29.09.1912 – Enthüllung des Kneippdenkmals in Wien

Titel

29.09.1912 – Enthüllung des Kneippdenkmals in Wien

Beschreibung

Ein bleibendes Erbe in Erz und Stein – Wien und seine tiefe Verbundenheit mit Sebastian Kneipp

Am Sonntag, den 29. September 1912, wurde im „Kindergarten“ des Wiener Stadtparks ein Monument enthüllt, das weit mehr war als eine bloße Dekoration: Das Kneippdenkmal war ein sichtbares Zeichen der tiefen Dankbarkeit einer Stadt mit damals knapp über zwei Millionen Einwohnern gegenüber dem „Wasserdoktor“ Pfarrer Sebastian Kneipp, Ottobeurens bekanntestem Sohn.

Warum Wien?
Die Begeisterung der Wiener für Kneipp kam nicht von ungefähr: Ein wesentlicher Motor für die Popularität seiner Lehren im Kaiserhaus und beim Volk war Erzherzog Joseph Karl Ludwig von Österreich (1833 - 1905). Als prominenter Kurgast in Wörishofen zu Kneipps Lebzeiten wurde er nicht nur selbst geheilt, sondern entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Förderer Kneipps und der Kneipp-Kur. In den Reden wird er nicht erwähnt, ebensowenig sein Sohn, Joseph August von Österreich (1872 - 1962). Man kann aber davon ausgehen, dass auch Adelige zu den Spendern gehörten, die das Denkmal finanzierten.

Sebastian Kneipp selbst festigte diese Bindung durch eigene Besuche in der Donaumonarchie:
– Am 27. April 1892 hielt er einen vielbeachteten Vortrag im vollbesetzten großen Musikvereinssaal in Wien.
– Im Juli 1892 besuchte er den Erzherzog auf Schloss Alcsút.
– Am 12. Juni 1893 sprach er vor einer großen Zuhörerschaft auf der Margaretheninsel in Budapest. (siehe Kneipps Reisen)

Diese persönliche Präsenz und die Unterstützung durch den Hochadel führten dazu, dass Wien per Stadtratsbeschluss am 8. August 1900 als erste Stadt der Welt eine Straße nach ihm benannte: die Sebastian-Kneipp-Gasse im 2. Bezirk (Leopoldstadt).

Die Enthüllungsfeier am 29. September 1912
Zwölf Jahre nach der Benennung der Gasse folgte nun das Denkmal. Das Festkomitee unter der Leitung von Landesausschuß-Regierungsrat Professor Josef Sturm, kaiserlichem Rat Karl Habenicht und Oberrevisor Slawik begrüßte neben zahlreichen Bürgern und Ehrengästen, darunter Vizebürgermeister Dr. Josef Porzer auch eine Delegation aus Wörishofen mit Prior Bonifaz Reile und Bürgermeister Johann Singer, Fidel Kreuzer als Vertreter des Stamm-Kneipp-Vereins und des Wörishofener Kneipp-Verbandes, und Max Matzberger (Betreiber des „Café Matzberger“). Die Wörishofener wären sicherlich in größerer Zahl vertreten gewesen, wenn die Nachricht von der Einweihung nicht erst drei Tage vorher eingetroffen wäre.

Die Festrede von Regierungsrat Professor Josef Sturm
„Sehr geehrter Herr Bürgermeister, meine sehr geehrten Damen und Herren! Wir sind heute hieher gekommen, um ein Denkmal in Erz und Stein zu enthüllen, das nicht nur seinen Meister loben, sondern vielmehr auch noch einen selbstlosen schlichten Priester und selten edlen Menschenfreund ehren soll. Lange Jahre sind über den traurigen Tag hinweggezogen, an welchem Sebastian Kneipp sein wohlwollenes und scharfblickendes Auge für immer geschlossen hat. Umbraust von widerwärtigen Kämpfen wie alles Gute, wuchs sein Name als Begründer einer genialen Heilmethode empor zum Lichte der öffentlichen Anerkennung. Seine scharf geprägte Persönlichkeit ließ Klarsehende über die ethische Bedeutung seiner Anschauungen, den unschätzbaren Wert seiner Ratschläge und seiner Lehren nicht in Zweifel seien, und so kamen vorerst einzelne aus allen Ländern der Erde, manche auch zögernd und unschlüssig, bald aber kamen hunderte, ja tausende Hilfesuchende voll Vertrauen zum unermüdlichen Helfer und Ratgeber. Ich selbst war Augenzeuge, welch entsetzliche Kranke, die vergebens nach Hilfe suchten, vor Kneipp erschienen sind. Und er half, half mit den einfachsten Mitteln, die einem jeden leicht zugänglich sind, half mit der so einfachen Methode seiner Wasseranwendungen, ihre Leiden zu heilen oder doch zu lindern.

Seine Methode ist die einfachste der Welt und Kneipp wollte eine solche, damit auch jene, welche irgend einer Beschränkung gegenüberstehen, sei es an Zeit, Geld oder sonstigen Hinternissen, es möglich werde, im bescheidensten Haushalte eine Kur durchzuführen. Sebastian Kneipp wies schließlich mit mächtiger Gebärde auf die Irrtümer unserer Lebensführung hin und rief dem aufhorchenden Volke sein: „So sollt ihr leben“ zu! [...] So reifte dann in uns der Gedanke, diesem seltenen Manne ein Denkmal mitten unter uns zu setzen, unter der jubelnden Kinderschar, für die er so warm empfand, damit alle ihn sehen können und sich von Mund zu Mund zuzurufen: Das war ein Mensch nach dem Herzen Gottes, denn er liebte seine leidenden Nächsten mehr als sich selbst“.

Die Übergabe durch Vizebürgermeister Dr. Josef Porzer
„Der Mann, dessen Andenken durch das Denkmal geehrt wird, hat sich unendliche Verdienste um die leidende Menschheit erworben. Sebastian Kneipp war ein Priester, ein Priester in des Wortes vollstem Sinne, ganz erfüllt von Nächstenliebe und Menschenliebe. Aber während der Priester sonst hauptsächlich dafür besorgt ist, die Seele des Menschen zu retten, hat Pfarrer Kneipp, dem Grundsatz hudigend: „mens sana in corpore sano“ [„Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“] dem leiblichen Wohle der Menschen auch seine Fürsorge zugewendet und durch die einfachsten Mittel große Erfolge erzielt. Die Stadt Wien dankt mit Freuden für das Geschenk, das sie gerne entgegennimmt und ich danke allen, welche dazu beigetragen haben, dieses Werk zu schaffen. Es möge denn die Hülle fallen!“.

Das Denkmal und die Stimme der Kinder
Das Denkmal zeigt auf einem felsartigen Aufbau den Kopf Pfarrer Kneipps in großen Dimensionen, in Erz gegossen. Neben dem Haupt befinden sich Genien mit den unnütz gewordenen Krücken und dem Lorbeer. Aus dem Felsen entspringt eine Quelle; daneben steht die Figur eines nackten Knaben, der bei dem angenehmen Heilverfahren lächelnd dargestellt ist. Das Wasser ergießt sich in zwei Stufen in ein Bassin, umrahmt von Herbstblumen.
Unter dem Gesang von dreißig weißgekleideten Mädchen der Kinderschutzstation Margareten wurde das Werk des Bildhauers Carl Wollek enthüllt. 

Prior Bonifaz Reile betonte in seiner Ansprache:
„Die Erfolge Kneipps können niemals geleugnet werden, wenn sie auch noch nicht voll zum Durchbruch gelangt sind. Die Tatsache bestehe, und die Mit- und Nachwelt werde Kneipp die Achtung eines großen Mannes, eines Jahrhundertmenschen nicht versagen können. Durch die Errichtung dieses Denkmales habe sich die Stadt Wien selbst geehrt; denn sie ehre das Andenken dessen, von dem für viele Linderung der Not kam“.

Rührend waren die Worte der kleinen Annie Moser, die im Namen der Stadt Wien einen Kranz niederlegte:
„Lieber, guter Vater Kneipp! Du hast in deinem Leben so viel Gutes gewirkt, daß du der größte Wohltäter der Menschheit bist. Alle hast du lieb gehabt, besonders aber die Kinder [...] Sieh’ herab auf uns und nehme diese geringe Gabe der Dankbarkeit, diesen Kranz, gnädig entgegen.“

Porträts einiger beteiligten Akteure
Die Quellen erlauben einen Einblick in die illustre Gesellschaft dieses Tages:
Prof. Josef Sturm (1858 - 1935): Christlichsozialer Politiker, Wiener Gemeinderat und akademischer Maler. Er war von 1908 bis 1918 Mitglied im niederösterreichischen Landesausschuss (dem damaligen Exekutivorgan, das auch für Wien zuständig war) und trug aufgrund seiner Beamtentätigkeit und seines Berufs die Titel Regierungsrat und Professor. Zudem war er bis 1912 Wiener Gemeinderat.
Sturm war zu dieser Zeit eine bekannte Figur der Wiener Christlichsozialen Partei (CSP) unter der Ära von Karl Lueger. Neben seiner Funktion im Landesausschuss saß er für den 5. Wiener Gemeindebezirk (Margareten) im Wiener Gemeinderat (1900 - 1912) sowie im Abgeordnetenhaus des Reichsrates.

Dr. Josef Porzer (*01.11.1847 in Wien; †28. Mai 1914 ebenda): Jurist und Erster Vizebürgermeister Wiens, der das Denkmal offiziell übernahm. Er war seit 1905 Vizebürgermeister von Wien, ab 1910 Erster Vizebürgermeister und gehörte dem Wiener Gemeinderat von 1895 bis zu seinem Tod 1914 an.

Frater Bonifaz Reile (*26.10.1862 in Wasserzell als Josef Max Reile; †12.01.1952 in Altötting), Prior der Barmherzigen Brüder in Wörishofen. Mit 21 Jahren war er in Abensberg dem Orden der Barmherzigen Brüder beigetreten. Die einfache Profess legte er am 26. August 1883 ab, hier erhielt er nach Bonifatius von Tarsus den Ordensnamen Bonifaz. Die ewige Profess folgte am 29. August 1888 im Kloster Neuburg an der Donau, das die Barmherzigen Brüder als Krankenhaus nutzten. Schon 1890 wird Reile als Prior in Wörishofen geführt. 1893 wurde das von Kneipp gebaute Sebastianeum an die Barmherzigen Brüder übertragen. Die Hausleitung oblag nun Bonifaz Reile, zudem wurde er Kneipps Sekretär.
Bei den Barmherzigen Brüdern handelt es sich um einen klassischen Krankenpflegeorden, der historisch aus Laienbrüdern besteht. Der Leiter eines Konvents (Klosterstandorts) wird als Prior bezeichnet. Dieses Amt steht auch den Laienbrüdern (Fratres) offen. Reile hatte eine Ausbildung zum Krankenpfleger und besaß später eine Zulassung als Heilpraktiker. Als es gegen Ende des Ersten Weltkriegs zu Spannungen zwischen Reile und seinem Orden kam, wurde er nach 27 Jahren in Wörishofen ins Kloster Kostenz im Bayerischen Wald versetzt. 1922 verließ Reile den Orden und ging nach Frankfurt am Main, wo er eine eigene Praxis eröffnete. Bereits 1923 hielt er wieder Sprechstunden im nunmehrigen Bad Wörishofen. 1931 zog der fast 70-jährige Reile nach Neuhaus bei Schärding und wenig später nach Altötting.
[vgl. Alois Epple, Michael Scharpf: Bonifaz Reile: Mitarbeiter und Nachfolger von Sebastian Kneipp. 3. Auflage. Books on Demand, Norderstedt 2022. ISBN 978-3-7543-5930-3]

Johann Singer (1847 - 1918): Bürgermeister von Wörishofen (1896 - 1918), der den Ort zum Weltkurort entwickelte und am 3.2.1918 zum Ehrenbürger ernannt wurde. Da sich sonst nicht über Singer im Internet findet, hier Auszüge aus dem Bericht „Zum Rücktritt unseres allverehrten Bürgermeisters Herrn Johann Singer“ in der Wörishofer Rundschau, Nr. 693 vom 02.01.1918, S. 1f.:
(…) Einen solchen Mann hatte Wörishofen an Herrn Singer. Ebenso schlicht und bescheiden, wie er jedem, mit dem er zu tun hatte, entgegenkam, ebenso energisch und zielbewußt trat er ein für die öffentlichen Fragen int Gemeindewesen, weshalb er 1893 in die Gemeindeverwaltung als Beigeordneter gewählt wurde. Diese Stelle versah er vom 1. Januar 1894 ab mit solchem Eifer und Geschick, daß er, nachdem sich Herr Bürgermeister Huber ins Privatleben zurückzog, mit großer Mehrheit zum Bürgermeister gewählt wurde, welches Amt er am 9. Januar 1896 übernahm.

Die auf Herrn Singer gesetzten Hoffnungen wurden vollauf erfüllt. Die von seinem Amtsvorgänger in dankenswerter Weise in die Wege geleiteten Unternehmungen, Bahnbau mit Zufahrtsstraßen sowie die Friedhofanlage fanden rasche Förderung, so daß mit 15. August 1896 bei Eröffnung der Bahn auch die Zufahrtsstraße von der Hauptstraße her, makadamisiert [eine Straßenbauweise mit einem Belag aus verdichtetem Schotter], mit Randsteinen und Rinnenpflasterung sowie die südlich wie östlich abzweigenden Verbindungswege gut angelegt und fertig waren. Am 1. Nov. desselben Jahres konnte der Friedhof eingeweiht werden, für den es Herr Singer bis heute an besonderer Fürsorge in gärtnerischer Ausgestaltung und gut gepflegten Wegen nicht fehlen ließ.

Der am 17. Juni 1897 erfolgte Tod unseres allverehrten Prälaten Kneipp konnte das Vertrauen unseres Herrn Bürgermeisters in die Zukunft Wörishofens nicht wankend machen. Unentwegt schaffte er weiter in der Verbesserung der Wege und Anlagen, im Kanalisieren einzelner Straßen, Betonieren der Uferwandungen des Baches usw.

Lange Jahre mittätig in den Ausschüssen all der wichtigen Vereine, Verschönerungsverein, Kneippverein, Kurverein, half er überall tatkräftig mit in der Förderung des Kurlebens, und verschaffte sich selbst volles Verständnis aller auftauchenden Tagesfragen, die dann in der Gemeindeverwaltung an ihm beste Vertretung fanden. Die Errichtung des Kneippdenkmalplatzes mit Denkmal fand an ihm einen außerordentlichen Förderer.

Ganz besonders krönen seine Amtszeit: Die Schaffung der Erzherzog-Josefs-Anlagen, der Kasino-Neubau, die Gammenrieder Wasserleitung und der Neubau des Knabenschulhauses. Gewiß große Projekte, die aber alle in glücklicher Weise zur Ausführung gebracht wurden und allen Bedürfnissen des Kurortes Rechnung tragen.

Auch die schwierigste Aufgabe, bei den großen Anforderungen, die all die Neuerungen in finanzieller Beziehung an die Gemeinde stellte, wußte Herr Singer gut zu lösen; geringe gemeindliche Schuldenlast und mäßige Gemeindeumlagen zeigten sich infolge der weisen Finanzpolitik.

Aber nicht nur den Kurinteressen diente das rastlose Schaffen des Herrn Bürgermeisters; auch die bäuerlichen Bedürfnisse wurden nirgends hintangestellt. Selbst Ökonom, war er ängstlich bestrebt, daß die Bauern in keiner Weise gekürzt, alle Verbesserung der Landwirtschaft Hand in Hand neben der Hebung des Kurortes durchgeführt wurde.

Hier ist besonders zu erwähnen: die Flurbereinigung der Felder, und die Entwässerung der Wiesen am Studweidbach, letztere ist besonders auf seine Anregung zur Durchführung gebracht worden. Der Darlehenskassenverein, dessen Mitbegründer und Vorstand er ist, verdankt ihm gleichfalls ein groß Teil seiner heutigen Blüte. (…)
Wenn nun heute [am 02.01.1918] Herr Bürgermeister Singer erklärt, aus Gesundheitsrücksichten von seinem schweren, arbeitsreichen Amte zurücktreten zu müssen, können wir dies, so sehr wir es aus ganzem Herzen bedauern, nur zu begreiflich finden. (…)
Der Nachfolger unseres scheidenden Bürgermeisters, Herr Beigeordneter Ignaz Trautwein, bietet uns die Gewähr, daß er in gleich objektiver Weise seines Amtes walten wird, wie dies ja seit bereits 24 Jahren Seite an Seite mit Herrn Singer sein ganzes Bestreben war zum Wohls und Blühen Wörishofens.

In der Ausgabe der Wörishofer Rundschau vom 09.02.1918 wird auf S. 2 die München-Augsburger Abendzeitung zitiert:
Wörishofen, 3. Februar [1918] In der heutigen allgemeinen Bürgerversammlung wurde auf Antrag des Gemeinderates der nach 24 jähriger Tätigkeit aus dem Amt geschiedene Bürgermeister Johann Singer einstimmig zum Ehrenbürger ernannt. (…) Kneipps Schöpfung ist seitdem ohne jede staatliche Mitwirkung aus der Enge des Bauerndorfes zum blühenden Weltkurort emporgewachsen, der im vorigen Jahre [1917] weit über 8000 Kurgäste zählte und damit sogar die Kurzeit von 1914 übertraf. Der Name Johann Singer bleibt mit dieser glanzvollen und doch die alte Kneippsche Solidität wahrenden Entwicklung Wörishofens für immer verbunden.

Carl Wollek (auch Karl Wollek oder Karel Volek, *31.10.1862, Brünn, †08.09.1936, Wien): renommierter Bildhauer (u.a. Mozartbrunnen). Kaiserpreis (1911): Kurz vor der Enthüllung des Kneippbrunnens erhielt Wollek den renommierten kaiserlichen Staatspreis für seine Monumentalstatue „Wieland der Schmied“ (Fliegerkaserne, Wiener Neustadt; im Krieg zerstört).
Wenzel Hybler (1847 - 1918): Wiener Stadtgartendirektor, der für Wahl des Standorts sowie die künstlerische Einbettung des Denkmals verantwortlich zeichnete. Von 1897 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1918 leitete er das Wiener Stadtgartenamt.
Hybler war eine prägende Figur für das Wiener Stadtbild während der Amtszeiten der Bürgermeister Karl Lueger und Richard Weiskirchner.
Große Parkprojekte: Unter seiner direkten Leitung und Planung entstanden einige der bekanntesten Grünanlagen Wiens. Dazu gehören wesentliche Erweiterungen des Türkenschanzparks im 18. Bezirk sowie die Umgestaltung und Anlage zahlreicher städtischer Parks und Alleen während des rasanten Wachstums der Millionenmetropole um 1910.
Der Blumengroßmarkt: Hybler war maßgeblich an der Modernisierung des Wiener Gartenbaus beteiligt. Unter anderem trieb er die Einrichtung des Wiener Blumengroßmarktes voran. In den Artikeln wird sein Name falsch geschrieben (Hoebler).

Wilhelm Klitsch: Über den Schauspieler (*25.11.1882 in Wien, †24.02.1941, Wien) finden sich Informationen zu seiner Bühnenlaufbahn. Sein Debüt gab er 1901 am Raimundtheater in Wien, gefolgt von Engagements am Stadttheater Wiener Neustadt und dem Kaiserjubiläums-Stadttheater. 

Max von Millenkovich (Pseudonym Max Morold, *02.03.1866 in Wien; †05.02.1945 in Baden bei Wien): österreichischer Schriftsteller und Beamter. Sektionsrat Millenkovich wurde 1898 als Ministerialsekretär in das Unterrichtsministerium nach Wien berufen und stieg später zum Ministerialrat auf, wo er für Kunstpflege zuständig war.

Pater Timotheus Deutschel (*17.06. 1862 in Prostějov / Proßnitz in Mähren, †12. Juli 1933 in Graz), Prior des Wiener Konventes der Barmherzigen Brüder. (Auf den Fotos ist er nicht zu sehen, im Artikel wird er Deutschl geschrieben.)

Rittmeister Fritsch: zog als bekannter Redner durch den deutschsprachigen Raum und die österreichisch-ungarische Monarchie, um die Lehren Sebastian Kneipps im Sinne der Volksgesundheit zu verbreiten. Sein Standardvortrag trug oft den Titel „Kneipp’sche Abhärtung, die Urquelle der Gesundheit“. Nachgewiesen sind unter anderem gut besuchte Vorträge im Mai 1907 im schlesischen Gleiwitz (im dortigen Kasinosaal) sowie Aktivitäten im ungarisch-österreichischen Grenzgebiet (Ödenburg/Sopron). Fritsch beließ es nicht beim Reden, sondern erfand praktische Apparaturen, um die Kneipp’schen Güsse und Wasseranwendungen ohne fremde Hilfe auch in kleinen Stadtwohnungen zu ermöglichen. 1907 beging er das 15. Jahr seiner „humanitären Tätigkeit“ im Dienste der Kneipp-Sache (was bedeutet, dass er etwa seit 1892, also noch zu Lebzeiten Pfarrer Kneipps, aktiv war). Er stellte zwei von ihm entwickelte, preiswerte Geräte vor: ein spezielles Abhärtungsbett sowie kompakte Badeapparate, die „ohne Hilfsperson die rationelle Vornahme aller Kneipp'schen Übungen und Wasseranwendungen sowohl im beschränktesten Raume“ ermöglichten und teure, eigene Baderäume überflüssig machten (Quelle: Oedenburger Zeitung, 13.04.1907, S. 3).

Reichsratsabgeordneter Dr. von Büdle [nicht auffindbar]

Karl Appel (*26.12.1858 in Wien; † 8.6.1919 ebenda). Appel bekleidete von 1909 bis 1914 das Amt des Wiener Magistratsdirektors und war damit der höchste beamtete Chef der gesamten städtischen Verwaltung.

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Zur Sammlung von Spenden für das Denkmal hat lt. „Kneippblätter“ auch Prior Bonifaz Reile bei einem früheren Besuch in Wien beigetragen:
Prior Reile in Wien.
Wir erhalten aus Wien folgende Zuschrift: Herr Prior Reile hielt am 26. Februar [1912] einen Vortrag im großen Konzert-Saale des Hotel Post, welcher bis auf den letzten Platz gefüllt war. Zuerst wurde er vom Obmann des 1. Wiener Kneipp-Vereines begrüßt, indem er ihn als einen der größten Förderer des Wiener Kneippdenkmales rühmte und darauf hinwies, daß er die Mühe nicht scheute, einen Vortrag zugunsten des Denkmales zu halten.
Als der Redner die Bühne bestieg, wurde er von dem Publikum mit enthusiastischen Hochrufen geehrt. Auf der Bühne selbst empfingen ihn 12 weißgekleidete Mädchen mit einer herzlichen Ansprache. Nach Beendigung des Vortrages wurden ihm sehr hübsche Ständchen vom Wiener Frauenbund des 1. Wiener Kneipp-Vereins dargebracht. Zum Schlusse wurde das Kneipplied und der Kneippmarsch vorgetragen.

Der Ablauf der Enthüllungsfeier des Kneippdenkmals in Wien am 29.09.1912 (ab 10.30 Uhr oder 11 Uhr) verlief wie folgt:
1. Chorvortrag durch den der Wiedner Männerchor unter Leitung seines Ehrenchorleiters Max Keßlerdorfer [Wieden ist ein Stadtteil von Wien; er liegt im 4. Wiener Gemeindebezirk und war historisch ein Zentrum des Wiener Chorwesens]
2. Festrede durch den Landesausschuß-Regierungsrat, Professor Josef Sturm
3. Der Wiener Vizebürgermeister Josef Porzer befahl die Enthüllung des Denkmals
4. Während die Hülle fiel sangen dreißig kleine Mädchen – Zöglinge der Kinderschutzstation Margareten – in weißen Kleidern mit Blätterkränzen im Haar und Blumen und Beerenzweigen in den Händen ein Chorstück
5. Der Schauspieler Wilhelm Klitsch trug ein Weihegedicht des Schriftstellers und Sektionsrates Max von Milenkovich (alias Max Morold) vor
6. Ansprache von Frater Bonifaz Reile, Prior des Priorates der Barmherzigen Brüder aus Wörishofen
7. Namens der Stadt Wien legte ein Kind, Annie Moser, einen Kranz mit weiß-roten Schleifen nieder und sprach einige Worte der Dankbarkeit
8. Kranzniederlegungen weiterer Vereine und Institutionen: Bürgermeister Johann Singer im Namen des Kurorts Wörishofen (einen prächtigen Lorbeerkranz); Fräulein Kiel im Namen des ersten Wiener Kneipp-Vereins christlicher Frauen [vgl. Besuch in Wörishofen mit Kranzniederlegung am 15.08.1902], Dr. Panesch für den allgemeinen österreichischen Naturheilverein, Herr kaiserlicher Rat Karl Habenicht namens des Denkmalsausschusses, Herr Fidel Kreuzer im Auftrage des Stamm-Kneipp-Vereins Wörishofen und des Wörishofener Kneipp-Verbandes, Herr Rittmeister Fritsch im Namen des Kneippbundes.
9. offizieller Schluss der Feier durch ein Chorstück des Wiedener Gesangvereins
10. Es schloss sich ein zwangloses Festmahl an

Zur Geschichte des Wiener Stadtparks:
Auf einer Infosäule im Gelände wird unter anderem erklärt, dass der Park im Zuge des Baues der Wiener Ringstraße errichtet worden sei. Er ersteckt sich vom ersten bis dritten Wiener Gemeindebezirk, hat 65.000 m² und wurde auf Anordnung von Kaiser Franz Joseph I. am 21. August 1862 als erster öffentlicher Park Wiens eröffnet. Seit seiner Entstehung wurden im Wiener Stadtpark 11 Denkmäler und 4 Brunnen errichtet; das Kneippdenkmal wird als „Sebastian-Kneipp-Brunnen“ geführt.

Hinweis zu den Abbildungen:
Die beigefügten Schwarz-weiß-Fotografien des „kaiserlichen Kammerfotographen“ Martin Fachet (Sieveringer Straße 5 im 19. Wiener Gemeindebezirk Döbling) wurden für diesen Beitrag aufwendig restauriert und nachträglich koloriert. Um die Authentizität zu bewahren, wurden die Originalaufnahmen zum direkten Vergleich bei ottobeuren-macht-geschichte archiviert.
Über den Fotografen ist nicht allzu viel im Netz zu finden, Aufnahmen sind von 1912 bis 24 belegt.
Auf einer Postkarte (s. Abbildung) vom 4.11.1912 [ev. 4.12.] an den „Herrn Sekretär [Eduard] Fritsche, Kurhausdirektion Wörishofen, Baiern“, bot er die Bilderserie zum Kauf an.
Der Kartentext:
Über Aufforderung des 1. Wiener Kneippvereins 10 offeriere ich verschiedene Aufnahmen von der Enthüllung des Denkmals in Wien und würde ich auf Wunsch auch Postkarten Muster aller Aufnahmen senden.
Mit aller Hochachtung M. Fachet Wien XIX Sieveringerstr. 5
(Aus den handschriftlichen Vermerken geht vermutlich hervor, dass Fachet von jeder Aufnahme je 2 Stück schicken soll sowie ein angedachter Verkaufspreis.)

Scans: Michael Scharpf (Bad Wörishofen)
Nachbearbeitung und Kolorierung (mit KI-Unterstützung): Helmut Scharpf
Artikel / Quellen:
„Centralblatt für das Kneipp’sche Heilverfahren“, 19. Jahrgang, 1912 (Seiten 493 - 496)
„Die Kneipp-Kur“ (Jg. 1912, S. 311 - 314)
„Kneippblätter“ 1912 (S. 328f.)
Dankenswerterweise von Katrin Bartsch vom Sebastian-Kneipp-Museum in Bad Wörishofen zur Verfügung gestellt.
Spannend wären noch die Wiener Zeitungen aus der Zeit der Einweihungsfeier. Die Originaltexte in voller Länge finden sich in der angehängten Worddatei / pdf.

Transkriptionen, Recherche und Zusammenfassung: Helmut Scharpf, 06/2026 (selbst am Denkmal im Rahmen der Konzertreise des Chor96 nach Budapest, Bratislava, Sopron und Wien, 25.05. - 02.06.2026)

Urheber

Fotograf Martin Fachet

Quelle

Michael Scharpf, Kneippmuseum

Verleger

Helmut Scharpf

Datum

1912-09-29