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31.08.1964 – Fritz Dietrich wird vom „Hirsch-Schnauz“ hereingelegt


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Mitglieder des „Hirsch-Schnauz“ trafen sich an den Freitagabenden und spielten im goldenen Hirsch Schafkopf. In feucht-fröhlicher Runde heckte man so manchen Blödsinn aus. Man denke nur an den Schuster Max M., der dem Alkohol zu stark zugesprochen hatte: Ein Beim wurde im Ratskeller eingegipst, den Gips hatte Elektromeister Franz Hartmann besorgt. (Andere Quellen sagen, es war Zement.) Anschließend transportierte man ihn ins Kreiskrankenhaus, Chefarzt Friedrich Kuhn war eingeweiht. Alfons Raith beschreibt den Vorfall 2019 in seinem köstlichen Heimatbuch auf S. 29:
„Als Maßnahme gegen nächtliche Unruhezustände wurde also ein Bein in Gips gelegt, der Frau gesagt, dass das Bein gebrochen sei und der Patient vier Wochen im Bett liegen müsse. Dieser wachte morgens auf konnte sich an keinen Unfall erinnern, hatte mehr Schmerzen im Kopf als im Bein und fand alles verdächtig. Die Frau ließ alles ärztlich überprüfen (...) und drohte mit der Polizei. Reumütig kaufte die Schnautzl-Vereinigung daraufhin 30 Paar Schuhe.“ (Schlauer Schachzug: Damit die Sache kein weiteres Nachspiel hat, wurden die Schuhe bewusst an einem Sonntag gekauft. Hätte der Schuster M. doch noch etwas unternommen, hätte dies zu einer Anzeige wegen Verstoßes gegen das Ladenschlussgesetz geführt!) Der Laden des Schusters befand sich neben der Tankstelle Kohler.

Anne Dietrich (früher Ottobeuren, heute Ilsfeld) wusste am 19.09.2022 eine weitere Geschichte zu erzählen:
Einige der „Schnauz“ hatten ihren Vater, Fritz Dietrich (31.08.1924 - 27.09.2004), veranlasst, bei einem Bauern aus der Umgebung einen Gebrauchtwagen in Zahlung zu nehmen. Über Nacht fuhren sie den Opel Olympia in den Garten und montierten dort die Räder ab – pünktlich zu seinem 40. Geburtstag (am Montag, 31. August 1964). Damit nicht genug: Sein Arbeitgeber (der Opel-Vertragshändler Carl Schenk in Memmingen), bei dem Herr Dietrich 1. Verkäufer war, erhielt ein fingiertes Kündigungsschreiben. Zur Begründung der Kündigung erklärte der „Fachverkäufer“, er habe sich selbständig gemacht. Damit nicht genug: Mit Datum 1.9.1964 landete eine mit einem Matritzendrucker vervielfältige Postwurfsendung in den Ottobeurer Briefkästen (s. Bilder). Der Inhalt sei hier wieder gegeben:

Ottobeuren, 1. September 64
Autohandel Fritz Dietrich 40
[Logo des „Hirsch-Schnauz“ – als „Eingetragenes Gütezeichen“, s. Bild]

Die Sensation des Jahres 1964!
Habe mich mit dem heutigen Tage nach 40 jähriger reiflicher Überlegung in Ottobeuren als einziger fachmännischer Gebrauchtwagenhändler heute selbständig gemacht.
Ab sofort zeige ich Ihnen auf meinem neuerrichteten Ausstellungsgelände in Ottobeuren, Guggenbergerstraße 1, eine Reihe außerordentlich preisgünstiger Gebrauchtwagen, unter anderem:
als Eröffnungsangebot einen Opel Olympia

(welcher auch als Kinderspielzeug bestens geeignet ist)
zum Sensationspreis von DM 100 .-

Anzahlung 1 Flasche Steinhäger – Rest schluckweise
Auf Ihren geschätzten Besuch freut sich
FRITZ DIETRICH
Einziger selbständiger FACHGEBRAUCHTWAGENGROSSHÄNDLER Ottobeurens
Telefon 366 (die Hälfte und zweimal das Doppelte)

Auf der Rückseite:
POSTWURFSENDUNG
An alle Haushaltungen
des Landkreises Memmingen
8ung
Sie können dieses Sonderangebot ungesehen in den Papierkorb werfen oder daraus Kapital schlagen.

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Viele der verwendeten Inhalte hätten stutzig machen können („Anzahlung 1 Flasche Steinhäger“ usw.). Dennoch fielen viele Ottobeurerinnen und Ottobeurer auf den Scherz herein. Für den 31. August 1964 war zu einem „Tag der offenen Tür“ eingeladen worden. Schon in aller Frühe kamen Leute, die „zum Sektempfang“ wollten. Am Gartenzaun war ein riesiges Banner aufgehängt: „Große Gebrauchtwagenausstellung – hier heute Eröffnung“ Im Garten stand jedoch nur „der alte Karra ohne Räder“, erinnerte sich Anne Dietrich. Die Familie fragte sich, was da los sei. Alles sei „im Schlafanzug in da Garta nag’sprunga“ und habe sich gewundert. (Bei einem Nachbarn saß sogar jemand, der die Szene filmte!)

Besucher, die in den Garten gekommen waren, sagten: „Ja mei, Fritz, hast du dir des auch gut überlegt? Du hast beim Schenk doch eine gute Stellung, verdienst gut, hast Sicherheit. Du weißt doch gar nicht, ob sich das mit der Selbständigkeit lohnt, denk an deine Kinder!“ Letztlich kamen etliche weitere Beobachter hinter der Hecke hervor, dann kam es zu einem morgentlichen Geburtstagsumtrunk. Auch das Telefon sollte an diesem Tag nicht mehr stillstehen.

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Ob es in der Zeitung eine Annonce gab oder ob im Nachgang über die wilde Aktion berichtet wurde, muss erst noch eruiert werden.

Exkurs Häuserbilder: Das 1957 erbaute Haus von Familie Dietrich in der Guggenberger Straße 1 (bis 1951: Markt Rettenbacher Str. 91b) war zur Hälfte ursprünglich im Besitz der Familie Schindele. Ein Foto aus der Zeit um 1910 zeigt links die Eltern Schindele, rechts die drei Töchter: Maria, Sofie und Johanna. Johanna Schindele war Damenschneiderin, Maria führte die Landwirtschaft, Sofie heiratete später nach Memmingen.

Die dritte Tochter (Name?) wohnte später in der Hermann-Koneberg-Straße; ihre Tocher hieß Sophie Wagner und war die Tante von Konrad Wagner, der im Ottobeurer Krankenhaus als Arzt tätig war und dessen Eltern in Memmingen eine Metzgerei hatten.
Das Ehepaar Dietrich (Fritz stammte aus Stephansried, die Mutter aus Augsburg) kaufte 1957 die linke (östliche) Hälfte des Hauses und Grundstücks. Stall und Tenne wurden abgerissen, das neue Wohnhaus an das Wohnhaus des Schindele-Hofs angebaut (s. Foto von 1975). Nach dem Tod der beiden alten Damen (Johanna und Maria Schindele) wurde 1982 das baufällige, alte Haus abgerissen und ein Zimmerbreit angebaut (s. Foto von 1985). Nach dem Tod von Fritz Dietrich 2004 wurde das Haus an ein junges Zahnarzt-Ehepaar verkauft. Der Eingang wurde in Richtung Pater-Maurus-Feyerabend-Straße verlegt.

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Wie man beim „Hirsch-Schnauz“ aufgenommen wurde, ist (noch) unklar. Anne Dietrich, die die Geschichte Ihres – 2004 verstorbenen – Vaters am 19. September 2022 bei einem Besuch in Ottobeuren zum Besten gab, meinte, es wären etwa 15 Leute gewesen. Neben dem Hirsch-Wirt Max Graf und Fritz Dietrich waren darunter: Sepp Hailer, Franz Hartmann, Kuno Plersch, Martin und Manfred Werner, Landwirt Schaupp (Halbersberg), der „Obere Müller“ (Wagner bzw. „Mieler Bi“), Hugo Ritter (01.04.1926 - 28.08.2022), der Transportunternehmer Georg Link (in der frühen Phase), Max Epple, Peter Sandleitner (ab und zu), Holzhey, ab und zu Friedrich Kuhn, (Metzgermeister) Högg, (Eisenwaren) Eitler – einer der Hauptakteure.

Über den Hirsch-Schnauz schreibt Alfons Raith in seinem Büchlein „Ottobeurer Augenblicke“ auf S. 29:
„In Ottobeuren gab es eine zunftähnliche Vereinigung älterer Bürger, die jung geblieben waren und gerne Streiche verübten – die Schnauzl. Sie hatten sich grundsätzlich zur Aufgabe gemacht, verschiedene Wirtschaftssparten zu fördern wie den Bierkonsum, die Gänsezucht, Krankenpflege und Schuhproduktion.“

Das Logo zeigt den Kopf eines Schnauzers. Auf einen weiteren Schabernack (im August 1943) sei hier verwiesen.
Eine weitere „Ottobeurer Seilschaft“ war die sog. „Negus-Bande“, die von 1934 - 45 bestand.

Literaturzitat:
Raith, Alfons: Ottobeurer Augenblicke, im Selbstverlag, Hamburg, 12/2019, 79 S., ISBN 978-3-00-063673-8