf den Grafen Zeppelin und alle sangen „entblößten Hauptes“ die Prinzregentenhymne.

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Als Verbindungsstück zwischen der Johannes-Gutenberg-Straße und der Bürgermeister-Hasel-Straße gibt es in Ottobeuren die ca. 170 m lange Zeppelinstraße. Sie dürfte im Zuge der Entstehung des Neubaugebiets an der nördlichen Klosterwaldstraße 2001 gewidmet worden sein; davor war hier nur ein Feldweg. Insofern konnte sie in der Schrift des Heimatdienstes von 1988 („Markt Ottobeuren - Straßenbezeichnungen“) nicht thematisiert werden.
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Die Aufnahme aus dem Nachlass von Dr. Raimund Eirich wurde dankenswerterweise von dessen Tochter, Luzia Eirich, zur Verfügung gestellt und aufwändig restauriert. Der Zeppelin wurde nachträglich ein wenig vergrößert.
Zusammenstellung und Repros: Helmut Scharpf, 04/2026

Urheber

diverse

Quelle

Luzia Eirich

Verleger

Helmut Scharpf

Datum

1909-04-02

Rechte

gemeinfrei