05.06.1946 – Bruder Michael Müller malt „Die Hosenprobe“

Titel

05.06.1946 – Bruder Michael Müller malt „Die Hosenprobe“

Beschreibung

Ein Junge sitzt mit seinem Hosenboden auf einem Schleifstein, ein Mädchen begießt den Stein mit Wasser aus einer Kanne, das Wasser wird unter dem Stein in einem Holzzuber aufgefangen. Ein weiterer Junge dreht den Schleifstein mit einer Kurbel. Was mit der „Hosenprobe“ gemeint ist, müssen ggf. ältere Ottobeurer erklären. Im Zeitalter von Fast Fashion vielleicht eine probate Methode zur Überprüfung der Haltbarkeit von Bekleidung.

Gemalt wurde die humoristische Szene vom Klostermaler, Frater Michael Müller (*26.01.1905, Altach, †27.07.1980, Puerto de la Cruz auf Teneriffa), der im virtuellen Museum schon mit etlichen Bildern (Beispiel) vertreten ist.

Einige Deutungsversuche:
Zunächst fällt auf, dass die dargestellte Tätigkeit gar nichts mit dem eigentlichen Schleifen eines Werkzeugs zu tun hat. Der Schleifstein wird zweckentfremdet:
    • Das Mädchen gießt Wasser auf den Stein.
    • Der Junge kurbelt den Stein.
    • Der dritte Junge sitzt mit dem Hosenboden direkt auf dem rotierenden Schleifstein.
Das Ganze ist also eher ein Kinderstreich als eine Arbeitsszene.
Die wahrscheinlichste Deutung:
Der Witz besteht darin, dass der sitzende Junge unfreiwillig eine „Hosenprobe“ macht.
Der rotierende, ständig mit Wasser benetzte Schleifstein reibt an seinem Hosenboden. Dadurch wird gewissermaßen geprüft,
    • ob die Hose dicht hält,
    • ob sie den Abrieb aushält,
    • oder wie lange sie dem Schleifen standhält.
Im heutigen Sprachgebrauch würde man vielleicht sagen:
„Mal sehen, was deine Hose aushält!“
Der Titel spielt also vermutlich mit dem Wort „Probe“ im Sinn von Belastungsprobe.
 
Eine zweite Möglichkeit:
Es könnte auch eine Anspielung auf den Ausdruck sein, jemandem „den Hosenboden zu gerben“.
Im Dialekt gab es viele scherzhafte Redensarten über den Hosenboden:
    • den Hosenboden polieren,
    • den Hosenboden abschleifen,
    • den Hosenboden durchscheuern.
Der Schleifstein würde den Hosenboden tatsächlich „bearbeiten“. Dass Wasser zugegossen wird und der Stein gedreht wird, steigert den Unsinn der Szene.
 
Warum das Mädchen Wasser gießt:
Beim Schleifen wird Wasser benötigt, damit
    • der Stein gekühlt wird,
    • der Schleifschlamm abgeführt wird.
Michael Müller übernimmt also den realen Arbeitsablauf eines Schleifsteins ganz korrekt.
Nur wird nicht ein Messer geschliffen, sondern – scherzhaft – der Junge. Gerade diese Ernsthaftigkeit der Ausführung macht den Witz aus.
 
Eine dritte Deutung: Prüfung einer neuen Hose
Früher waren Hosen teuer und mussten lange halten. Man könnte den Titel auch verstehen als: „Mal sehen, ob diese neue Hose etwas taugt.“ Dann wäre der Schleifstein die denkbar absurdeste „Prüfmaschine“ für die Haltbarkeit.
Solche übertriebenen Bildwitze waren in den 1930er- und 1940er-Jahren durchaus beliebt.
 
Was spricht dafür?
Mehrere Details wirken bewusst komisch:
    • Der kurbelnde Junge lächelt den Betrachter direkt an, als wolle er sagen: „Schau mal, was wir hier treiben!“
    • Der sitzende Junge scheint den Vorgang gelassen hinzunehmen.
    • Das Mädchen beteiligt sich ganz selbstverständlich am „Versuch“, indem sie Wasser nachgießt. Alle drei Kinder arbeiten gemeinsam an einem völlig unsinnigen Experiment.
 
Gesamtdeutung
„Die Hosenprobe“ ist eine scherzhafte Darstellung eines erfundenen Haltbarkeitstests: Ein Junge sitzt mit dem Hosenboden auf einem rotierenden, nassen Schleifstein, während zwei andere Kinder den Stein wie bei einem echten Schleifvorgang bedienen. Die Pointe besteht darin, dass nicht ein Werkzeug geschliffen wird, sondern die Hose – sie muss gewissermaßen ihre Belastbarkeit unter Beweis stellen.
Auch der lockere Hintergrund mit den blauen und weißen Wachskreidelinien und der freundliche Gesichtsausdruck des kurbelnden Jungen zeigen, dass die Zeichnung keine realistische Alltagsszene sein soll, sondern eine augenzwinkernde, fast karikaturhafte Kinderszene. Gerade diese Mischung aus handwerklich präziser Darstellung und heiterem Motiv macht den Reiz des Blattes aus.
 
Zur Maltechnik:
Das Bild dürfte in Mischtechnik entstanden sein: schwarze Feder oder Tusche (bzw. ein feiner Zeichenstift) für die Konturen. Die Umrisse sind sehr sicher und gleichmäßig. Besonders an den Gesichtern, Händen und am Holzgestell sind die Linien typisch für eine Federzeichnung. Für die Modellierung verwendete Müller farbige Künstlerstifte (Polychromos o. Ä.). Die Schraffuren in den Kleidern, den Haaren und am Holz sind deutlich als Buntstiftschraffuren erkennbar. Weiße und hellblaue Wachskreide oder Ölkreide für die schwungvollen Hintergrundlinien. Genau diese Linien haben den typischen leicht deckenden, wachsigen Charakter. Sie liegen locker über dem Papier und wirken nicht in das Papier eingezogen wie Buntstift. Papier Wahrscheinlich ein leicht getöntes Zeichenpapier oder Karton (beige), nicht nachträglich vergilbt. Die warme Papierfarbe wird bewusst als Bildgrund genutzt. Die Figuren zeigen sehr feine Schraffuren, saubere Farbverläufe, viele transparente Farbschichten. Das lässt auf die Verwendung von Tusche/Feder + Künstlerfarbstifte + weiße und hellblaue Wachskreide schließen. Dies entspricht durchaus der Arbeitsweise vieler Kirchen- und Dekorationsmaler der 1930er bis 1950er Jahre. Solche Entwürfe mussten dekorativ wirken und gleichzeitig relativ schnell entstehen.

Das gerahmte Original hinter Glas (ca. 80 x 60 cm) lagert im Keller des Pfarrheims Ottobeuren. Das Handy-Foto vom 19.06.2026 wurde mit Hilfe von ChatGPT restauriert.

Recherche, Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 06/2026