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03.10.2020 – 30 Jahre Deutsche Einheit: Pontifikalamt und Festakt in der Basilika Ottobeuren


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Der Tag der Deutschen Einheit jährte sich am 03.10.2020 zum 30. Male. Der neue Augsburger Bischof Dr. Bertram Meier feierte in der Basilika Ottobeuren ein Pontifikalamt. Mit Dr. Theo Waigel und Dr. Udo Bartsch sprachen im anschließenden Festakt zwei Zeitzeugen, die das Zeitgeschehen vor 30 Jahren als damals politisch Verantwortliche hautnah miterlebt haben.

Für die meisten Deutschen ist der 3. Oktober – dem Nationalfeiertag zur Wiedervereinigung – mehr ein willkommener arbeitsfreier Tag, vor allem, wenn sich damit ein verlängertes Wochenende ergibt. Oder er wird als jährliches Ritual im Fernsehen wahrgenommen, ohne einen wirklich zu berühren.
Die Veranstaltung in Ottobeuren ließ Zeitgeschichte aus erster Hand lebendig werden. Zu Wort kamen beide Seiten, mit dem damaligen Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel die „BRD-Seite“, mit dem letzten Staatssekretär für Kultur im Kabinett von Lothar de Maizière, Dr. Udo Bartsch, für die „DDR-Seite“. Während Waigel die Rolle der Kirche würdigte und dann – ausgehend vom Zweiten Weltkrieg – einen großen zeitgeschichtlich Bogen spannte (über den 17. Juni 1953, seine Erlebnisse mit Gorbatschow und Bundeskanzler Kohl, von amerikanischen Pershing II- und russischen SS-20-Rakteten bis zum Abzug der letzten sowjetischen Truppen aus Deutschland), sprach Bartsch auch seine persönlichen Empfindungen an, das tiefe Loch um 0:05 Uhr am 03.10.1990, als sich das Protokoll bei einem Besuch in Rheinland-Pfalz plötzlich nicht mehr für die Gäste aus dem Osten verantwortlich zeigte.

Eingeladen hatte MdEP Markus Ferber, Stiftungsvorsitzender der auf Hans-August Lücker zurückgehenden Stiftung „Europäische Kulturtage Ottobeuren“. (Hier als Beispiel vom September 2012 die „Deutsch-rumänische Begegnung“.) Geladen war laut Ankündigung im Ottobeuren Life  (Ausgabe Oktober 2020, S. 6) auch „der Schriftsteller, Dichter und DDR-Dissident“ Reiner Kunze, dieser hatte jedoch krankheitsbedingt absagen müssen. Zur Rede von Dr. Bartsch sagte Ferber, er schäme sich „für die Wessis, wie sie Sie am 3. Oktober 1990 behandelt haben“.

Dem Festakt ging ein Pontifikalamt mit dem neuen Augsburger Bischof Dr. Bertram Meier voraus. Meier ist in Buchloe geboren, in Kaufering aufgewachsen, er studierte Theologie und Philosophie, 1985 empfing er durch Kardinal Franz König die Priesterweihe, seit 2000 ist er Domkapitular in Augsburg. Am 29.01.2020 war er – zeitgleich in Rom und in Augsburg – zum Bischof ernannt worden. (Hier geht es bis zum 6.6.2021 zu einer Sendung des BR über Bischof Meier.)
Musikalisch gestaltet wurde das Pontifikalamt von den Augsburger Domsingknaben (Ltg. Domkapellmeister Stefan Steinemann) sowie dem Organisten Umberto Kostanić an der Marienorgel. Beide Künstler sind Ausnahmemusiker: Steinemann bekam schon als Fünfjähriger Instrumentalunterricht bei den Domsingknaben, der Kroate Kostanić ist nicht „nur Organist“, sondern seit dem gemeinsamen Amtsantritt in Augsburg zum 01.01.2020 gleichzeitig auch Assistent des Domkapellmeisters.
Ausführliche biografische Hinweise zu den Musikern finden Sie hier.

In der Predigt („Europa, denk an deine Väter und Mütter!“) erinnerte der Bischof an die christlichen Wurzeln Europas und stellte dabei den hl. Benedikt, die hl. Elisabeth von Thüringen sowie den hl. Thomas Morus heraus, der am Beginn der Glaubensspaltung in England von Heinrich VIII. aufs Schafott geschickt wurde. Zum Schicksal von Morus folgerte Dr. Meier: „Kein Staat der Welt hat das Recht auf unbeschränkte Herrschaft über den einzelnen Menschen. Mit ihm stehen wir Christen heute vor der Pflicht, Anwälte derer zu sein, für die niemand sonst seine Stimme erhebt. Mit Thomas Morus pocht die Stimme des Gewissens in jedem Menschen. Und dieses Gewissen erinnert uns an keinen Geringeren als Gott. Deshalb braucht nicht nur unser Grundgesetz, sondern die Verfassung für ganz Europa einen Gottesbezug.“

Sie können die Redebeiträge der drei Hauptredner – sowie von Bundespräsident Hans-Walter Steinmeier bei der zentralen Gedenkfeier in Potsdam – über die obigen Vorschau-Icons bzw. nachfolgend abrufen: als Text und auch als Original-Redebeitrag.


Predigt Bischof Dr. Bertram Meier
(18:40 Min.)
doc  /  pdf  / audio (mp3, 21 MB)

Augsburger Domsingknaben (Leitung: Domkapellmeister Stefan Steinemann)
William Byrd (1543-1623) aus „Mass for four Voices”:
Kyrie (mp3, 2 MB)
Gloria (mp3, 6,4 MB)
Sanctus (mp3, 3,8 MB)
Agnus Dei (mp3, 3,0 MB)
(Hinweis: Die Rechte dieser Aufnahme(n) verbleiben bei den Domsingknaben.)

Ansprache: Dr. Theo Waigel, Bundesminister a. D. (26 Min.)
pdf  / audio (mp3, 29 MB)

Ansprache: Dr. Udo Bartsch, Staatssekretär a. D. (11 Min.)
doc  /  pdf  / audio (mp3, 13 MB)

Dankesworte: Markus Ferber MdEP (Vorsitzender der „Stiftung Europäische Kulturtage Ottobeuren“) und Überleitung zu den Vorträgen, Abt Johannes Schaber, OSB:
doc  /  pdf  /

Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland
Komponist: Joseph Haydn (1732-1809)
Text: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874), 1:26 Min.       
audio (mp3, 1,6 MB)

Die Veranstaltung endete mit dem gemeinsamen Absingen der 3. Strophe der Nationalhymne. Ferber: „Einigkeit und Recht und Freiheit“ – als die drei Grundideen, worum es geht: Wir wollen einig sein, wir wollen in Freiheit und in einem demokratischen Rechtsstaat leben. Ich denke, schöner kann man die Aufgabe, der wir uns seit 30 Jahren gemeinsam widmen, nicht beschreiben. In der Europa-Hymne heißt es: „Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weiht.“ Wir sind miteinander Brüder und Schwestern auf diesem Kontinent und uns deswegen in unserem Schicksal verbunden. Auch das kann man nicht schöner ausdrücken.

Dem Festakt schloss sich für geladene Gäste ein Essen im Restaurant des Akzent-Hotels zum Goldenen Hirsch an.

Für den Bayerischen Rundfunk veröffentlichte Susanne Hofmann am 3.10.2020 gegen 16.40 Uhr einen Kurzbeitrag, der hier verlinkt ist. In der Memminger Zeitung erschien am 5.10.2020 auf S. 17 („Allgäu-Rundschau“) ein gut geschriebener Bericht von Uli Hagenmeier („Große Enttäuschung, großes Glück. In Ottbeuren feiern zwei Männer die deutsche Einheit, die für Ost und West den Vertrag aushandelten“).

In der Basilika wurde ein Buch von Udo Bartsch (*1942) ausgelegt, „das vieles von dem, was wir heute in Bezug auf die sowjetische Besatzungszone und DDR nicht mehr wahrhaben wollen, aus dem Vergessen reißt – streitbar und zur Stellungnahme herausfordernd.“
Literaturzitat:
Bartsch, Uwe: Kein Weg nach Arkadien. Verordnetes Leben im Sozialismus. Verlorende Illusionen im geeinten Deutschland, Osteuropazentrum Berlin-Verlag, Berlin, 25.10.2019, 222 S., ISBN 13: 978-3899983135, 12,90 Euro

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Viele Fehlentwicklungen und Fragestellungen blieben in Ottobeuren unerwähnt oder wurden nur vage gestreift: Dass kein Dax-Konzern seinen Sitz in den neuen Ländern hat, kein Botschafter oder General, kaum ein Hochschulrektor aus dem Osten kommt, die Zeitungsverlage fest in westdeutscher Hand sind oder wer von der Abwicklung der staatseigenen Betriebe durch die Treuhand profitierte. Dass die AfD die politische Landschaft so stark verändert hat, kommt nicht von ungefähr.
Diese inhaltliche Lücke schloss Bundespräsident Hans-Walter Steinmeier bei der zentralen Feierlichkeit zum Tag der Deutschen Einheit in Potsdam. Sie können seine ganze Rede hier abrufen, nachfolgend die Zusammenstellung einiger wichtiger Aussagen.

Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier (Potsdam, 03.10.2020)
Deutsches Original: docx  / pdf
Englische Übersetzung: docx  / pdf

Wir müssen uns auch heute immer und immer wieder klar machen: Ohne die Friedensabkommen mit Polen und der damaligen Sowjetunion, ohne die völkerrechtliche Anerkennung der Oder-Neiße-Linie, ohne Helsinki-Prozess, ohne NATO, ohne Europäische Union hätte die Wiedervereinigung nicht stattgefunden. Und auch nicht ohne den Mut von Michail Gorbatschow, der bald seinen 90. Geburtstag feiern wird. Das vergessen wir nicht, und dafür sagen wir herzlich danke!

Heute leben wir in einem wiedervereinten Land, ohne zu erwarten, dass alle gleich sein müssen. „Wir sind das Volk“, das heißt doch: „Wir alle sind das Volk“: Bayern, Küstenbewohner, Ostdeutsche haben ihr eigenes Selbstbewusstsein. Landbewohner ticken anders als Städter. Christen, Muslime, Juden und Atheisten sind Teil unseres Landes. Ossis und Wessis gibt es weiterhin, aber diese Unterscheidung ist für viele längst nicht mehr die entscheidende. Wir sind noch längst nicht so weit wie wir sein sollten. Aber zugleich sind wir viel weiter, als wir denken.

Keine Frage: Der Umbruch traf die Menschen im Osten unseres Landes ungleich härter als im Westen. Und er hinterlässt bis heute Spuren, trotz aller Fortschritte, nicht nur in den Lebensläufen, sondern auch und gerade in den Herzen der Menschen. Es gibt noch immer zu viele Geschichten von zerstörten Biographien und betrogenen Hoffnungen, von entwerteten Qualifikationen, von Orten, in denen ganze Generationen fehlen, weil die Jungen dort keine Zukunft sahen und – schlicht und einfach – weggingen.
Noch immer existiert ein deutliches Lohngefälle zwischen Ost und West. Noch immer haben sich östlich der Elbe zu wenige Unternehmen angesiedelt. Und noch immer muss man in den Führungsetagen von Unternehmen, Universitäten, Ministerien, in der Justiz, den Medien und auch der Bundeswehr Ostdeutsche mit der Lupe suchen.
Das Zusammenwachsen erschöpft sich nicht in Arbeitsmarktstatistiken und Wirtschaftsdaten. Das Gefühl dazuzugehören, auf Augenhöhe wahr- und ernstgenommen zu werden, entscheidet sich nicht allein am Gehaltsstreifen. (…) Der Umbruch traf in Ostdeutschland jede Familie, im Westen hingegen erlebten ihn die meisten Menschen aus der Distanz – und oft mit Distanz. Seit der Wiedervereinigung – darüber gibt es tatsächlich Untersuchungen und Statistiken – waren so gut wie alle Ostdeutschen bereits im Westen unterwegs; jeder fünfte Westdeutsche aber – nach wie vor – noch nie im Osten. (…) Die westdeutsche Perspektive nimmt zu oft voller Selbstbewusstsein in Anspruch, die gesamtdeutsche zu sein.

Nicht streiten müssen wir über die Frage, welche traumatischen Folgen die Abwicklung ganzer Betriebe hatte. Was die Auflösung der an diesen Betrieben hängenden sozialen und kulturellen Strukturen für die Ostdeutschen bedeutete.
Wenn Menschen sich dauerhaft zurückgesetzt fühlen, wenn ihre Sichtweise nicht vorkommt in der politischen Debatte, wenn sie den Glauben an die eigene Gestaltungsmacht verlieren, dann darf uns das eben nicht kalt lassen. Dann bröckelt der Zusammenhalt, dann steigt das Misstrauen in Politik, dann wächst der Nährboden für Populismus und extremistische Parteien.
Und deshalb dürfen wir Ungerechtigkeiten nicht einfach hinnehmen, deshalb darf Ignoranz keine Haltung sein.
Dazu gehört auch, dass wir offen über Fehler und Ungerechtigkeiten sprechen, auch falschen Mythen, egal auf welcher Seite sie bestehen, entgegenwirken. Ich finde es gut und darüber hinaus ist es wichtig, dass die Akten der Treuhand endlich offen sind.

Unsere Zukunft erschöpft sich nicht allein in der Fortschreibung einer gelungenen Gegenwart. Corona hat uns Demut gelehrt. Der Klimawandel fordert unsere Lebensweise grundsätzlich heraus. Alte Allianzen werden schwächer, die Welt ist unsicherer geworden. Viele Selbstverständlichkeiten, mit denen wir Jahre und Jahrzehnte gelebt haben, sind keine mehr.
Wir sollten unseren Blick auf das richten, was dringend zu tun ist. Die Zukunft nach Corona wird jetzt verhandelt – weltweit: Klima, Digitalisierung, Zusammenhalt. Wir müssen mit dabei sein, wir müssen gut sein, und schnell, und bereit zum Umdenken. In manchen Fällen zum radikalen Umdenken. Die schmelzenden Pole, die Feuersbrunst in Kalifornien, sie mahnen uns, dass die Zukunft keinen Aufschub duldet. Die Erosion der internationalen Ordnung, die Kräfte, die am vereinten Europa zerren, die neuen Spaltungen in unseren Gesellschaften, überall da sind wir gefordert.

Wir können auf die gewaltige Leistung von 16 Millionen Menschen bauen, deren Leben völlig auf den Kopf gestellt war, die neu anfangen mussten, die neu gelernt, sich neu erfunden haben, die den Umbruch organisiert, den Aufbau geschultert haben. Diesen Mut, diese Tatkraft – das brauchen wir auch heute! Lassen Sie mich deshalb schließen mit einer Anregung: Wenn es so ist, dass uns die Friedliche Revolution auch heute Ermutigung sein kann, dann schaffen wir doch eine Stätte, die an diesen Mut erinnert!
Mitten in Berlin wird es bald das Einheitsdenkmal geben, als zentrales Symbol. Schon heute gibt es viele Orte, die an das SED-Unrechtsregime erinnern, an die Mauer, die Stasi-Gefängnisse, an die Jugendwerkhöfe. Dass wir daran erinnern, ist wichtig – sogar sehr wichtig. Aber bräuchten wir nicht einen herausgehobenen Ort, mehr als ein Denkmal, der an die wirkmächtigen Freiheits- und Demokratieimpulse der Friedlichen Revolutionäre erinnert?

Der Kampf für Freiheit und Demokratie ist nicht gewonnen – nirgendwo auf der Welt. Er geht weiter, fordert uns immer wieder neu. Mein Rat an uns: Nehmen wir diese Herausforderung an! Wir tun es im Wissen um die Erfahrung von 1989, um den Mut und die Entschiedenheit der Bürgerrechtler und der Friedlichen Revolution! Wir tun es im Wissen um die Kraft der Menschen, die den Aufbau gestemmt haben – im Osten wie im Westen. Schöpfen wir die Kraft, für die vielen Aufgaben die vor uns liegen, aus der Rückbesinnung auf das, was gelungen ist!

Im Jahr 2020 ist die Bundesrepublik Deutschland ein Land, das Ostdeutsche und Westdeutsche, Alteingesessene und Zugewanderte gemeinsam geprägt haben. Es ist ein Land, das aus dem Sieg der Ideen von 1989 die Zuversicht schöpft, dass Verantwortung über Gängelei, dass Freiheit über Unfreiheit triumphiert. Wenn wir uns umschauen in dieser Welt, wenn wir uns umschauen in Europa, dann ist dieses Erbe von 1989 niemals wichtiger als heute.

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Aufnahme, Fotos, Zusammenstellung: Thomas und Helmut Scharpf, 10/2020