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07.11.1891 – Artikel von Fritz von Ostini: „Bei Pfarrer Kneipp in Wörishofen“


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Zeitzeugenberichte zur Kneippkur aus der (noch) frühen Phase der 1890er-Boom-Jahre sind meist besonders wertvoll. Der Münchner Fritz von Ostini (1861 - 1927) schrieb in der wöchentlich reichsweit erschienenen Zeitschrift „Daheim“ einen – sehr lesenswerten – dreiseitigen, bebilderten Artikel über Wörishofen und das Wirken Sebastian Kneipps.

Das abgebildete Portrait des Prälaten zeigt frische Züge, die zweite Grafik mit einem Herrn, der sich bei der Kneippkur fotografieren lässt, bestärkt die Textaussage des Kuriosen. Unbegreiflich allerdings der Fehlgriff mit der „Ansicht von Wörishofen“, denn gezeigt wird ein alpines Ortsbild, das so gar nicht dem Baustil im relativ flachen (heutigen) Unterallgäu entsprach. Auch wenn die Zeitschrift in Leipzig erschien: Abbildungen von Wörishofen hätte es schon 1891 zuhauf gegeben!

Literaturzitat:
Ostini, Fritz von: Bei Pfarrer Kneipp in Wörishofen, S. 92 - 93, in: Velhagen, August und Klasing, August (Hrsg.): Daheim. Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen, 28. Jg. 1892 (ab 03.10.1891), Ausgabe 6 (16 Seiten, lf. Nummer 81 - 96), Leipzig / Bielefeld, 07.11.1891

Lesen können Sie den Artikel im Original sowie in Abschrift samt Worterklärungen. Auf den Artikel aufmerksam wurde Kneipp-Enthusiastin und Ahnenforscherin Daniela Hölzle über einen Zeitungsartikel von etwa 1960, der auf den Originalartikel vom 7.11.1891 Bezug nimmt und ausgiebig daraus zititert.

Exkurs zum Herausgeber: Über den gerade verstorbenen Mitherausgeber August Velhagen findet sich auf S. 41 (Ausgabe Nr. 3 des XXVIII. Jg.) der Zeitschrift ein biografischer Abriss:
*04.10.1809, Quernheim, gest. Oktober oder November 1891. Zu seinem Kompagnon Klasing heißt es: August Klasing war ein ehemaliger Mitschüler und Jugendfreund, den Velhagen veranlasste als Teilhaber in seine Firma einzutreten. „So entstand am 12. August 1835 die Firma Velhagen & Klasing in Bielefeld.“
Sohn Wilhelm Velhagen trat als Nachfolger seines Vaters (gegen 1888) ein.

Der Kneipp-Artikel ist auf den Seiten 12  (lf. Nummer 92 - 94) abgedruckt.
Der gesamte Jahrgang wurde von der amerikanischen Stiftung Hathitrust digitalisiert. Spannend: Sucht man dort nach Ottobeuren, kommen unzählige hochwertige Treffer!

Hier nun die Abschrift (siehe auch docx und pdf):

S. 92
Bei Pfarrer Kneipp in Wörishofen.
Von Fritz v. Ostini - München.

Ein schwäbisches Pfarrdorf wie hundert andere! Weder seine landschaftliche Schönheit, noch die Strebsamkeit seiner Bewohner, noch historische Merkwürdigkeiten hätten es berühmt gemacht – und doch ist es heute in aller Munde! Wörishofen. Die Wasser- und Wunderkuren des vielgenannten Pfarrer Kneipp haben den weltentlegenen Ort mit einemmale in den Vordergrund des allgemeinen Interesses gerückt, und nach dem 1000 Einwohner zählenden Dorfe, in welchem man vor wenigen Jahren noch einen Fremden für eine großartige Merkwürdigkeit gehalten hätte, sind im Vorjahre [= 1890] 30 0000 Heilungsbedürftige gewallfahrtet. Der Ort ist also wirklich eine Merkwürdigkeit geworden, und es lohnt sich wohl, ihn einmal zu besuchen.

Von dem bekannten Bahnknotenpunkt Buchloe führt eine Sekundärbahn nach Memmingen. Steigt man auf der Station Türkheim aus, so ist man nicht mehr weit von dem Wunderort. Allerlei Fuhrwerk wartet auf der Station, und durch Wolken und Staub fährt man bald auf der fragwürdigsten aller Vizinalstraßen [Nebenstraße / Ortsverbindungsstraße] Pfarrer Kneipps Wohnsitz zu.

An der Gegend ist nichts Auffallendes: fruchtbares Land, sanfte, waldbedeckte Hügelketten. Auffallend und charakteristisch aber erscheint bald die Staffage, die zwischen den Wiesen und Feldern einherwandelt: Leute, die keine Stiefel an den Füßen und meistens auch keinen Hut auf dem Kopfe haben. Das Barfußgehen ist ja bekanntlich eines der Universalmittel des schwäbischen Pfarrers, und so ziemlich jeder Kurgast treibt den eigentümlichen Sport. Für den unbeteiligten Zuschauer sieht die Sache manchmal recht komisch aus. Mit dem guten Willen ist es nämlich beim Barfußlaufen nicht gethan, man muß es auch gelernt haben; die Leute aber, die hier mit aufwärts gekrümmten Zehen, ängstlich, als ginge es über Glasscherben, des Weges kommen und – vom Knöchel aufwärts – meist sehr fashionable gekleidet, das Schuhwerk in der Hand tragen, gewähren oft einen merkwürdigen Anblick.

Endlich poltert der Wagen ins Dorf hinein, und wenn dessen Häuser auch genau so aussehen, wie die irgend eines andern Ortes in Schwaben, ihr Anblick kann uns doch keinen Augenblick im Zweifel lassen, wo wir uns befinden. Handtücher und Bettlaken, Decken und Badehosen flattern von allen Zäunen, mächtige Federbetten quellen aus allen Fenstern. Wasserkübel und Gießkannen sind ebenfalls in reicherem Maße vorhanden, als anderswo. Ja, hier muß Wörishofen sein. Und auf den wenigen Gassen des Dorfes wimmelt’s von Barfüßlern aller Gattungen, von der einheimischen Dorfjugend aufwärts bis zum Börsenkönig oder zum Bischof.

Kommt man zu einer Stunde an, die viele Leute auf der Gasse findet, so fällt einem sofort ins Auge, wie bunt hier das Publikum zusammengewürfelt ist. Das liegt zum guten Teil an dem universellen Charakter der Kneippschen Heilmethode. Hier sind alle Krankheiten der Erde vertreten, und diese wiederum durch Repräsentanten aus aller Herren Länder und allen Schichten der menschlichen Gesellschaft. Viel Landvolk ist hier zu sehen, sehr viel Geistlichkeit, zahlreiche Angehörige der Mittelstände und gar nicht wenige von denen, welche das Recht für sich in Anspruch nehmen, schlechtweg „die Gesellschaft“ zu heißen. Besonders der österreichisch-ungarische Adel ist auf der Kurliste mit vollklingenden Namen vertreten. Auch Französisch hört man wohl reden und Englisch nicht minder. Besonders zahl- und abwechslungsreich sind die Klerikertypen, die man antrifft: hagere, blasse Kooperatoren [kathol. Hilfsgeistliche], apoplektische Prälaten [zum Schlaganfall neigende geistliche Würdenträger], schüchterne Landpfarrer und unduldsam und zelotisch [orthodox / religiös-fanatisch] dareinstehende Mitglieder der ecclesia militans, Leute in weißen, braunen und schwarzen Talaren.
„Vater Kneipp“ behandelt seine Amtsbrüder mit besonderer Bevorzugung, was ja schließlich natürlich ist. Sie kommen in den Sprechstunden zuerst an die Reihe, haben ihre besonderen Badestunden und werden, soweit als möglich, in dem großen Dominikanerinnenkloster von Wörishofen verpflegt. Jetzt hat Pfarrer Kneipp, dessen Einnahmen trotz der Bescheidenheit seiner Ansprüche sehr beträchtliche sind, seinen geistlichen Patienten überdies noch ein stattliches Hospiz [das „Sebastianeum“] erbaut.

Zwei- bis dreitausend Fremde sind zur Saison ständig im Ort. Man kann hier eine Musterkarte aller Krankheiten beisammen finden, wie sonst nirgends auf der Welt, denn der geistliche Wundermann erteilt seine Rathschläge ja gegen alle bekannten Übel. Man sieht hier die verwüsteten Gestalten hochgradig Schwindsüchtiger müde einherschleichen, man sieht Rückenmarksleidende mit ihrem unsicher tastenden Schritt, Gelähmte, Hautkranke aller Art, Menschen, denen man einen sanften, seligen Tod wahrhaftig lieber wünschen möchte, als alle Wundermittel der Welt. Es liegt ja in der Natur der Sache, daß viele Unheilbare hierher kommen. Die Verzweiflung eine Kranken sucht schließlich jede Hilfe als letzten rettenden Strohhalm zu erhaschen, wenngleich das Wahnsinnige des Verlangens einleuchtend ist, daß ein paar Eimer kaltes Wasser die jahrzehntelangen Zerstörungen eines solchen Körpers aufheben sollen.
Ich habe dort oben einen jungen Menschen gesehen, der nur halb aufgerichtet mit schwer herabhängenden Armen gehen konnte, etwa wie einer der großen, menschenähnlichen Affen. In Zwischenräumen von wenigen Sekunden stieß er einen gellenden, langgedehnten Laut aus, der an den Ruf irgend eines Tieres gemahnte. Auch für den sucht man Hilfe bei Pfarrer Kneipp. In einem Wägelchen saß ein Kind, so groß wie ein Neugeborenes – aber es war vier Jahre alt; es war nett, munter, es plauderte und spielte, aber es saß mit seinen vier Jahren eben noch im Wägelchen und wartete, daß es der Herr Pfarrer Kneipp das Gehen lehre.
Ein Arzt hat reichliche Gelegenheit zum Studium in Wörishofen, und zur Zeit halten sich dort auch zahlreiche Ärzte auf. Das war vordem nicht. Überhaupt ist in den letzten Jahren manches besser geworden in dem mit Fremden überfüllten Orte, was zuerst himmelschreiend primitiv war. Vor allem die Verpflegungsverhältnisse. Noch immer kommt wohl auf jede Bauernhütte ein halbes Dutzend Gäste und sie müssen noch oft genug zu mehreren in einer Stube schlafen. Aber die Häuser sehen in diesem Jahre wenigstens fast alle restauriert aus, neue Gebäude wurden errichtet, ja sogar ein größeres Haus mit dem pomphaften Titel „Kurhotel“ ist entstanden. Neben den stark in Anspruch genommenen Badehäusern des Pfarrers haben sich Privatanstalten aufgethan, der Fahrverkehr ist geregelt, in verschiedenen Buden kann man sich seine dringendsten Lebensbedürfnisse besorgen. Natürlich

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fehlt’s auch nicht an der Augenblicksindustrie, die an solchen Orten stets bald rege wird: „Kneipp-Wäsche“, „Kneipp-Leinen“, „Kneipp-Brot“, „Kneipp-Kaffee“ ist zu haben, Badehosen gibt’s an allen Ecken und Enden. Im Vorjahre bekam man sogar „Kneipp-Cigarren“, obwohl Kneipp bekanntlich das Rauchen perhorresziert [mit Abscheu zurückweist]. Auch durch fleißiges Photographierenlassen suchen die Kurgäste die Monotonie ihres Badelebens zu unterbrechen. Natürlich läßt man sich barfuß oder während der Prozedur eines „Gusses“ photographieren. Was thut man nicht aus Eitelkeit und langer Weile. Andere Zerstreuungen gibt’s nicht viel in Wörishofen! Man sitzt oder wandelt nebeneinander und erzählt sich von seinen Leiden oder von irgend einem kernigen Spruch des bei den Kurgästen übrigens unendlich beliebten Pfarrers. Und deutsch [Klartext, unverblümt] reden kann er.

Pfarrer Kneipp treibt sein Heilamt in aufopfernder Weise. Er „ordiniert“ so ziemlich den ganzen Vormittag bei sich im Pfarrhause und nachmittags fast drei Stunden im Kloster, wohin sich besonders das Gros der unbemittelten Kranken drängt. Schonungslose Offenheit kennzeichnet seine Art zu ordinieren, und da er, wohl mit Recht, die meisten Leiden einer verfehlten Lebensweise zuschreibt, findet der Pfarrer gar oft Gelegenheit, den Leuten gehörig die Leviten zu lesen. In seinen öffentlichen Vorträgen, was vielleicht seit Abraham von Santa Klara in dieser Art geleistet wurde [Zitat Wikipedia: „Abraham a Sancta Clara gilt als der katholische Barockprediger schlechthin. Kraftstrotzend, derb unterhaltsam, zugleich hintersinnig und oft intolerant sind seine Poesie gewordenen Predigten.“], erzählt er denn auch mit besonderem Behagen von solchen Fällen. Und die Leute sitzen ihm demütig zu Füßen und hängen mit einem Eifer an seinen Lippen, der rührend ist. Die derb schwäbischen Laute, die von der kleinen, rohgezimmerten Kanzel herniederklingen, sind ihnen Himmelsbotschaft, bedeuten sie doch die Hoffnung auf Genesung. Dabei ist mancher Ausdruck sehr auf ländliche Zuhörerschaft zugeschnitten – und doch ruft keine von den blassen, feinen Damen, die mitten unter den Bauern sitzen, „shocking“! Mit den Stiefeln legt man alle Prüderie ab in Wörishofen.

Die sehr lange Wandelbahn, in welcher die Vorträge stattfinden, ist überhaupt der Rendevouzplatz der Kurgäste. Sie schließt sich hart an die Badehäuser des Pfarrers an. Auch einen Blick in diese zu werfen, verlohnt der Mühe. Es sind enge, niedrige Häuschen, eines für die Frauen und den Klerus und eines für die Männer. „Herren“ und „Damen“ kennt Vater Kneipp nicht. Sein erstes Badehaus war eine kleine Waschküche beim Pfarrhaus, und auch die neuen Anstalten sehen wie etwas vergrößerte Waschküchen aus.
Ist die Badestunde gekommen, so drängt sich alles vor der Thür des Häuschens zusammen, bis Bademeister resp. -meisterin erscheinen und den Kranken die Güsse applizieren: Knie-, Rücken-, Kopf-, Schenkelgüsse etc. Wasser ist in Mengen da, und der kühle Strahl wird mit voller Kraft wohl auch gleich aus einem an die Leitungsröhre geschraubten Gummischlauch auf den betreffenden Körperteil gerichtet. Es mag die Prozedur durchaus nicht immer angenehm sein, nach den grotesken Bewegungen und Tänzen zu schließen, die mancher unter der Einwirkungen eines Rückengusses aufführt. Die Sache wird sehr flink erledigt. Dann schlüpft der Patient naß wie ein Frosch in seine Kleider und läuft draußen in der Wandelbahn oder sonstwo eilig umher, bis er trocken und warm ist. Man kann sich freilich denken, daß dabei die Thätigkeit der Haut sehr gesteigert wird.

Gewissenhafter als hier halten wohl in keinem Badeorte der Welt ihre Kurvorschriften ein. Die Befolgung derselben bildet ja hier auch ihre einzige Unterhaltung und ihr einziges Interesse. An Abwechselung fehlt es dabei nicht. Da gibt es allerlei vegetabilische [rein pflanzliche] Heilmittel, da gibt es in alle erdenklichen Absude und Aufgüsse getauchte Hemden, die angezogen werden müssen, da gibt es allerlei merkwürdige Diät zu befolgen u.s.w.
Allen Reizmitteln und Aufregungen sind die Kranken fern, selbst den Torturen einer Kurkapelle sind sie nicht ausgesetzt. Es gibt kein Gesprächs- und kein Gedankenthema als den Pfarrer Kneipp, seine Verordnungen und seine Heilerfolge. Und natürlich auch seine Patienten! Es sind gar interessante darunter! Im Vorjahre z.B. kam zu dem Wundermann einer der größten Geldmänner des Kontinents [Baron von Rothschild], der durch seine Lebensweise in Wörishofen viel Aufsehen machte. Die Wörishofer Quartiere waren dem verwöhnten Millionenmann zu schlecht. Da wohnte er denn in seinem eigenen Salonwagen, den er auf der Station Türkheim in ein Nebengeleise schieben ließ. Praktisch und bequem! Wenn die Zahl derer, die ihre eigenen Eisenbahnwagen haben, nicht gar so klein wäre, möchte der Mann in mancher primitiven Sommerfrische Nachahmer finden!

Was „Vater Kneipp“ bei seinen Kurgästen gilt, ersieht man am deutlichsten, wenn man sich vor einem seiner Vorträge in die Wandelbahn verfügt. Eine Stunde vor dem mutmaßlichen Beginn sind die besten Plätze schon vergeben. Und nun diese Aufregung! „Wird er kommen, wird er sprechen? Und worüber? Was hat er gestern gesagt?“ So schwirren die Fragen durcheinander. – Endlich wird seine Gestalt an der nahen Klostermauer sichtbar, und die Aufregung steigert sich, als handle es sich um ein welterschütterndes Ereignis. Da kann man baumlange Kerle vor Freude hüpfen und in die Hände klatschen sehen. Der Pfarrer bahnt sich mit Mühe einen Weg durch die Menge, die ihn mit allen Zeichen der Ergebenheit begrüßt.
Der [heute: Das] Äußere des Pfarrer Kneipp ist ungemein charakteristisch.

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Ein kräftig geschnittenes Gesicht von ziemlich bäuerlichen Zügen, die aber den Stempel großer Intelligenz tragen. Ein gutmütig spöttisches Lächeln scheint ständig um seinen Mund zu spielen. Die Augen blicken zwischen zusammengekniffenen, faltigen Lidern scharf und durchdringend hervor und sehen von weitem wie zwei starke, in stumpfem Winkel gegen die Stirne zu gerichtete Striche aus. Kohlschwarze, ungewöhnlich weit hervorstehende Brauen, weißes Haar. Der Körper ist mittelgroß, von den siebzig Jahren des Mannes noch ungebeugt. In langsamem Tempo und stark schwäbischem Dialekt beginnt nun Pfarrer Kneipp seinen Vortrag:
„Von was wollen wir denn heut’ schwätze?“ „Von kalten Füßen!“, piepst schüchtern eine weibliche Stimme dem Redner zu Füßen.
„In [den] Ofen nein [rein] stecken!“, repliziert schmunzelnd der alte Herr. Das Publikum, dankbar für jeden seiner derben Witze, jubelt vor Vergnügen, die Abgefertigte natürlich mit.

Der Herr Pfarrer hat aber etwas anderes in petto. Er spricht über einen merkwürdigen Influenzafall, über die Art, wie man früher dem damals anders genannten tückischen Leiden begegnete, über die Mittel, die er selbst empfahl. Früher legte sich der Bauer, der sich von einer „Grupp“ [Grippe] befallen fühlte, zu Bett, häufte einen Berg von Federzeug auf sich und trank Wollblumenthee [Tee aus Königskerzenblüten]. Er schwitzte wie … hier gebrauchte der Herr Pfarrer einen Ausdruck, der sehr muskulös, aber absolut nicht schriftdeutsch [ein Kraftausdruck] ist. Er selbst kuriert auch die Influenza mit Waschungen, die, wie er sich ausdrückt, die Krankheitsstoffe aus dem Innern auf die Hautoberfläche leiten, wo sie dann leichter zu bekämpfen seien.

Die ganze Ausdrucksweise des Pfarrers Kneipp ist erstens von jener derben Grobheit beseelt, die schon so manchen berühmten Arzt ausgezeichnet hat und vielleicht nicht der schlechteste Teil seiner Heilmethode war, und zweitens populär im höchsten Grade. Es mag manches, was oft entsetzlich unwissenschaftlich klingt, einfach dem bäuerlichen Auffassungsvermögen angepaßt, demgemäß übertrieben und in recht merkwürdigem Bildern ausgedrükt sein. So schilderte er in obenerwähntem Vortrage seine ganze Vorstellung vom Wesen einer Krankheit ungefähr wie folgt:
„Seht ihr, da muß ich immer an mein kleins Hundle denken, wie das das Mausfangen gelernt hätt. Da war an einem Bach ein Anger und da waren schrecklich viele Mäus’drin. Und da ist einmal der Bach ausgetreten und hat den Anger überschwemmt und das Wasser hat die Mäus’ aus die Löcher getrieben. Da ist das Hundle über die Mäus’ hergefallen, die nicht ausgekonnt haben, und hat in einer halben Stunde eine Menge Mäus’ gefangen.“
Das Gleichnis ist leicht zu verstehen: der Krankheitsstoff – die Mäuse – wird vom Wasser aus dem Körper heraus auf dessen Oberfläche getrieben und hier durch die verschiedenen Heilmittel unschädlich gemacht. An Anschaulichkeit fehlt es dem Bilde nicht; über die medizinische Richtigkeit oder Ungereimtheit der Kneippschen Auffassung zu debattieren, ist nicht die Aufgabe dieser Zeilen.
Auch dafür braucht Papa Kneipp ein kräftiges Gleichnis: daß man sich beim Beginn einer Kur nicht durch die anfänglichen Unbequemlichkeiten derselben vom Weitergebrauch abschrecken lassen soll. Er meint:
„Wenn man einen durchprügelt und er will davonlaufen, soll man nicht nachgeben, sondern ihm erst recht den Buckel voll hauen, daß er gewiß nicht wieder kommt.“

Er kommt auf gewisse „Auswüchse“ unserer Damenmode zu sprechen – dabei wird er stets besonders deutlich – und sagt: „Ja und dann nicht zu vergessen das Kissen, welches das Weibervolk an seinem hinteren Teile trägt. Manchmal sind’s auch zwei oder drei Kissen, je nachdem die Trägerin ihren hinteren Stock ausbauen will. Wenn ich solch einen Höcker sehe, meine ich allemal, es gehört ein Affe darauf. Ja, ihr lacht! Weibersleute, laßt euch sagen, werft diese Hitzkasten ab. Sie fangen die Körperwärme auf und halten dann den Körper nur an dieser einen Stelle warm, wohin dann das Blut strömt, und der übrige Körper leidet darunter. Ihr glaubt nicht, was dieselben für üble Folgen nach sich ziehen. Wenn ihr operiert werden müßt, so wird euch die Lust an solchen Modeartikeln vergehen. Also fort damit! Das ist deutsch – nicht wahr?“ Oder:
„Kommt da neulich ein Weibsbild in die Sprechstunde mit einem Hute, daß man sie hätte wieder hinausjagen sollen. Zwei Spatzenbälge oder was es für Tiere gewesen sein mögen, trug sie stolz mit sich herum, als wenn sie die Vögel selbst erschaffen hätte.“

Modeextravaganzen gedeihen unter solchen Auspizien nicht in Wörishofen Auch die vornehmsten Damen gehen ohne Mieder und barfuß oder in Sandalen. Man mag sich freilich fragen, was das soll. Nach ein paar Wochen Aufenthalt in Wörishofen kehren sie wieder in die Großstadt zurück und müssen wohl oder übel alles das wieder mitmachen, was jeder Vernünftige vor Pfarrer Kneipp schon Thorheiten gescholten hat, sie tragen Mieder und enge Schuhe und „Kissen“ und Spatzenbälge auf dem Hut, trinken den verpönten Kaffee wieder statt des Absuds von geröstetem Malz, und der einzige dauernde Gewinn vielleicht, den sie heimtragen, ist der, daß sie die weitverbreitete Furcht vor dem frischen Wasser überwunden haben. Und der Gigerl, dessen blanke Sohlen heute noch pflichtschuldigst auf den Feldwegen in dem Grasboden von Wörishofen wandeln, dessen uneingeengtes Haupt nur ein Sonnenschirm beschattet, tummelt morgen wieder in Cylinder und mörderischen Schnabelschuhen über den Wiener Ring.

Es wird eben wenig Menschen geben, die für den Vorteil, gesund zu leben, den Nachteil, rationell leben zu müssen, eintauschen wollen. Solange ein Leiden hart drückt, fehlt es nicht an guten Vorsätzen, wenn aber der Mensch nur ein wenig wieder „schnaufen kann“, dann kehrt die Sehnsucht nach unseren Kulturlasten mit unbezwinglicher Gewalt zurück.
Allerdings gibt es auch Ausnahmen und die merkwürdigste davon vielleicht hier in München: Seit einer Reihe von Jahren ist hier oder in der Umgebung ein Maler Dieffenbach [Karl Wilhelm Diefenbach] bekannt, der seine „naturgemäße Lebensweise“ ganz unbekümmert um den Spott und Hohn der Menge mit einer Ausdauer betreibt, die Bewunderung verdient. Sein Ernährungssytem ist dem des Pfarrer Kneipp sehr ähnlich, aber er ist Vegetarianer von noch weit strengerer Observanz [Beobachtungen, Kontrolle], denn er perhorresziert [verabscheut] auch Milch und Eier, weil die eine von der Natur dem jungen Tiere als erste Nahrung bestimmt, in den anderen der Keim zu einem Lebenwesen enthalten sei. Im Fleischgenuß, in der Tötung der Tiere sieht er die Ursache zu allen Lastern, zu jeder Krankheit und jeder Not. Seine Kleidung gleicht ungefähr den biblischen Gewändern, von denen sie sich allerdings durch einen Hauptbestandteil, einen dicken Regenschirm, unterscheidet. Die Fußbekleidung ist – ganz Pfarrer Kneipp, die Kopfbedeckung eine natürliche, dichte Lockenmähne, die keine Schere berührt. In gleicher Weise tragen sich Dieffenbachs „Schüler“, und er hat solche, die mit unvergleichlicher Zähigkeit an ihm hängen. Seine Kinder, nach gleichen Prinzipien auferzogen, sind merkwürdig gesund und aufgeweckt; ihre Kleidung beschränkt sich auf das unumgänglich Nötige, Arme und Beine sind nackt.
Der originelle Maler, dessen Kunst übrigens vollkommen im Dienste seiner Theorien steht, ist nebenbei auch bekannt durch die ständige Fehde mit seinen Gläubigern und die zahllosen Manifeste und Broschüren, die er in die Welt sendet.
Das ist, wie gesagt, einer, der „naturgemäß lebt“. Ob er in seiner Bedürfnislosigkeit beneidenswert ist oder Mitleiden verdient, wer weiß es. Die fin de siècle-Menschen haben nicht sehr viel Sinn für eine mit solchen Opfern erkaufte Zufriedenheit. Sie leben lustig in den Tag hinein, und wenn dabei die Maschine ins Stocken kommt, dann gehen sie nach Häringsdorf, nach Karlsbad oder zum „Vater Kneipp“, um die dunkle Weisheit Pindars aufs neue zu erproben, daß Wasser das beste sei. – Besonders äußerlich!
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Ende der Abschrift (Helmut Scharpf, 02/2022)