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01.07.1897 – Die Zeitschrift „Der Naturarzt“ würdigt den verstorbenen Sebastian Kneipp


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Möchte man den damaligen Bekanntheit und Stellenwert von Monsignore Sebastian Kneipp in der Gesellschaft ermessen, dann genügt ein Blick auf den kurzen Nachruf in der Berliner Monatsschrift „Der Naturarzt“. Auf ihrer Coverseite prangt das Portrait des Stephansrieders, daneben die Angaben „geb. am 17. Mai 1821, gest. am 17. Juni 1897“.

Die Bildunterschrift:
Sebastian Kneipp ist nicht mehr! Nach mehrwöchigem Krankenlager ist der edle Menschenfreund sanft hinübergeschlummert, geliebt, geehrt und beweint von Tausenden, denen er Gesundheit und Lebensfreudigkeit wiedergegeben. Sebastian Kneipp bedarf keines Nekrologes wie er eines Denksteines nicht bedarf. Die gesamte Kulturmenscheit kennt seinen Namen und im Herzen der Völker hat er sich ein Denkmal gesetzt. Er war ein seltener Mensch! Möge ihm die Erde leicht sein.

Herausgeber war der „Deutsche Bund der Vereine für Gesundheitspflege und arzneilose Heilweise“. Die Schrift erschien monatlich, das Jahr 1897 war der 25. Jahrgang, der erste Jahrgang müsste somit 1873 erschienen sein; dazu finden sich jedoch wirdersprüchliche Angaben. In der Festschrift zum 125-jährigen Bestehen des „Deutschen Naturheilbundes e.V.“ heißt es im April 2014: 1861 wurde die Zeitschrift „Der Wasserfreund“ gegründet und ab 1863 als „Der Naturarzt“ fortgeführt.
Ab dem Jahr 1900 hieß die Zeitschrift „Der Naturarzt. Zeitschrift des Deutschen Bundes der Vereine für naturgemässe Lebens- und Heilweise“.

Im vorliegenden Heft erfahren wir zwar nicht mehr über Kneipp, auf den Seiten 224f. scheint aber ein Richtungsstreit durch, den einige Kneippvereine mit dem Wörishofener „Centralverein“ austrugen. Man beabsichtigte, einen „unabhängigen Verein“ zu gründen. Hier der Wortlaut der kurzen Meldung:
S. 224, Rubrik „Aus der Zeit“:
Ein süddeutscher Bund der Kneippvereine ist in der Bildung begriffen. In Ludwigshafen fand am 9. Mai [1897] eine von Vertretern der Kneippvereine zu Frankfurt a. M., Wiesbaden, Mainz, Mannheim, Karlsruhe, Speyer, Ludwigshafen, Neustadt, Kaiserslautern, St. Ingbert und Ensheim besuchte Delegiertenversammlung statt, welche die Frage der Schaffung einer von Wörishofen, beziehungsweise dem sogenannten Centralverein, unabhängigen Organisation für Südwestdeutschland auf der Tagesordnung stehen hatte. Nach längeren De-

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batten wurde beschlossen, den früher schon (1895) gegründeten, inzwischen aber eingeschlafenen südwestdeutschen Verband von Kneippvereinen wieder entstehen zu lassen. Es wurde ein neuer Vorstand gewählt mit dem Sitz in Ludwigshafen und Beisitzern in Mannheim und Mainz, welcher nun Schritte zu einer ausgedehnten Propaganda einleiten und bezüglich der Redner und Ärztefrage einheitliche Vorschläge zu machen hat. An Prälat Kneipp soll „unerschütterlich“ festgehalten werden, dagegen das Verhältnis zum Wörishofener Centralverband insofern anders gestaltet werden, dass ein allgemeiner deutscher Verband mit gleichen Rechten und Pflichten angestrebt wird.

Literaturzitat:
Deutscher Bund der Vereine für Gesundheitspflege und arzneilose Heilweise [Hrsg.]: Der Naturarzt. Zeitschrift der Deutschen Bundes der Vereine für Gesundheitspflege und arzneilose Heilweise, No. 7, 25. Jg., Berlin, Juli 1897, 32 S. (durchnummeriert S. 195 - 226) + 12 S. Anzeigenteil (mit römischen Ziffern), Format ca. 16,3 x 14,4 cm

Der Inhalt des Juli-Heftes 1897:
S. 195 (Cover): Todesnachricht Sebastian Kneipp
S. 196-199: Kurpfuschrereiverbot (Reinhard Gerling, Berlin-N.)
S. 199-202: Friedrich Nietzsche und das Naturheilverfahren oder Philosophie und Lebensbejahung, Teil 2 (Philo vom Walde)
S. 202-204: Ein Programmentwurf für die deutsche Naturheilbewegung (Dr. Hirschfeld, Charlottenburg)
S. 204-207: Der halbseitige Kopfschmerz – die Migräne – sein Wesen und seine Behandlung (K. Wachtelhorn, Zeulenroda)
S. 207-209: Aufgegebene Fälle (Fritz Siegel, Haan)
S. 209-211: Gewerbe- und Wohnungshygiene. Der Staub in Fabriken und Schulen (Max May, Heidelberg)
S. 211-213: Für Frauen. Die Prophylaxe (Verhütung) der Frauenleiden./ I. Die Entzündungen und Katarrhen der weiblichen Geschlechtsorgane (Dr. Kästner, Halle)
S. 213-215: Kinderpflege. Schwimmfexe. Eine Badeplauderei (M.G. Zschommler, Leipzig)
S. 215 Ernährung. Cacao
S. 216-217: Zum Kampfe gegen Modegifte und Modethorheiten. Noch einmal Heilserum (Dr. Schulze, Berlin)
S. 217-218: Impf-Frage. Impfschädigung (Reinhard Gerling)
218-219: Bundesnachrichten. Bekanntmachung (Schmeidel, Vorsitzender des Deutschen Bundes der Vereine für Gesundheitspflege und arzneilose Heilweise / Köhler, Vorsitzender des Vereins der ausübenden Vertreter der Naturheilkunde)
S. 219-220: Vereine, bezw. Orte, für welche Ärzte gesucht werden.
S. 220-221: Aus den Vereinen
S. 221-224: Natur-Tierheilkunde. Das seuchenhafte Verwerfen der Kühe (Caesar Rhan, Berlin-Friedenau)
S. 224-225: Aus der Zeit. Jezeksche Lehre von der Blutbewegung. Ein süddeutscher Bund der Kneippvereine. Zur Organsaft-Therapie. Aufhebung des Volksschulgeldes. Die Ausstellung für Naturheilkunde. Gruppenversammlungen. Der Naturärzte-Verein.
S. 225-226: Bücherschau (Dr. Schulze, Berlin)
S. 226: Feuilleton. Hygienische Merkwürdigkeiten aus Griechenland.

Im anschließenden Anzeigenteil finden sich – wohl in Anlehnung an den Artikel auf S. 215 – etliche Annoncen zum Thema Cacao. Auf Tafel X wirbt Reinhard Gerling für sich selbst, als Autor des Buches „Der praktische Hypnotiseur. Kurzgefasste volksverständliche Anleitung zum Hypnotisieren sowie zur Erteilung von Suggestionen zu Heil- und Erziehungszwecken.“
Eine kurze Referenz zu Wörishofen auf Tafel VIII findet sich in der Werbung: „Luftkurort Cleve, Kneipp'sche Heilanstalt. Errichtet 1892. Das ganze Jahr geöffnet. Prospekt gratis. Dirigierender Arzt: Dr. med. Bergmann, früher 1. Badearzt bei Herrn Pfarrer Kneipp in Wörishofen.“ (Bergmann war einer der ersten Mediziner, der sich auf die Seite Kneipps gestellt hat.)

Das vorliegende Heft aus der Sammlung von Helmut Scharpf ist stark vergilbt und stockfleckig. Insgesamt neun Seiten wurden aufwändig digital restauriert und sind hier als pdf abrufbar.

Die Aufarbeitung der Nachrufe aus den deutschen und ausländischen Periodika wäre dringend geboten und würde sicherlich so manche neuen Erkenntnisse bringen!

Ein humorvolles Gedicht zur Kur als Abschluss: nicht in der Zeitschrift abgedruckt, aber in ihr als Zeitungsausschnitt beigelegt:

Aus Bädern und Sommerfrischen.
Schlammbad.
(Während des Badens zu singen nach der Melodie: „Im tiefen Keller sitz' ich hier.“)

Im tiefen Schlammbad sitz' ich hier
Und büße meine Sünden,
Weil ich zuviel trank Wein und Bier
Und aß, was gut's zu finden –
Der Schlamm ist schwarz, heiß wie die Höll',
Darin ich reuig sitze.
Ich büße hier für jeden Fehl
Und schwitze, schwitze, schwitze. –

Und sieh'! Mein Schweiß vermehrt sich noch
Mit jedem neuen Bade,
Als hätt' das Meer im Grund' ein Loch
Und tröpfelt' hier Parade. –
Bei solcher Wirkung muß das Bad
Doch sicher Heilung bringen;
Ich fasse Mut, trotzdem ich matt,
Die Kur, die wird gelingen! –

So ist's: Mit jedem Eilser Bad
Weicht das, was steif und gichtig,
Verschwindet der Gelenke Spatt,
Wird alles Rheuma nichtig! –
Die Kur gelang, Bad Eilsen hat
Erfüllt mein kühnstes Hoffen,
Hoch leb' das Schlamm- und Schwefelbad,
S'wird weiter fort-getrunken.

Ein dankbarer Kurgast. Bad Eilsen bei Bückeburg.
[Quelle: Ausgeschnittener Zeitungsartikel, eingelegt in „Der Naturarzt“, Juli 1897]

Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 03/2020