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01.04.1897 – Sebastian Kneipps letzte Vorträge


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Die in der Wandelhalle gehaltenen Vorträge Sebastian Kneipps wurden transkribiert und in gedruckter Form herausgebracht. Sie enthielten allerdings nicht nur rein gesundheitliche Themen, sondern waren auch durch biographische Noten bereichert. Seinen letzten öffentlichen Vortrag hat er am 1. April 1897 gehalten.

Das Buch geht noch einige Monate weiter, beschreibt den Gesundheitszustand der letzten Wochen und Monate und zeigt außerdem auf, wie es um die Nachfolge und die Zukunft Wörishofens stand.
Der anlässlich des Todes des Ottobeurer Pfarrers Pater Godefrid Behr letzte Besuch in Kloster und Abteikirche Ottobeuren am 5. und 6. März 1897 führte aufgrund einer starken Erkältung, die sich Kneipp hier zuzog, zu einem deutlich verschlechterten allgemeinen Gesundheitszustand, der wegen seiner Krebserkrankung ohnehin geschwächt war.

Die Bulletins zu Kneipps Gesundheit sind hier zwar mit aufgenommen, uns interessieren aber vor allem seine biografischen Beschreibungen: zu seiner Schulzeit in Stephansried und zur Bekleidung, zur großen Not und seinen Ausbruchsversuchen aus dem Elternhaus - bis hin zur Zusage von Kaplan Merkle in Grönenbach.

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Literaturzitat:
[Gemeinde Wörishofen] (Hrsg.): Sebastian Kneipps letzte Vorträge 1896/97 nebst einigen früheren ausgewählten Vorträgen und belehrenden Schriften. Separatabdruck aus dem „Wörishofener Kur- und Badeblatt“, Verlag von Julius Lang-Weissenbach, Wörishofen, 1897, 883 S.

pdf 623
Die moderne Schule.
Am 7. April v. Js. [=1896] hielt Hochw. Herr Prälat einen sehr interessanten Vortrag über die moderne Schule, welchen wir hiemit reproduziren:
»Es werde allseits geklagt, dass heutzutage die Schulkinder so fürchterlich mit Aufgaben u. s. w. überladen seien« und das habe Herrn Pralaten die Frage nahe gelegt, ob denn die Kinder heutzutage gescheidter sind als früher.

Die Beantwortung dieser Frage vorläufig noch offen lassend, erzählt Redner [= Sebastian Kneipp], dass sein Schulmeister ein Schuster gewesen sei und dass er von seinem Vater mehr gelernt habe, als von seinem Lehrer in der Schule. Man lernte damals Lesen, Schreiben und Rechnen, sonst aber nicht viel. Einmal brachte der Katechet eine Landkarte in die Schule, auf welcher die Erde in zwei Halbkugeln und Europa abgebildet war. In die Geheimnisse dieser Landkarte wollte nun der Lehrer die Kinder einweihen; allein der gute Mann sah sich vor eine für ihn zur Zeit unlösbare Aufgabe gestellt, er konnt nicht lateinisch lesen und auf der Karte waren alle Namen lateinisch geschrieben. In seiner Noth ging er zum Vater des Herrn Prälaten und dieser lehrte ihn dann die lateinischen Schriftzeichen lesen. »Ich sah«, bemerkt Herr Prälat, »dabei zu und dachte mir, was doch mein Vater für ein gescheidter Mann sei. – Ihr dürft aber nicht glauben, dass ich und die anderen Schulkinder den Lehrer deshalb für dumm gehalten haben. O nein! Wir blickten mit aufrichtiger Verehrung zu demselben auf; denn er war ein braver, wackerer, sehr religiöser Mann und verstand uns Kinder zu behandeln. Er lehrte uns das, was er uns lehren konnte und mit dem, was er uns lehrte, sind wir Alle durch die Welt gekommen.«
Heutzutage verlangt man in der Schule von den Kindern so enorm viel, dass man zweifeln muss, ob die Kinder Alles lernen können, ohne dadurch an Geist und Natur Schaden zu leiden.

Ob die Kinder dadurch gescheidter werden? Redner erzählt, dass seine nun verstorbene 72 Jahre alte Schwester ihm noch Briefe geschrieben habe, in welchen mehr Gedanken enthalten waren, als in den Briefen eines Schulmädchens, das mit Auszeichnung die letzte Prüfung bestanden. »Ich habe einen Vater gehabt, der hat sich durch das Lesen von guten Büchern und Zeitungen selbst gebildet, und ich habe noch keinen Bauern kennen gelernt, der so gewandt war, wie mein Vater,« erklärt Herr Prälat. Auch damals gab es Leute, die keine Esel waren. Esel und Dummköpfe hat es damals freilich auch gegeben, aber die gibt's auch heute noch.
Wie geht's nun heute in der Schule zu? Wenn heute die Kinder die Schule durchmachen, so haben sie so grosse Aufgaben zu lösen, dass man staunen muss, wie diese der Kinderverstand alle auffassen kann.
Bei den Mädchen geht es besser. Das Frauenvolk ist geweckter und schlauer, es hat etwas von der Schlange. Ein Mädchen ist 1 - ½ Jahr früher entwickelt, als ein Knabe. Die Buben sind überhaupt schwerfälliger, fauler zum Lernen und darum werden sie auch öfter Esel und Stockfische genannt. Doch thut ihnen das nicht weh.

Noch einmal auf seinen Lehrer zurückkommend, bemerkt Herr Prälat, man dürfe ja nicht glauben, dass er von ihm nur die 25 Buchstaben gelernt habe. Nein! Der Schuster war ein überaus praktischer Mann, sein Unterricht war so, wie wir ihn für's Leben brauchten, und darum fühlten wir Schulkinder, wie gesagt alle grosse Achtung und Verehrung für unsern Lehrer, wir liebten ihn!

Dann kamen andere Lehrer, patente Männer, und diese haben angefangen, die Kinder mit mehr und mehr Gegenständen zu beladen. Heute aber sind Lehrer und Kinder so überladen, dass es selten einen Lehrer gibt, der nicht nervös ist. Lehrer und Kaufleute bilden überhaupt das Hauptkontingent der Nervösen. Erstere wegen der übermässigen Anstrengung in der Schule, letztere meist durch übermässiges Lernen und Spekuliren.
In den weiblichen Schulen wird heute mitunter Unglaubliches erreicht. Die Mädchen sind, wie gesagt, schneller entwickelt und wenn man sie noch dazu treibt, so leisten sie Unglaubliches. Dafür sind aber fast alle Lehrerinnen nervös und am Körper so geschwächt, dass es oft zum Erbarmen ist. Das kommt von der Hast, den Kindern Alles, was vorgeschrieben ist, beizubringen. Lehrerinnen sind meist unglückliche Leute.
Die Männ er sind ruhiger, sie sind nicht so hastig, wie das Frauenvolk, bei dem Alles im Galopp gehen muss.
Es ist wahr, die Kinder lernen heutzutage in den Schulen viel, aber wie sehen die Schulkinder besonders in den Städten aus? – Auf dem Lande ist es noch besser. Da üben die Kinder statt der künstlichen Gymnastik, zu der sie in den Städten gedrillt werden, die Gymnastik der körperlichen Arbeit, sie werden dadurch abgehärtet, glücklicher und ausdauernder. Buben wie Mädchen werden auf dem Lande schon frühzeitig zu ländlichen Beschäftigungen angehalten und diese stählen ihren Körper. (…)  

pdf  514f.
Linnen-, Baumwoll-, Hanf-, Woll- und Nesselgewebe.
4. März. [1897]
Hochw. Herr Prälat entwirft heute ein interessantes Bild der Entwicklung der Leinwandindustrie im Laufe dieses Jahrhunderts.
In den ersten Jahrzehnten desselben galt noch allgemein der Grundsatz: »Selbst gesponnen, selbst gemacht, ist die schönste Landestracht.« Insbesondere auf dem Lande trug man noch Hemden, deren rauher Faden im Hause selbst gesponnen worden war. Diese Hemden waren zwar etwas rauh, da noch eine Menge Agen des Flachses in den Fäden steckten, aber sie waren dauerhaft und gesund. Aus Wergfaden wob man den sogenannten Zwilch, aus dem die Beinkleider für das Mannsvolk auf dem Lande gefertigt wurden. Herr Pralat trug in seiner Jugend selbst solche Hosen, und er hatte immer Angst, wenn er eine neue solche Hose bekam. Diese Hosen steckten nämlich so voll Agen (Theilchen der Schale des Flachses), dass dieselben fast überall in die Haut stachen und Verletzungen an derselben hervorriefen, welche oft stark bluteten. Waren diese Zwilchhosen vier- oder fünfmal gewaschen, dann ging es an. Aber dauerhaft waren sie und billig. Ein Paar Zwilchhosen kosteten nicht mehr als einen Gulden. In den ersten Dezennien herrschte also die Leinwand auf dem Gebiete der Leibwäsche, denn auch die Städter kannten nichts anderes als Hemden aus Leinwand, nur dass der Leinenfaden feiner gesponnen war als auf dem Lande.

Ende der dreissiger Jahre kam das Baumwolltuch von England herüber und wurde allgemein freudig begrüsst. Dasselbe war viel feiner und weisser und griff sich viel weicher an; allein bald zeigte es sich, dass dieses Gewebe den Schmutz viel leichter aufnehme und, was die Dauerhaftigkeit anbelange, weit der ächten [echten] Leinwand nachstehe. Man kehrte also wieder zur Leinenwäsche zurück und begnügte sich damit, die Aermel, die Brust und den Kragen des Hemdes aus Baumwolltuch herzustellen, weil dasselbe schöner aussah und leichter gebügelt werden konnte. Den vielen Baumwollspinnerein, welche mit der Zeit auch in Deutschland entstanden waren, musste es natürlich sehr unangenehm sein, als das Baumwolltuch aus der Mode kam. Der Flachs liess sich auf Spinnmaschinen nicht spinnen, und es drohte der Baumwolle-Industrie grosse Gefahr. Allein bald erfand man ein Mittel, das ermöglichte, auch den Flachs auf den Spinnmaschinen zu spinnen. Man zerhackte den Flachs in kleine Fasern, dass er aussah wie Baumwolle, und nun wurde in den Spinnereien auch Flachsfaden und in den Webereien auch ächte Leinwand hergestellt.

Die Industrie benützte diese Erfindung aber auch zu Betrügereien, indem sie Leinwand halb aus Flachs-, halb aus stärkeren Baumwollfaden herstellte, die ächter Leinwand so ähnlich war, dass nur ein genauer Kenner sie von jener unterscheiden konnte.
Die Leinenspinnerei vervollkommnete sich mit der Zeit so sehr, dass man aus Flachs einen Faden herstellte, so fein wie Seide und das Gewebe aus diesem Faden wurde nun die Leibwäsche der Reichen. Es gab Zeiten, in welchen man den Mann nur nach seiner Leibwäsche taxirte.

Aber auch diese Erfindung bewährte sich nicht. Ganz abgesehen davon, dass sich diese Leinwand, welche so dünn war wie Seidenpapier, bei Eintritt von Schweiss an den Leib klebte und dadurch die Ausdünstung beeinträchtigte, ging sie nach öfterem Waschen auseinander wie Brei, und das wurde schliesslich auch den Begüterten dieser Welt unangenehm.
Die vielen rheumatischen Leiden, die auf das Tragen solcher Leibwäsche zurückgeführt werden konnten, brachten einen gewissen Dr. Jäger auf den Gedanken, die Wollwäsche einzuführen. Eine geschickte Reklame brachte es dahin, dass die Wollwäsche bald allgemein getragen wurde, und Dr. Jäger und seine Hintermänner verdienten damit Millionen.
Herr Prälat wusste von dieser Wollwäsche nichts, bis Kranke nach Wörishofen kamen. An diesen Kranken überzeugte er sich, dass die Wolle, wie eine zweite Haut über den Körper gezogen , wohl Wärme gebe, dass aber diese Wärmeerzeugung auf Kosten der Naturwärme geschehe und deshalb der Gesundheit schädlich sei.

Redner nimmt mit Recht an, dass sein energisches Auftreten gegen die Leibwäsche aus Wolle, dieser verderblichen Mode, grossen Eintrag gethan hat. Er empfahl, gestützt auf seine Erfahrungen, wieder grobe, selbstgesponnene Leinwand (Hausleinwand) zur Leibwäsche, und wer seinem Rathe folgte und sich ein Hemd aus Hausleinwand verschaffte, wollte von einem Hemde aus Wolle nichts mehr wissen, weil er bald fühlte, dass ein Hemd aus ächter grober Leinwand angenehmr zu tragen, der Gesundheit erspriesslicher und dabei viel dauerhafter sei als ein Hemd aus Wolle.

Mehrere Fabriken entstanden, welche sich nunmehr nur mit Herstellung von grober Leinwand befassten. Man erfand hiezu ein eigenes Gewebe. Allein die Fabrikleinwand erwies sich bisher nie so dauerhaft wie die Hausleinwand, und darum muss Herr Prälat die letztere immer noch als die zur Leibwäsche geeignetste bezeichnen. Besonders eine Fabrik in A. lieferte so schlechte Waaren, dass ihr Fabrikat bald in Misskredit kam und das Etablissement, welches Herrn Prälaten versprochen hatte, nur gute Waaren zu liefern, in Folge ihres Wortbruchs zu Grunde ging.

Es gibt Gegenden, in welchen, wie z. B. in Ungarn, der Flachs nicht gedeiht, die daher auf den Hanfbau angewiesen sind. Gewebe, aus Hanfgarn hergestellt, sind unbedingt die besten und dauerhaftesten, wenn sie sich auch Anfangs etwas rauher und härter anfühlen.

Redner weist ein Tuch vor, dessen Faden aus Hanf im hiesigen Kloster gesponnen wurde, dessen Festigkeit und feines Gefüge die Hausleinwand allerdings weit übertrifft, und konstatirt mit Vergnügen, dass in den Bauernhöfen, wo man das Spinnrad mit Einführung der Spinnfabriken bei Seite gestellt hatte, jetzt allmählich dasselbe wieder zu Ehren bringe.
In der neuesten Zeit wird aus den Fasern einer gewissen Gattung von Brennesseln ein Faden gesponnen, der so fein wie Seide ist. Herrn Prälaten liegen eine Anzahl von Trikotagen – aus diesem Faden gewebt – vor, welche ihm zur Prüfung vorgelegt wurden. Er reicht dieselben unter seinen Zuhörern herum, rühmt die Feinheit und Eleganz des Gewebes, glaubt aber nicht, dass dieselben die Dauerhaftigkeit der Leinengewebe haben und macht dem anwesenden Fabrikanten den Vorschlag, es einmal mit gröberen Faden zu versuchen. Die vorliegenden Trikotagen scheinen zu sehr für reiche Leute bestimmt zu sein, um allgemeine Einführung erwarten zu können. – Immerhin sei die Erfindung eine in hohem Grade anerkennenswerthe.

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Hinweis: Nachfolgend wird auf den (letzten) Besuch Kneipps in Stephansried verwiesen. Dieser Besuch wird auf einer eigenen Themenseite behandelt werden!

19.08.1896
Auf lebhaftes Verlangen der Kurgäste findet nächsten Sonntag [= 23.08.1896] ein Ausflug nach Ottobeuren und Stefansried [Stephansried], dem Geburtsort des Herrn Prälaten, statt.

20.08.1896
Am Ende des heutigen Vortrags entsteht eine lebhafte Debatte betreffs des Ausflugs nach Ottobeuren und Stefansried [Stephansried]. Möge die Theilnahme eine allgemeine sein!

24.08.1896
Bei Beginn des heutigen Vortrages gibt Herr Prälat seiner Freude über den so gelungenen Ausflug nach Ottobeuren und Stefansried [Stephansried] Ausdruck. Es sei Alles ausgezeichnet von Statten gegangen, auch das Frauenvolk habe sich brav gehalten. Dazu habe der Himmel eine Einsicht gehabt und ein herrlicher Tag das Unternehmen begünstigt. Herr Prälat hielt in der schönen Klosterkirche zu Ottobeuren mit gewohnter kräftiger Stimme eine Predigt, hierauf folgte ein Amt, wobei die mächtige Orgel ihre Töne erbrausen liess. Nach Besichtigung der herrlichen Kirche, die ihres Gleichen sucht, sowie des Klosters, ging es nach Stefansried, dem Geburtsorte des Herrn Prälaten, wo man noch einige recht fröhliche Stunden verlebte. Herr Prälat selbst bezeichnet den heurigen Ausflug als sehr gelungen und meint, diese Zerstreuung, die aus dem gewohnten Lebensgeleise herausreisse, könne nur eine gute, gesunde Wirkung haben.
Hierauf geht Redner zum eigentlichen Thema des heutigen Vortrages, der die Abhärtung behandelt, über. (…)

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pdf 570 - 76
Episoden aus dem Leben Vater Kneipps.
* In seinem Vortrage vom 30. März v. Js. [=1896] hat Herr Prälat bei Besprechung des Themas: »Wer soll heiraten und wer nicht?« u. s. w. den schönen, ewig wahren Satz aufgestellt: »Der Beruf eines Menschen kommt von Gott und nur von Gott: wir müssen über unser Thun und Lassen am Ende der Dinge Rechenschaft ablegen und werden diese Prüfung nur dann recht bestehen können, wenn wir unseren wahren Beruf gewählt haben.«
Wohl überwältigt von der Erinnerung an die schweren Kämpfe, welche Vater Kneipp in seiner Jugend selbst zu bestehen hatte, bis er den ihm von Gott bestimmten Beruf ergreifen konnte, erzählte er mit fühlbarer Bewegung einige Episoden aus seinem Jugendleben, und wir wollen nun versuchen, diese Erzählung unseren Lesern zu übermitteln.

„Wer, wie ich, weiss,« rief Redner aus, »wie hart es manchmal ist, den rechten Beruf zu finden, der wird begreifen, warum ich stets so sehr besorgt war um junge Leute, welche mir klagten, dass sie sich in dem gewälten Berufe nicht glücklich fühlen. Keiner von Euch wurde wohl so schwer geprüft, wie ich geprüft wurde!«  
Redner versicherte nun, dass er von seinem 11. bis zu seinem 21. Jahre, also volle 10 Jahre, keine einzige Stunde gehabt, in der ihn sein Berufsleben [als Weber und in der Landwirtschaft] zufriedengestellt hätte. »Du musst Priester werden, du musst Priester werden!« so rief fortwährend eine Stimme in seinem Innern. Tag und Nacht frass der Kummer in seinem Herzen und mit 20 Jahren sah er so gealtert aus, dass ihn viele Leute für den Bruder seines Vaters hielten. – Herr Prälat hatte trotz all der Mühe, die er sich gegeben, keinen Priester gefunden, der ihm geholfen hätte, das so heiss ersehnte Ziel zu erreichen, viele derselben zeigten sich sogar als seine unüberwindbaren Gegner. –  

So eingeschult, weiss ein Mensch, wie unglücklich ein aufgezwungener Beruf macht und darum thue ich auch Alles, um solchen Unglücklichen zu helfen.
Jahre vergingen . . Meine Eltern wollten und konnten mich nicht studiren lassen. Da wandte ich mich, ohne meinem Vater oder meiner Mutter etwas zu sagen, an einen jungen Kaplan [Johann Michael Ziegler, verm. 1835]. Ich bat ihn: »Reden Sie mit meinen Eltern, ich möchte studiren« und liess mit Bitten nicht nach, bis er sagte: »Ich will kommen.« Er kam. Ich zitterte vor dem jungen Herrn vor Hochachtung und banger Erwartung, was er bei meinen Eltern erreichen werde.
Meine Eltern luden ihn nach dem Gottesdienste zum Frühstück ein und die Verhandlung begann. Ich vermag es nicht zu schildern, wie mir dabei zu Muthe war. Mein Vater sagte, ich sei ein fauler Bengel, ich möchte nichts arbeiten, ich meine das Studiren sei besser. Der Herr Kaplan wurde wahrscheinlich auch an mir irre und sagte zu meinem Vater: »Ich habe ihm versprochen, für ihn ein gutes Wort einzulegen, also überlegt es Euch, Talent hat er; wenn Ihr ihm 2000 Gulden geben könnt, so lasst ihn studiren, wenn Ihr aber dazu nicht im Stande seid, durchaus nicht.«

Das war mein Urtheil. Meine Heimat war nur 800 Gulden werth, es waren noch einige Schulden darauf, ich hatte vier Schwestern und für mich sollten meine Eltern 2000 Gulden opfern. Ich wusste nun, woran ich war. Der Herr Kaplan hatte das Todesurtheil über meinen Herzenswunsch gesprochen.
Kalt wandte sich mein Vater an mich: »Fort, geh' hinunter in den Keller an den Webstuhl!« Ich meinte, der Schlag müsse mich treffen, so weh hat mir das gethan. Jahre vergingen, aber ich verlor den Muth nicht. Nach einiger Zeit bat ich meinen Vater, mich nach Kempten gehen zu lassen, vielleicht würde ich in die dortige Anstalt aufgenommen. Mein Vater erwiderte darauf nichts. Ich nahm das für stillschweigende Zustimmung auf. Am andern Morgen um 1 Uhr verliess ich mein Lager. Als ich über die Stiege hinabging, öffnete mein Vater die Thüre seines Schlafzimmers und rief mir zu: »Denke an das vierte Gebot.« Ich ging hinaus und weinte. Ein Weg von neun Stunden lag vor mir und ich hatte drei Kreuzer in der Tasche. Ich kam nach Kempten und ging zum Rektor.

Ich war damals schon hoch aufgeschossen, fast so gross wie jetzt. Ich trug dem Rektor meine Bitte vor. Der rief ein kleines Büble und fragte mich, ob ich mich denn zu einem solchen Knirps auf eine Bank setzen wolle; ich würde ja aussehen wie ein Elephant. Ich liess mit Bitten nicht nach. Endlich sagte der Rektor: »Ich will's probiren. Was sagt Dein Vater dazu?« »Der Vater will's nicht haben.« »Du musst ein Zeugnis mitbringen, das die Einwilligung Deines Vaters enthält, sonst kann ich Dich nicht aufnehmen.«

Spät Abends kam ich nach Hause. Ich hatte an diesem Tage 18 Wegstunden zurückgelegt. Am anderen Morgen berichtete ich meinem Vater das Resultat meiner Bemühungen. Mein Vater antwortete: »Ein Zeugnis will ich Dir schon geben, Du weisst schon, welches!«
So war auch meine Reise nach Kempten vergebens! Nun fasste ich den Entschluss, recht fleissig zu arbeiten, zu sparen und das nöthige Geld zu verdienen. Dann, dachte ich mir, entläufst du und gehst zum Studium.
Ich arbeitete nun Tag für Tag von früh bis spät, ergriff jede Gelegenheit etwas zu verdienen und es gelang mir, nicht nur 70 Gulden zu ersparen, sondern auch ein Bett und einen Koffer zu kaufen, ohne dass irgend Jemand etwas ahnte. Ich sagte zu meinen Eltern, ich wolle keinen Bauernknecht mehr machen, sondern als Handwerksbursche in die Welt gehen. Meine Abreise war auf Mitte Juni festgesetzt.
Am 17. Mai [1841] brach Feuer in meinem Heimatsorte aus, auch das Häuschen meiner Eltern brannte vollständig nieder und meine Kleider, mein Geld, Alles war hin. Ich habe wohl die 70 Gulden, welche ich unter dem Dache verborgen hatte, sofort geholt und das Geld unter die Stiege gelegt, aber im Eifer, die Habe meiner Eltern zu retten, welche nicht zu Hause waren, vergass ich, als das Häuschen bereits einzustürzen drohte, das Geld unter der Stiege hervorzuholen, und Alles war hin. Ich hatte nichts mehr, als die Zwilchhose, welche ich am Leibe trug.
So war auch diese meine letzte Hoffnung zu Wasser oder vielmehr ein Raub der Flammen geworden. Ich habe förmlich aufgeschrieen vor Jammer und Schmerz!

Aber fort bin ich dann doch und habe mein Ziel erreicht. Jetzt bin ich froh, dass Gott mich so geführt hat. Noth lehrt beten und lehrt uns die Menschen kennen. Wenn ich manchmal so hart bin, so denkt nur, ich sage die Wahrheit. Merkt Euch nur das: Eine Stimme im Innern muss uns bei der Wahl eines Berufes rathen und dieser Beruf kommt dann von Gott. Diesen Beruf muss man wählen und man wird ihn mit Geduld und Ausdauer auch bekommen.  

Zum Schlusse erzählt Herr Prälat, dass er mit 34 Jahren zum Priester geweiht worden und bald darauf nach Wörishofen gekommen sei. Der junge Kaplan, welcher ihn bei seinen Eltern im Stiche gelassen, kam nach drei Jahren fort und Herr Prälat hatte ihn während seiner Studienzeit und den ersten Jahren seiner Priesterschaft nicht mehr gesehen. Im Jahre 1860 starb der alte Pfarrer von Wörishofen, und wer kam an dessen Stelle? Gerade der Herr, der dem jungen strebsamen Weberssohne nicht geholfen hatte. –
Der einstige Kaplan [Johann Michael Ziegler*], welcher, als er in Stephansried den Fürsprecher machen sollte und damals so spindeldünn wie Alle war, die aus dem Alumneum herauskommen, hatte jetzt eine ansehnliche Hypothek, suchte seinen Kollegen (Herr Prälat war damals Beichtvater im hiesigen Frauenkloster) auf. Das Wiedersehen war für Beide etwas peinlich. Nach vielem Hin und Her erklärte der neue Pfarrer endlich: »Ja, wenn ich gewusst hätte, dass wir noch einmal zusammenkommen, dann hätte ich Ihnen damals schon geholfen!« – –
Zum Beweise dafür, wie wohlthätig die Wahl des rechten Berufs auf Körper und Geist einwirke, versichert Herr Prälat, dass er mit 32 Jahren bei seiner Primiz jünger ausgesehen habe, wie als früherer Weberbursche in Stephansried.

[*Johann Michael Ziegler; taucht in den Schematismen im Band 1833 erstmals auf, als „Candidat der Theologie im 3. Jahr“. Geboren wurde Ziegler in Lachen am 08.10.1809, Priesterweihe am 23.11.1833, can. Inst. 03.08.1836 / 16.03.1839 / 19.05.1853 / 02.08.1860; war in Ottobeuren 1834 2. Kaplan, 1835 Kaplan; lt. „Schematismus der Geistlichkeit des Bistums Augsburg“ außerdem 1836 Kaplan in Pfaffenhofen (Landkapitel Weißenhorn), von 1837 - 39 Benefiziat in Immenstadt, 1840 - 53 Pfarrer in Diepolz und Knottenried (Landkapitel Stiefenhofen), 1854 - 59 in Wessobrunn (1859 auch 4. Kapitel-Assistent, 1860, 2. Kapitels-Assistent), lt. Schematismus ab 02.08.1860 und lt. Gedenktafel von St. Justina Pfarrer von Wörishofen von 1860 - 1880; Baumgarten benennt den Kaplan in seiner Ottobeurer Zeit in seinem Buch von 1898 auf S. 35 als „Michael“ Ziegler; am 7.4.1881 wurde Kneipp zum Nachfolger Zieglers ernannt. Für seinen Besuch bei den Eltern Kneipps dürfte Zieglers Zeit als „junger Kaplan“ in Ottobeuren zu früh gewesen sein, aber nicht unmöglich: Kneipp wäre 13 bzw. 14 Jahre alt gewesen. Vielleicht hat Ziegler bei einem Besuch seiner alten Heimat auch Stephansried besucht. Der Vorgänger von Ziegler in Wörishofen war der am 05.07.1786 in Holzgünz gebürtige Johann Baptist Schlichting, Priesterweihe 28.08.1816, Pfarrer in Wörishofen ab 12.05.1842; gestorben am 09.01.1860. Am 01.09.1922 hieß es in der Ankündigung einer Jahresmesse für die Familie Schlichting aus Unter-Holzgünz: „Die letzten 2 Söhne dieser Familie waren Pfarrer!“]

Am 31. März [1896] fuhr Herr Prälat mit der Schilderung seiner Jugenderlebnisse fort:
An jenem mir unvergesslichen 17. Mai [1841] habe ich also meine ganze Habe verloren. Ganz Stephansried war, bis auf ein altes Haus, abgebrannt. Ich hatte mich drei Jahre so geplagt, hatte gespart, was ich sparen konnte und hatte jetzt nichts mehr als das, was ich auf dem Leibe trug.
Was fange ich jetzt an?, war dabei mein einziger Gedanke. Ich hatte keinen Frieden, keine Ruhe! Aber ich dachte mir bei allem Jammer: Bist du berufen, so kann's doch noch gehen!
Zuerst musste natürlich das Haus meines Vaters – meine Mutter [Rosina] war, was für mich auch ein grosses Unglück war, vor 1 ½ Jahren gestorben [* 09.03.1783, Benningen, † 23.05.1839, Stephansried] – wieder aufgebaut werden. Nachmittags 3 Uhr war der Brand zu Ende und ich lief sofort drei Stunden weit zu Verwandten und Abends waren mir bereits die Steine und das Holz zum Neubau zugesichert. Das neue Haus wollte ich dem Vater noch bauen helfen, dann aber mich drücken und als Webergeselle in die Welt gehen; so wenigstens sagte ich zu meinem Vater, führte aber ganz Anderes im Schilde.

Ich arbeitete nun aus Leibeskräften und kam den ganzen Sommer, vom Mai bis Oktober, in kein Bett und habe unter dem Dache des alten Hauses, das von den 14 Häusern meiner Heimat noch übrig geblieben war, auf dem Stroh geschlafen. Oft kamen schreckliche Gewitter und ich wurde dann bis auf die Haut durchnässt. Ein Kaufmann von Ottobeuren, dem ich manches Stück Leinwand gewebt, schenkte mir ein altes Dienstbotenbett sammt Bettstatt. Sechs- bis siebenmal schlief ich darin, aber eines Abends, als ich mich zur Ruhe begeben wollte, hat es furchtbar gestunken. Ein Gaisbock hatte seine Bohnen hineingelegt. Nun, dachte ich mir, hast du gar nichts mehr! und legte mich wieder auf das Stroh.  

Das Haus meines Vaters war das erste, das aufgerichtet wurde. Beim Aufrichten des Dachgebälkes stand ich am obersten Giebel, glitschte aus und fiel herab. Im Fallen aber erwischte ich einen hervorstehenden Balken, schlang meinen Arm um denselben und kraxelte wieder hinauf. Ich war eben damals in einer Versicherungsgesellschaft, welche die Devise hatte: Unkraut verdirbt nicht!
Noch vierzehn Tage blieb ich zu Hause, dann hielt ich es nicht mehr aus. Ich sagte zu meinem Vater: »Jetzt gehe ich in die Fremde und will mir einmal die neuen Webstühle ansehen.« (Damals waren gerade die mechanischen Leinenwebereien aufgekommen.) Alles, was ich meinem Vater sagte, war erlogen!
Ich nahm mir vor, als Handwerksbursche von Ort zu Ort zu gehen und überall, wo ein Geistlicher zu treffen war, anzufragen, ob er es mit mir nicht mit dem Studiren probiren wolle. Der Abschied war nicht sehr freundlich. Ich hatte meinen Vater und meine Schwestern bei Seite geschoben, die mich zu Hause noch nothwendig hätten brauchen können.

So kam ich nach Mindelheim. Jeder Handwerksbursche musste damals sein Büchel von Gericht zu Gericht visiren lassen. Ich begab mich zu diesem Zwecke in das dortige Landgericht. Der Beamte betrachtete mich vom Kopf bis zum Fusse und schrie mich barsch an: »Haut rein?« Verblüfft blickte ich den Beamten an. Ich hatte verstanden: »Hau d'rein !« – »Hat er gehört, Haut rein?« Ich rührte mich nicht, denn auf den Beamten einzuschlagen, schien mir doch bedenklich. – »Strecke er einmal seine Bratzen vor!« – Ich gehorchte. Der Mann untersuchte mich – er meinte, ich habe die Krätze, und dann schrieb er in das Buch: Haut rein! geht nach Türkheim. Nun begriff ich Alles.

In Türkheim zeigte ich dem Beamten sofort meine Hände und wurde mit dem gleichen Visa nach Schwabmünchen entlassen. In Türkheim selbst aber suchte ich vor meiner Abreise den Pfarrhof auf und fragte nach dem Kaplan. Ein Kaplan war nicht da. Dann fragte ich nach dem Pfarrer. »Was wollen Sie von ihm?« fragte die Köchin, welche mir geöffnet hatte. – »Ich möchte gern studiren und den Herrn Pfarrer bitten, mir Stunden zu geben.« – »Ach was,« schrie die Köchin, »der Herr Pfarrer gibt sich mit so was nicht ab,« und schlug mir die Thür vor der Nase zu. – Als ich beim Kapuzinerkloster vorbeiging, arbeitete gerade ein Bruder auf dem Dache. Auch diesen sprach ich an, erhielt aber denselben Bescheid.
So bin ich nach Schwabmünchen gewandert und von da nach Augsburg. An allen Orten, wo ich anfragte, war meine Bitte umsonst. In Augsburg kannte ich zwei Herren, von diesen erwartete ich sicher Unterstützung. Aber sie entliessen mich, nachdem ich ihnen mein Anliegen vorgetragen hatte, mit den Worten: »Gehen Sie nach Ottobeuren, dort sind ja Benediktiner!« Gerade von Ottobeuren war ich hergekommen!
Von Augsburg begab ich mich nach München. Dort feierte man gerade das Oktoberfest. Ich ging natürlich auch hinaus auf die Theresienwiese, hatte aber bei all' dem Trubel lieber weinen mögen. Abends, als Alles vorüber war, setzte ich mich auf den Boden und weinte bitterlich. Was sollte ich jetzt anfangen? Ueberall war ich abgewiesen worden und ich hatte kein Geld mehr. Betteln wollte ich um keinen Preis, und ich habe auch nie in meinem Leben gebettelt. Ich begab mich zur Herberge. Dort erbarmte man sich meiner. Man führte mich in den Stall, hiess mich dort über eine Leiter auf den Heuboden steigen, und dort konnte ich ruhen.

Von München begab ich mich nach Kaufbeuren. Dort nahm ich Arbeit, aber nur zum Schein. Es wurde mir sehr schwer, nachdem ich so brutal fortgegangen, nach wenigen Tagen wieder heimzugehen.
Von Kaufbeuren begab ich mich nach Ottobeuren. Dort war gerade Jahrmarkt und ich traf mit meinem Vater und dessen Bruder zusammen. Welche Beschämung für mich. Wir gingen in ein Wirthshaus. Dort sass ich stumm und in mich gekehrt neben den Beiden. Da hörte ich Vatersbruder zum Vater sagen: »Du, der hat sich seine Courage verbrannt, er wird jetzt pariren.« Der Vater aber erwiderte: »Du irrst Dich, der hat einen zu starren Kopf, für den war die Zeit zum Courage verbrennen viel zu kurz

Heim ging's wieder! Ich folgte wie der verlorne Sohn! Ich erklärte meinem Vater, dass ich nur meine Werktagkleider holen wolle, um in Kaufbeuren in Arbeit zu treten.
Der Vater aber sagte: »Bleib nur da! Wir haben Arbeit genug: das Haus ist noch nicht fertig.« – Ich blieb, konnte aber keine Ruhe finden; ich konnte nicht schlafen, immer quälte mich der Gedanke: Wie stellst du's an, um zum Studiren zu kommen?

Eines Morgens fiel mir ein, dass in Grönenbach ein Kaplan sei, bei dem ich noch nicht gewesen. Diesen beschloss ich aufzusuchen. Es war gerade Sonntag. Nach der Kirche machte ich mich auf den Weg. Ich musste mehr als vier Stunden laufen. Der Herr Kaplan war zu Hause. »Was wollen Sie?« – »Ich möcht' gern studiren, hab' keine Rast und keine Ruh!« – »Haben Sie denn nichts gelernt?« – »Ich kann die Weberei und die Bauernarbeit.« – »Wo sind's her?« – »Aus Stephansried.« – Ah, hab' schon von Ihnen gehört!« – Dann ging der junge Mann längere Zeit im Zimmer auf und ab, blieb dann vor mir stehen und sagte: »Nun, ich will's probiren und Ihnen Stunden geben. Wird sich bald herausstellen, ob Sie zum Studiren passen!«
Nun hatte ich mein Ziel erreicht! Mir war so wohl, als wäre ich im Himmel. Jubelnd eilte ich heim. Ich hatte am Morgen nichts gegessen, den ganzen Tag nichts gegessen und konnte Abends vor Freude nichts essen! – –  

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pdf 559
[Letzter öffentlicher Vortrag Kneipps]   
Das menschliche Auge.
1. April.
(…)
In humorvoller Weise geisselt Redner die neueste Modethorheit, welche die Weiber veranlasst, einen ganzen Wald von Blumen auf ihre Hüte zu stecken, so dass es aussieht, als wachse Heu und Stroh aus dem Kopfe und dass sie unter dieses Strohzeug den Körper eines verendeten Vogels oder den abgebrochenen Flügel eines solchen stecken und dann meinen, wie wunderbar schön das sei. - »Mir wenigstens«, ruft Redner aus, »gefällt das nicht – – aber jedem Lappen gefällt seine Kappen!« Nach dieser Abschweifung kehrt Herr Prälat wieder zur Pflege des Auges zurück und bemerkt, dass man mit dem Augenbade auch den Gebrauch eines Augenwassers verbinden kann. Ein solches Augenwasser kann man sich leicht selbst herstellen. (…)  

pdf  530f.
Die Trunksucht.
22. März. [1897]
Hochw. Herr Prälat, welcher heute nach dreitägiger Pause, lebhaft begrüsst, wieder die Rednertribüne betritt, bringt einen schönen Mistelzweig mit und erklärt zunächst in aller Kürze das Wesen und die hygienische Bedeutung dieser Pflanze. (…) 

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Krankheitserscheinungen im Frühjahr.
11. März. [1897]
Stürmisch begrüsst betrat Hochw. Herr Prälat heute nach achttägiger Pause wieder die Rednertribüne. In der gegenwartigen Jahreszeit treten in Folge des häufigen Temperaturwechsels bei den Menschen allerlei Krankheitserscheinungen auf. Katarrhalische Zustände, Kopfschmerzen, Rheumatismus, Diarrhöe u. s. w.  Alle diese Zwischenfälle sind keineswegs gefährlicher Natur, wenn man denselben in richtiger Weise entgegentritt. Die Mittel hiezu sind äusserst einfach. Es genügen in den meisten Fällen öftere Oberkörperwaschungen, welche so lange fortgesetzt werden sollen, bis eine gehörige Transpiration des Körpers eintritt. Nebenbei kann man auch die Füsse bis zu den Knieen herauf waschen oder einen Knieguss nehmen. Kraftigere Naturen können auch den Schenkelguss anwenden, doch müssen sie dafür sorgen, dass ihr Körper vorher die nöthige Naturwärme hat und nachher durch Bewegung oder in dem bereits warmen Bette die nöthige Transpiration und Wärme möglichst rasch wieder eintritt. Behandelt man obenbezeichnete Krankheitserscheinungen, welche meist mit grosser Abgeschlagenheit des Körpers, grosser Müdigkeit und Unlust zur Arbeit beginnen, auf diese Weise, so hat es damit, wie gesagt, gar keine Gefahr, und in einigen Tagen ist die ganze Geschichte vorüber.

Auch Herr Prälat hat sich in den letzten Tagen eine Verkältung zugezogen. Er wurde letzte Woche zur Leiche eines Herrn Pfarrers [Pater Godefrid Behr, Pfarrvikar, † 03.03.1897] nach Ottobeuren gebeten und fuhr bei heftigem Winde im Wagen eines Lohnkutschers von Sonthofen [Sontheim], nachdem er dort die Bahn verlassen hatte, nach Ottobeuren. Während dieser Fahrt wurden ihm die Füsse kalt. Sein Nachtlager wurde ihm sodann in einem grossen Saale angewiesen, der den ganzen Winter hindurch nicht geheizt worden war; sein Bett war von jener modernen Art, welche den Körper nicht warm werden lässt, und so fror er die ganze Nacht. Am anderen Morgen [06.03.1897] nahm Herr Prälat an den Leichenfeierlichkeiten Theil, welche erst gegen Mittag zu Ende gingen, blieb also bis dahin nüchtern, konnte sich auch in der Mittagspause nicht gehörig erwärmen und musste dann wieder in der luftigen Kutsche bei scharfem Winde nach Sonthofen [Sontheim] zurückfahren.

Auf diese Weise zog sich Redner eine Erkältung zu, deren Folgen sich jedoch erst im Laufe des letzten Sonntags fühlbar machten. Durch die obenbezeichneten Anwendungen werden dieselben jedoch bald wieder vollstündig beseitigt sein, heute schon [11.03.1897*] fühle er sich bedeutend besser. Herr Prälat schildert nun die Liebe der Pfarrkinder, welche sich in Ottobeuren bei diesem Leichenbegräbnisse in wahrhaft erhebender Weise offenbarte. Wenn Männer weinen, so ist das gewiss ein Zeichen, dass Derjenige, um welchen sie diese Thränen vergiessen, ihre Liebe und ihr Vertrauen im vollsten Masse besass. – Der verstorbene Pfarrherr habe auch in der That ein heiligmässiges ges Leben geführt und sei ein ächter Priester gewesen. Er stammte von einem Vater ab, der in der ganzen Gegend wegen seiner Frömmigkeit bekannt war und ebenfalls heiligmässig lebte. Seine vier Söhne haben sich alle dem Priesterstande geweiht. Den Aeltesten derselben hatte nun ein Schlaganfall aus dem Leben gerufen.
Die Söhne haben ihre Frömmigkeit jedenfalls von ihrem Vater geerbt. Diese Thatsache veranlasst den Redner, an alle Eltern die Bitte zu stellen, doch um ihrer Kinder willen ein recht gottgefälliges Leben zu führen. Sie möchten nie vergessen, dass die Kinder alle Tugenden und Laster der Eltern erben und dass sie sich selbst eine Geissel flechten, wenn sie diese Thatsache nicht beachten.

Angesichts der heut zu Tage immer mehr zunehmenden Gleichgiltigkeit in Glaubenssachen entwirft Redner ein düsteres Zukunftsbild und fürchtet für die künftigen Generationen das Schlimmste.
Zum Schlusse kommt Herr Prälat auf die jüngsten Todesfälle zu sprechen und beklagt es, dass so viele Kranke hieher gesandt werden, deren Leben überhaupt nur mehr an einem Faden hängt, so dass es oft ein Wunder ist, wenn sie die Beschwerden der Reise überstehen.
Gerade die gegenwärtige Jahreszeit sei hiezu am ungeeignetsten, weil in derselben, wenn irgend ein Organ im Körper so zu Grunde gerichtet ist, wie z. B. bei dem kürzlich dahier verstorbenen Priester, sehr häufig Schlaganfälle eintreten. Der Volksmund sage: Was der Hornung [= Februar] nicht will, holt der März oder der April«, und einen bereits dem Tode verfallenen Organismus kann auch die Wasserkur nicht mehr retten. (…)

*Das Ottobeurer Wochenblatt veröffentlichte eine Todesanzeige und kurzen Artikel (04.03.1897, S. 1, Artikel auf S. 3, s.u.) und eine Danksagung des Konvents (11.03.1897, S. 2), etliche Gedichte („Fried über‘m Grabe“ / „Zum Gedächtniß“ / „Bescheidenes Trauerkränzlein“, 11.03.) auf den Verstorbenen; am 11.03.1897 erschien auf S. 8 ein etwas längerer Artikel, der auch Kneipp erwähnt.

Ottobeurer Wochenblatt, 04.03.1897, S. 3
Ottobeuren, 4. März [1897]. Heute früh verkündete der Schall der „Hosanna“ der Pfarrgemeinde Ottobeuren das plötzliche Ableben ihres allgeliebten Hochwürdigen Herrn Pfarrers Pater Godefrid Behr, O.S.B., welcher gestern Nachmittag bei dem vorhablichen Besuche des Distrikts-Krankenhauses vor dem Portale desselben, infolge eines Gehirnschlages, tot zusammen sank. Der vom Tode so schnell Ueberraschte stand im 45. Lebensjahr und ist die Trauer um den thätigen und pflichtgetreuen Pfarrherrn eine allgemeine. R.I.P.

Ottobeurer Wochenblatt, 11.03.1897, S. 8
Ottobeuren, 6. März [1897]. Eine erschütternde Nachricht hatte unsere Pfarrei in die tiefste Betrübniß geschickt, nemlich [nämlich] das plötzliche Ableben des Hochw. Herrn Pfarrers P. Godefrid. Wie beliebt er gewesen, konnte man ersehen, daß mit Jammern und Weinen diese Trauerkunde überall aufgenommen wurde; es schien unglaublich, weil der Verlust zu plötzlich, zu unvermuthet getroffen hatte. In den Tagen, da der Leichnam in der Benediktus-Kapelle aufgebahrt lag, kamen alle Pfarrkinder, sehr Viele aus der Nachbarschaft, um die bekannten Gesichtszüge unvergeßlich dem Gedächtniß einzuprägen und zu beten, besonders am ersten Fastenfreitag, an welchem gerade über den Tod gepredigt wurde.
Heute war die Leichenfeier. Die Kranzspende war überreich und die Betheiligung ungemein zahlreich. Herr Regierungsrath von Schelhorn an der Spitze, die Ttl. Herrn Beamten, sehr viele Herrn Pfarrer des Kapitels „Ottobeuren“, an ihrer Spitze die H. H. Dekan und Kammerer, Herr Prälat Kneipp, welcher das Requiem gesungen hat, eine Vertretung von St. Stephan, etc. etc..
Die innigste Theilnahme wurde dem Kloster, der greisen Mutter des Verstorbenen, seinen Brüdern und Schwestern entgegengebracht. Fast 20 Jahre hatte Herr Pater Godefrid, darunter 7 ½ Jahre als Pfarrer dahier gewirkt und jedes Haus hat ihm Wohlthaten zu danken. Darum unvergeßlichen Dank im Gebet und Andenken, unversiegbare Liebe hat er geerntet. R.I.P.     

Ottobeurer Wochenblatt, 26.03.1897, S. 1
Anzeige. Der Dreißigste für Hochw. Herrn P. Godefrid Behr O.S.B. wird am Donnerstag 1. April um 9 Uhr abgehalten.

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Es sollte der letzte Besuch Kneipps in Ottobeuren sein. In der Sakristei ist ein – ziemlich unscharfes – Foto entstanden.

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Ottobeurer Wochenblatt, 15.04.1897, S. 7
(Pfarrer Kneipp). Im Befinden des Herrn Prälaten Kneipp ist eine Besserung eingetreten; derselbe hofft, in einigen Tagen außer Bett verweilen zu können; die größte Schonung ist aber auch noch jetzt geboten. Stellvertreter in den Sprechstunden ist Herr Prior Bonifaz Reile.

Ottobeurer Wochenblatt, 20.05.1897, S. 3
Wörishofen, 16. Mai. Der Kurverein „Wörishofen“ teilt über das Befinden des greisen Herrn Prälaten Kneipp mit: Die bis zum 10. ds. Mts. bestandene entschiedene und nach des Patienten eigenem Ausspruche zu den schönsten Hoffnungen berechtigende Besserung hat in verflossener Woche nicht angehalten, vielmehr trat eine Wendung zum Schlimmeren ein, das das Aeußerste befürchten ließ. Heute, am Vorabende seines 77. Geburtstagsfestes, war der Zustand wiederum verhälnismäßig wieder recht günstig, so daß Herr Prälat eine Abordnung von Kurgästen und Einwohnern, an deren Spitze der hier zur Kur weilende Fürst Lubesky, zur Beglückwünschung und Ueberreichung eines Bildes, welches den aus den Spenden der Kurgäste zu errichtenden Kneipp-Brunnen darstellt, mit gutem Humor empfangen konnte. – Angesichts der häufigen Wechsel im Befinden des großen Menschenfreundes, die zu den widersprechendsten Gerüchten führen müssen, sehen wir es als unsere Pflicht an, die vielen über den ganzen Erdkreis zerstreuten und in allen Gesellschaftsklassen zu suchenden Anhänger des Patienten über den wahren Sachverhalt zu unterrichten und denselben den Ernst der Lage nicht zu verschweigen. Wir schulden es dem Begründer unseres Kurortes, wennn wir zugleich bei dieser Gelegenheit gewissen Zeitungsgerüchten entgegentreten, welche zu verbreiten suchen, daß seit der Erkrankung des Herrn Prälaten, namentlich seit der Wendung zum Schlimmern, ein großer Teil der Kurgäste von hier abgereist sei. Der Wahrheit gemäß ist festzustellen, daß sich eine Stockung im hiesigen Badeleben bisher nicht bemerkbar gemacht, daß vielmehr der Zuzug von Kurfreunden aller Nationen in der letzten Zeit – trotzdem Herr Prälat in verschiedenen Blättern schon totgesagt wurde – ein sehr lebhafter war und die verschiedenen Hotels und Villen der Jahreszeit nach gut besetzt sind.Daß für eine würdige Vertretung des Herrn Prälaten Kneipp schon längst mit Erfolg gesorgt war, u. A. die warmen Sympathien, die seine langjährigen Mitarbeiter, die erprobten Bade- und Assistenzärzte Kneipp‘s, die Herren Dr. med. Baumgarten und Hofarzt Dr. Mahr, seitens des Kurpublikums genießen, ebenso wie Herr Prior Reile, der langjährige, talentvolle Schüler und Sekretär des Prälaten, der schon seit Jahren selbstständig neben dem Letzteren zu dessen Entlastung Sprechstunden abhielt, die sich von Anfang an des lebhaftesten Zuspruchs zu erfreuen hatten. Diese Mitteilung , daß die Kneipp‘sche Methode hierselbst wie bisher von berufenen Vertretern in unverfälschter Weise fortgeführt wird, mag vielen Anhängern zur Beruhigung dienen.

Ottobeurer Wochenblatt, 28.05.1897, S. 3
Wörishofen, 24. Mai. Entgegen allen menschlichen Berechnungen geht es dem greisen Prälaten andauernd besser, und man beginnt bereits wieder zu hoffen. Infolge der durch die Zeitungen verbreiteten falschen Todesnachricht sind hier bereits Beileids-Depeschen und Schreiben, sowie mehrere Trauerkränze eingegangen. Nach dem bekannten Sprichworte, wonach allen Todtgesagten ein langes Leben beschieden ist, wird hoffentlich auch der große Priesterarzt sich noch eines langen Lebensabends erfreuen. Tag und Nacht steigen in dieser Meinung zahlreiche Gebete zum Himmel empor. – Auf dem hiesigen Friedhof werden zur Zeit die 14 Leidensstationen Christi in meisterhafter Skulptur längs der Mauer angebracht.

Ottobeurer Wochenblatt, 03.06.1897, S. 3
Wörishofen, 1. Juni. (Bulletins über das Befinden des Herrn Prälaten Kneipp.) Dienstag, den 1. Juni, Früh 6 Uhr: Das Befinden des Patienten war gestern Nachmittags derart günstig, daß er sich am Fenster den Kurgästen zeigen konnte. Tausenstimmiger Jubel erscholl, und Prälat Kneipp ertheilte darauf den Anwesenden zum erstenmal wieder den priesterlichen Segen. Die nachfolgende Aufregung des Gemütes dauerte nicht gar zu lange und die Nacht war nicht schlechter als gewöhnlich. Puls 88, Respiration 22, Temperatur 36,6. Nachmittags 2 Uhr: Befinden im Ganzen befriedigend, Schwächezustand wenig verändert, Puls 96, Respiration 22, Temperatur 37,1. – (Aus dem Vortrag vom 31. Mai.) Es hat sich das Gerücht verbreitet, daß man heute den Prälaten sehen würde, dieses Gerücht ist vollstandig – richtig. (Bravo!) Also, wie es ihm geht, wissen Sie; das haben Sie aus den Bulletins ersehen können. Es geht ihm ja andauernd besser. Diese Besserung bezieht sich allerdings nicht gerade auf das Grundleiden, aber doch auf seinen körperlichen Schwächezustand; das ist jedenfalls außerordentlich wichtig. Wenn einmal das eine da ist, wird vielleicht auch das andere noch kommen. Das werden wir abzuwarten haben. – Ich bemerke noch wie shcon öfters: Wer hübsch bis zum Ende hier bleibt und dann mit mir geht, wird Herrn Prälaten sehen. (Bravo!)    Dr. Baumgarten.

(Auf S. 7 Geburtsanzeige für den 16.05.1897: Josef Anton, Sohn des Wachsziehers Jos. Hasel v. h.)
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Der Ausflug Kneipps mit Kurgästen nach Stephansried am 23.08.1896 wird auf einer eigenen Themenseite behandelt werden. Hier dennoch die Ankündigungen und das kurze Resume aus der Band mit den öffentlichen Vorträgen:

19.08.1896
Auf lebhaftes Verlangen der Kurgäste findet nächsten Sonntag [= 23.08.1896] ein Ausflug nach Ottobeuren und Stefansried [Stephansried], dem Geburtsort des Herrn Prälaten, statt.

20.08.1896
Am Ende des heutigen Vortrags entsteht eine lebhafte Debatte betreffs des Ausflugs nach Ottobeuren und Stefansried [Stephansried]. Möge die Theilnahme eine allgemeine sein!

24.08.1896
Bei Beginn des heutigen Vortrages gibt Herr Prälat seiner Freude über den so gelungenen Ausflug nach Ottobeuren und Stefansried [Stephansried] Ausdruck. Es sei Alles ausgezeichnet von Statten gegangen, auch das Frauenvolk habe sich brav gehalten. Dazu habe der Himmel eine Einsicht gehabt und ein herrlicher Tag das Unternehmen begünstigt. Herr Prälat hielt in der schönen Klosterkirche zu Ottobeuren mit gewohnter kräftiger Stimme eine Predigt, hierauf folgte ein Amt, wobei die mächtige Orgel ihre Töne erbrausen liess. Nach Besichtigung der herrlichen Kirche, die ihres Gleichen sucht, sowie des Klosters, ging es nach Stefansried, dem Geburtsorte des Herrn Prälaten, wo man noch einige recht fröhliche Stunden verlebte. Herr Prälat selbst bezeichnet den heurigen Ausflug als sehr gelungen und meint, diese Zerstreuung, die aus dem gewohnten Lebensgeleise herausreisse, könne nur eine gute, gesunde Wirkung haben.
Hierauf geht Redner zum eigentlichen Thema des heutigen Vortrages, der die Abhärtung behandelt, über. (…)
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Krankheitserscheinungen im Frühjahr.
11. März. [1897]
Stürmisch begrüsst betrat Hochw. Herr Prälat heute nach achttägiger Pause wieder die Rednertribüne. In der gegenwärtigen Jahreszeit treten in Folge des häufigen Temperaturwechsels bei den Menschen allerlei Krankheitserscheinungen auf. Katarrhalische Zustände, Kopfschmerzen, Rheumatismus, Diarrhöe u. s. w.  Alle diese Zwischenfälle sind keineswegs gefährlicher Natur, wenn man denselben in richtiger Weise entgegentritt. Die Mittel hiezu sind äusserst einfach. (…)

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Die Trunksucht.
22. März. [1897]
Hochw. Herr Prälat, welcher heute nach dreitägiger Pause, lebhaft begrüsst, wieder die Rednertribüne betritt, bringt einen schönen Mistelzweig mit und erklärt zunächst in aller Kürze das Wesen und die hygienische Bedeutung dieser Pflanze. (…)

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[Letzter öffentlicher Vortrag Kneipps]   
Das menschliche Auge.
1. April.
(…)
In humorvoller Weise geisselt Redner die neueste Modethorheit, welche die Weiber veranlasst, einen ganzen Wald von Blumen auf ihre Hüte zu stecken, so dass es aussieht, als wachse Heu und Stroh aus dem Kopfe und dass sie unter dieses Strohzeug den Körper eines verendeten Vogels oder den abgebrochenen Flügel eines solchen stecken und dann meinen, wie wunderbar schön das sei. - »Mir wenigstens«, ruft Redner aus, »gefällt das nicht – – aber jedem Lappen gefällt seine Kappen!« Nach dieser Abschweifung kehrt Herr Prälat wieder zur Pflege des Auges zurück und bemerkt, dass man mit dem Augenbade auch den Gebrauch eines Augenwassers verbinden kann. Ein solches Augenwasser kann man sich leicht selbst herstellen. (…)  

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In den Monaten vor Kneipps Tod sprangen Dr. Alfred Baumgarten und Prior Reile ein - beide in Konkurrenz um die Nachfolge Kneipps. Baumgarten hatte in der Zeit der Krankheit allein Zugang zum Wasserdoktor und verbreitete Bulletins zum Verlauf der Krankheit.

pdf 577
Befinden des Herrn Prälaten. Verfügungen desselben über die Sprechstunden.
12. April [1897].
Im Laufe des heutigen Nachmittags gab Hochw. Herr Kaplan Gerlein in seiner Eigenschaft als Präses des hiesigen katholischen Bürger- und Arbeitervereins durch Anschlag am Kursalon Haggenmiller bekannt, dass Herr Dr. med. Baumgarten Abends zur gewohnten Stunde einen Vortrag halten werde.
Diese erfreuliche Thatsache wurde rasch unter den Kurgästen bekannt und der Versammlungssaal war in Folge dessen bereits um 4 ¼ Uhr vollständig gefüllt. – Pünktlich wie immer erschien Herr Dr. Baumgarten Schlag ½ 5 Uhr in Begleitung des Hochw. Herrn Direktor Dr. Schmitt und betrat die Rednertribüne.

Sie werden, begann Redner, vor Allem wissen wollen, wie es mit Herrn Prälaten stehe. (Beifall.) Die Sache sei so gefährlich nicht. An dem Tage, an welchem die Vorträge eingestellt wurden, wurde Hochw. Herr Prälat im Kneippianum, allwo er sich zum Besuche befand, von einer ohnmachtähnlichen Schwäche befallen, von welcher er sich nur langsam erholte. – Später in das Kloster der ehrwürdigen Dominikanerinnen gebracht, wiederholte sich der Anfall bei dem alten Herrn und es stellte sich bei näherer Untersuchung heraus, dass eine hochgradige Influenza im Anzuge sei, welche sich Herr Prälat offenbar in Ottobeuren geholt hatte, als er an einem kalten, regnerischen Tage dem Rufe zur Beerdigung eines Konfraters folgte und alldort mehrere Stunden einer heftigen Zugluft ausgesetzt war. – Von einer Lungenentzündung oder einer Erkrankung anderer edler Körpertheile sei keine Rede. Die Schwächeanfälle wiederholten sich jedoch öfter und es ist sicher, dass der Kranke der grössten Schonung bedarf. Heute jedoch geht es besser.
Noch am 11. ds. Abends war Hochw. Herr Prälat sehr schwach, heute fühlt er sich bedeutend wohler und gibt sich sich viel munterer. Gefahr sei, nach menschlichem Ermessen, bis jetzt nicht vorhanden. Vater Kneipp sei jedoch auch auf seinem Krankenlager unermüdlich dafür besorgt, dass im hiesigen Kurleben und besonders in den Sprechstunden keine Störung eintrete. Er habe deshalb zu diesem Zwecke eine Verfügung erlassen, welche Herr Direktor Dr. Schmitt nun öffentlich bekannt geben werde.

Der Genannte betritt hierauf die Rednertribüne und verliest eine längere Erklärung des Herrn Prälaten, in welcher derselbe anordnet, dass – solange er selbst daran verhindert sei – die beiden hiesigen Herren Badeärzte, Dr. med. Baumgarten und Dr. med. Mahr und zwar ersterer Vormittags, letzterer Nachmittags, die Sprechstunden im Kneippianum zu halten haben und alle hier weilenden Kurgäste bittet, diesen Herren, welche ganz in seinem Geiste und Sinne handeln werden, ihr volles Vertrauen zu schenken.
(Diese Erklärung überraschte allgemein und wurde mit sehr getheilten Empfindungen aufgenommen. Man hatte allgemein erwartet, dass die Uebernahme der Sprechstunden durch Herrn Prior Reile von dieser Stelle aus zur öffentlichen Kenntniss gebracht werden würde. Es wurden Aeusserungen laut, wie: »Wir sind ja nicht hiehergekommen, um den Rath eines Arztes einzuholen, wir sind gekommen, um den Rath des Herrn Prälaten oder des Herrn Prior Reile zu erbitten, welchen Vater Kneipp immer als seinen liebsten Schüler und eventuellen Nachfolger bezeichnet hat. Aerztlichen Rath können wir uns auch zu Hause erholen.« – Auch wir waren von dieser neuesten Verfügung des Herrn Prälaten höchlichst überrascht, da uns doch letzten Freitag offiziell und auf Wunsch des Herrn Prälaten die Mittheilung zur Veröffentlichung übergeben wurde, dass Herr Prälat Herrn Prior Reile seine Vertretung in den Sprechstunden übertragen habe, eine Mittheilung, welche allgemein erfreute und befriedigte. Die Schriftleitung.)

Nach Verlesung der obigen Verfügung des Herrn Prälaten durch Herrn Direktor Schmitt betrat Herr Dr. med. Baumgarten nochmals die Rednertribüne, um die Versicherung zu geben, dass er keine Mühe, kein Opfer scheuen wolle, um Herrn Prälaten würdig zu vertreten; dass er bis zur vollständigen Wiederherstellung unseres Vater Kneipp wöchentlich drei Vorträge halten werde, um seine Zuhörer mehr und mehr in die edle Kneippmethode einzuführen. Sein eifrigstes Bestreben werde sein, das Heilverfahren auf hiesigem Platze Herrn Prälaten – gerade so, wie er es jetzt übernehme – nach dessen vollständiger Genesung wieder zurückzugeben.

pdf 581
Das Befinden des Herrn Prälaten. - Zur Geschichte der Wasserkur.
14. April [1897].
Eingangs seines heutigen Vortrags gab Herr Dr. med. Baumgarten über das Befinden des Herrn Prälaten folgendes bekannt: Herr Prälat befindet sich seit letzten Montag bedeutend besser. Er hat meist gut geschlafen, hat bereits Appetit, seine Kräfte nehmen zu und es ist zu hoffen, dass seine rbuste Natur die auf die Verkältungen in Ottobeuren zurückzuführenden Störungen im Organismus vollständig überwinden und der edle Menschenfreund, wenn nicht etwa neue Schwächezustände eintreten, in absehbarer Zeit seiner gesegneten Heilarbeit wieder zurückgegeben sein wird. (Lebhafte Beifalls- und Freudebezeugungen.)

pdf 584
Baumgarten:
Im Jahre 1760 - 1770 trat ein Deutscher, Namens Johann Sigmund Hahn, für die Kaltwasserkur ein und schrieb ein Büchlein mit dem Titel: »Unterricht über die Kraft und Wirkung des kalten Wassers.« Dieses Büchlein wirkte epochemachend, Sigmund Hahn wurde bald nur mehr »Wasserhahn« genannt. Dieses Büchlein, welches Herrn Prälaten Kneipp vor mehr als 40 Jahren in der kgl. Hof- und Staatsbibliothek zu München unter die Hände kam, gab den Anlass zur Kneippkur. Aus diesem Büchlein hat Vater Kneipp die Lehren gezogen, auf welche er sein System aufbaute.

pdf 724 („Die Zukunft Wörishofens“), 725:
Herr Dr. Baumgarten legte am Schlusse seiner Rede folgendes Gelöbnis ab:
»Ich habe bisher Alles gethan, dass Alles geschah, wie er es will, sein Wille war für mich Befehl! Ich gelobe in diesem ernsten Augenblicke, dass ich auch ferner Alles thun werde, damit geschehe, was er gewollt, dass es geschehe, so wie er es gewollt hat und ich werde das mit aller mir zu Gebote stehenden Energie erreichen und durchsetzen, so wahr mir Gott helfe!«

Die Einfachheit. Erster Vortrag des Herrn Prior Frater Bonifaz Reile.
29. Juni.
Der 29. Juni [1897] war für Wörishofen ein doppelter Festtag. Ein kirchlicher Festtag, aber auch ein speziell lokaler Festtag für die gesammte Einwohnerschaft und alle hier weilenden Kurgäste, denn Herr Fr. Prior Bonifaz Reile gab endlich den Bitten der Kurgäste nach und betrat zum ersten Mal die Stätte, von welcher herab der hochselige Herr Prälat Sebastian Kneipp viele Jahre hindurch seine Methode begründet hat und den reichen Schatz seiner Erfahrungen in schlichte Regeln der Lebensweisheit zusammenzufassen pflegte; die ihm zu Ehren prachtvoll geschmückte Tribüne der grossen Wandelbahn, welche nebenbei gesagt, Eigenthum des Central-Kneippvereins Wörishofen ist. Es mochten sich wohl über 2000 Personen, Einheimische und Kurgäste, in- und ausserhalb der Wandelbahn versammelt haben. Tausendstimmiger Jubel, nicht enden wollende Hochrufe, Tücherschwenkeh und andere Zeichen aufrichtiger Freude begrüssten den allgemein beliebten Ordensmann, auf den ganz Wörishofen die Hoffnungen seiner Zukunft setzt, in welchem Alle, Einheimische und Fremde, den wahren und wirklichen Nachfolger des Herrn Prälaten erblicken. Nachdem sich der Jubel und Freudensturm gelegt, trat das Töchterchen des Herrn Theaterdirektors Manhart vor die Tribüne, um dem Gefeierten ein herrliches Blumenbouquet zu überreichen und folgende hübsche Begrüssungsverse zu sprechen:

Ein paar Wörtchen möcht ich, edler Mann, Dir sagen:
Unermüdlich wie bis heute wandere fort –  
Und will die Kraft auch manchmal Dir versagen
Vorwärts! Vorwärts! ist das rechte Wort.
Vorwärts denn, wenn auch durch Feindeszinnen,
Vorwärts denn, wenn auch mit vieler Pein,
Wer das Grosse, Edle will gewinnen
Muss, wie Dein Vorbild war, ein rechter Kämpfer sein.
Und wenn Dich einst nach vielen, vielen Jahren
Der Armen, Kranken Herz als ihren Retter preist,
So mög' es alle Welt mit Dank gewahren:
In Dir lebt wahrhaft fort Kneipp's edler, grosser Geist.

Neuer Jubel, neue Begeisterung! Athemlose Stille. Sr. Ehrwürden Fr. Prior Bonifaz Reile ergriff das Wort, um mit seinem Vortrage zu beginnen, welcher etwa folgendermassen lautete:
»Geehrte Versammlung! Ich kam nicht aus eigenem Antrieb hieher, ich kam hieher, um ihren Wunsch zu erfüllen. Nehmen Sie mich also so, wie ich bin. Ich werde nicht wissenschaftlich zu Ihnen sprechen, volltönende Phrasen und die Blumensprache habe ich nicht gelernt. Nehmen Sie also vorlieb mit meiner Sprechweise, ich wollte mich nicht vordrängen, ich kam – ich wiederhole das – nur hieher, um Ihren Wunsch zu erfüllen. Ich sehe eine grosse Versammlung vor mir, die Meisten wird wohl die Neugier hiehergeführt haben, um zu sehen, was heute geschehe. Ich bitte also um Geduld und Nachsicht, denn ich habe noch das Lampenfieber. (…)
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Den in Buchform zusammengefassten Vorträgen schließen sich Vorträge und Anleitungen zu Güssen, Wickeln, Bädern und Waschungen an:

25. Juni 1897 (pdf 734)
Handliche Anleitung zur richtigen Ausführung sämtlicher Anwendungen der Kneipp‘schen Wasserkur, bearbeitet nach den neuesten Vorschriften Seiner Hochwürden des Herrn Prälaten Sebastian Kneipp und auf Grund mehrjähriger, in eigener Kneipp‘scher Wasserheilanstalt in Wörishofen gemachte Erfahrungen von Simpert Kreuzer, Bad Kreuzer, Wörishofen, H. Hartmann, Januar 1894, 111 S.

Hartmann, H. (Hrsg.): Pfarrer Kneipp‘s volkstümliche Vorträge über seine Güsse, Wickel, Bäder und Waschungen etc.

Hartmann, H. (Hrsg.): Pfarrer Kneipp‘s volkstümliche Vorträge über unsere Kleidung, Wohnung, Nahrung und Getränke etc., 6. Auflage
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Abschriften und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 11/2020