25.07.1945 – Amerikaner in Ottobeuren

Titel

25.07.1945 – Amerikaner in Ottobeuren

Beschreibung

Im Juli 1945 posiert eine Gruppe amerikanischer Soldaten – laut Bildbeschriftung das „ Baker Battery Baseball Team“ – vor dem Ämtergebäude in der Sebastian-Kneipp-Straße in Ottobeuren. In der nachkolorierten Fassung erkennt man deutlich den Baseballschläger sowie die Baseballhandschuhe. Es ist das bislang einzig bekannte Foto von GIs in Ottobeuren, die hier bis November 1947 stationiert waren.

Die Frage, welche amerikanischen Verbände Ottobeuren am 27. April 1945 befreiten und wer wie lange in welcher Stärke anschließend hier stationiert blieb, ist komplex und muss die Kampfhandlungen der letzten Kriegstage getrennt betrachten. Die 10. Panzerdivision des sechsten Korps der 7. U. S. Army (The Tenth Armored Division, die sich auch als „The Tigers“ bezeichneten, waren im September 1944 in Cherbourg angelandet). Mit 500 Panzern bildete auch in Bayerisch-Schwaben die Speerspitze, gefolgt von der 44. und 103. Infanteriedivision, aufgefächert in drei Kampfgruppen (Combat Commands A, B, C). Auch die Infanterie war vollmotorisiert, hervorragend ausgerüstet, die Soldaten bestens verpflegt und siegesbewusst. Westlich der Iller operierten, ebenfalls südwärts stoßend, Teile der zur alliierten VI. Armeegruppe gehörenden 1. Französischen Armee, dessen ehrgeiziger und eigenwilliger Befehlshaber die Geduld der Amerikaner aufs Äußerste strapazierte. Unterstützt wurden die alliierten Truppen durch Tiefflieger, die Wehrmachtsfahrzeuge und Munitionszüge beschossen.

Nach jetzigem Kenntnisstand blieben amerikanische Soldaten bis November 1947 in Ottobeuren. Aus einem Bericht von Oberstleutnant Jamens McM. Shepherd, Kommandeur im Hauptquartier der 313. Feldartilleriebatallions (s. Anlagen) an den Kommandierender General, 80. Infanteriedivision, der U.S. Army vom 07.11.1946 gehen die Einzelheiten hervor:

Das Bataillon hatte den Befehl zur Verlegung „in ein Biwakgebiet in der Umgebung von Ottobeuren“ erhalten. Der Einmarsch am 12. Juni 1945 in das neue Gebiet erfolgte um 17:30 Uhr. Das Bataillon löste das 131. Feldartillerie-Bataillon der 36. Infanteriedivision ab. Der Auftrag bestand darin, das Gebiet zu besetzen sowie Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten. In den umliegenden Ortschaften wurden Wachposten eingerichtet, deren Aufgabe es war, den Verkehr zu regeln, für Recht und Ordnung zu sorgen und versprengte Personen zu Sammelstellen zu leiten.

Im Bericht heißt es weiter: Geringfügige Verstöße von Zivilisten gegen Anordnungen der Militärregierung wurden zur weiteren Bearbeitung an die Militärregierung gemeldet. Die einzigen Schwierigkeiten, die in diesem Zeitraum auftraten, betrafen polnische Displaced Persons (DPs) aus dem Lager in Memmingen sowie DPs, die auf Bauernhöfen in der Umgebung lebten. Bei den Bauern der Region gingen zahlreiche Beschwerden ein, wonach polnische DPs Raubüberfälle begangen und geplündert hätten. In keinem dieser Fälle gelang es, die Täter festzunehmen. Die Zivilbevölkerung verhielt sich weiterhin kooperativ; es kam zu keinen Fällen von zivilem Aufruhr, Ausschreitungen oder Respektlosigkeit gegenüber den amerikanischen Truppen. Die örtliche Zivilverwaltung leistete jegliche erforderliche Unterstützung.

Unter der Leitung übergeordneter Dienststellen wurden in mehreren kleineren Ortschaften sogenannte „Swoop“-Aktionen (Razzien) durchgeführt, bei denen große Mengen an Armeegütern und Schmuggelware sichergestellt wurden. Gegen Personen, die im Verdacht standen, in Schwarzmarktgeschäfte verwickelt zu sein, wurde ermittelt; sie wurden zwecks gerichtlicher Aburteilung durch die Militärregierung an das CIC (Counter Intelligence Corps) übergeben. Wie bereits an den vorangegangenen Standorten wurden auch hier wesentliche Aufgabenbereiche – wie etwa die Entnazifizierung, das Bildungswesen und die Verwaltung – federführend von der Militärregierung und den übergeordneten Dienststellen wahrgenommen.

Was machte ein amerikanischer Soldat in seiner Freizeit? Dazu erfahren wir im englischsprachigen Truppenmagazin Zeitschrift „80th forward“, Volume 1, Number 4, Ausgabe Montag, 13.08.1945, auf S. 3 in der Rubrik „Blue Ridge Rounder“ by „Miss Bedcheck“ folgenden Bericht (Übersetzung darunter):

Div Arty lives a cosmopolite hotel existence in Memmingen. They've taken over the town's leading hotels (both of 'em). At the large and modern Hotel Adler, the "Heater" hotshots have a comfortable, paneled, tavern-type beer hall. Barkeep T/5 George Cooper tells us that beer profits go to pay maid service in the artillerymen's upstairs apartments. Though the frauleins clean and dust the chambers, it's still the cannoneers who get the gigs if rooms lack the required spit and polish on Saturday morning inspections, Cooper sadly related. The servant problem is tough all over these days! The Adler's ample ballroom serves as a commodious day room equipped with ping-pong tables, easy chairs and writing nooks.

Democratic Mess

Across the strasse at the Bayerische Hof, Miss Bedcheck saw the finest "Blue Ridge" mess setup yet. A modern dining hall where Officers and Enlisted Men partake of the same menu, prepared in the same kitchen. This radical departure from the conventional military routine results in refreshing democratic harmony and no "Red Leg" has less respect for brass because they share a common roof and the same gleaming porcelain and silverware. Memmingen also boasts a fine and efficient PX located in what was once a Kraut kid's clothing store, and two theatres, an intimate playhouse for live talent shows and the Schauburg, a large up-to-date movie theatre. In addition to the above mentioned luxuries, yesterday, August 12th, a bright new Red Cross Doughnut Dugout opened in town and its gay Varga Room gives the GI gunners another glamour spot.

Feudal System

From Memmingen an affable and apologetic artilleryman misdirected Miss Bedcheck's droshky through circuitous wooded routes which took us far afield and even further back in history, for in violent contrast to enterprising Div Arty, in the 905th Battalion area the feudal system has not only survived, but is positively flourishing. Miss Bedcheck regrets to report that she found 905th Battalion Officers dwelling in medieval splender in the handsome, completely modernized Baroque palace, Schloss Eisenberg [Eisenburg], high on a pine-covered hill, while GI serfs live in peasant cottages at the base of this exclusive magnificence. There is, however, a fine 905th lakeside rest center at Buxheim, which accommodates groups of 30 men for two day fishing, boating, swimming respites and according to manager Sgt. Charles Doerflein, 75 to 100 men motor out Buxheim for beer. (Note: All "Blue Ridge“ Regimental rest centers give their guys three day holidays). But Buxheim has ice cream every other day, maybe that's to compensate for the 24 hours less away from reveille, formations, and 1st sergeants!

At quaint Ottobeuren which has the largest and loveliest Baroque Church in all of Germany, Lt. Vincent Kresic runs a pleasant little taproom for the 313th Battalion. Here cognac is rationed to one shot per man per evening, there's beer and wine over the bar and the first 18 men in each night may purchase a bottle of champagne. Lt. Kresic, a wise operator, refuses to serve the notorious rotgut, Halb & Halb in his bistro, where T/4 Spencer Nemmo expertly tickles the ivories while sitting underneath the piano. It was the most animated spot we hit all evening. The 315th has nothing to offer in the way of nocturnal haunts other than Div Arty facilities in nearby Memmingen. They've been talking about doing something in this direction for the past six or eight weeks. Meanwhile 315th'ers probably spend a wild evening reading to each other from suchs popular classics as "Care and Maintenance of the 155mm Howitzer Under Combat Conditions" or else a cozy group gets together to work out a hot survey problem. Miss Bedcheck leapt into her buckboard and fled back to the comparatively bright lights of Kaufbeuren. Life's not so gay down Arty way!


„Blue Ridge Rounder“ von „Miss Bedcheck“

Die Divisionsartillerie (Div Arty) führt in Memmingen ein kosmopolitisches Hotelleben. Sie hat die führenden Hotels der Stadt übernommen – beide davon. Im großen und modernen Hotel Adler verfügen die „Heater“-Größen über eine gemütliche, holzgetäfelte Bierstube im Wirtshausstil. Barkeeper T/5 George Cooper erzählt uns, dass die Einnahmen aus dem Bierverkauf dazu verwendet werden, den Zimmerservice für die Unterkünfte der Artilleristen in den oberen Stockwerken zu bezahlen. Obwohl die Fräuleins die Zimmer putzen und Staub wischen, sind es dennoch die Kanoniere, die zur Rechenschaft gezogen werden, falls die Räume bei den Inspektionen am Samstagmorgen nicht den erforderlichen „Spit and Polish“ (militärischen Hochglanz) aufweisen – so berichtete Cooper mit Bedauern. Das Dienstbotenproblem ist heutzutage überall schwierig! Der geräumige Ballsaal des Adler dient als großzügiger Aufenthaltsraum, ausgestattet mit Tischtennisplatten, bequemen Sesseln und Schreibnischen.

Demokratische Kantine

Auf der anderen Straßenseite, im Bayerischen Hof, erblickte Miss Bedcheck die bislang beste Kantinen-Einrichtung der „Blue Ridge“-Einheit. Ein moderner Speisesaal, in dem Offiziere und Mannschaften dieselbe Speisekarte genießen, zubereitet in derselben Küche. Diese radikale Abkehr von der herkömmlichen militärischen Routine führt zu einer erfrischenden demokratischen Harmonie; und kein „Red Leg“ (Artillerist) hat weniger Respekt vor der „Brass“ (der Führungsebene), nur weil sie sich ein gemeinsames Dach sowie dasselbe glänzende Porzellan und Silberbesteck teilen. Memmingen kann zudem mit einer feinen und effizienten PX (Truppenladen) aufwarten – untergebracht in einem ehemaligen Geschäft für Kinderbekleidung der „Krauts“ –, sowie mit zwei Theatern: einem intimen Schauspielhaus für Live-Talentshows und der Schauburg, einem großen, modernen Kino. Zusätzlich zu den oben genannten Annehmlichkeiten eröffnete gestern, am 12. August, ein brandneues „Doughnut Dugout“ (Donut-Café) des Roten Kreuzes in der Stadt; dessen fröhlicher „Varga Room“ bietet den GI-Kanoniere einen weiteren glamourösen Treffpunkt.

Feudalsystem

Von Memmingen aus lenkte ein freundlicher, wenn auch etwas zerknirschter Artillerist Miss Bedchecks Kutsche auf verschlungenen Waldwegen in die Irre. Dies führte uns weit ab vom Schuss – und noch weiter zurück in die Geschichte. Denn in krassem Gegensatz zur unternehmungslustigen Divisionsartillerie hat im Bereich des 905. Bataillons das Feudalsystem nicht nur überlebt, sondern gedeiht dort sogar prächtig. Miss Bedcheck muss leider berichten, dass sie die Offiziere des 905. Bataillons in mittelalterlichem Prunk vorfand – residierend im stattlichen, vollständig modernisierten Barockschloss Eisenburg, hoch oben auf einem kiefernbewachsenen Hügel –, während die GIs als „Leibeigene“ in einfachen Bauernhäuschen am Fuße dieser exklusiven Pracht hausen. Allerdings gibt es in Buxheim ein vorzügliches Erholungszentrum des 905. Bataillons direkt am See, das Gruppen von 30 Mann für zweitägige Auszeiten zum Angeln, Bootfahren und Schwimmen aufnimmt; und laut dem Leiter, Sgt. Charles Doerflein, fahren zudem 75 bis 100 Mann mit Motorfahrzeugen nach Buxheim, um dort Bier zu trinken. (Anmerkung: Alle Erholungszentren des „Blue Ridge“-Regiments gewähren ihren Soldaten dreitägige Urlaube.) Doch in Buxheim gibt es jeden zweiten Tag Eiscreme – vielleicht soll dies ja die 24 Stunden wettmachen, die man dort weniger fernab von Weckrufen, Appellen und Kompaniefeldwebeln verbringt!

Im malerischen Ottobeuren – das die größte und schönste Barockkirche ganz Deutschlands beherbergt – betreibt Lt. Vincent Kresic eine gemütliche kleine Kneipe für das 313. Bataillon. Hier ist der Cognac auf ein Glas pro Mann und Abend rationiert; Bier und Wein sind jedoch reichlich an der Bar erhältlich, und die ersten 18 Gäste, die am Abend eintreffen, können sich eine Flasche Champagner gönnen. Lt. Kresic, ein gewiefter Wirt, weigert sich strikt, jenen berüchtigten Fusel namens „Halb & Halb“ in seinem Bistro auszuschenken – einem Ort, an dem T/4 Spencer Nemmo gekonnt in die Tasten greift, während er unter dem Klavier sitzt. Es war der lebhafteste Ort, den wir an diesem ganzen Abend aufgesucht haben. Das 315. Bataillon hat in puncto nächtlicher Vergnügungsstätten rein gar nichts zu bieten – abgesehen von den Einrichtungen der Divisionsartillerie im nahegelegenen Memmingen. Seit nunmehr sechs oder acht Wochen wird dort zwar darüber geredet, in dieser Richtung endlich einmal etwas auf die Beine zu stellen; doch bis es so weit ist, verbringen die Männer des 315. wohl eher einen „wilden“ Abend damit, sich gegenseitig aus populären Klassikern wie „Wartung und Instandhaltung der 155-mm-Haubitze unter Gefechtsbedingungen“ vorzulesen – oder es findet sich eine gemütliche Runde zusammen, um gemeinsam ein kniffliges Vermessungsproblem zu lösen. Miss Bedcheck sprang daraufhin flugs auf ihren offenen Wagen und floh zurück in das vergleichsweise glanzvolle Lichtermeer von Kaufbeuren. Das Leben ist wahrlich nicht so heiter drüben bei der Artillerie!

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Das Bild ist wie folgt beschriftet:
Stehend: Wheelright, Steward, Volpe, Thorton, Cunningham, Holcomb, sitzend: Sorenson, Burkhart, Rodregas, Walters
Es stammt aus der Photo Collection von Tracy Dungan (Grandfather: Robert T. Gholson, 313th Field Artillery Battalion, Battery B), die es dankenswerterweise zur Verfügung stellte. Dass wir überhaupt davon erfahren haben, ist Frank Kujat aus Aachen zu verdanken, der es auf einer Bildergallerie amerikanischer Veteranen entdeckt hat.

Urheber

diverse

Quelle

Sammlung Helmut Scharpf

Verleger

Helmut Scharpf

Datum

1945-07-25

Rechte

gemeinfrei