1905 - 1914: Das Bürgerhaus der Spediteursfamilie Weiß
Titel
Beschreibung
Das stattliche Bürgerhaus des Fuhrunternehmers Christian Weiß in der Bahnhofstraße 39 ist ausgesprochen interessant, weil es kein reiner Jugendstilbau ist, sondern mehrere Stilrichtungen vereint. Der Bau lässt sich ungefähr zwischen 1905 und 1915 einordnen.
Die Familie Weiß gehört zu den alteingesessenen Ottobeurer Familien. Auf der Tafel in der Hausmitte steht wahrscheinlich „Bahn-Spedition, Möbel-Transport Christian Weiß“. Nachfolger war der Sohn von Christian und Rosalia Weiß, Gregor Weiß. Zuletzt wiederum die Tochter von Gregor und Genoveva Weiß, Sieglinde Feneberg (geb. Weiß, † 2023). Als Spedition hatte der Betrieb bis etwa 1980 bestand, zuletzt mit drei Lkw: einen für das Ausfahren von Kohle, die anderen für sonstige Zwecke, z.B. für die Baufirma Josef Hebel in Memmingen, die für viele Fuhraufträge sorgte. Die Schwester von Sieglinde Feneberg, Gertraud Miller, berichtete am 20.06.2026: Der Konkurrenzkampf war sehr groß, da gab es Fuhrunternehmer, die sind für ein Butterbrot gefahren, nur dass sie Arbeit hatten. Mein Vater hat immer gesagt: „Dann lass ich die Lkw lieber stehen!“
Von den vier Töchtern der Fenebergs wollte keines den Betrieb – zum dem auch eine kleine Landwirtschaft gehörte – weiterführen. Die Großeltern wie Eltern mussten durch ihr Unternehmen gut verdient haben, was sich allein schon am Haus in der Bahnhofstraße zeigt. Gregor und Genoveva Weiß besaßen zudem das Breher-Haus nebenan (Haus Nr. 37), wo sich selbst wohnten. Genoveva (geb. Frick) stammte aus Altusried. Die Fricks waren Viehändler, mit der Heirat dürfte eine ordentliche Mitgift verbunden gewesen sein; Genoveva besuchte in Kempten-Lenzfried die Haushaltungsschule, was sich zu der Zeit nicht jeder leisten konnte. Gleichwohl: Der Wohlstand war hart verdient worden. Nochmals Gertraud Miller: „Die haben aber auch fast Tag und Nacht geschafft! Bei uns gab es keine Urlaube. Am Sonntag hat man vielleicht mal einen Spaziergang gemacht, viel mehr eigentlich nicht. Auch die Landwirtschaft war noch da. Man konnte ja nicht weg.“
Das Haus steht heute nach wie vor in der alten Grundform da, das Fachwerk und die schönen Fassadenelement wurden leider entfernt. Ein Problem, das in der Familie immer mal wieder Gesprächsthema war: Es war „zu billig gebaut worden“. Der Dachstuhl war „sehr leicht“, das Gebälk nicht so tragfest. Durch die Bombardierungen am Fliegerhorst Memmingerberg im Zweiten Weltkrieg hat es im Haus Risse gegeben hat; man musste Eisenträger einziehen, um das ganze wieder zu stabilisieren. Wann genau der Umbau erfolgte, muss noch erfragt werden. Apropos Zweiter Weltkrieg: Bürgermeister Josef Hasel hat Gregor Weiß noch in den letzten Monaten dazu gedrängt, in die Partei einzutreten. Hasel: „Du, jetzt wird’s frei eng, ich kann für nichts mehr garantieren.“ Obwohl man als Nicht-Mitglied keine gemeindlichen Aufträge mehr bekam, wenn man nicht in der Partei war (vgl. Steinmetz Holzmann), trat er der NSDAP nicht bei. In den letzten Tagen gegen Kriegsende tauchte Gregor Weiß irgendwo in der Mindelheimer Gegend unter, den Rucksack voller Proviant. Erst als er wieder auftauchte, hat er erfahren, dass der Krieg vorbei ist und kam wieder heim. Gregor Weiß war nicht im Krieg, weil er den Auftrag hatte, Transporte zum Bahnhof zu leisten, um die Versorgung der Ottobeurerinnen und Ottobeurer zu gewährleisten, nachdem früher alles per Bahn-Spedition kam.
In der Spedition gab es zwei serbischen Zwangsarbeiter Milrad und Dragi. Bei letzterem dürfte es sich um Dragomir Jevtovic/Jeftovic (geb. 3.8.1908) gehandelt haben, der als als serbischer Kriegsgefangener aus Memmingen als Teil des Kommandos 263 B ‚vermietet‘ worden war, stationiert in der Nähe des Ottobeurer Friedhofs.
Gertraud: Der Dragi war wohl ein bisschen schwieriger; nach Kriegsende (am 28.04.1945) hat er den Bauern Josef Schalk (*30.05.1896) in Stephansried erschossen. Meine Eltern haben immer gesagt: „Das darfst du nicht!“ Er muss zuvor dort gearbeitet haben und war nicht gut behandelt worden. Draghi hatte schon vorher gesagt, dass er den Schalk „rasiert“, wenn der Krieg aus ist. Der Milrad war ein ganz Guter. Man hat immer gesagt, wenn er mal heimkommt, dann wird man die Verbindung aufrecht erhalten; der kriegt dann von uns Pflüge und was er halt so braucht.
Und man hat nichts mehr gehört von ihm. Man hat nachgeforscht bei Leuten die dort waren ob der Name irgendwo auftaucht. Man vermutet, da hat man ein paar Züge gesprengt, dass er da irgendwie dabei war. Vielleicht Partisanen, da haben immer noch einige „blöd getan“.
Die Grundform des Hauses
Die Architektur – typisch für Bürgerhäuser aus der Zeit um 1900 – stammt noch aus dem späten Historismus:
● steiles Walmdach,
● großer Ziergiebel,
● symmetrische Fassaden,
● repräsentative Wirkung.
Jugendstilelemente sieht man vor allem in den Fassadenornamenten, z.B.:
● die geschwungenen Girlanden unter den Fenstern,
● die kreisförmigen Stuckfelder,
● die floralen Ornamente,
● die weichen Linien der Dekoration.
Diese Ornamente sind deutlich vom Jugendstil beeinflusst.
Noch stärker ist der Bau dem Reformstil zurechnen. Er entstand etwa ab 1905 als Gegenbewegung zum üppigen Historismus. Typisch dafür sind:
● große ruhige Wandflächen,
● wenig überladener Schmuck,
● klare Fensterachsen,
● hochwertige handwerkliche Details,
● Betonung der Architektur statt überreicher Dekoration.
Hinzu kommen Elemente des Heimatstils:
● sichtbares Fachwerk im Giebel,
● großes Dach,
● regionale Bauformen,
● Bezug zur traditionellen Allgäuer Architektur.
Gerade im süddeutschen Raum wurden Reformstil und Heimatstil häufig kombiniert.
Fazit: Es handelt sich um ein repräsentatives Bürgerhaus des Reformstils mit deutlichen Jugendstilornamenten und heimatstiltypischen Dach- und Giebelelementen (ca. 1905 - 1915).
Das passt zu einem wohlhabenden Spediteur. Solche Häuser sollten Solidität, Modernität und regionales Selbstbewusstsein ausstrahlen. Die Fassade ist außergewöhnlich sorgfältig gegliedert. Die Stuckfelder mit Kreisen, Girlanden und geometrischen Ornamenten scheinen individuell entworfen worden zu sein und nicht aus einem Standardkatalog zu stammen. Zusammen mit dem dekorativen Fachwerkgiebel deutet das darauf hin, dass hier ein Architekt mit gestalterischem Anspruch gearbeitet hat – kein gewöhnliches Wohnhaus, sondern ein repräsentativer Firmensitz mit Wohnung.
_______________________
Auch in der Luitpoldstraße gab es einen Unternehmer namens Gregor Weiß: Auf dem Schober-Haus sieht man einen Namen, der für Gregor Weiß (14.03.1883 - 22.02.1933) steht. Mit seinem Tod ging auch die Geschichte des Transportbetriebs zu Ende. Sein Sohn Max ging nach Memmingerberg und betrieb dort einen Lebensmittelladen.
Im Landes-Adressbuch für Bayern vom 01.05.1928 taucht jener Gregor Weiß unter „Autovermietung“ auf:
Weiß Gregor Autovermietung Luitpoldst. 126½ F 78; die Spedition von Weiß in der Bahnhofstraße wird nicht erwähnt.
Aus den Memoiren des früheren Bürgermeisters Josef Hasel über das Ende des Zweiten Weltkriegs in Ottobeuren:
„Gefechtstruppen mussten mit Fahrzeugen nach Süden gebracht werden. Die Firmen Fallscheer [Schraubenfabrik von Jakob Fallscheer], [Käsefabrikation Franz] Frischknecht, [Spedition Christian] Weiß, [Sägewerk] Theodor Albrecht [in Eldern] und Magnus Meyer stellten solche; nur ein Teil kam zurück.“
Die Zeitungen von damals wurden noch nicht systematisch ausgewertet. Hier eine Fundstelle zu einem Konkurrenten:
Ottobeurer Volksblatt 20.02.1912:
Stallung des Hrn. Güterspediteurs Josef Altstetter dahier brachte gestern eine Kuh ein Kalb zur Welt, das infolge seiner ausnahmsweis kräftigen Körperkonstitution gleich nach der Geburt gewogen wurde und die Wägung das respektable Gewicht von 1 Zentner 25 Pfund ergab.
Das Originalfoto hat ein Format von ca. 40 x 29 cm; Gebhard Miller hat es dankenswerterweise aus dem Rahmen genommen; rückseitig fand sich leider keine Aufschrift, die auf den Fotografen oder die genaue Datierung schließen lässt. Das Repro wurde per ChatGPT restauriert; weitere Fassungen folgend am 22.06.2026.
Repros, Recherche, Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 06/2026


