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31.12.2021  die Kühlwolke des Atomkraftwerks Gundremmingen löst sich über dem Günztal in Luft auf


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Viele Jahrzehnte war die Kühlwolke des Atomkraftwerks Gundremmingen auch in Ottobeuren zu sehen (hier links von Fröhlins deutlich erkennbar), die Hauptkuppel der Basilika liegt vom Reaktor nur 64,5 km Luftlinie entfernt. Selbst von den Allgäuer Berggipfeln aus war die Wolke bei guter Sicht deutlich zu sehen.

Letztmals konnte sie bei uns am 27.12.2021 vom Böhener Ortsteil Schwanden aus wahrgenommen werden. Am Tag der Abschaltung des Blocks C - am 31.12.2021 - musste man schon an den Ort des Geschehens fahren, um die Kühlwolke sehen zu können. Am Parkplatz vor dem Besucherzentrum fand eine letzte Mahnwache statt, zu der etwa 200 Teilnehmer kamen. Als Hauptredner sprachen Thomas Wolf, Raimund Kamm, die bayerische Landesvorsitzende der Grünen Eva Lettenbauer und der BUND Naturschutz-Ehrenvorsitzende Hubert Weiger. Ans Mikro wagten sich außerdem Reinhard Ebert (mit einem Gedicht) und Margit Stumpp (MdB von 2017 - 21). Letztere twitterte am 1. Januar: „Ein Wunsch für 2022: Möge die Abenddämmerung in Gundremmingen, wo gestern der letzte Siedewasserreaktor der Republik vom Netz ging, ein Symbol für die Kernenergie weltweit sein.“

Laut der Wikipedia-Seite begann der Bau des ersten Blocks Block A am 12.12.1962, die Netzsynchronisation erfolgte am 1.12.1966, der kommerzielle Betrieb wurde am 12.04.1967 aufgenommen. Dieser erste Siedewasserreaktor hatte eine elektrische Leistung von 250 MW (brutto). Am 13. Januar 1977 kam es zu einem Unfall mit wirtschaftlichem Totalschaden. Bei kaltem und feuchtem Wetter traten an zwei stromabführenden Hochspannungsleitungen Kurzschlüsse auf. Bei der dadurch eingeleiteten Schnellabschaltung kam es zu Fehlsteuerungen.
Block A speiste bis zu seiner Stilllegung insgesamt 13,8 Milliarden kWh Energie in das Stromnetz ein, seit 1983 wird er rückgebaut. Die neuen Blöcke B und C (mit jeweils 1.344 MW) befanden sich zu dem Zeitpunkt bereits im Bau.

Block B begann den kommerziellen Betrieb am 19.04.1984 und wurde gemäß dem Atomgesetz (§ 7 von 2011) am 31. Dezember 2017 abgeschaltet; mit der Abschaltung auch von Block C am 31. Dezember 2021 ging gleichzeitig der letzte in Deutschland betriebene Standort mit Siedewasserreaktoren vom Netz. Vor der Abschaltung von Block B erzeugte das AKW in Gundremmingen – mit jährlich rund 20 Milliarden Kilowattstunden – etwa ein Viertel des in Bayern insgesamt produzierten Stroms.
700 Milliarden Kilowattstunden (lt. Betreiber etwa
709 Terawattstunden) Strom hatte das Atomkraftwerk über die Jahrzehnte produziert – so viel, wie in Deutschland in einem Jahr verbraucht wird. Durch den gemeinsamen Betrieb von Block B und C in den 1980er Jahren war Gundremmingen das leistungsstärkste AKW der Bundesrepublik: Ein Reaktorblock konnte eine Großstadt wie München mit Strom versorgen. Block C habe seit März 1985 „etwa 362 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt“, schrieb RWE in der Abschaltungs-Mitteilung.

Eigentümer und Betreiber des Kernkraftwerks ist die RWE Power AG. 540 Beschäftigte arbeiteten Anfang 2021 im Kraftwerk, Ende 2022 werden es noch 440 sein. (Weitere Arbeitsplätze entstanden durch Partnerfirmen sowie bei Zulieferern und Dienstleistern in der Region.) Am Abend der Abschaltung waren auf der Schaltwarte von Block C lt. Memminger Zeitung vom 03.01.2022 (S. 9, Artikel „Kein Strom mehr aus Gundremmingen“) versammelt:
Heiko Ringel (Leiter des Kernkraftwerks Gundremmingen), Gerhard Hackel (Leiter Produktion), Nikolaus Valerius (Kernenergie-Vorstand der RWE Power) und Ulrich Schuster (Reaktorfahrer).
49 von 165 Atomkraftwerken in der EU, also fast jedes dritte, gingen in den letzten 20 Jahren vom Netz. Neu hinzu kamen in zwei Jahrzehnten und 28 Staaten ganze zwei Reaktoren.

Zwei Fotos entstanden im letzten Abendlicht, wenige Minuten vor Sonnenuntergang, um 20 Uhr wurde laut Betreiber RWE der Generator vom Stromnetz getrennt. Etwa eine halbe Stunde später wurden dann alle Steuerstäbe in den Kernreaktor eingefahren, die Kettenreaktion kam zum Erliegen. Schon Wochen vorher hatte RWE die Leistung des Atomkraftwerks gesenkt.

Der Rückbau der Anlage wird etwa 15 Jahre lang dauern. Der bereits Ende 2017 abgeschaltete Block B wird bereits zurückgebaut. Insgesamt geht es beim Rückbau des Kraftwerks laut RWE um 89.000 Tonnen Material; die Gebäude selbst werden aber auch in 15 Jahren immer noch stehen.
Die radioaktiven Brennelemente kommen zunächst in ein Lagerbecken und werden innerhalb der nächsten Jahre in Castoren eingehaust, bleiben aber wohl noch viele Jahrzehnte in Gundremmingen stehen – im dortigen Zwischenlager (mit 192 CASTOR-Stellplätzen), das der Bund betreibt.
Aus dem AKW Gundremmingen müssen 11.500 Tonnen Atommüll ins Endlager, das es frühestens 2050 geben soll. „40.000 Generationen“ werden mit dem Atommüll letztlich umgehen müssen, so Hubert Weiger in seiner Rede. Vielen Menschen sei durch eine „unnötige Formular-Bürokratie“ der Mut genommen und die Energie-Genossenschaften ins Aus geführt. Jetzt gehe „der Kampf für eine dezentrale Bürgerenergie erst richtig los“, so der Ehrenvorsitzende des BUND Naturschutz.

Die „Mahnwache Gundremmingen“ traf sich seit 1989 an jedem zweiten Sonntag im Monat zu einer öffentlichen Protestaktion, teils sogar wöchentlich, zuletzt am 31.12.2021, um 15 Uhr – zur „Abschaltmahnwache“. (Es werden – in anderer Form – weiterhin Treffen stattfinden (monatliche „Abschaltkontrollen“), am 02.01.2022 trifft man sich zu einer „religiösen Besinnung“.)
Jedes Mal wurde der „Mahnwachentext“ verlesen (heute von Carola Wolf verlesen):
Hier stehen wir, um uns gemeinsam zu besinnen:
Die Atomenergie zerstört unwiederbringlich unsere Lebensgrundlagen. Darum treffen wir uns jeden Sonntag hier, um uns selbst und anderen diese Verbrechen wieder in Erinnerung zu rufen. Wir erinnern uns, dass unser Land – trotz Auschwitz und Hiroshima – über 70 Jahre lang die atomare Vernichtung allen Lebens auf der Erde mit vorbereitet hat. Wir denken an die Menschen, deren Leben den Interessen der Atomindustrie geopfert wurden:
– in den Atomtestgebieten in Kasachstan, China, im Pazifik und Nevada
– durch Uranabbau in Kanada, USA, Australien, Südafrika und Sachsen
– durch die Wiederaufarbeitung in Sellafield und La Hague.
Tschernobyl mahnt zur Umkehr. Wie viele werden das Schicksal der Menschen in Weißrussland, der Kinder, der Zwangsarbeiter noch teilen müssen?
Viele Menschen in den armen Ländern – und auch bei uns –  kämpfen für die Würde des Menschen, für Frieden, Gerechtigkeit und für ein nachhaltiges Wirtschaften. Sie sind unsere Partner, ihnen fühlen wir uns verbunden. Wir fühlen uns dem Leben verpflichtet und wollen, dass das Handeln nicht denen überlassen, die mit dem Raubbau an der Natur Profit machen. Die industrielle Wachstumsgesellschaft, in der wir aufgewachsen und deren Teil wir sind, richtet sich selbst zu Grunde. Unser Lebensstil verwüstet die Erde. Wir versuchen, in unserem eigenen Leben die gefühlten Zwänge der Gesellschaft abzulegen und ein einfaches und geschwisterliches Leben zu führen.

Laut Mahnwachen-Mitinitiator Thomas Wolf („Atom-Wolf“) kamen in den 32 Jahren zirka 1500 - 2000 Mahnwachen zusammen. Den Anfang machte ein Treffen im Anschluss an eine Tschernobyl-Demo 1989 .
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Das auf zweien der Fotos erkennbare Namenskürzel „KRB“ steht für das Kernkraftwerk RWE-Bayernwerk, der Betreiber wird hingegen mit KGG (Kernkraftwerk Gundremmingen GmbH) abgekürzt.
Block B und C verfügten jeweils über einen 161 m hohen „Naturzug-Nasskühlturm“.

Nach Angaben der Betreiberin „Preussen Elektra“ sind kurz vor Mitternacht auch die Atomkraftwerke Brokdorf in Schleswig-Holstein und Grohnde in Niedersachen planmäßig vom Netz genommen worden. Ende 2022 werden mit Emsland, Neckarwestheim 2 und Isar 2 die drei letzten deutschen Atommeiler folgen. Bislang haben die sechs Kraftwerke zusammen etwa zwölf bis 14 Prozent der Stromproduktion in Deutschland geliefert. Rein rechnerisch entspricht die installierte Leistung der jetzt abzuschaltenden Blöcke der von 1000 Windrädern.

Für Überraschung sorgte hingegen ein Vorschlag der EU-Kommission, mittels einer neuen Taxonomieverordnung Atomenergie als klimafreundlich einzustufen. Vor allem Frankreich dringt mit Nachdruck auf eine Einstufung der Atomkraft als nachhaltig. Auch Polen und weitere östliche Länder, die mit Atomstrom ihre Klimabilanz verbessern wollen, sind dafür. Entschieden dagegen war bislang nur eine Minderheit der EU-Staaten, allen voran Deutschland, Österreich und Luxemburg. Auf einer Seite des ZDF vom 02.01.2022 wurde die österreichische Klimaschutzministerin Leonore Gewessler, die sich wie folgt positioniert: „Die EU-Kommission hat gestern in einer Nacht- und Nebelaktion einen Schritt in Richtung Greenwashing von Atomkraft und fossilem Gas gemacht.“

Die Abschaltung weiterer Atomkraftwerke ist das eine, das Voranbringen der Energiewende das andere. Mehrere der Redner in Gundremmingen gingen darauf ein. Der Klimawandel machte sich auch zum Jahreswechsel 2021/22 bemerkbar:
In Bayern war es „der wärmste Silvestertag seit mehr als 100 Jahren“. Auch die Nacht war ungewöhnlich warm. In den bayerischen Alpen herrschte „extremer Schneemangel“. Laut einer BR-Meldung vom 01.01.2022 waren „auch anderswo in Europa die Temperaturen ungewöhnlich hoch.“
In Ottobeuren wäre auf innerörtlichen Dächern noch Platz für ca. 17 MWp.

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Quellen (fast alle am 31.12.2021 abgerufen):

Wikipedia: Kernkraftwerk Gundremmingen

RWE: Klimafreundliches Kraftpaket im Süden

BR: Atomkraftwerk Gundremmingen wird endgültig abgeschaltet

BR: 11.500 Tonnen Atommüll: So läuft der Rückbau von Gundremmingen

SWR: Mehr als 50 Jahre am Netz. Countdown läuft - Atomkraftwerk Gundremmingen wird abgeschaltet

SWR: Abschaltung des Kernkraftwerks Gundremmingen löst nicht nur Freude aus

ZDF: Kernkraftwerke gehen vom Netz - Bremst der Atomausstieg die Energiewende?

ARD Tagesschau: Drei AKW gehen vom Netz. Mit Energie zum Atomausstieg

Mahnwache Gundremmingen

BUND Naturschutz, PM: Ende eines jahrzehntelangen Kampfes – AKW Gundremmingen wird zum Jahresende endlich abgeschaltet

BR: In Bayern war es der wärmste Silvestertag seit mehr als 100 Jahren

Verein „Ausgestrahlt“: Atomkraft in Infografiken

Link: „Forum gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik“

Süddeutsche Zeitung, 29.12.2021: AKW Gundremmingen. „Ich habe das Kernkraftwerk 50 Jahre begleitet.“ Über eine reichgewordene Gemeinde, einen „Atompfarrer“ – und die bevorstehenden Herausforderungen.

TAZ, 31.12.2021: Leben in der Evakuierungszone. Kinder der Kernkraft. Erinnerungen an eine Kindheit im Schatten der Kühltürme
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Fotos, Transkriptionen, Audio, Zusammenstellung: Helmut Scharpf