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1809 – Bei Ganser in Ottobeuren erscheint eine Sammlung von Sprichwörtern zur sittlichen und moralischen Bildung der Gesellschaft


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Johann Baptist Ganser hat das Buch zwar gedruckt, vermutlich aber nicht selbst geschrieben. Die Sprichwörter, Denksprüche und Bibelzitate ergeben ein Gesamtbild der Zeit, den Verfehlungen vs. den christlichen Idealen, der Sittenlehre.

In dritter Auflage 1809 herausgegeben, war die Schrift (Download der textdurchsuchbar gescannten Gesamtausgabe des Buches, pdf, knapp 30 MB) sicherlich in vielen Haushalten vorhanden und diente der Erziehung, der Erbauung, der moralischen Stütze. Es darf angenommen werden, dass sie auch im Hause von Xaver und Rosina Kneipp gelesen und befolgt wurde. Betrachtet man das Leben von Sebastian Kneipp, so scheinen die Vorschriften und Anregungen geradezu eine Blaupause gewesen zu sein. Nach eigener Aussage fürchtete er nichts so sehr wie die Rute und die Hölle. Im vorliegenden Buch heißt es z.B. „Haltet eure Kinder stets unter dem Gehorsam; brauchet Ernst (= körperliche Züchtigung), wenn sie widerspänstig oder trozig sind.“ Auch: „Je lieber das Kind, desto schärfer die Ruthe.“ Oder: „Der Mensch, der auf dem Sündenwege forteilt, kann durch die Furcht der Hölle zurückgehalten werden.“
Rosina Kneipp ließ den jungen Sebastian nie zu anderen Kindern („Weil man sie immer unter andern bösen Kindern auf der Gasse, und in Schlupfwinkeln herum laufen läßt. Da verführt eines das andere.“)
Mit dem Konzept eines strafenden Gottes wurde Angst erzeugt („Ein Engel schreibt dein Gebeth, ein Teufel dein Schwäzen auf.“ Oder: „Ein Mensch ohne Religion ist ein Ungeheur, aufgelegt zu allem Verderbniß, dem ohne größten Schaden der Gemeinde kein Amt kann anvertraut werden.“)
Sebastian selbst hatte zwar eine schwere freudlose Kindheit, aber er hatte ein Ziel vor Augen und ließ sich auch durch Rückschläge wie den Brand seines Elternhauses am 17.05.1841 nicht entmutigen. („… habe Geduld, es wird sich alles geben.“ Oder: „Sieh immer auf Gott, und auf dich, so wirst du Gott niemals ohne Güte, und dich niemals ohne Elend erblicken.“ Auch: „Warum sollst du dir das Gegenwärtige durch überflüssigen Kummer erschweren? Laß Gott – deinen besten Vater – sorgen.“ Und: „Geduld überwindet alles.“)
Selbst der Begriff der Gesundheit erscheint: „Trage Sorg für dein Leben, und für deine Gesundheit. Verderbe deine Gesundheit nicht durch Unmässigkeit im Essen und Trinken, oder durch ein unzüchtiges, unordentliches Leben.“ (Auch: „Ein kranker Mann, ein armer Mann: Bist du gesund, so denk daran.“)

Sebastian Kneipp hat sein Zuhause, seine Heimat („Hiomat“) trotz aller Widrigkeiten – der Armut, der Strenge – geliebt. Bei Ganser heißt es dazu: „Wo der Haas aufgewachsen ist, da ist er am liebsten: jeder Vogel liebt sein eigenes Nest.“ Mit harter Arbeit hatte sich der jugendliche Kneipp bei Ficklers in Hawangen und bei anderen Bauern verdingt und hart gearbeitet, um sich seine 70 Gulden zu verdienen, getreu nach dem Motto: „Arbeite mit Lust, und hause mit Klugheit im Kleinen, wie im Großen: mehrere Pfenninge machen einen Kreuzer, und mehrere Kreuzer einen Gulden.“
Die Not seiner Kindheit bedingte sicherlich Kneipps spätere Großzügigkeit, getreu den Ratschlägen des Büchleins:
„Almosen geben macht nicht arm. Gebet, und es wird euch wieder gegeben werden. Arme Leute machen reiche Heilige.“
„Eine Wohltat ist niemals verlohren, ob man sie gleich einem Undankbaren erzeiget; denn Gott belohnt sie allzeit.“
„Wer gegen Arme und Bedrängte kein Mitleid fühlt, wird auch zur Zeit der Noth kein mitleidiges Herz finden.“

Die Abschrift zitiert eine Auswahl der Sprüche – etwa die Hälfte. Wenn sie sich zu Sebastian Kneipp sowie zu seinen Eltern in Beziehung setzen lassen, sind sie grau hinterlegt. (Hinweis: Es werden unter html nicht alle Stellen angezeigt, die doxc bzw. pdf zeigen sie vollständig.)
Ein Digitalisat wird von dem Unikat (Sammlung: Helmut Scharpf) – es findet sich in keiner Bibliothek – sicherlich noch 2021 erstellt.

Hier nun die Abschrift:

Literaturzitat:

Anonymus: Alte und neue Sprüchwörter, gereimte Denksprüche, Sittenlehren für jedermann, Besonders für das christliche Landvolk. Sammt einem Anhang: Die Uhr, ein Sittenspiegel, dritte, viel vermehrte Auflage, Johann Baptist Ganser, Ottobeuren, 1809, 104 S. + 6 S. Register


S. 3 - 5

Vorrede an das christliche Landvolk.

Sprüchwörtergereimte DenksprücheSittenlehren, die von mir aus alten, und neuen, aber bewährten Schriftstellern, mit vieler Mühe gesammelt worden, empfehlen sich dir, werthes Landvolk, in der Absicht, um die hie und da leeren Stunden an Sonn- und Feyertägen mit einer zugleich angenehmen, und nützlichen Unterhaltung auszufüllen. Oder wie? Was soll einer noch guten Gemeinde, oder einer jeden einzelnen wohlbeschaffenen Familie für die Nebenstunden je erwünschlicher seyn, als die Sprüche der Alten, die voll an Weisheit, und meistens nur aus einer klugen Beobachtung der guten und schlimmen Sitten der Vorzeiten entstanden sind? Gewiß: kurze Kernsprüche schlossen einst, ehe die Schreibkunst erfunden worden, die ganze Sittenlehre der Urzeiten in sich. Väter gaben dergleichen Danksprüche, die sie selbsten von ihren Eltern ererbt, ihren Kindern; und diese pflanzten sie wieder auf ihre Nachkömmlinge fort. Selbst der weiseste Salomon hat es nicht unter seiner Würde gefunden, Sprüchwörter, welche, wie bekannt, einen schätzbaren Theil der alten göttlichen Schrift auszumachen, auf die Nachwelt zu übertragen.

 

Noch heut‘ zu Tage sind unter dem Volke Denksprüche bekannt, welche etwa ein kluger Hausvater öfters, als er noch lebte, im Munde geführt, und welche nicht nur seinen Kindern, sondern auch Manchen aus der Freundschaft, ja wohl gar einer ganzen Gemeinde zu einer Vorschrift der Klugheit treflich [trefflich] gedienet haben, und annoch dienen.

 

Allein nicht nur Denksprüche, sondern auch allgemeine und besondere, zur Übung der Tugend, Vermeidung der Laster, und Erfüllung christlicher Pflichten abzweckende Sittenlehren sind in diesen 4. kurzen Abtheilungen enthalten.

 

Ich will demnach diese meine geringe Sammlung, auf welcher ohnehin die allergeringsten Unkösten liegen, nicht weiter empfehlen; sondern wünsche nur von Herzen, daß selbe allgemein nützen möge.

 

Dieser Nutze wird der erwünschte Lohn meiner Bemühungen seyn, gleichwie die Ehre Gottes, die Beförderung guter Sitten, und die daraus entstehende Wohlfart des meistentheils noch christlich- und gut denkenden Landvolkes meine Absicht gewesen.

 

S. 6

 

Sprüchwörter.

 

7. Wer viel redet, muß viel wissen, oder viel lügen.

 

8. Wer viel verspricht, ist oft in Gefahr, ein Lügner zu werden.

 

9. Ein jeder redet gerne von dem, was er liebet.

 

10. Wovon das Herz voll ist, geht der Mund über.

 

S. 7

 

11. Eine böse Zunge richtet vieles Unglück an.

 

12. Wer will, daß man Gutes von ihm rede, der rede nichts Böses von andern.

 

13. Geredt ist geredt: man kanns‘ mit keinem Schwamme mehr auswischen.

 

14. Wer in deiner Gegenwart über andere loszieht, der wird in deiner Abwesenheit auch dir nicht schonen.

 

15. Seinen Nächsten zu verschwärzen, tragen viele immerdar die schwarzen Kohlen in ihrem Munde, und wollen doch keine Kohlbrenner heissen.

 

16. Der Horcher an der Wand hört seine eigne Schand. Laure nicht an der Thüre, ob deine Feinde, oder andere Leute Böses von dir sagen.

 

17. Stiche, die nicht bluten, sind schmerzhafter, als die andern.

 

19. Wer fremde Schwachheit nicht ertragen kann, hat eben darum eine unerträgliche Schwachheit.

 

20. Trage die Schwachheiten anderer mit Geduld, und denke: Mensch ist Mensch. Fehlen ist menschlich. Jeder Mensch hat seine Fehler. Nimm dich selbst bey deiner Nase. Denke an deine eigenen Fehler, nicht immer an die Fehler deines Nächsten.

 

S. 8

 

21. Ein jeder kehre vor seiner Thüre, so wird die ganze Gasse rein seyn.

 

22. Bekümmere dich wenig um anderer Leute Thun und Lassen. Dadurch wirst du manche Sünden verhüten, und dir selbst vielen Verdruß ersparen.

 

23. Ein argwöhnischer Mensch ist sein eigener Plag‘geist.

 

26. Wer andern eine Grube macht, fällt leicht selbst darein.

 

29. Schweigen ist oft mehr, als laute Antwort.

 

S. 9

 

32. Wer seine Geheimnisse leichtfertig offenbaret, verliert seine Freyheit.

 

33. Sag nicht alles, was du weißt; glaub nicht alles, was du hörst; thu nicht alles, was du kannst.

 

34. Geduld überwindet alles.

 

36. Was du nicht kannst meiden, sollst du geduldig leiden.

 

37. Man muß hinaus, wo der Zaun am niedrigsten ist.

 

38. Es ist Niemand, den nicht heimlich ein Schuhe drückt, der kein heimliches Leiden hat.

 

40. Was wir gerne thun, fällt uns nicht schwer.

 

41. Wer mit Unwillen thut, was er doch thun muß, macht sich selbst die Sache beschwerlich.

 

42. Man muß es annehmen, wie es der Himmel schickt.

 

43. Gott legt uns nicht mehr auf, als wir ertragen können.

 

44. Man muß sich strecken nach der Decke.

 

45. Es ist besser, Unrecht leiden, als Unrecht thun.

 

S. 10

 

45. Viele schmieden ihnen selbst ihr Unglück.

 

51. Im Feuer wird Gold und Silber, und durch‘s Leiden die Tugend geprüft.

 

54. Die Standhaftigkeit im Unglücke ist ein Merkmaal eines großen Geistes, sowohl als eine Mäßigung beym Besitze eines großen Glückes.

 

55. Ein zufriedenes Herz ist der größte Reichthum.

 

56. Arbeiten nähret, Müßiggang verzehret.

 

S. 11

 

59. Arbeiten soll man, als wollte man ewig leben; leben, als wollte man täglich sterben.

 

66. Wo viele Hände in die Schüssel langen, da müssen auch viele Arbeiter seyn.

 

67. Arbeite mit Lust, und hause mit Klugheit im Kleinen, wie im Großen: mehrere Pfenninge machen einen Kreuzer, und mehrere Kreuzer einen Gulden.

 

S. 12

 

74. Müßiggang ist der Tugend Untergang.

 

76. Faulheit lohnt mit Armuth.

 

79. Wenn die Magd um die Schüsseln herum geht, wie die Kaz [Katze] um das heisse Mus, werden sie langsam gespület.

 

80. Wer mehr verzehrt, als ihm sein Pflug gewährt, dem ist der Bettel beschert.

 

81. Sieh mehr darauf, daß du wenig ausgeben darfst, als daß du viel einnehmen kannst.

 

82. Mit Kleinigkeiten halte dich nicht auf; Mancher sucht einen Pfenning, und verbrennt drey Lichter darbey.

 

S. 13

 

84. Kaufe, was du brauchst, nicht was dich gelüstet.

 

89. Wer leiden mag, daß sein Tisch knappe, sein Ofen rieche, sein Tach [Dach] rinne, ist kein guter Hausmann.

 

90. Wenn der Mann ein Spieler, oder Saufer ist, wird das Weib Noth haben.

 

91. Wenn das Weib eine Nascherin, oder in Kleidern eitel und üppig ist, wird der Mann nie genug ins Haus schaffen können.

 

92. Kinder wissen das Geld nicht zu gebrauchen: sie sollens aber lernen, und von jedem Kreuzer, den man ihnen giebt, Rechenschaft geben.

 

S. 14

 

94. An einer verlohrnen Schuld nimmt man Haberstroh.

 

95. Der Spahrer muß einen Zehrer haben. Auf einen kargen Vater folgt oft ein verschwenderischer Sohn.

 

96. Wer nicht spielt, gewinnt man meisten.

 

98. Arm mit Ehre ist besser, als reich mit Schande.

 

99. Faulheit lohnt mit Armuth.

 

100. Der ist nicht arm, der wenig hat, sondern der mit dem, was er hat, sich nicht begnügen läßt.

 

101. Unter einem zerlumpten Kleide steckt oft große Weisheit verborgen.

 

105. Almosen geben macht nicht arm. Gebet, und es wird euch wieder gegeben werden. Arme Leute machen reiche Heilige.

 

S. 15

 

107. Eine Wohltat ist niemals verlohren, ob man sie gleich einem Undankbaren erzeiget; denn Gott belohnt sie allzeit.

 

109. Wer gegen Arme und Bedrängte kein Mitleid fühlt, wird auch zur Zeit der Noth kein mitleidiges Herz finden.

 

113. Ein Geizhals verdient ein langes Leben, damit er länger gequält werde.

 

S. 16

 

117. Wer in seiner Jugend nichts gelernet hat, bedauert es im Alter.

 

S. 17

 

134. Wer seinen Eltern in der Jugend nicht folget, der muß oft im Alter dem Henker folgen.

 

S. 18

 

146. Traue deinem Freunde so, daß er, wenn er dein Feind wird, dir nicht schaden kann.

 

S. 19

 

155. An der Gesellschaft erkennt man den Menschen.

 

159. Ein dummer Esel zieret die Gesellschaft, wie der Esel den Roßmarkt.

 

S. 20

 

165. Wo der Haas aufgewachsen ist, da ist er am liebsten: jeder Vogel liebt sein eigenes Nest.

 

S. 21

171. Hüte dich, daß du den Leuten nicht ins‘ Maul kommest; denn du kommst so leicht nicht mehr heraus. Des Pöbels Urtheil ist nicht ganz zu verachten.

 

173. Es liegt nichts daran, wie vielen, sondern welchen Leuten du gefallest.

 

S. 22

 

183. Je lieber das Kind, desto schärfer die Ruthe.

 

188. Im Weinglas ertrinken mehr, als im Meer.

 

191. Besser ein Spaz in der Hand, als ein Storch auf dem Tach. Es ist besser, ich habe, als ich hätte.

 

S. 23

 

193. Böser Vogel, böses Ey. Schlimme Eltern, schlimme Kinder.

 

201. Eigener Herd ist Gold werth.

 

S. 24

 

212. Dem Geizigen fällt ein Blutstropfen von Herzen, so oft er einen Häller [Heller] ausgiebt [ausgibt].

 

223. Heilige Leute, heilige Werke.

 

S. 27

 

254. Strebe nicht nach hohen Dingen: je höher der Berg, je tiefer das Thal. Je größer der Baum, je schwerer der Fall. Wer hoch steigt, fällt tief.

 

256. Das Werk lobt den Meister. Gute Waare findet ihre Käufer. Der dumme Guckuck [Kuckuck] ruft seinen eigenen Namen aus.

Von deinen eigenen Arbeiten mache du selbst nicht zu viel Rühmens, sie werden doch Beyfall finden, wenn sie gut sind.

 

258. Der Hunger ist der beste Koch. Der Hunger würzt die Speisen.

 

S. 29

 

278. Wo der Teufel nicht hin mag, schickt er seine Bothen.

 

282. Wer vor kömmt, mahlt vor.

 

S. 30

 

293. Wer keinen Kalk hat, muß mit Leim meuern. Kannst du nicht, wie du willst, so thu, wie du kannst.

 

298. Es ist nicht haushälterisch, Hennen im Futter halten, und die Eyer kaufen.

 

S. 31

 

302. Eigensinnigen Leuten kann niemand recht thun.

 

304. Besser ist ein magerer Vergliech [Vergleich], als ein fetter Proceß.

 

306. Ein Gesunder kann dem Kranken leicht zusprechen.

 

309. Ein gutes Wort findt‘ überall ein gutes Ohr.

 

311. Gedanken sind zollfrey, aber nicht höllfrey.

 

S. 32

 

318. Wo Liebe und Einigkeit herrscht, da wohnet Gott – Wo aber Zank und Hader, da ist des Teufels Lager.

 

322. Gestorben muß es seyn, du magst wollen, oder nicht. Wie man lebt, so stirbt man gemeiniglich. Das Ende gut, alles gut.

 

S. 33

 

[Neues Kapitel]

Denksprüche in Versen.

 

S. 34

 

Weise Sprüche, gute Lehren

Muß man üben, nicht bloß hören.

 

S. 35

 

Denksprüche in Versen.

 

1. Fang an mit Gott, mit Gott hör auf! Dieß ist der schönste Lebenslauf.

 

9. Verzage nicht zur Zeit der Noth: Thu, was du sollst, und trau auf Gott.

 

S. 36

 

15. Wenn eines Böses thut, so hasse nur die That; Lieb‘ und bedaure den, der sie begangen hat.

 

27. [17] Die Dankbarkeit allzeit gefällt: Den Undank haßt die ganze Welt.

 

18.

Die Liebeswerk‘ nimmt Gott so an,

Als hätt‘ man sie ihm selbst gethan.

 

S. 37

 

22.

Gott weiß dich überall zu finden:

Drum hüte dich vor allen Sünden.

 

25.

Wer öfter lügt, dem glaubt man nicht,

Auch wenn er schon die Wahrheit spricht.

 

S. 38

 

30.

Wer fromm ist, und auf Gott vertraut,

Der hat auf festen Grund gebaut.

 

35.

Sey fromm, und liebe Gott, mein Kind.

Flieh jede, auch die kleinste Sünd.

 

S. 39

 

40.

Wer seines Nächstens Noth vergißt,

Verdient nicht, daß er glücklich ist.

 

42.

Den Armen gieb, Gott giebt dir auch;
Denn also hat es Gott im Brauch,

Und zwar wohl mehr als hundertfach

Belohnet Gott ein solche Sach.

 

46.

Dem Fleisse nur folgt Segen,

Wie Fruchtbarkeit dem Regen.

 

S. 40

 

52.

Dornen, Disteln stechen sehr;

Falsche Zungen noch viel mehr.

 

57.

Durch Trübsal wird erst offenbar,

Wie sehr dein Herz im Glauben war.

 

59.

Mit uns gut meynt‘s der Bader,

Wenn er uns schlagt ein Ader:

So meynt es Gott mit uns auch gut,

Wenn er, was schadt, uns nehmen thut.

 

60.

Ein kranker Mann, ein armer Mann:

Bist du gesund, so denk daran.

 

S. 41

 

65.

Hinweg mit einem solchen falschen Freund,

Der mich nur liebt, wenn mir die Sonne scheint.

 

S. 42

 

71.

Beklag, o Wittwe! nicht so sehr,

Als wenn dein Stand wär gar so schwer:

Der Wittibstand, in dem du bist,

Zur Seligkeit dir dienlich ist.

 

S. 43

 

81.

Wer immer nur, was recht und gut,

Nach Jesu Lehr und Beyspiel thut,

Und thut, weils Gottes Wille ist,

Der ist, und bleibt ein guter Christ.

 

S. 44

 

84.

Das Alter zehret aus, verliehret Geist und Kräfte:

Das Leben höret auf aus Mangel frischer Säfte.

So macht es die Natur: Laub, Blätter fallen ab,

Und ziehen, wie der Mensch zur Ruh‘ ins kühle Grab.

 

S. 46

 

96.

Du sollst das Vieh nicht ohne Noth,

Du sollst es nie mit Fluchen schlagen:

Es sieht es ja, es hört dich Gott,

Er hört die armen Thiere klagen.

 

S. 47

 

101.

Im Todbett hat kein Mensch gesagt,

Hätt‘ ich mehr Geld und Gut gehabt!

Ach! Hätt ich doch mehr Guts gethan,

Im Todbett klagt schier jedermann.

 

S. 48

 

102.

Ich reise in die Ewigkeit:

Wo komm ich dort einst hin?

Wohin der Weg am Ende zeigt,

Auf dem ich jezo bin.

 

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S. 48

[Kapitelüberschrift]

Allgemeine, und besondere Sittenlehren für Jedermann.

 

S. 49

 

2.

Wer Religion hat, besitzt einen großen Schaz [Schatz], die Quelle zeitlich – und ewiger Glückseligkeit. Ein Mensch ohne Religion ist ein Ungeheur, aufgelegt zu allem Verderbniß, dem ohne größten Schaden der Gemeinde kein Amt kann anvertraut werden. Da hingegen der rechtschaffene Christ der Schuzgeist der Seinigen ist, von dem man sich alles Gute versprechen kann.

 

S. 52

 

7.

Wirst du zu einer Sünde angefochten, so gedenke: vielleicht ist diese die letzte Sünde, mit welcher sich die Zahl meiner Sünden erfüllen werde, nach welcher Erfüllung Gott mir keine Barmherzigkeit mehr wird wiederfahren lassen.

 

8.

Wirst du zu einem guten Werke angetrieben, so gedenke: vielleicht liegt an diesem Werke meine ewige Gnadenwahl; thue ich dieses, macht Gott den unveränderlichen Entschluß, mich ewig selig zu machen.

 

S. 53

 

10. Die Furcht Gottes sey in allen deinen Wegen die Reisegefährtin, und sie wird dich vor allem Gifte der Sünden bewahren.

 

14. Habe in allem deinen Thun und Lassen eine reine und übernatürliche Meynung: suche nur Gott allein zu gefallen, und seinen heiligsten Willen zu erfüllen.

 

15. Wand‘le allzeit in der Gegenwart Gottes, welcher das Innerste des Herzens sieht. Wer Gott vor Augen hat, wird die christliche Eingezogenheit niemals verlezen [verletzen].

 

S. 54

 

17. Trage Sorg für dein Leben, und für deine Gesundheit. Seze dich niemals aus Frevel oder Leichtsinn einer Lebensgefahr aus. Verderbe deine Gesundheit nicht durch Unmässigkeit im Essen und Trinken, oder durch ein unzüchtiges, unordentliches Leben.

 

18. Sey dankbar gegen jeden, der dir Guthes thut, und du wirst immer Freunde finden, denen es zum Vergnügen seyn wird, dir in deinen Bedürfnissen hilfreiche Hand zu bieten.

 

S. 55

 

19. Der Undank ist das schändlichste Laster, und gleichet einem wüthigen Hunde, der seinen eigenen Herrn beißt und würgt.

 

23. Meide die Schwäzereyen, wenn du in Ruhe leben, und dir nicht vielen Verdruß und Schaden zuziehen willst. Ein unbehutsames Plappermaul hat schon oft unter den besten Freunden die tödlichsten Feindseligkeiten gestiftet.

 

S. 56

 

25. Es giebt Menschen, welche mit sich selbst, und mit andern im Frieden leben. Es giebt aber auch solche, die weder sich, noch andern den Frieden gönnen: sie sind andern beschwerlich, aber sich selbst am meisten.

 

S. 57

 

29. Ehre deinen Meister und Mitgesellen. Jener ist ein böser Vogel, der sein eigenes Nest besudelt.

 

30. Erzürnt dich dein Mitgesell, so geh zur Rache auf der Krucke [Krücke]. Zur Hilfe aber desselben nimm jederzeit ein Rennthier.

 

32. Befleisse dich, deine Arbeit gut und schön zu machen; das Werk lobt den Meister. Mache den Arbeits-Conto nie zu hoch; die Tauben fliegen davon, wenn man ihnen Raabeneyer unterleget.

 

34. Dein Herz sey wie ein Amboß; es muß die harte[n] Hammerstreiche der Mühe und Arbeit ertragen können. Aber für das Elend deines Nächsten sey dein Herz wie Wachs. Laß es nur schmelzen von Mitleid über ihn. Du hast es auch gerne, wenn man dir mitleidig begegnet.

 

S. 58

 

36. Wenn du Almosen giebst, ruf es nicht unter die Leute aus, wie die Scheinheiligen. Gieb in der Stille, im Verborgenen; dein Vater im Himmel sieht es doch, und wird dich dafür belohnen.

 

37. Sey nicht gar zu ängstlich und kümmerlich wegen des Zukünftigen; jeder Tag hat seine eigene Plag. Warum sollst du dir das Gegenwärtige durch überflüssigen Kummer erschweren? Laß Gott – deinen besten Vater – sorgen.

 

S. 59

 

44. Erheb dich nicht wegen der Schönheit deines Leibes; ein Zufall, eine geringe Krankheit kann selbe zu Grunde richten.

 

47. Steter Friede ist bey einem Demüthigen: aber im Herzen eines Hoffärtigen ist Eifersucht und Zorn.

 

S. 60

 

48. Sieh immer auf Gott, und auf dich, so wirst du Gott niemals ohne Güte, und dich niemals ohne Elend erblicken.

 

S. 61

 

54. Der Nachteule ist der schimmernde Tag unerträglich; und Wirbelköpfe können jene nicht ausstehen, derer bessere Erziehung ihre Sitten beschämet.

 

 

55. Wir müssen in dem Kreuz zu Gott, und nicht zu den Menschen die Zuflucht nehmen. Den sichern Weg zum Himmel hat uns Christus durch das Kreuz gezeigt. Nichts kann uns befriedigen, was nicht Alles ist, und diese ist nur Gott allein.

 

S. 65

 

73. Sey niemal fürwizig auf eine blendende Gestalt. Stelle dir nur öfters das innewohnende Todtengerippe vor Augen.

 

74. Bezähme deine fünf Sinne, besonders die Augen; denn durch diese geht der Tod in die Seele.

 

75. Die Lilie der unversehrten Reinigkeit [Reinheit] wächst nur unter den Dörnern der Abtödtung.

 

76. Wie die Schwane das Wasser berühret, ohne von diesem benezt zu werden: so ist eine tugendhafte Seele zwar mit dem Fleische umgeben, wird aber von demselben nicht beflecket.

 

S. 66

 

79. Landstreicher greifen auf den Strassen, und der böse Geist in den Gelegenheiten an. Gelegenheiten zu sündigen müssen wir vermeiden, wie eine Schlangenhöhle. Sie sind der Schlupfwinkel des Teufels, und der Hinterhalt der Sünde.

 

S 67

 

81. Eine unberührte Harpfe [Harfe] tönet nicht, und eine unangezündete Fackel giebt kein Licht. Eben so ist der Glaube ohne gute Werke ein todtes Ding.

 

83. Zur Nachtzeit zünden wir eine Laterne an, um in keine Pfüze [Pfütze] zu tretten [treten]. Warum bedienen wir uns in den Finsternissen dieser Welt nicht auch der Fackel des Glaubens, um den Gefahren zu entgehen, die uns für die Ewigkeit bedrohen?

 

S. 68

 

90. Jenen, die Gott lieben, gereicht alles zum Guten.

 

S. 70

 

96. Räche dich nicht am Bösen. Lerne Unbilden mit Geduld und Stillschweigen übertragen; suche dich nicht selbst, besonders nicht im Zorne zu rächen.
Lauf‘ nicht gleich ohne Noth zu Gericht, liebe den Frieden; habe Geduld, es wird sich alles geben. Wenn du aber gezwungen bist, dich zu vertheidigen, oder Recht zu finden, so thu es mit Klugheit und Sanftmuth.

 

S. 72

 

100. (…) Suchet die Unschuld eurer Kinder sorgfältigst zu bewahren. Nehmet euch in Gegenwart der Kleinen wohl in Acht, daß ihr ihnen auf was immer für eine Weise kein Ärgerniß gebet.

Bringet euern Kindern frühzeitig wahre Gottesfurcht bey. Unterrichtet sie in den nothwendigen Glaubenssachen, und schicket sie fleissig in die Schule, Christenlehre, und Predigt.

 

S. 74

 

Strafet eure Kinder nie im Zorn. Stellet ihnen zuvor ihren Fehler vör, damit sie selbst erkennen, daß sie gefehlt, und Strafe verdient haben.
Haltet eure Kinder stets unter dem Gehorsam; brauchet Ernst, wenn sie widerspänstig oder trozig sind. Wenn ihr ihnen zuviel nachgebet, so werden sie endlich gar nichts mehr noch euch fragen, und euch nur verachten.

Je größer die Kinder werden, desto wachsameres Aug müsset ihr auf sie haben. Kleine Kinder, kleine Sorg, große Kinder, große Sorg.

Zwinget eure Kinder zu keinem Stande, wozu sie keine Freude, oder Geschicklichkeit haben; sonst ziehet ihr euch selbst den Fluch über den Hals.

Sorget für eure Dienstboten, wie für eure Kinder. So lange sie unter euch stehen, seyd ihr Vater und Mutter darüber. Gestattet nichts Ungebührliches bey ihnen, keine ausgelassene Reden, keine freche Kleidung, keine gefährliche Bekanntschaften und Heimgarten.

Verfahret mit euren Dienstboten nicht hart und trozig; überladet sie nicht mit der Arbeit; gebet ihnen an Kost und Lohn, was recht und billig ist. Verstosset und verlasset sie nicht, wenn sie krank sind. Einem Dienstboten den bedingten und verdienten Lohn entziehen, oder schmälern, ist eine himmelschreyende Sünde.

 

S. 75

 

Habt ihr Schwieger-Eltern im Hause, so lasset sie was gelten, ehret sie, fraget sie bisweilen um Rath aus Liebe des Friedens. Ist der Friede einmal gestört, so wird er hart, oder gar nicht mehr hergestellt.

 

Liebe deine Eltern! wünsch und gönne ihnen alles Gute; erleuchtere [erleichtere] ihnen ihre Mühe; mache ihnen Freude, wo und wie du kannst. Hilf ihnen in allen Angelegenheiten; steh ihnen mit aller Sorgfalt bey, wenn sie alt, oder kränklich sind. Mach ihnen keinen Kummer oder Verdruß durch eine schlechte Aufführung.

 

S. 76

 

Erweise deinen Eltern die schuldige Ehrerbiethigkeit. Fahre sie nicht mit rauhen oder trozigen Worten an. Schäme dich ihrer Armuth nicht: trage Geduld mit ihren Schwachheiten und Gebrechlichkeiten: Sie haben auch deinetwegen vieles thun, leiden und ertragen müssen. Leiste deinen Eltern in allen erlaubten Dingen willigen Gehorsam. Folge ihnen ohne Verzug, ohne Murren und Klagen. Merke auf ihre Lehren und Ermahnungen; sie meynen es ja nur gut mit dir. Frage sie in allen wichtigen Unternehmungen um Rath.

Entwende deinen Eltern nicht das geringste, weder an Geld, noch an andern Sachen. Dieß wäre ein wahrer Diebstahl.

Gegen deine Geschwister betrage dich gut, freundlich, dienstfertig, liebreich: zanke, streite nicht mit ihnen, thu ihnen nichts zu Leid.

Eben so sollst du dich gegen die Dienstbothen verhalten. Sey gegen sie nicht feindselig, grob oder trozig; verachte sie nicht, sondern suche viel mehr ihren ohnehin harten Stand nach Möglichkeit zu erleichtern.

 

S. 77

 

Wenn im Hause bey den Geschwistern, oder Dienstbothen etwas Unrechtes geschiet, so zeig es den Eltern an, damit sie es abstellen können.

 

102. Ermahnungen an Dienstbothen.

Bist du ein Dienstboth, so gedenke: vor Gott ist ein treuer Dienstboth so werth, als ein großer Herr. Jesus war selbst den Menschen unterthänig. Du dienest Gott, wenn du nach seinem Willen den Menschen dienest.

Sey treu und redlich, im Kleinen, wie im Großen. Wer einen Kreuzer oder Kreuzerswerth entwendet, der wird auch Gulden veruntreuen. Ehrlich währt am längsten.

 

Rede allzeit die Wahrheit. Wer einmal lügt, muß oft zehnmal lügen, um sich wieder herauszuwinden. Plaudere nichts aus dem Hause; stöhre durch Schwäzerey, Ohrenblaserey, durch Achseltragen den Frieden nicht. Sey gegen deine Nebendienstbothen freundlich und friedlich. Thu alles willig und munter ohne Murren; ein gutes Wort kostet nicht mehr, als ein grobes, und findet noch dazu ein gutes Wort.

 

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Ermahnungen an kleine Kinder.

 

3. Bethe gern. Alles mußt du von Gott bekommen; so bitte darum. Sonderbar geh niemal aus dem Haus‘ ohne Morgengebeth, und niemals schlafen ohne Nachtgebeth, sonst möchte dir der böse Feind schaden.

 

4. Sey ehrerbiethig in der Kirche: Gott dein Herr ist darinnen gegenwärtig, und sieht dich. Ein Engel schreibt dein Gebeth, ein Teufel dein Schwäzen auf.

 

5. Liebe und ehre deine Eltern, sonst hast du kein Glück zu hoffen. Du wirst ihnen durch Verdruß das Leben abkürzen, und bald hernach ein armer Wais werden. Alsdann wehe dir!

Merke auf fünf Ursachen, warum die Kinder oft so frühzeitig Gottes vergessen:

 

1. Weil sie von Jugend auf nicht gerne bethen, besonders zu Morgens, und zu Nachts. Wer Gott verläßt, den verläßt Gott auch.

 

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2. Weil sie sich in der Kirche so unehrerbiethig aufführen. Die Kirchensünden strafet Gott besonders scharf.

3. Weil sie oft so vieles Fluchen, Schwäzen, und unzüchtige Reden gern‘ anhören, unehrbar herum reissen, und auf nicht erlaubte Sachen vorwizig sehen. Dadurch lernen sie viel Böses.

4. Weil man sie immer unter andern bösen Kindern auf der Gasse, und in Schlupfwinkeln herum laufen läßt. Da verführt eines das andere.

5. Weil man sie nicht in die Schule schickt, und weil sie nicht gern in die Christenlehre gehen, darinn nicht aufmerken, auch zu Haus nicht ausgefragt werden, was sie Gutes gemerkt haben.

 

Du aber, mein liebes Kind! meide alles diese, und folge meinen guten Lehren, so wird dich Gott allzeit beschüzen und segnen.

 

104. Ermahnungen an Jünglinge und Jungfrauen.

Nichts ist höher zu schäzen, und sorgfältiger zu bewahren, als die Tugend der Keuschheit. Sie ist die Zierde des jugendlichen Alters; sie verschaft [verschafft] fröhlichen Muth, wahre und dauerhafte Freuden, und ihr Lohn im Himmel ist übergroß und ewig.

Aber Unzucht ist ein Greuel vor Gott, und die größte Schande für vernünftige Menschen. Die Unzüchtigen sinken immer tiefer ins Laster und Verderben, daraus sie sich entlich gar nicht mehr erheben können. Armuth, Spott und Schand, nicht zu nennende Krankheiten, frühzeitiger Tod sind die bittern Früchten der Unzucht.

Jüngling! Jungfrau! wenn du deinen größten Schaz, die unwiderbringliche Reinigkeit bewahren, und dich vom zeitlichen und ewigen Untergang retten willst, so meide die Gefahren, in welchen die Reinigkeit verlohren geht.

 

Fliehe den Müssiggang; er ist aller, auch der abscheulichsten Laster Anfang. Meide den Umgang mit solchen Gesellen, und Personen, die in ihren Reden und Sitten ausgelassen, frech und keck sind. Verabscheue alles unehrbare Scherze, Spiele, Zotten und Possen. Halte nichts für Kleinigkeiten, was nur im geringsten wider die Ehrbarkeit ist. Mässige dich im Essen, und vielmehr im Trinken.

Wache, bethe, verehre die unbefleckte Jungfrau Maria.

 

105. Wenn wir Kinder Gottes sind, so müssen wir auch Mariam ehren, und lieben, weil sie nicht nur eine Mutter Gottes, sondern auch unsere beste Mutter ist: wer an Mariam nicht denket, der wird auch hier und dort vergessen seyn. Man erweiset ihr eine große Ehre, wenn man Sie öfters mit den Worten des Erzengels grüsset: aber eine unvergleichlich größere, wenn man ihre Tugenden nachzuahmen sich bestrebet, und sich von allen, besonders schweren Sünden enthält. Maria kann jenen nicht als Freunden zueilen, welche wider ihren Sohn täglich aufstehen, und selben auf ein neues kreuzigen.

 

S. 83

 

107. Aus dem, wie einer die Sonn- und Feyertäge hält, kann man den guten, oder schlechten Christen erkennen, weil diese Täge ganz besonders dem Dienste Gottes, und seiner Heiligen gewidmet sind.

 

108. Wer aus Gott ist, höret Gottes Worte gern an, das ist, gehet gern in die Predigt, und Christenlehre.

Der Prediger ist der Säemann, die Zuhörer sind die Erde: wer nicht in die Predigt kömmt, der wird nicht angebauet – was nicht angebauet wird, das bringt keine Frucht – was keine Frucht bringt, das wird ausgehauen, und ins Feuer geworfen.

 

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Bevor du in die Predigt gehest, sollst du alle zeitliche und andere Gedanken aus deinem Herzen verjagen.

 

109. Du sündigest alle Tage, und alle Tage erhältst du große Wohlthaten von Gott. So hast du täglich ein Versöhn- und Dankopfer nothwendig.

Wo findest du aber dieses? In dem heiligsten Meßopfer. Durch diese verzeiht dir Gott deine Sünden, giebt dir neue Gnaden, und befreyet dich von des Leibs und der Seele Gefahren.

Halte jenen Tag für verlohren, an welchem du diesem göttlichen Opfer, wenn Gelegenheit da ist, nicht beywohnest.

 

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110. Versaume nicht, wenigstens alle Monat einmal die heiligen Sakramente der Beicht und Kommunion zu empfangen.

Diese Frömmigkeit wird dich nicht nur vor vielen, besonders schweren Sünden bewahren, sondern in der Gnade Gottes erhalten, und wider alle Versuchung ungemein stärken.

 

111. Höre niemals auf, deinen Gott bey Tag und Nacht zu loben. Jener singt in Wahrheit Gottes Lob, welcher nicht nur im Wohlergehen, sondern auch in dem Kreuz und in den Widerwärtigkeiten sich dessen heiligsten Willen mit demüthigem Herzen ergiebt, ihn liebt und preiset.

 

112. Lebe in der Welt, ohne mit der Welt zu leben; das ist, ohne dich nach den bösen Grundsätzen der Welt zu richten.

Der große Haufen eilt ins‘ Verderben: der Weg zum Himmel ist schmal, und wird nur von wenigen betretten [betreten].

 

S. 86

 

113. Liebe die Einsamkeit, und das Stillschweigen, und du wirst große Ruhe und Reinigkeit deines Herzens darinn finden. Wer sich oft und gern‘ unter die Leute begiebt, wird schier allzeit mit Unruhe und Zerstreuung des Gemüthes heimkommen.

 

114. Der Fichtenbaum treibet im Schatten seinen Gipfel viel schneller in die Höhe, als in der Sonne. Eben so erreicht ein Mensch in der Einsamkeit in kurzer Zeit die höchste Stufe der Heiligkeit.

 

116. Nicht in einem Sturmwinde, sondern in dem Säuseln einer sanften Luft hörte Elias die Stimme des Herrn erschallen.

 

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118. Unsre Eitelkeit zeichnet sich überal [überall], besonders, wenn wir von uns selbst reden, aus. Wer vieles von sich selbst spricht, von dem werden andere schweigen, oder nur mit Verachtung reden.

 

119. Eitelkeit ist es, ein langer Leben wünschen, und um ein frommes Leben keine Sorge tragen. Eitelkeit ist es, auf das Gegenwärtige allein bedacht zu seyn, und das Zukünftige ausser Acht lassen.

 

120. Nur Eines ist nothwendig, und ein Geschäft aller Geschäften: nämlich daß du deine einzige, deine unsterbliche Seele in den Himmel bringest. Diese erhalten, ist alles erhalten; diese verliehren, ist alles verliehren.

 

S. 89

 

124. Alle Dinge vergehen, und entfernen sich von uns, ausgenommen der Tod; denn dieser nähert sich uns alle Stunden.

 

125. Die Menschen sind Lampen, welche die Zeit anzündet; und welche ein einziger Windstoß alle Augenblicke auslöschen kann.

 

126. Der beste Trost wider alle Übel dieses Lebens ist, daß sie im Tode alle aufhören.

 

128. Gebohren werden ist der Anfang zu sterben; gleichwie ein Licht, so bald es angezündet wird, anfängt zu verzehren.

 

130. Wisse Sterblicher! daß nicht nur deine Seele unsterblich ist, sondern daß auch sogar dein Leib zur Ewigkeit wieder auferstehen wird.

 

S. 90

 

133. Denk öfters an den Tod; er ist ein unvergleichlicher Lehrmeister. Stelle dir denselben besonders bey dem Schlafen gehen vor; denn der Schlaf ist sein Bruder.

 

134. Bleib öfters vor einem Gottesacker [Friedhof], oder vor einer Todtenkapelle stehen; betrachte diese hohlen Köpfe, und dirren [dürren] Knochen – Hier liegen Reiche und Arme, Junge und Alte untereinander – Sie waren einst, was du izt bist, und nach einer kurzen Zeit wirst du auch seyn, was sie wirklich [gerade] sind. Gedenke an das Ende aller Dingen, und du wirst nicht mehr sündigen.

 

135. Fange jeden Tag an, als ob er der lezte deines Lebens wäre, und du wirst ihn mit Trost besschliessen. Stirb täglich deinen unordentlichen Leidenschaften ab, und du wirst sterben des Todes der Gerechten, welches ich dir und mir von Herzen wünsche, Amen.

 

 

S. 91, [Kapitelüberschrift]

Die Uhr, ein Sittenspiegel.

 

S. 93

 

1. Die Uhr kann ohnmöglich von sich selbst, das ist, ohne Meister oder Künstler in Stand kommen. Noch weniger hat die Welt ohne Gott, ihrem Erschaffer, entstehen können. Nur der Unweise hat in seinem Herzen gesprochen: es ist kein Gott. (Psal. 31. 1.)

 

3. Die Uhr besteht aus mehrern Rädern, aber ein jedes muß mit den übrigen übereins kommen. Der Glaube besteht in mehrern Artickeln, aber alle müssen auf eine Lehre, nämlich auf die Lehre Christi abzielen. Wir müssen alle einander entgegen kommen in Einigkeit des Glaubens. (Eph. 4. 13. 4.)

 

S. 94

 

4. Die Uhr ohne Feder oder Gewicht hat keinen Trieb. Der Mensch ohne Gnade hat kein Heil zu hoffen; aber durch Beystand Gottes kann er mit dem heiligen Paulus sagen: Ich vermag alles in dem, der mich stärkt. (Philipp. 1. 13.)

 

5. Die Uhr, welche keinen ächten Gang hat, schadet mehr, als sie nuzet, ist ein verworfenes Werk. Ein Mensch, der keinen guten Lebenswandel führet, wird einst hören müssen: Den unnüzen Knecht werfet hinaus in die äusserste Finsterniß. (Matth. 25. 30.)

 

S. 95

 

8. Der Uhr ist es schädlich, wenn sie ruhig ist. Den Menschen schadet nichts mehr, als der Müssiggang. Den Menschen lehrt der Müssiggang viel Böses. (Eccli. 33. 29.)

 

9. Die Uhr hat ihren Werth von der innerlichen guten Einrichtung, nicht von der äusserlichen Zierde des Goldes oder Silbers. Das gute Gewissen allein macht den Menschen bey Gott beliebt. Dieß ist unser Ruhm, das Zeugniß unsers Gewissens. (Corinth. 1. 12.)

 

10. Die Uhr muß schlagen, wie sie zeigt, sonst ist sie eine Betrügerin. Der Mensch soll reden, wie er denkt, sonst ist er bey Gott und den Menschen verhaßt. Wehe den zweyfachen Herzen, und boshaften Lefzen. (Eccli. 2. 14.)

 

S. 96

 

12. Die Uhr, wenn sie zu viel Gewicht hat, kann nicht recht gehen. Wenn der Mensch zuviel Reichthümer besizet, kömmt er hart in [den] Himmel. Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelloch gehe, als daß ein Reicher ins‘ Himmelreich eingehe. (Matth. 19. 24.)

 

13. Die Uhr schweigt lang, endlich schlägt sie. Der Mensch hat eine Zeit zu reden, und eine Zeit zu schweigen. (Eccli. 3. 3.)

 

S. 97

 

19. Die Uhr bekömmt oft durch ein wenig Öl wiederum einen besseren Gang. Den Sünder kann eine gelinde Ermahnung wiederum auf den rechten Weg bringen. Wenn etwa ein Mensch in einer Sünde überraschet wird, so unterrichtet einen solchen im Geist der Sanftmuth. (Galat. 6. 1.)

 

S. 98

 

21. Die Uhr, wenn sie zu frühe geht, muß zurük [zurück] getrieben werden. Der Mensch, der auf dem Sündenwege forteilt, kann durch die Furcht der Hölle zurückgehalten werden. Die Sünder sollen lebendig in die Hölle, mit ihren Gedanken, hinabsteigen, damit sie nicht nach dem Tode hinabfahren müssen. (Psal. 54. 16.)

 

S. 99

 

Wecker, …

 

Es hat II. Uhr geschlagen. …

 

S. 100

 

Weißt du aber auch wohl, daß unter dem Nächsten auch dein Feind verstanden werde? Diesem mußt du verzeihen, diesen mußt du lieben, diesem mußt du als Christ Gutes thun. (Matth. 5. 44. / Luc. 6. 27.)

 

Es hat III. Uhr geschlagen.

Gedenke, daß die drey Theologischen Tugendenden, Glaube, Hoffnung und Liebe, gleichsam drey Schlüssel sind, den Himmel zu eröffnen. Geht dir von diesen drey Schlüsseln keiner ab? (1. Co. 13.)

 

S. 101

 

Es hat VII. Uhr geschlagen.

Gedenke: Siebenmal im Tage hat David dem Herrn das Lob gesprochen. Wie oft du? (Psal. 164. 118.)

 

S. 102

 

Es hat XII. Uhr geschlagen.

Gedenke an die Worte Christi, so er zu seinen Jüngern gesprochen: Zwölf Stunden sind im Tage. Wie viel aus diesen wendest du an zum Dienste Gottes? Willst du wissen, wie alt du seyest? Antwort: so viele Täge und Stunden du Gott gelebt, und gedienet hast. (Joan. 11.)

 

Der Wecker ist nun abgeloffen;

Wen hat die Warnung nicht getroffen?

O möchte diese Uhr allein

Die Uhr für alle Christen seyn!

 

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S. 103f.

 

Der Feyerabend, oder der Taglöhner.

Die liebe Feyerstunde schlägt!

Wie sehnt‘ ich mich nach ihr!

Und nun in Schatten hingelegt,

Wie schmeckt die Ruhe mir!

 

Es war auch heute gar so heiß,

Und immer floß so hell

Von meiner Stirn‘ ein Strohm von Schweiß,

Als wär‘ im Kopf ein Quell.

 

Was doch der Arme leiden muß

Für Leute, die nichts thun!

Und nur in lauter Überfluß

Wohl gar sich müde ruh‘n.

 

Da sinn ich – ich gesteh‘ es euch –

So manchmal her und hin,

Warum ich doch nicht auch so reich,

Wie diese Leute, bin?

 

Da fällt mir‘s ein: der liebe Gott

Fand diese so für gut;

Und dem nur schmeckt sein Bissen Brod,

Der nach der Arbeit ruht.

 

Doch alles währt nur kurze Zeit

Auf dieser Welt, und dann

Fängt sich zur langen Ewigkeit

Der Feyerabend an.

 

Dann sind wir wieder alle gleich,

Das Tagewerk ist aus,

Und jeder gehet, arm und reich

Zu seinem Lohn nach Haus.

 

Gott giebt nicht Acht, ob die Person

Sey vornehm oder schlecht,

Er strafet, oder giebt den Lohn,

Nur nach Verdienst und Recht.

 

Dies tröstet mich in meinem Stand,

Draum schaff ich munter zu,

Und hoff ein bessers Vaterland,

Bey Gott die ewig Ruh‘.

 

A. Z. G. E. G.

[Alles zur größten / größeren Ehre Gottes oder

Alles zu größerer Ehre Gottes, lat.

Omnia ad maiorem dei gloriam“]

[Wahlspruch des Jesuitenordens.]

Ad maiorem Dei gloriam – Wikipedia

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Ende der Abschrift (aus eigener Sammlung), Helmut Scharpf, 03/2021

Die Orthographie wurde weitgehend beibehalten. Texte mit einem Bezug zu Sebastian Kneipp wurden grau hinterlegt.