04.10.1729 – Malerei in Klosterwald mit Bezug zu den Benediktinern

Titel

04.10.1729 – Malerei in Klosterwald mit Bezug zu den Benediktinern

Beschreibung

Auf der Nordseite der Klosteranlage von Klosterwald findet sich an der Außenfassade der Klosterkirche St. Anna eine Malerei, die den hl. Benedikt und seine Schwester – die hl. Scholastika – zeigt. Man entdeckt sie, wenn man am Kneippwanderweg von Stephansried nach Ottobeuren läuft. Die in einer bogenförmigen Mauernische befindliche Malerei steckt voller Symbole (z.B. Tiara, Papstkreuz und weitere Insignien wie Krone, Szepter, eine Schlange, die Taube als Heiliger Geist, eine Erdkugel) im Zentrum halten Putti zwei aufgeschlagene Buchseiten mit einer schwer lesbaren lateinischen Schrift. Das Wandbild dürfte schon zur Einweihung der Kirche 1729 dort gewesen sein, auf einem Aquarell um 1850 ist es angedeutet zu sehen (oder auf diesem Inflationsbeleg von 1923). Wir werden das Geheimnis lüften!

Über Klosterwald finden sich im virtuellen Museum schon etliche Einträge, zur Geschichte z.B. die Festschrift „125 Jahre Maria-Ward-Schwestern in Klosterwald“ (1991) oder zum Schrifttum von 1866 bis 1995. Zur Entschlüsselung muss man insb. in die Jahre 1706 - 1806 zurückblicken. Ein kurzer Abriss ab 1685:
Am 11. April 1685 wird der den Grundstein für ein neues Klösterlein gelegt, erbaut durch den Ottobeurer Pater Lambert Katan. 1706 nehmen die Schwester die Benediktinerregel an, 1710 stellt die Äbtissin Gräfin Maria Anna Ernestine von Thun aus dem Benediktinerinnenstift Nonnberg bei Salzburg die Stiftungsurkunde für das Benediktinerinnen-Kloster Sankt Anna aus.
Zwischen 1714 und 1716 entsteht die Klosteranlage, wie wir sie heute kennen. Am 17. April 1714 legt Abt Rupert Ness von Ottobeuren den Grundstein für das Kloster SANKT ANNA IM WALD (nach einem Plan des Priors von Ottobeuren Pater Christoph Vogt), am 21.11.1716 können die Schwestern in den neuen Klosterbau einziehen, die Klosterkirche wird am 4.10.1729 durch den Augsburger Weihbischof Jakob von Mayr eingeweiht.
Am 16. Mai 1800 plündern Franzosen das Kloster, am 11. Februar 1806 erklärt der Ottobeurer Rentamtmann Wiggermann im Zuge der Säkularisation das Kloster für aufgehoben. 1817 verlasssen die letzten Benediktinerinnen Klosterwald, es beginnt eine weltliche Phase. Von 1866 bis 1995 betrieben Englische Fräulein dort ein Mädchenpensionat, zum Ende des Schuljahres 1994/95 wurde die Realschule geschlossen. Seit 2001 befindet sich dort eine freiwillige Therapieeinrichtung für drogensüchtige Jugendliche.

Die Malerei steht im Zusammenhang mit der benediktinischen Zeit von Klosterwald: Im Zentrum der Darstellung stehen zwei heilige Gestalten – ein bärtiger Mann und eine Frau in Ordensgewändern – beide mit Abtsstab als Zeichen ihrer Autorität halten. Zwischen ihnen präsentieren kleine Engel ein aufgeschlagenes Buch, während über der Szene eine weiße Taube als Symbol des Heiligen Geistes schwebt. Zu ihren Füßen sind verschiedene kirchliche Insignien wie eine Tiara und ein Bischofsstab sowie eine besiegte Schlange abgebildet. Das Kunstwerk nutzt warme Erdtöne, um eine andächtige und sakrale Atmosphäre zu erzeugen. Insgesamt vermittelt die Komposition ein Thema der spirituellen Gelehrsamkeit und des Sieges des Glaubens über das Böse.
Die Malerei an der Außenfassade der Klosterkirche St. Anna in Klosterwald zeigt den hl. Benedikt von Nursia (links) und seine Schwester, die hl. Scholastika (rechts). In der Mitte halten Putti das zentrale Werk des Heiligen: die „Regula Benedicti“ (Benediktinerregel). Die Aufschrift auf den zwei Buchseiten gibt den Anfangsprolog der Benediktinerregel wieder. Basierend auf der Ikonographie und den sichtbaren Buchstabenfragmenten in der Vergrößerung lässt sich der Text wie folgt rekonstruieren:

Linke Seite:
AVSCVL (Ausculta)
TA O (o)
FILI (fili).
Rechte Seite:
PRÆCEP (praecepta)
TA MA (ma-)
GISTRI (-gistri) – Das Wortende ist ev. etwas gestaucht (oder der Maler hat in Unkenntnis des Originals „GISTRA“ geschrieben).

Der lateinischer Satz lautet: „Ausculta, o fili, praecepta magistri.“
Deutsche Übersetzung: „Höre, mein Sohn, auf die Lehren (oder Gebote) des Meisters.“
Vollständig heißt der erste Satz aus dem Prolog der benediktsregel: „Obsculta, o fili, præcepta magistri, et inclina aurem cordis tui et admonitionem pii patris libenter excipe et efficaciter conple, ut ad eum per oboedientiæ laborem redeas, a quo per inoboedientiæ desidiam recesseras.“
Übersetzt: „Höre, mein Sohn, auf die Weisungen deines Meisters, neige das Ohr deines Herzens und nimm die Ermahnung deines gütigen Vaters willig an und erfülle sie tatkräftig; so kehrst du durch die Mühe des Gehorsams zu jenem zurück, von dem du dich durch die Trägheit des Ungehorsams entfernt hattest.“

Deutung der Symbole und Insignien
Dargestellt sind Insignien der Macht (Papsttiara, Krone, Kardinalshut, Szepter, Schwert): Diese Gegenstände liegen gehäuft auf einer blauen Erdkugel unterhalb der Ordensregel. Dies ist eine klassische Darstellung der „Vanitas“ (Vergänglichkeit) oder der Entsagung. Es bedeutet, dass der Weg des Mönchtums und die Befolgung der Regel über allen weltlichen und kirchlichen Machtpositionen stehen. Die Heiligen haben diesen Ehren entsagt, um Gott zu dienen.
Papstkreuz und Tiara: Sie weisen spezifisch darauf hin, dass die Benediktinerregel auch die Grundlage für höchste kirchliche Ämter bildet oder dass der Orden unter besonderem Schutz des Papstes steht.
Die Schlange: Ganz unten, am Fuße der Erdkugel, ist eine Schlange zu sehen. Außerhalb der Quellen ist bekannt, dass die Schlange in der Benedikt-Ikonographie oft aus einem zerbrochenen Kelch kriecht. Dies erinnert an ein Attentat auf Benedikt: Als er das Kreuzzeichen über einen vergifteten Weinbecher machte, zersprang dieser, und das Gift (symbolisiert durch die Schlange) wurde unschädlich gemacht.
Die Taube: Sie schwebt zentral über den beiden Heiligen im göttlichen Licht. Als Heiliger Geist symbolisiert sie die göttliche Eingebung der Regel.
In Bezug auf die hl. Scholastika hat sie eine besondere Bedeutung: Laut den „Dialogen“ Gregors des Großen sah Benedikt die Seele seiner verstorbenen Schwester in Gestalt einer weißen Taube zum Himmel aufsteigen.
Äbtissinnen- und Abtstab: Sowohl Benedikt als auch Scholastika halten einen Krummstab als Zeichen ihrer Autorität über ihre jeweiligen Gemeinschaften.

Zusammengefasst feiert das Fresko die Beständigkeit und geistige Überlegenheit der Benediktinerregel über alle irdischen Bestrebungen. Das Fresko in Klosterwald zitiert den originalen Wortlaut der Benediktinerregel, um Benedikt ausdrücklich in seiner Rolle als Lehrmeister (Magister) des abendländischen Mönchtums darzustellen. Die Taube über dem Buch symbolisiert dabei, dass seine Worte (die Regel) durch den Heiligen Geist inspiriert wurden.
Auf welchen Künstler die Fassadenmalerei zurückgeht, ist nicht bekannt.

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Die Regeln des hl. Benedikt („Regula sancti Benedicti“) / Benediktsregel hat der Ottobeurer Pater Ulrich Faust bei Reclam in deutscher Übersetzung veröffentlicht:
Faust, Ulrich (Hrsg.): Die Benediktsregel, lateinisch/deutsch, mit der Übersetzung der Salzburger Äbtekonferenz, Reclam, Stuttgart, 2009

Foto, Recherche und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 06/2026

Urheber

unbekannt

Quelle

Helmut Scharpf und weitere

Verleger

Helmut Scharpf

Datum

1729-10-04

Rechte

gemeinfrei