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17.10.1893 – Foto mit Sebastian Kneipp als Monsignore


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Monsignore Sebastian Kneipp ist auf diesem Foto zusammen mit anderen Geistlichen und auch mit weltlichen Prominenten zu sehen. Es ist nicht datiert oder beschriftet, nachdem der Prälat hier jedoch so festlich gekleidet steht, liegt der Gedanke nahe, dass das Bild kurz nach seiner Ernennung zum Monsignore (am 17. Oktober 1893) gemacht wurde. Das Ottobeurer Wochenblatt vom 2. November 1893 berichtete relativ ausführlich (s.u.).
Vertiefte Einblicke in Kneipps Gefühlswelt bietet die Beschreibung seiner eigenen Reaktion auf die Ernennung (s. Kneipp-Blätter Nr. 23 vom 16.11.1893; Abschrift weiter unten).

Wer die anderen Personen sind, ist noch nicht bekannt. Lediglich Prior Bonifaz Reile von den Barmherzigen Brüdern – in der Mitte der linken sitzenden Gruppe – ist eindeutig erkennbar. Sein Mitbruder, der ganz rechts steht, war der Subprior, Frater Benno Perschlmeier. Dieser kam am 1.10.1892 mit Reile nach Wörishofen, war anfangs einer der Sprechstundenschreiber Kneipps, erkankte im Frühjahr 1896 an Tuberkulose. Nachdem auch ein Kuraufenthalt in Brixen keine Heilung erbracht hatte, starb Perschlmeier am 26.12.1896 in Straubing). Bei den beiden weiß gekleideten Mönchen handelt es sich um Dominikaner. Die Gruppe posiert vor dem Dominikanerinnenkloster Bad Wörishofen.

Aufgenommen wurde das Foto von Kneipps „Haus- und Hoffotografen„ Fritz Grebmer (*04.01.1861, Feldkirch, † 04.01.1925, Bad Wörishofen). Es befand sich im Besitz von Karolina Reis (30.10.1922 - 30.12.2019), geb. Kneipp, einer Kneipp-Verwandten aus Bad Grönenbach. Sie verkaufte das Foto auf einem Flohmarkt der Sammlerin Heidemarie Glas, die es im April 2022 nun weiterverkaufte.

Das Foto ist nicht im Bestand des Kneippmuseums Bad Wörishofen vorhanden; es wurde aufwändig digital restauriert und steht der Öffentlichkeit nunmehr gemeinfrei zur Verfügung.
Die Aufnahme des Dominikanerinnenklosters Bad Wörishofen mit einer Drohne stammt vom 9. März 2022.

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Kneipp-Blätter Nr. 23 vom 16.11.1893, S. 358f.

Lokalnachricht.
Die Nachricht, daß unserem hochwürdigen Meister vom Heiligen Vater in Anerkennung seiner großen Verdienste um die leidende Menschheit die Würde eines Geheimkämmerers verliehen worden, wurde sowohl von den Kurgästen als auch von den Pfarrinsassen von Wörishofen mit großer Freude und lautem Jubel begrüßt. Gleich nach Bekanntwerden thaten sich die hier weilenden Franzosen zusammen und brachten dem hochwürdigen Herrn im Kloster eine herzliche Ovation. Unterdessen wurde die Kanzel in der Wandelbahn schön geschmückt. Als Herr Pfarrer Kneipp die selbe bestiegen hatte, hielt der zur Kur hier weilende Bischof von Przemisl in Galizien an denselben eine Ansprache, in der er dessen Verdienste um die leidende Menschheit hervorhob und seine und der Kurgäste Freude über die Auszeichnung, sowie die Glückwünsche aller zum Ausdrucke brachte. Zum Schlüsse forderte der Redner alle auf, einzustimmen in das Hoch auf den hochwürdigen Herrn Prälaten.

Herr Pfarrer Kneipp war sehr ergriffen, als er das Wort nahm, um seinen Dank auszusprechen. Er sagte, daß ihn noch nie etwas so sehr angegriffen habe, als heute diese Auszeichnung von höchster Stelle. Es sei ihm geradeso gewesen, als ob ihn der Schlag getroffen habe, als man ihm das Ernennungsdekret eingehändiget. „Ich habe, sagte Herr Pfarrer, so etwas nie angestrebt und niemals erwartet. Was ich für die Kranken gethan, habe ich nur aus Mitleid und aus Liebe zu denselben gethan. Oft ist mir schon gesagt und angedeutet worden, ich soll das Kurieren seinlassen oder meine Pfarrgeschäfte aufgeben; beides zusammen passe nicht. Und ich sage: ‚Warum soll sich die Sorge für den Leib nicht mit der Sorge für die Seele vereinen lassen?‛ Viele sind schon zu mir gekommen, wenn sie durch das Wasser von ihren Leiden befreit worden waren, und sagten: ‚Herr Pfarrer, Sie haben meinen Leib gesund gemacht, heilen Sie nun auch meine Seele!‛, und waren erst dann vollkommen glücklich. Ich komme mir vor wie ein Hase, den man über die Grenze gejagt hat, und der sich jetzt in einem ganz anderen Felde befindet, als er ursprünglich sein wollte. In meinen jungen Jahren habe ich mir oft vorgenommen, gar nichts mehr mit Kranken zu thun. Auch meine Vorgesetzten wollten es oft nicht haben. Die Ärzte klagten mich wegen Erwerbsbeeinträchtigung. Der Richter sagte mir, ich soll doch das Kurieren sein lassen und bei meiner Seelsorge bleiben. Als ich nach Boos als Kaplan kam, hatte ich mir fest vorgenommen, nichts mehr mit Kranken und Wasser zu thun. Ich glaubte, wenn ich in einen neuen Wirkungskreis komme, wird es sich leichter durchführen lassen.

„Aber ich war noch keine drei Wochen dort, begegnet mir ein Bauer und sagt: ‚Herr Kaplan, ich habe gehört, daß Sie gerne die Kranken besuchen; wenn es einmal sein kann, besuchen Sie die N.-Bäuerin, sie ist schon neun Monate im Bett und kann nicht gehen. Sie wird gewiß eine große Freude haben und es wird ihr ein rechter Trost sein, wenn Sie sie besuchen!‛ — ,So! sagte ich; zeigen Sie mir das Haus und ich will sie gleich besuchen.‛ Als ich bei der kranken Frau eintrat, war sie sehr erfreut. Aber wie es schon geht: ,Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über!‛, die Bäuerin fing gleich an, mir ihr Elend zu klagen. Seit drei Jahren könne sie nicht mehr in die Kirche gehen und seit drei Vierteljahren komme sie nicht aus dem Bett. Dabei sei der Mann tot, das kleinste Kind in der Wiege. Sieben Kinder waren noch da, aber noch keines erwachsen, dabei ein großes Hauswesen zu besorgen und viele Dienstleute. Die Arme dauerte mich recht; ich wollte ihr schon etwas geben, daß ihre Schmerzen vergingen, aber da fiel mir noch rechtzeitig mein Entschluß ein, nichts mehr zu thun mit Kranken, und dann tröstete ich die Frau, so gut es eben gehen wollte. Als ich aber bei der Thür draußen war, that es mir schon wieder leid, und ich dachte: ,Warum dem Bettler kein Almosen geben, wenn man doch hat; warum der Kranken nicht helfen, wenn es doch möglich ist?‛ Ich hatte die ganze Nacht keine Ruhe und auch den folgenden Tag nicht. Am dritten Tage besuchte ich die Frau wieder. Auch diesmal jammerte sie mir wieder vor: wenn sie mir auch noch einmal so weit kommen könnte, daß sie wieder in die Kirche gehen und ihre Kinder großziehen könnte. Und als die Frau so weinte und jammerte, konnte ich nicht anders. Ich sagte ihr, daß noch nicht alle Hoffnung verloren sei, sie könne schon noch einmal gesund werden; sie solle nur machen, was ich ihr verordnen werde. Beim Abschied versprach ich, bald wieder nachzusehen. Jetzt war das ,Weible‛ froh. Sie dankte mir vielmals und sagte, sie

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habe schon früher gehört, bevor ich nach Boos, gekommen, daß ich mit den Kranken so gut  umgehen könne, und da habe auch sie gehofft, daß ich auch ihr für ihr Leiden etwas werde
gehen können.

„Die Frau machte alles, was ich ihr angegeben, genau, und nach kurzer Zeit war sie so weit, daß sie in die Kirche, die sie schon drei Jahre nicht hatte besuchen können, gehen konnte. Sie hat dann alle ihre Kinder gut erzogen, ihre Wirtschaft gut geleitet, und erst, als das letzte Kind versorgt und 28 Jahre alt war, starb die Frau. Sie ist mir ihr ganzes Leben lang dankbar gewesen. Seit derselben Zeit habe ich keinen Leidenden, der bei mir Hilfe, suchte, zurückgewiesen. Besonders liegen mir die armen Kranken am Herzen, die durch das Schicksal oft so sehr niedergedrückt werden. Diesen Hilfe bringen zu können, war stets meine größte Freude. Über 30 Jahre war mein Name ungefähr 5 - 6 Stunden weit im Umkreise bekannt und es sind so täglich 20 bis 25 Personen zu mir gekommen. Ich war zufrieden und glücklich dabei. Daß die Sache so um sich greifen und eine so große Ausdehnung annehmen würde, habe ich nie geahnt. Ich schrieb meine Bücher nur, um mich dadurch zu entlasten, habe aber dadurch das Gegenteil erreicht. Kamen früher die Leute nur aus der Umgegend, so kommen sie jetzt aus der ganzen Welt hierher. Daß es für mich eine große Last ist, sieht jedermann ein, und ohne die offenbare Hilfe von oben wäre es mir gar nicht möglich, es durchzuführen. Aber Gottes Hilfe stand mir bis jetzt sichtbar bei allen meinen Unternehmungen zur Seite, und das gibt mir den Mut, die schwere Last weiter zu tragen. Solange mir Gott die Kraft gibt, will ich sorgen für die armen Kranken, die bei mir Hilfe suchen.

„Wie die Sache nach Rom gekommen ist, weiß ich nicht. Ich kann sagen, mir ist gar nie die Versuchung gekommen, geschweige denn, daß ich nach dieser Ehre gestrebt hätte. Es war ein Kurgast aus Rom hier, ein hoher Herr, der mir sagte, er werde, wenn er nach Rom zurückkommt, dem Heiligen Vater von mir und meinem Wirken erzählen. ,Ach, lassen Sie es doch sein! sagte ich. Der Heilige Vater wird höchstens zanken, wenn er hört, daß ich als Pfarrer so mit den Kranken herumhantiere.‛ Aber da kam ich schön an! Der Herr sagte mir, ob ich denn glaube, daß der Heilige Vater nicht auch Freude habe, wenn ein ihm unterstehender Priester die Werke der Barmherzigkeit in solcher Weise übe. Im vorigen Jahre sandte mir der Heilige Vater, durch einen Kurgast einen Gruß und ließ mir sagen, er werde für mich beten und segne alle meine Unternehmungen. Dies hat mich damals sehr gefreut. Das ist auch das Richtige. Ohne Segen von oben geht es nicht. Diese Anerkennung hat mir große Freude gemacht, aber ich wäre mit dem Ausspruch dieser höchsten Anerkennung ebenso zufrieden gewesen. Ehre für meine Person habe ich nie gesucht. Dieses Zeichen der besonderen Anerkennung von so hoher Seite gibt mir den Mut, weiterzufahren trotz aller Angriffe. Diese Anerkennung ist mir eine moralische Stütze und in dieser Hinsicht freut sie mich. Es wird ja alles, was gut. ist, in der Welt angegriffen. Daß meine Methode angegriffen wird, liegt ja in der Natur der Sache. Je mehr aber eine Sache angegriffen wird, desto besser muß sie sein. Was schlecht ist und keinen Wert hat, geht fast immer Unangefochten durch die Welt. Doch wenn die Sache wirklich gut ist, bricht sie sich schließlich doch Bahn. Mögen nur berufene Männer sich meiner Methode annehmen und dieselbe gut kennen lernen, damit sie das Volk auf diese einfache Weise heilen können. Ich selbst will alles aufbieten, um, solange ich kann, allen hilfsbereit zu sein.“ — Nach dem Vortrage wurden dem hochwürdigen Herrn Blumen überreicht. Viele drängten sich um ihn, um ihm persönlich ihre Wünsche darzubringen.

Am Abend war Gratulationskour im Kloster und zwar seitens der hier anwesenden Kurgäste geistlichen Standes, der Gemeindevorstehung, Kirchenverwaltung, des Kneipp-Vereins usw. Die Schulkinder trugen einige Lieder vor. Im Klostergarten wurde ein Feuerwerk abgebrannt. Herr Pfarrer sagte: „Hier mußte man es jedenfalls schon einige Tage früher gewußt haben als ich, sonst hätte man dieses Fest nicht so herrichten können. Es kamen schon vorgestern zwei Telegramme von zwei höheren Herren an mich; es stand aber nur darin: ,Viel Glück zur hohen Würde!‘, und so konnte ich mir nicht denken, was da los sei. Als aber nichts kam, glaubte ich, die beiden Herren hätten sich als gute Freunde einen Spaß mit mir erlaubt. So etwas aber hätte ich gar nie erwartet.“

Am 26. Oktober sagte Herr Pfarrer im Vortrage u.a.: „Eine Verlegenheit kommt nach der anderen. Nun soll ich noch in meinem 73. Jahre ein neues Kleid tragen! Ich, der ich den Leuten immer die Einfachheit predige und sie bis jetzt auch an mir selbst habe zeigen können! Meinen ersten neuen Rock bekam ich als Theologe und bis jetzt habe ich immer nur drei Röcke gekannt: einen für die Wochentage, einen für den Sonntag und einen für die Reisen. Es fällt mir nun schwer, dies zu thun. Nicht das Kleid ehrt uns, sondern das Gute, das wir thun. Für meine Kranken und Pfarrkinder will ich immer der alte, einfache

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Pfarrer Kneipp bleiben und alles aufbieten, um ihnen hilfreich zu sein.“ — Auch die Bewohner des Kinder-Asyls beglückwünschten den Herrn Pfarrer in sehr schöner Weise. Alle Freunde des Herrn Pfarrers werden sich, gewiß freuen, daß ihm nun endlich die wohlverdiente Anerkennung geworden ist.

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Ottobeurer Wochenblatt Nr. 44 vom 02.11.1893, S. 3:
Ottobeuren, 1. Nov. Eine für die ganze Pfarrei und speziell für den Weiler Stephansried höchst ehrende und freudige Nachricht haben uns die Blätter gemeldet, nemlich [nämlich] S. Heiligkeit der Pabst [Papst] haben huldvollst sich gewürdigt, den H. H. Pfarrer Kneipp zu Seinem „geheimen Kammerherrn“ zu ernennen. Jedermann wird mit dem so von dem Oberhaupte der Katholiken geehrten Hochw. Herrn sich freuen über diese Anerkennung, die ihm geworden. Denn Verdienste um die Kirche hat H. Pfarrer Kneipp, selbstverständlich als Priester, davon soll nicht gesprochen werden und zieht Niemand in Zweifel, aber auch durch die Wasserkur. Wie viele Priester besuchen alljährlich Wörishofen, um von Leiden geheilt zu werden, die sie in aufreibender Seelsorge sich zugezogen haben? Sie gehen geheilt fort, setzen die Kur weiter und bleiben so dem Dienste der Kirche erhalten; sonst wären sie diesem entzogen. Unter diesen Priestern glänzen die höchsten Würdenträger: Cardinäle, Patriarchen, Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte, Prälaten. Es sind geistliche Herrn aus aller Herren Länder, Wörishofen ist der internationalste Fleck Erde, Herr Pfarrer versöhnt allen Klassen- und Rassenhaß.
Das Ernennungsdekret ist datirt vom 17. Okt. 1893. Durch dasselbe erhält der neucreirte Kammerherr Seiner Heiligkeit den Titel Monsignore (sprich: Monsiniore), ist zugleich Comes Palatinus, Ritter vom goldenen Sporn und hl. Sylvester und Mitglied der vornehmen Familie (nobile) Sr. Heiligkeit. Sein Cäremonialkleid ist ein violetter Talar (ohne Schleppe), violettes Cingulum aus Seide, Collar, ebensolche Strümpfe, Hut mit violettseidener Quaste und der große Mantel. Sein Privatanzug ist schwarzer Talar mit Einfassung, Knöpfen und Knopflöchern von violetter Seide, Cingulum von violetter Seide und das übrige wie oben. In dem Schreiben aus Rom ist auch angegeben, welche Funktionen der geheime Kammerherr (cubicularius intimus adlectus ad numerum) im Vatikan zu leisten hat, wozu freilich Monsignore Sebastiano Kneipp wenig wird kommen können. Als Ablegatus Apostolicus hat der geheime Kammerherr an die neucreirten Cardinäle das rothe Barett zu überbringen.
Der hl. Vater weiß also auch von der Kneipp-Kur in Wörishofen und wünscht den guten Fortgang derselben. Die Freunde und Pfleger der Wasserkur sind hocherfreut und wir alle gratuliren dem Hochwürdigen, verehrten Herrn zu dieser Würde. Wer hätte je geahnt, daß der arme Weberssohn, der kränkliche Student, der spätere Beichtvater und Pfarrer solche Ehrung erfahren würde? Wer hätte vermuthet, daß aus dem unbekannten, abgelegenen Stephansried ein Monsignore hervorgehen würde? Ehre dem hl. Vater und Glückwunsch dem geheimen Kammerherrn Sr. Heiligkeit.

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Sammlung Helmut Scharpf, 04/2022