Marktgemeinde Ottobeuren
Marktplatz 16
87724 Ottobeuren
T. +49 (0)8332 9219-50
F. +49 (0)8332 9219-92
info@ottobeuren-macht-geschichte.de
www.ottobeuren-macht-geschichte.de




01.08.2018 - Abschiedsvorstellung in den Ottobeurer Lichtspielen


   Download

Der letzte Kino-Vorhang ist gefallen. Mit einer letzten exklusiven Vorführung für ca. 110 Mitglieder des Heimatdienstes und des Kneippvereins Ottobeuren ging in den „Ottobeurer Lichtspielen“ ein Stück lokale Kinogeschichte zu Ende. Der jetzige Besitzer, Norbert Mendler, öffnete ein erstes und letztes Mal den großen Vorhang. Michael Scharpf aus Bad Wörishofen gab einen Abriss über die Kinogeschichte und kommentierte im Anschluss daran einen Stummfilm über die Kneippkur aus dem Jahre 1923.

Die Anfänge in Ottobeuren waren zaghaft: In den Ausgaben des Ottobeurer Wochenblatts der Jahre 1899 - 1904 fand sich kein einziger Hinweis auf eine Vorführung mittels eines Kinematographen, nicht einmal als bloße Erwähnung anderer Orte. Am 19. Mai 1905, „im Saale zum goldenen Hirsch“, führte die Ortsgruppe des deutschen Flottenvereins erstmals bewegte Bilder vor. Das Wochenblatt kündigte dies am 11.5.1905 wie folgt an:
„Die erstklassigen, kinematographischen Apparate des deutschen Flottenvereins werden in reichhaltigem Programme Bilder von unserer Marine bringen. Denen, die deutsche Meere und deutsche Kriegsschiffe mit eigenen Augen gesehen haben, werden diese Vorführungen hoch gehaltene Erinnerungen neu beleben; allen andern geben sie eine lebendige Vorstellung von der Größe unserer Macht zur See, ein getreues Bild, wie die verschiedenen Arten von Kriegsschiffen gebaut und eingerichtet sind und wie auf ihnen in Manneszucht und Pflichterfüllung gearbeitet wird, um des Vaterlandes Größe und Wohlfahrt zu sichern.“
In einer Nachbesprechung am 20. Mai schrieb die Zeitung: „Die Darstellungen bewirkten im Zuschauer eine Täuschung, daß man fast vergaß, wo man war, und sich unmittelbar an den Schauplatz dieser Begebenheiten versetzt glaubte.“

Ob die Ottobeurer sich tatsächlich so für die Marine begeistert haben oder ob es mehr die Neugierde an der neuen Technik war, ist nicht überliefert. Die Zeitung resümierte dennoch: „Die Unterhaltung war sehr stark besucht und die Veranstalter derselben haben damit bewiesen, daß es ihnen vollauf gelungen ist, die Sympathien der hiesigen Einwohnerschaft für die Interessen des Flottenvereins zu erwerben.“

Die Zahl solcher Vorführungen blieb mehr als überschaubar. Ottobeuren war vermutlich nicht lukrativ genug, um den technischen Aufwand zu rechtfertigen. Und der Aufwand war enorm, wie ein Foto des „Bioscope“ zeigt, das im November 1905 drei Tage auf dem Marktplatz sein Glück versuchte.

Ottobeurer Wochenblatt, 18.11.1905,
Ottobeuren, 18. November 1905.
Der Einwohnerschaft Ottobeurens und Umgebung ist gegenwärtig Gelegenheit geboten, eine hochinteressante Schaustellung zu besichtigen. Es ist nämlich der Riesen-Welt-Kinematograph von der Firma Gebrüder Lindner aus Nürnberg dortselbst eingetroffen und gibt am Sonntag, Montag und Dienstag mit täglich wechselnden wunderbarem Programm Vorstellungen. Ein Besuch wäre sehr zu empfehlen. (Siehe Inserat.)

Die Entwicklung der bewegten Bilder war so neu, dass man anfangs noch gar nicht wusste, welche Worte man dafür verwenden sollte. Von „Films“ war da die Rede; sagte man „der Kino“, so bezog sich dies auf die Kurzform von Kinematograph.

Hier ein weiterer Beleg für eine Vorführung in Ottobeuren:
Ottobeurer Wochenblatt Nr. 71, vom 25.06.1910, S. 2
Ottobeuren, 25. Juni 1910
Im Saale des Gasthofes z. „Mohren“ hat eine Münchner Firma einen erstklassigen Kinematographen aufgestellt und bieten die neuesten, vorzüglichen mit vollständig flimmerfreien Bilder die angenehmste Unterhaltung. Leider finden hier nur noch 3 Vorstellungen statt. Samstag abends und Sonntag nachmittags und abends. Wir können dem Unternehmen, dem ein sehr guter Ruf vorausgeht, nur einer recht kräftigen Unterstützung von Seiten des Publikums wünschen, umsomehr, als der Firma erst vor kurzem in Mindelheim Objektive und Kondenserlinsen im Gesamtwerte von 340 Mark abhanden gekommen sind. Im übrigen verweisen wir auf unser heutiges Inserat.
Annonce dazu auf Seite 6 der Ausgabe (pdf 338):
Münchner Kinematograph „Elektra“. Nur noch 3 Vorstellungen! Samstag abends vortrefflich zusammengestelltes Familienprogramm. Um recht zahlreichen Besuch bittet die Direktion.

Bewegte Bilder blieben in Ottobeuren noch lange die Ausnahme, es dominierten die von den Vereinen dargebrachten Theaterabende und Veranstaltungen fahrender Unterhaltungskünstler. Ein nettes Beispiel für eine thematische Verknüpfung beider Welten findet sich bei einem im „Engel“ aufgeführten Lustspiel:

18.05.1911, S. 2; Annonce auf S. 4
Lokales und aus dem Kreise. Ottobeuren, 18. Mai 1911
Theater. „Johannisfeuer“ von Hermann Sudermann fand bei guter Darstellung wieder einen vollen Erfolg. — Heute Donnerstag gelangt von der altbekannten Lustspielfirma Blumenthal und Kadelburg ein äußerst humoristischer Schwank „Der Unglücksrabe oder die verhängnisvolle Nummer 6 im Kinematographen“ zum Benefiz für Herrn A. Kramer zur Aufführung. Derselbe hat sich als tüchtiger Schauspieler gezeigt, daß es nur wünschenswert wäre, wenn ein ausverkauftes Haus den wackeren Mimen zu Teil würde. —  Auch die Wahl des Stückes kann als nur gut bezeichnet werden, sind doch schon mehrere ihrer Werke hier gegeben worden, z.B. Im weißen Rößl, Als ich wiederkam, Herr Senator, Weg zur Hölle u. s. w. und haben stets Beifall gefunden. —
Im Volkstheater München wurde der Unglücksrabe eine ganze Saison hindurch mit Herrn Kanzenel in der Titelrolle gegeben. Das  dürfte für die Güte des Stückes bürgen. — Also heute Abend „Parole Theater“. —
_________________________________________

Größte Bedenken hatte man bei Fragen der Moral, schließlich gingen die ersten Vorführungen auf Wandergesellschaften zurück. Fahrendes Volk mit seinem Tingeltangel hatte damals keinen guten Ruf. Hier eine kleine Chronologie (darunter drei Mal aus dem Ottobeurer Volksblatt):

26.09.1909, S. 1, über „Schundliteratur
Es ist das ein neues Beispiel für den Schaden, den dieses Zeug anrichtet, und für die absolute Notwendigkeit der schärfsten Überwachung der Zeitungslektüre und der kinematographischen Darstellungen.

Wörishofer Badeblatt (Wörishofer Zeitung), Nr. 39, 07.05.1910, S. 1 - 4
Dr. med. Baumgarten, einmal die Rechte Hand Sebastian Kneipps, referierte als Badearzt im Mai 1910 über die „Ursachen der Nervosität“: „Und dann noch das Neueste, das wie Gift auf unsere Jugend wirkt, das sind die Kinematographen.“

05.08.1911, Überschrift: Gegen den Kinematographenunfug: „Die Düsseldorfer Polizei verbot für Kinder und junge Leute unter 16 Jahren den Besuch der Kinematographentheater nach 7 Uhr abends und ordnete die Genehmigung sämtlicher Reklameplakate vor ihrer Verwendung an. — Hoffentlich hat die Düsseldorfer Polizei noch Nachahmer.“

Am 11.03.1914 hieß es im Ottobeurer Wochenblatt in der Berichterstattung über eine Initiative im Bayerischen Landtag: „Auch dieser Entwurf bietet, wenn er Gesetz werden sollte, eine Handhabe, um dem Überhandnehmen nicht empfehlenswerter Kinematographentheater entgegenzuwirken.“

Die meisten Vorführungen fanden zunächst im Mohren statt. Schon vor dem 1. Weltkrieg wurden nun auch Filme mit durchgehender Handlung gespielt. Am 6.3.1914 wurde im Ottobeurer Wochenblatt angekündigt:
Im Gasthof zum „Mohren“ findet am Sonntag, den 8. März, beginnend nachmittags 4 Uhr und abends 8 Uhr, große Eröffnungsvorstellung eines auswärtigen Kino-Unternehmens statt. Das Kinounternehmen hatte bereits mit vielem Erfolg in verschiedenen Städten, auch in Schwaben gespielt. In dem sehr reichhaltigen Programm befinden sich außer mehreren heiteren Films zwei hervorragende Weltschlager: „Im Lande der Löwen“ (Wild-West-Drama) und „Das Ende eines Maskenscherzes“, in der Hauptrolle Henny Porten, eine unerreichte Kinotragödin. Im eigensten Interesse der Besucher wäre es zu empfehlen, schon vor Beginn der Vorstellung hinzugehen, denn erstens kann man sich einen guten Platz sichern, und zweitens stört man die Vorstellung nicht.“

Deutlich später, aber auch diese Verhaltensregeln sind lesenswert:
Ottobeurer Tagblatt Nr. 46 vom 25.02.1921, S. 5: (pdf 222)
Italienische Kinositten. Ein Kinobesitzer einer Stadt in Unteritalien hat es für nötig befunden, durch Anschlag bekannt zu machen, „daß diejenigen, welche es nicht unterlassen können, von der Galerie ins Parkett zu spucken, in der letzten Reihe Platz nehmen müssen.“ — In Turiner Kinos findet man außer einer Reihe anderer Verbote auch die Mitteilung, „daß das Hinaufklettern in die Vorführungskammer oder zum Lichtloch der Kammer streng untersagt ist.“

Gewisse Verhaltensempfehlungen waren wohl notwendig. Auch wegen der Gefahren, über die das Ottobeurer Blatt in der Vergangenheit berichtet hatte, gab es sicherlich Vorbehalte:

19.12.1905,
Berlin, 18. Dezember. Bei einer kinematographischen Vorführung in dem ersten Stock eines Hauses in der Müllerstraße rief ein an sich unbedeutendes Feuer, das an dem zu den Vorführungen benutzten Apparat entstand, eine große Panik hervor. Eine Anzahl von Personen, zumeist Kinder, sprangen aus einer Höhe von 4 Metern hinab auf die Straße. Zwei von ihnen trugen einen Knochenbruch davon.

25.02.1909,
Tula, 22. Februar. Bei einer Panik, die gestern während einer Kinematographenvorstellung infolge Entzündung des Apparates entstand, wurden im Gedränge 14 Personen tot gedrückt und 30 verletzt.

16.04.1914,
Ausland. Newyork, 15. April. Während einer Kinematographen-Vorstellung in Ohio geriet infolge einer Explosion ein Leinwandvorhang in Brand. Es entstand eine furchtbare Panik. Die Zuschauer flüchteten in einem wilden Durcheinander nach den Ausgängen. Zufällig befand sich die berühmte Sängerin Tetrazzini unter dem Publikum. Sie hatte die Geistesgegenwart nicht verloren, sondern bestieg einen erhöhten Platz und begann zu singen. Ihre Stimme durchdrang den Tumult und beruhigte allmählich das Publikum. Nur der Sängerin war es zu verdanken, daß das größte Unglück verhütet wurde.

Die Gefahr war real, denn das Filmmaterial war leicht entzündlich. Der am 1.8.2018 in Ottobeuren gezeigte Stummfilm über die Kneippkur von 1923 lagerte als Filmrolle im Bundesfilmarchiv lange unbemerkt vor sich hin, bis Michael Scharpf ihn dort aufspürte und digitalisieren ließ. Zum Öffnen der Filmbox musste allerdings ein Sprengmeister hinzugezogen werden – so gefährlich waren (und sind) die alten Filmstreifen.

Trotz aller moralischer Bedenken wurden vor allem die Chancen des neuen Mediums gesehen: Über die „Volksvereinsversammlung in Memmingen“ hieß es am 27.04.1914, der „Herr Redakteur Steiger“, habe den Kinematographen im Zusammenhang mit „moderne Volksbildung“ genannt.
Am 23.02.1911 lasen die Ottobeurer vom „kinematographischen Steckbrief“: „In Polizeikreisen wurde vorgeschlagen, an Stelle der oft sehr undeutlichen Photographien in den Fahndungslisten dazu überzugehen, das Bild des steckbrieflich verfolgten Verbrechers kinematographisch aufzunehmen und vor dem großen Publikum mit dem Apparate wiederzugeben, da man sich dadurch für die Ergreifung eines Verbrechers viel mehr verspricht als beim jetzigen System.“

Weitere Beispiele aus dem Ottobeurer Volksblatt dafür, dass sich der Lauf der Dinge nicht aufhalten ließ:
30.09.1911.: „Die Einführung von Kinematographen im Heere beabsichtigt die preußische Heeresverwaltung. Die Maßnahme verfolgt den Zweck, die feldmäßige Ausbildung der Mannschaften zu unterstützen durch Aufnahme von militärischen Exerzitien aller Art, an Hand deren die von Mannschaften begangenen Fehler usw. gezeigt und verbessert werden können. Vor allen Dingen aber wird dem Apparat die Aufgabe zufallen, den Erkundungsdienst in durchgreifender Weise zu  verbessern. Im Luftschiff und Automobil wird es sich gleichmäßig gut verwenden lassen. Vorerst sollen fünf Apparate angekauft und verteilt werden. Die damit ausgerüsteten Truppenteile werden die Aufnahmen vervielfältigen und weitergeben.“

Sogar die erste Schule arbeitete im Deutschen Reich mit dem modernen Medium:
20.04.1912, Schul-„Kientopp“.
Die erste Schule Deutschlands, die den Kinematographen ständig für den Schulunterricht eingeführt hat, ist die Volksschule in Zella St. Blasii (Thüringen). Dort wurden Kinematographenapparate gekauft, die im Geographie- und Naturkunde-Unterricht verwandt werden. — Groß sind die Kosten dafür nicht, auch kleinere Gemeinden können es sich leisten. Außerdem können Dörfer sich gegenseitig aushelfen oder einen „Kientopp-Zweckverband“ gründen.

Als hinderlich für eine Fortentwicklung wurde der 1. Weltkrieg; die Kriegszeit bedingte ein deutliches Ausdünnen der Vorführungen, die dann auch noch patriotisches Darstellungen zum Inhalt hatten. Für 1914 findet sich im Ottobeurer Volksblatt nach Kriegsausbruch keine Spur einer weiteren Vorführung. Zumindest in die Kinderzimmer war der Kinematograph eingezogen, wie folgende Annonce belegt:
30.11.1914,
Das „Kaufhaus Pfeiffer“ in Memmingen empfiehlt in einer großen Annonce Puppen und Spielwaren, darunter Kinematographen.

28.04.1915, Ottobeuren. Kinematograph.
Sonntag, den 2. Mai, werden im Gasthaus zum Mohren kinematographische Vorstellungen gegeben. Das Unternehmen hat für diesmal ein patriotisches Bild: „Das Vaterland ruft!“, verbunden mit aktuellen Kriegsberichten — direkten Aufnahmen vom Kriegsschauplatz — sowie humoristische Nummern vorgesehen. Ein Besuch ist zu empfehlen, da nur einige Vorstellungen stattfinden werden.

Fundstelle Ottobeurer Tagblatt, 25.03.1916
München, 23. März. (Zum Kinoverbot.) Die Münchener Lokalschulkommission beschloß gestern einstimmig, bezüglich einer Eingabe des Vereins bayerischer Kinematographeninteressenten um Aufhebung des Kinoverbotes der Jugendlichen unter 17 Jahren, dem Generalkommando zu empfehlen, an dem Kinoverbot unbedingt festzuhalten. Außerdem beschloß die Lokalschulkommission auch die Ablehnung eines Gesuches der Bayerischen Automatengesellschaft zu befürworten, die darum gebeten hatte, daß der Verkauf von Zigarren und Zigaretten durch die Bahnhofautomaten wieder zugelassen werde.

In München gab es 1916 bereits 52 „Lichtspieltheater“

Sitzung des Stadtmagistrats Memmingen vom 24. Februar 1916, Fundstelle Memminger Volksblatt Nr. 46, 25.02.1916, S. 3 (pdf-S. 183)
Kenntnis genommen wird von Klagen, daß so manche Kriegerfrauen, die Unterstützung beziehen, so häufig im Theater oder Kino gesehen werde, statt daß sie ihr Geld besser zusammenhalten. Es ergeht deshalb hiermit eine erstmalige öffentliche Mahnung und Verwarnung an diese Personen. Sollte dies nichts helfen, dann müßte die Unterstützung entzogen werden. — Im Anschluß daran wird der Vorschlag gemacht, ähnlich wie in anderen Städten die Kartensteuer (Lustbarkeitsabgaben) einzuführen. Diesem Vorschlag soll näher getreten werden.

Diese Aussage verwundert, wurde in Memmingen – in einem anderen Zusammenhang – doch schon 1914 darüber beraten. Heute nennt man die Steuer übrigens „Vergnügungssteuer“:

02.06.1914,
Sitzung des Stadtmagistrats Memmingen vom 29. Mai
(…) Das Gesuch des Kinematographenbesitzers Fr. Wassermann dahier um Ermäßigung der Lustbarkeitsabgabe von 160 auf 100 Mark jährlich wird abgelehnt.

02.06.1917
Ottobeuren. Die Sommeschlacht. Am Sonntag gelangt im Saale des Gasthofes zur „Post“ dahier das Filmwerk „Die Sommeschlacht“ zur Vorführung, welches überall Aufsehen erregte. — Es führt dem Zuschauer die Härten und Unerbittlichkeiten des Krieges vor Augen und zeigt, was seine Söhne zum Wohle des Vaterlandes an tapferen Taten leisten. — Es wäre zu begrüßen, wenn auch unsere Jugend diese Zeitgeschichtlichen Ereignisse im Lichtspiele beschauen würde. (Siehe Inserat in heutiger Nummer.)

Trotz der widrigen Umstände trat 1917 nun auch Georg Braun mit einer Vorführung auf den Plan und zeigte den ersten Blockbuster der Kinogeschichte: Quo vadis? In der Fassung von 1913.
Memminger Volksblatt Nr. 79, 04.04.1917, S. 4 (pdf-S. 326; auch: 330 und 336; redaktionell am 7.4.1917, S. 2f, pdf 333 und 343)
Erstmals eine Annonce von „Hofphotograph Braun“ über drei Aufführungen von „Quo vadis“ am Ostersonntag und Ostermontag 1917 (= 8. und 9. April 1917), „Lichtspiele im Saale des Gasthofes zur Post Ottobeuren“.

Alle Besucher dieses interessanten Lichtschauspiels, welches wohl einzig in seiner Art dastehen
dürfte, werden von dem Gebotenen vollauf befriedigt sein. Besonders spannend sind die im Kolosseum in Rom gemachten Aufnahmen, bei welchen 30 - 40 Löwen und Tiger erscheinen, welche durch eine noch von der damaligen Zeit vorhandene Falltüre in die Arena gelangen. Säume darum Niemand, diese herrliche Darstellung Quo vadis? eines der schönsten Werke, kinematographischer Kunst, über die Feiertage zu besuchen. (Siehe das Inserat in heutiger Nummer.)

Nach dem Krieg ging es – trotz beginnender Inflation –  mit dem Kino langsam voran:

3731 Kinos in Deutschland. Berlin, 16. Jan. Wie zuverlässig festgestellt worden ist, sind im Deutschen Reiche gegenwärtig 3731 Kinos vorhanden, die sich auf 2104 Orte verteilen. Von den Orten mit mehr als 10 000 Einwohnern sind 30 noch ohne Kino.

Einschließlich einer Bewertung:
Ottobeurer Tagblatt Nr. 140 vom 21.06.1921, S. 3
Wieviel Kinos gibt es in Deutschland? Wer jetzt in den großen Städten die zahlreichen Kinos sieht, könnte zu der Annahme versucht sein, ganz Deutschland sei mit Kinos überzogen. In Wirklichkeit ist es aber noch nicht ganz so schlimm. Deutschland hat erst 3736 Kinos in 2104 Orten: das macht im Durchschnitt noch nicht zwei Kinos in jener Stadt. Allerdings gibt es auch 30 Städte mit mehr als 10 000 Einwohnern, die noch ohne Kino sind. Dagegen haben von den Orten mit weniger als 10 000 Einwohnern 1219 bereits ein Kino, 319 aber sind noch kinofrei. [Letztere Zahl widerspricht der obigen Angabe.]

1921 bekam Ottobeuren einen ersten festen Kinosaal.
Memminger Volksblatt Nr. 13 vom 18.01.1921, S. 3; (erste Annonce in Ausgabe 15 v. 20.01.1921, S.4; pdf S. 72 u. in Ausgabe 17 vom 22.01.1921, pdf 84)
Ottobeuren.
Lichtspieltheater. Am kommenden Sonntag, 23. ds., wird in Ottobeuren ein ständiges Lichtspieltheater eröffnet. Herr Hofphotograph Georg Braun hat zu diesem Zwecke in seinem Garten einen größeren Saal gebaut. Derselbe bietet für ungefähr 250 Personen angenehme Sitzgelegenheit und ist der Zeit entsprechend ausgestattet. Es ist zu begrüßen, daß Herr Braun sich dieser großen Mühe und Kosten unterzog, da wir aus den vorhergegangenen Vorstellungen die Gewißheit haben, daß uns in jeder Hinsicht nur gute und gediegene Filmstücke geboten werden. Es ist von Herrn Braun beabsichtigt, folgende Filmschaustücke zu bringen: „Der Klosterjäger von Ganghofer“, „Die Lieblingsfrau des Maharadscha“, „Die Herrin der Welt“, „Der Kindesraub im Zirkus Buffalo“, „König Ludwig II.“, „Franziskus, der Bettler von Assissi“ usw. Wir wünschen diesem Unternehmen recht viel Erfolg. — Zur Aufführung am Sonntag gelangt: „Die Nacht der Entscheidung“, Filmdrama in 5 Akten von Dr. Alfred Schirokanner [Schirokauer, D 1920]. Das Stück wurde überall mit großem Erfolg gegeben. Die Hauptrolle in dem Drama spielt Erich Kaiser-Titz, eine gern gesehene Filmgröße. Als Beiprogramm wird ein heiteres Lustspiel geboten. Möchte niemand versäumen, diese Vorstellung zu besuchen. Das Weitere ist aus dem Inseratenteil zu ersehen.
 
Bericht von der Eröffnungsvorstellung im Memminger Volksblatt Nr. 20 vom 26.01.1921, S. 2
Lichtspieltheater. Wie angekündigt, fand am letzten Sonntag die Eröffnungsvorstellung des ständigen Lichtspieltheaters statt. Das gebotene Filmdrama war sehr spannend und das Lustspiel erheiterte allgemein. Zu bedauern war, daß die Bilder nicht klar und deutlich wiedergegeben wurden, stellenweise sehr verschwommen waren, was auf den Neubau zurückzuführen ist. Die Wärme erzeugte ein Schwitzen der Wände, sodaß die Spielleinwand durchnäßt war. Dieser Übelstand ist bei den folgenden Vorstellungen behoben. — Der Besuch der Nachmittagsvorstellung war weniger gut. Am Abend dagegen war der ganze Saal überfüllt und manche mußten wegen Platzmangel zurückkehren. Die Vorstellungen gingen flott von statten. Alles war über das Gebotene, wie über die ganze Einrichtung, voll des Lobes. Schade, daß sich die hiesige Streichmusik so wenig hören ließ und nicht besser an die Öffentlichkeit getreten ist. Wir wünschen Herrn Braun zu seinen weiteren Vorführungen immer ein solch volles Haus, was auch zutreffen wird, wenn immer Gediegenes geboten wird.
[Nächste Annonce auf pdf 100 für Sonntag, 30.01.1921]

Memminger Volksblatt Nr. 46 vom 25.02.1921, S. 3:
Das Lichtspieltheater Ottobeuren bringt Samstag und Sonntag das Schauspiel „Der Kindesraub im Zirkus Buffalo“ zur Vorführung, welches in fast allen großen Kinos vor überfüllten Theatern zur größten Befriedigung des Publikums gegeben wurde. Der Film ist jedenfalls eine Kette spannendster atemraubender Sensationen und dürfte sicher auch hier seine Zugkraft nicht verfehlen.

Memminger Volksblatt Nr. 97 vom 28.04.1921, S. 3  (Annonce pdf 489 „Lichtspiele Ottobeuren“)
Lichtspieltheater. Das Kino beherrscht seit Jahren weite Schichten der Bevölkerung und viele stehen in seinem Banne. Gewiß es ist eine großartige Errungenschaft der Neuzeit. Wir staunen, wenn die mannigfaltigsten wechselnden Bilder aus Natur und Menschenleben vor uns sich blitzschnell sich entfalten. Die Filmkunst gewährt uns den Einblick in das geheimste Tun und Treiben der Menschen. — Das hier letztausgeführte Lustspiel: Zacherl in der Sommerfrische hat mit seinem packenden Humor, mit seiner unerschöpflichen Komik alle Zuschauer gefesselt und lang andauernde Lachsalven hervorgerufen. Am nächsten Sonntag kommt der „Edelweißkönig“, ein Filmschauspiel aus den Bergen nach dem gleichnamigen Roman von Ludwig Ganghofer zur Aufführung. Ganghofer ist bekannt als hervorragender Schilderer der Alpenwelt. Seine Hochlandsgeschichten haben in allen Kreisen Anklang gefunden und werden sehr viel gelesen. –  Es ist ein eigenartiger Menschenschlag, diese Gebirgsbewohner. Wir machen auf dieses hochinteressante Filmschauspiel unsere Leser aufmerksam, überzeugt, daß hier Gediegenes geboten wird, und wünschen Herrn Braun zahlreiche Gäste.

Reich ist Buchbindermeister Georg Braun mit seinem Kino vermutlich nicht. In den Nachrufen zu seinem Tod 1962 wurde mehrfach betont, dass es insbesondere in der Anfangszeit ein Draufzahlgeschäft gewesen sein muss.
Ob es schon 1916 mit Vorführungen durch Georg Braun gegeben hat – ggf. im Theatersaal im Kloster – ist bislang aber nicht belegt.

Am 6.10.1927 schlägt die Geburtsstunde des Tonfilms. Während 1929 von 183 in Deutschland gedrehten Spielfilmen erst 17 mit Ton herauskommen, sind es 1931 nur mehr zwei Filme, die als Stummfilme produziert wurden. Da nutzten auch alle Proteste der „Internationalen Artisten-Lege“ und des „Deutschen Musiker-Verbands“ nichts. Diese riefen das Publikum in einem Flugblatt („Gegen den Tonfilm! Für lebende Künstler“!) auf:
Achtung! Gefahren des Tonfilms!
Viele Kinos müssen wegen Einführung des Tonfilms und Mangel an vielseitigen Programmen schließen. Tonfilm ist Kitsch! Wer Kunst und Künstler liebt, lehnt den Tonfilm ab. Tonfilm ist Einseitigkeit! 100% Tonfilm = 100% Verflachung. Tonfilm ist wirtschaftlicher und geistiger Mord! Seine Konservenbüchsen-Apparatur klingt kellerhaft, quietscht, verdirbt das Gehör und ruiniert die Existenzen der Musiker und Artisten. Tonfilm ist schlecht konserviertes Theater bei überhöhten Preisen!
Darum:
Fordert gute stumme Filme!
Fordert Orchesterbegleitung durch Musiker!
Fordert Bühnenschau mit Artisten!
Lehnt den Tonfilm ab!
Wo kein Kino mit Bühnenschau: Besucht die Varietés!

Die Einführung des Tonfilms dürften die Ottobeurer Lichtspiele um 1931 mitgemacht haben. Ende März 1932 wurde „Tabu“ aufgeführt, der zwar zunächst als Stummfilm gedreht, später aber mit Musik nachvertont wurde.
 
Am 7.12.1937 wurde der österreichische Film „Liebling der Matrosen“ von der Filmprüfstelle freigegeben. Viele Verwicklungen und Missverständnisse, Happy-End und viele Uniformen. Er lief in den Ottobeurer Lichtspielen „Samstag & Sonntag, Abend halb 8 Uhr“, genaues Datum unbekannt. Der Zeitgeist wird auch im Dritten Reich nicht vor dem Ottobeurer Lichtfilmtheater halt gemacht haben.

Schon bald nach Kriegsende machte sich Georg Braun 1950 erneut ans Werk und erweiterte das Kino wesentlich:
Am 29.07.1950 eröffnete Georg Braun sen. (31.08.1869 – 11.01.1962) zusammen mit seinen Söhnen den großen Anbau, durch den der Saal rund 400 Sitzplätze erhielt. In der Memminger Zeitung Nr. 117 vom 01.08.1950 hieß es dazu: „Die Ausstattung macht einen schlichten, aber sehr gefälligen Eindruck, wozu neben der Kassettendecke, der Neonröhrenbeleuchtung, der Bestuhlung und der Klimaanlage nicht zuletzt die große Bühne mit ihrem aparten Vorhang und Blumenschmuck beitrug. Ottobeuren verfügt nun über einen Filmpalast, der auch einer Stadt zur Ehre gereichen würde.“ Ausgestattet war der neue Saal mit einer mechanischen Warmluft- und Entlüftungsanlage, drei Ernemann-Kinomaschinen sowie eine moderne Siemens-Klangfilm-Tonanlage. Neu eingerichtet wurde auch ein Diaprojektor.

Anfang 1953 gab es in Ottobeuren „großes Kino“: „Zwerg Nase“ (1952/53)
Es gab eine Tüte Himberbonbons und 5 Mark als Lohn für vier Drehtage - erinnert sich Wolf Köbele, der damals einen der Zwerge spielen durfte. Das Foto von Theodor Grossbach zeigt die Statisten; die zweite von links ist seine Tochter Monika.

Die Verfilmung des gleichnamigen Märchens von Wilhelm Hauff (1802 - 1827) mit Hans Clarin (1929 - 2005) in der Hauptrolle wurde am 25. Januar 1953 in Göppingen uraufgeführt. Drehorte des schwarz-weiß-Films (35 mm, 82 Min., freigegeben ab 6 Jahre) waren Ottobeuren und Memmingen. Noch heute erinnern sich viele Ottobeurer gerne an das Ereignis. Bei der Aufführung gab es für die Kinder Ausmalbilder.
 
Ein kurzer Schwenk zeigt eine gute halbe Minute den damaligen Marktplatz, zu sehen sind Szenen auf der Klostertreppe, der Bibliothek und im Klostergarten.

Wann Georg Braun jun. (27.07.1915 – 25.01.2016) das Kino übernahm, ist nicht geklärt. Er führte die Filme – die mit dem Zug geliefert wurden – selbst vor und betrieb parallel die Druckerei und einen Schreibwarenladen.

Der Höhepunkt bei der Zahl der Kinogänger in Deutschland wurde 1958 erreicht, ein Nachrichtenbeitrag des ZDF von Delia Thomas („Licht aus, Film ab!“) am 06.02.2019 bezeichnet hingegen 1956 als das Kinojahr in der Geschichte der Bundesrepublik: 6.438 Kinos und 817 Millionen Besucher. Bis 1978 hingegen sank die Zahl auf 136 Millionen Besucher, die sich auf 2.770 Kinos verteilten. Einen gewissen Aufwärtstrend gab es nach der Wiedervereinigung mit den Multiplexkinos; die Zahl der Leinwände stieg bis 2017 auf über 4.800 - bei 122 Millionen Besuchern; allerdings entwickelte sich 2018 zu einem „rabenscharzen Jahr“, in dem die Besucherzahlen unter die 100 Millionen-Marke sank. Als Gründe werden im ZDF-Beitrag genannt: Fußball-WM, heißer Sommer, kein echtes Film-Highlight und immer mehr Menschen mit Abonnements für Streaming-Dienste, die monatlich nur zwischen 6 - 11 Euro kosten, während eine Kinokarte 2018 im Schnitt 8,63 € kostet. Immerhin würden aktuell 55% der Streaming-Nutzer auch ins Kino gehen - bei nur 37% der Gesamtbevölkerung. (Ende des kleinen Exkurses.)
Schon wenige Jahre nach den Rekordjahren ging es also steil bergab. Umgekehrt verhielt es sich mit der Zahl der Fernsehgeräte:
Die Zahl der Farbfernseher war laut Bericht vom 25.08.1967 „von 900 auf 14300 angestiegen“. „Stolzer Aufstieg im Postamtsbereich Memmingen“, hieß es da. 13,5 Millionen Fernsehempfangsgenehmigungen waren bis dahin durch die Deutsche Bundespost erteilt worden, mehr Fernseher als Pkw, deren Zahl auf 11 Millionen angegeben wurde. Von 1953 bis 57 konnten noch nicht in allen Gebieten der Bundesrepublik Fernsehprogramme empfangen werden. Im Herbst 1957 wurde die erste Million erreicht, im Sommer 1962 6,5 Millionen und bis Sommer 1967 eine weitere Verdoppelung.
Heruntergebrochen auf den Altlandkreis Memmingen waren es 1957 erst 900 Teilnehmer, im Sommer 1962 bereits 6100, im Juli 1967 schließlich 14300. Die tatsächliche Zahl von Fernsehteilnehmern war dennoch größer, denn in der angeführten Statistik „handelt es sich hier allerdings nur um solche Fernsehteilnehmer, von denen der Briefträger allmonatlich die 7 DM Empfangsgebühr kassiert“.

Der Kinobesucher hatte neben der Geselligkeit ein paar wenige Vorteile auf seiner Seite. Der Farbfilm war Ende der 1950er schon verbreitet (mit Ausnahmen weit in die 1960er Jahre) und das größere Bild. Die in den USA aufkommende Breitbildaufzeichnung „CinemaScope“ machte das Ottobeurer Kino – im Gegensatz zu Kinos in Bad Wörishofen – nicht mehr mit. Das Bild der Leinwand am 1.8.2018 war gleichwohl brillant!

Das Fernsehen zog bei der Farbe nach. Am 28.08.1967 schrieb „W.“ in der Memminger Zeitung („Plötzlich sahen hunderte Memminger farbig. Menschentrauben vor Fernsehläden – Ereignis der Buntpremiere“) über die Premiere, bei der Vizekanzler Willy Brand um 10.57 Uhr aufs Knöpfen drückte und verschaffte der BRD als viertem Land der Welt ein neues Sehvergnügen. Von 97 Minuten der festlichen Eröffnung waren ganze neun „in Kolor“ gesendet worden.
Im Abendprogramm waren „die Künstler“ an der Reihe. „Beispielsweise konnte man in Ottobeuren kaum etwas durch die Schaufenster sehen, so platt drückten sich die vorderen Reihen die Nase an den Scheiben. Die Test wurden bestaunt, bis dann der Goldene Schuß begann. Erstmals mit Vico Toriani. Ein wenig rosarot kam er den Zuschauern vor, wie ein zartes Spanferkel.“

Am 02.09.1967 berichtete die Memminger Zeitung über Fernsehaufnahmen in der Basilika, die erstmals in Farbe gedreht wurden. („Farbkameras schwelgen in barocker Pracht. Allgäuer Fernseh-Premiere in der Ottobeurer Basilika – Sendung am Heiligen Abend“). Es war dies gar die erste Farbfernsehsendung aus dem gesamten Allgäu – und die herzustellen war technisch sicherlich aufwändig: „Ein Farb-Übertragungswagen, ein Tonwagen, ein Rüstwagen, ein Materialwagen, ein Beleuchtungswagen sind hier aufgestellt.“

Nicht aufgearbeitet ist hier die Geschichte der „Post-Lichtspiele“, in denen in Ottobeuren im August 1959 z.B. der „Wasserdoktor“ lief. Die „Alte Post“ (heute Feneberg-Parkplatz) hatte einen ansehnlich großen Saal. Allerdings wurde die Bestuhlung für andere Veranstaltungen umgestellt bzw. musste herausgenommen werden, es fand also eine Mischnutzung statt.  

Am 12.05.1962 war eine (letzte?) parallele Ankündigung beider Ottobeurer Kinos in der Memminger Zeitung abgedruckt: Die Lichtspiele gaben „Vertauschtes Leben“, die Post-Lichtspiele „So liebt und küßt man in Tirol“.

Es sieht so aus, als hätten sich die „Ottobeurer Lichtspiele“ in der zweiten Hälfte 1967 mehr oder weniger sang- und klanglos von der Bühne verabschiedet, eine Ankündigung einer Abschiedsvorstellung konnte – bisher – noch nicht gefunden werden.

Claudia Mendler, Tochter von Georg Braun – und selbst Statistin in „Zwerg Nase“ –, meinte am 16.12.2017, die Postlichtspiele mit ihrer Memminger Betreiberin Regine Vogt hätten den Lichtspielen „das Kreuz gebrochen“. Und in Memmingen konnte man darüber hinaus Filme zeigen, für die sie uns „im Kloster gesteinigt hätten“.

Am 24.06.1967 fand sich eine letzte Annonce in der Memminger Zeitung:
Die „Lichtspiele“ zeigen heute und am Sonntag das kraftvolle bayerische Volksstück „Der Glockenkrieg“. Liebes- und Eheprobleme werden auf derbe bajuwarische Weise gelöst. In dem Bauernschwank nach Alois Johannes Lippl wirken die bekanntesten weiß-blauen Volksdarsteller mit.
Der 10 Jahre alte Film war sicherlich billig von den Verleihern zu haben. Der Wikipedia-Eintrag spricht Bände, es werden zwei Kritiken zitiert:
Handbuch V der katholischen Filmkritik: „Bedauerlich primitiver Schwank, geschmacklos, ohne besseren Humor und mit verletzender Einbeziehung religiöser Requisiten.“
Lexikon des internationalen Films: „Herkömmlicher Bauernschwank mit dümmlichen Geschmacksverirrungen. “

Nach den Zeitungsberichten wurde auch Allgäu TV auf die Lichtspiele aufmerksam und sendete am 28.8.2018 einen Beitrag (Min. 16:06 - 20:27) von Anne Bley (Kamera: Luca Moosbrugger), in dem Norbert Mendler mit dem Moped – einer „Brummi“ – zu sehen war, mit dem sein Opa die Filmrollen (mit Anhänger) vom Bahnhof Ottobeuren abholte. Auch der brandsichere Schrank (Marke „Garny“) zur Aufbewahrung der hoch entzündlichen Filmrollen wurde gezeigt. Anmoderiert wurde der nett gemachte Beitrag („Spurensuche: Existiert in Ottobeuren ein verstecktes Schwarz-Weiß-Kino?“) von der Ottobeurerin Svenja Ganser, die nach ihrem Bekunden vorher noch nie von einem Kino in Ottobeuren gehört hatte.

Dass es auch das moderne Kino schwer hat, belegt ein Artikel („Durchwachsene Jahresbilanz des Cineplex Memmingen“) in der Zeitschrift der IHK Schwaben („Bayerisch-Schwäbische Wirtschaft“). In der Märzausgabe 2019 geht es auf S. 110 um den wirtschaftlichen Erfolg des „Cineplex Memmingen“, in das auch etliche Ottobeurer regelmäßig gehen. 2018 habe es einen „signifikanten Besucherrückgang“ gegeben. Werner, Helga, Alexander und Michael Rusch von der „Kino Rusch Gruppe“ machten dafür den heißen Sommer und die „nicht überzeugende Filmversorgung“ verantwortlich. Der Bezirks- und Vertriebsleiter der Standorte Memmingen und Penzing bei der Kino Rusch Gruppe, Oliver Kühne, meinte dennoch, dass man im Vergleich mit dem Gesamtmarkt dennoch „sehr gut aussehen“ würde. 2018 hätten 270.000 Zuschauer das Cineplex Memmingen besucht, wobei 40% der Kartenverkäufe online erfolgt wären.

------------------------

Friedrich („Fiffi“) Steiner schrieb am 15.09.2020:
Ich habe das Kino noch in sehr guter Erinnerung, da ich mit meinen Geschwistern und meiner Oma öfters in der Nachmittagsvorstellung Märchenfilme anschauen durfte; an „Die Heinzelmännchen“ kann ich mich noch erinnern. Kurz bevor der Film anfing, durften noch die Klosterbuben unten über einen Seiteneingang rein.
Aber nun zur eigendlichen Ergänzung:
1967 – es könnte auch 1968 gewesen sein – war ich mit meinem Bruder nochmals im Kino. Es wurde der Film „Tarzan der Gewaltige“ mit Gordon Scott aufgeführt. (kurze Anm.: Danach habe ich mir im Schreibwarengeschäft Geppert ein Tarzan Comic-Heft gekauft  bsv Verlag und war ganz enttäuscht, dass die Comicfigur gar keine Ähnlichkeit mit dem Film-Tarzan hatte.)
Das besondere an dieser Aufführung war, dass der Filmprojektor nicht mehr hinten im Vorführraum stand, sondern im Saal oben zwischen den Sitzreihen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich meine, dass es die letzte Vorführung war.
------------------------
Bilder und weitere Angaben aus der Anfangszeit des Ottobeurer Kinos finden Sie hier.
Fast alle Fotos von der Abschiedsvorstellung stammen von Dr. Andreas Klemm; Recherche, Zusammenstellung, Repros: Helmut Scharpf, 08/2018