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18.10.2014 - 50 Jahre Nagelkreuzzentrum Ottobeuren - Treffen des Leitungskreises der Nagelkreuzgemeinschaft Deutschland


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Am 18.10.2014 tagte der Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland (CCN/D), die sich 1991 aus den schon bestehenden Nagelkreuzzentren und aus Einzelmitgliedern der Coventry Community of Cross of Nails zusammengefunden hatte, in Ottobeuren.

Der Konvent der Benediktinerabtei gestaltete mit dem Gebetskreis zusammen mit dem Chor96 (Ltg. Helmut Scharpf) aus diesem Anlass am 18. Oktober um 17.30 Uhr eine Vesper, bei der seitens des Chores vor allem romantische Psalmvertonungen zu hören waren. Abt Johannes Schaber bezeichnete die Vesper als „ökumenischen Höhepunkt des Jubiläumsjahres 2014“.
Die Predigt hielt Oberkirchenrat Dr. Oliver Schuegraf (Hannover) von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland. Er zitierte Martin Luther zur Bedeutung der Musik, stellte das Gotteslob an dessen musikalischer Umsetzung des Psalms 100 („Jauchzet dem Herren alle Welt“) dar und ging schließlich auf die Besonderheit der Musikpflege Ottobeurens ein, die Teil des Versöhnungsprozesses sei. (Auszüge aus der Predigt und eine Pressemitteilung finden Sie hier.)

Der Leitungskreis besteht aus 12 Personen, fünf davon bilden den Vorstand. Den Vorsitz hat seit 2011 Dr. Oliver Schuegraf inne. Dr. Schuegraf (*1969) ist Oberkirchenrat der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands und hier für die Bereiche Ökumenische Grundsatzfragen, Catholica, Lateinamerika, Nordamerika zuständig. Von 1999 - 2011 stand Pfarrer Hartmut Ebermaier dem Gremium vor, er war in Ottobeuren mit dabei. Sein Vorgänger wiederum war Pfarrer Karl-Anton Hagedorn aus Münster (1991 - 99).

Neben der Teilnahme an der Vesper war es Aufgabe des Leitungskreises bei seinem Ottobeurer Treffen, die nächste Mitgliederversammlung vorzubereiten, die vom 16. - 18.10.2015 im Tagungszentrum Pforzheim-Hohenwart stattfinden wird. In Pforzheim gibt es gleich drei Nagelkreuze, darunter ein sog. Wandernagelkreuz. Außerdem standen drei Anträge auf Aufnahme auf der Tagesordnung. Ein solcher Antrag setzt das Vorhandensein einer lokalen Gruppe voraus (wie z.B. den Gebetskreis in Ottobeuren), eine finanzielle Beteiligung an der Nagelkreuzgemeinschaft Deutschland sowie eine Pilgerfahrt nach Coventry. Alle drei Anträge wurden positiv beschieden, sodass es in Deutschland 2015 bereits mehr als 60 Nagelkreuzzentren geben wird.

In Ottobeuren gab es zwar schon seit dem 6. September 1969 ein Nagelkreuz, ein ökumenischer Friedens-Gebetskreis gründete sich allerdings erst auf Initiative des evangelischen Pfarrers Jürgen Thiede, der 1990 nach Ottobeuren kam. Bis zu seinem Umzug nach Nürnberg (2002) nahm er selbst regelmäßig an der Andacht teil, die ansonsten aber als Laien-Treffen zu verstehen ist. Es findet seither jeden Freitag um 12 Uhr statt und dauert etwa eine Viertelstunde. Teil ist immer das Vater unser, ein biblischer Bezug aus einem der Evangelien bzw. zu einem Heiligengedenktag, jeweils mit Friedensbezug sowie das Vater vergib!, das der 1940 amtierende Domprobst in die Chorwand der Ruine der Kathedrale von Coventry meißeln ließ.
Neben dem Nagelkreuz ist dazu folgender Hinweis aufgestellt: Nachdem die Kathedrale von Coventry in England im Jahr 1940 durch deutsche Bombenangriffe zerstört worden war, ließ der damalige Domprobst [Richard Howard] die Worte Vater, vergib! in die Chorwand der Ruine meißeln. Diese Worte bestimmen das Versöhnungsgebet, das jeden Freitag um 12 Uhr im Versöhnung aus Coventry erhielt.

Richard Howard war es, der das Nagelkreuz in die von englischen Bombern zerstörten deutschen Städt brachte, Kiel wurde 1947 zum ersten deutschen Nagelkreuzzentrum. Für die Vergabe des Nagelkreuzes an Ottobeuren war Domprobst (provost) Harold Claude Noel William (06.12.1914-05.04.1990) wichtig. Er wurde 1958 zum Domprobst der Kathedrale von Coventry ernannt, als sie sich noch im Neubau befand. Geweiht wurde die neue Kirche 1962. Auf Williams geht die Schwerpunksetzung auf Versöhungsarbeit zurück, er machte Coventry zu einem Wallfahrtsort und baute das Netzwerk der Nagelkreuzgemeinschaften auf. 1964 war er in Ottobeuren mit dabei, 1966 wurde er mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Dem Gebetskreis gehört ein harter Kern von ca. zehn Teilnehmern an (Anita Anderl, die Schwestern Ströbele, das Ehepaar Kopp, Rita Neumann, Christine Masek, die frühere evangel. Pfarrsekretärin Brigitte Huber und - federführend - das Ehepaar Eva-Maria und Reinald Scheule), wobei vor Beginn immer auch um Teilnahme unter den Basilikabesuchern geworben wird. Ansonsten wird manchmal in den Verkündigungen oder im Kirchenanzeiger darauf hingewiesen. Die Texte werden rotierend vorbereitet, es tritt den Einzelnen etwa alle 2-3 Monate, wobei jeder dann zweimal hintereinander dran ist.

Jürgen Thiede wurde 1952 in Ludwigslust in Mecklenburg geboren und wuchs in der Landes- hauptstadt Schwerin auf. 1963 siedelte seine Familie in den Westen Deutschlands über. Nach dem Abitur studierte er Theologie. 7 Jahre verbrachte er in der theologischen Forschung und Lehre: 3 Jahre in England und 4 Jahre in Erlangen. Zwischenzeitlich wurde Thiede Referent bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). 25 Jahre arbeitete er als Gemeindepfarrer: nach Oberfranken (1987-1990) und Ottobeuren (1990-2002) in Nürnberg (2002 bis 2012). Coventry besuchte er zum ersten Mal als Abiturient, mit einer Jugendgruppe 1993 und mit einer Gemeindegruppe zum 40. Jahrestag des Kriegsendes.
Quelle: Freundesbrief 01/2011, S. 12f., Zitat am Ende: „Als evangelischer Pfarrer von Ottobeuren gelang es mir, das Nagelkreuzzentrum der Benediktinerabtei wiederzubeleben.“

Eine große internationale Nagelkreuzkonferenzen gab es 1992 in der Benediktinerabtei Ottobeuren zum Thema „Das Aufbrechen des Fundamentalismus in den Religionen und seine Folgerungen“, organisiert von der Nagelkreuzgemeinschaft in den USA (Link s.u.). Vom Vorstand der Nagelkreuzgemeinschaft nahmen daran Schwester Edith Haufe und Pfr. K.-A. Hagedorn teil, letzterer tat das als Referent abermals bei der Islamkonferenz der CCN/USA im Jahr 2001.
1997 fand eine der alle zwei Jahre stattfindenden Mitgliederversammlungen in Ottobeuren statt.
„Die Veranstaltung am 18.10.2014 gilt gleichermaßen dem Tag der Ökumene“.

Das Bild (Helmut Scharpf) zeigt den Ottobeurer Gebetskreis beim Friedensgebet am 10.10.2014 vor dem Benediktus-Altar in der Eldernkapelle (östlicher Arm der Vierung). Das Nagelkreuz war ursprünglich am Scholastika-Altar in der „Schmerzhaften Kapelle“ aufgestellt. Aufgrund der Sanierungsarbeiten an den Fenstern nach dem großen Hagelunwetter vom 04.09.2011 musste der angestammte Platz verlassen werden, zunächst wich man in die Benediktuskappele aus. Aber schon sehr bald konnte mit dem Benediktus-Altar ein neuer geeigneter Ort gefunden werden.
Unterhalb des Kreuzes finden sich zwei Plaketten. Auf der linken steht: The Coventry Cross of Nails, auf der rechten: A symbol of fellowship between Coventry Cathedral and Ottobeuren 1964
Die Kathedrale war in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940 zerstört worden.
Abt Vitalis Maier eröffnete 1967 in Coventry die Europäische Woche, die im Zeichen des hl. Benedikt, dem Patron Europas, stand.
Im Artikel  der Memminger Zeitung vom 07.07.1967 hieß es:
Aufgrund der deutsch-englischen Begegnung im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten im Jahre 1964 beim 1200jährigen Bestehen der Benediktinerabtei Ottobeuren, die eine herzliche Freundschaft begründete und auch durch die Übergabe des Nagelkreuzes aus der Kathedrale Coventry ihren symbolischen Ausdruck fand, wurde nun Ottobeurens Abt, Vitalis Maier-OSB, eingeladen, den  Benediktinerorden in England zu repräsentieren.

Im Anschluss an die Vesper waren der Leitungskreis, der Gebetskreis und der Chor96 von Abt Johannes Schaber ins Gästerefektorium eingeladen worden. Die seit 12. September 2014 an der anglikanischen Kathedrale von Coventry installierte Kanonikering Dr. Sarah Hills sprach dort über die besondere Bedeutung des Versöhnungsprozesses, der aus drei Säulen besteht (reconciliation, culture of peace, prayer). „Die Welt 1964 war nach dem Weltkrieg eine zerbrochene Welt und auch die Welt von 2014 ist mit Blick auf die aktuellen Konflikte noch immer eine zerbrochene Welt. Die Friedensarbeit bleibt deshalb weiterhin eine wichtige Aufgabe“, so Hills. Sie stamme selbst aus Südafrika und gab Beispiele, wie jeder seinen eigenen Beitrag hierzu leisten könne. Selbst sei sie wegen ihrer beiden Söhne im Teenager-Alter auch im privaten Bereich mit Versöhnungsarbeit erfahren.
Nach einem Aufenthalt in Nord-Irland und Projektarbeit in der süadfrikanischen Provinz Westkap sei sie als Nachfolgerin von David Porter nunmehr seit Kurzem in Coventry angestellt und u.a. für den Kontakt mit den Nagelkreuzzentren weltweit zuständig. In ihrer Rede kam die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Gebetsarbeit unseres Nagelkreuzzentrums nicht nur erhalten, sondern sich auch der Kontakt zwischen Ottobeuren und Coventry wieder vertiefen werde. In Anlehung an Bischof Desmond Tutu sagte sie: „Victory is ours!“ In der Pressemitteilung der Pressestelle der Kathedrale von Coventry heißt es zu Dr. Hills:

The Reverend Dr Sarah Hills
Sarah was born in South Africa, brought up in Northern Ireland from the age of 6 years, and has lievd in Sheffield since the mid 1980s. She ist married to Richard, a GP, and they have two boys, Matthew and Jack. Sarah qualified in medicine and worked as a psychiatrist, specialising in psychotherapy. She was ordained in 2007, and is currently the Bishop of Sheffield's Adviser in Pastoral Care and Reconciliation. She holds an MA in Theology and Pastoral Studies, which focussed in the theology and psychology of reconciliation in South Africa, and is now about to submit her PhD in this field through Durham University. She is researching a theology of restitution, and has spent time working with a community reconciliation process in the Western Cape, South Africa. Sarah is a Visiting Fellow at St John's College, Durham. She ist delighted to be joining the team at Coventry Cathedral to live out her calling to reconciliation.

Das Bild am Hochaltar der Basilika vom 18.10.2014 - aufgenommen von Dr. Joachim Sonntag - zeigt Abt Johannes Schaber, Canon Dr. Sarah Hills und den Oberkirchenrat Dr. Oliver Schuegraf, umrahmt vom Chor96.

Links und Literatur:
Coventry Cathedral, England
Pressemitteilung Sarah Hills, Coventry
Community of the Cross of Nails, North America
Dokumentation der Luftangriffe 1940, Wikipedia
Geschichte der Nagelkreuzgemeinschaft Deutschland

Faust, Ulrich: Joseph-Ernst Fürst Fugger von Glött (1895-1986), S. 571-588, in: Verein für Augsburger Bistumsgeschichte, Ansbacher, Manfred (Hrsg.): Lebensbilder aus dem Bistum Augsburg: vom Mittelalter bis in die neueste Zeit. Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte e. V., Band 39, Verlag des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte, Augsburg, 12.11.2005, 680 S. (Prof. Dr. Ulrich Faust war von 2001 - 2011 selbst in der Vereins-Vorstandschaft.)
Der Aufsatz beginnt mit einer Beschreibung folgender Szene:

Am 6. September 1964 warteten Abt und Konvent des 1200 Jahre alten Benediktinerklosters Ottobeuren vor dem Portal ihrer Basilika zusammen mit dem englischen Bischof Tickle und Provost Williams von Coventry, der das Nagelkreuz als Zeichen der Versöhnung zweier Völker trug. Eine Autokolonne fuhr vor. Abt Vitalis Maier ging auf den ersten Wagen zu, dem Joseph-Ernst Fürst Fugger von Glött und Philipp Freiherr von Brandt, der Protokollchef der  Bayerischen Staatsregierung, entstiegen. Am zweiten Wagen begrüßte der Hausherr Bundespräsident Dr. Heinrich Lübke und Bayerns Ministerpräsidenten Dr. Alfons Goppel mit ihren Gattinnen.

Schuegraf, Oliver: Vergebt einander, wie Gott euch vergeben hat. Coventry und die weltweite Nagelkreuzgemeinschaft, Frankfurt a.M., Lembeck, 2008, 242 S., ISBN 978-3-87476-564-0, ISSN 978-3-87476-564-0

Die Memminger Zeitung berichtete am 24.10.2014 auf S. 32 (mit Bild) über die Jubiläumsfeier: „Im Zeichen der Versöhnung. Seit 50 Jahren gibt es das Nagelkreuzzentrum Ottobeuren. Oberkirchenrat zu Gast.“