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06.01.1895 – Ölgemälde „Sprechstunde beim Prälaten Kneipp“ von Georg Sauter


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Der Ablauf einer Sprechstunde bei Sebastian Kneipp ist verschiedentlich beschrieben worden. Am anschaulichsten ist es freilich, wenn eine solche Szene auch abgebildet wird (s. auch weitere Seiten im virtuellen Museum). Einer der berühmtesten Maler, der sich dem Thema Kneipp widmete, dürfte Georg Sauter (* 20. April 1866, Markt Rettenbach, † 20.12.1937, Brannenburg am Inn) gewesen sein. Wie Kneipp stammte er aus einfachsten Verhältnissen und machte dennoch eine internationale Karriere. Nicht von ungefähr gibt es in Markt Rettenbach seit 1972 eine „Sauterstraße“ (Geburtshaus Sauterstraße 4, abgebrannt und wiedererrichtet 1894, seit ca. 2012 im Besitz von Peter Ströer). Über dem Eingang ist dort eine Gedenktafel eingelassen. Der Vater Ludwig Sauter (*1832 in Kirchhauslach bei Babenhausen) arbeitete in der Ziegelei im Ortsteil „Kapelle“ (heute: Mosterei Grueber), die Mutter Maria Fischer war Tochter eines Kleinbauern aus der Gegend. Die Eltern fehlte zeitlebens das Verständnis für den Wunsch ihres Sohnes Georg, Maler zu werden. 1889 zog Georg Sauter nach England, wo er Karriere machte und international bekannt wurde (Schreibweise in England: „George Sauter“).

Kleiner Exkurs: August Filser hatte 1962 in der Darlehnskasse angefangen, von 1972 bis zum Beginn seines Ruhestands im Jahr 2000 war er Leiter der Raiffeisenbank Bad Wörishofen (ab 1996 Raiffeisenbank Bad Wörishofen - Ottobeuren, nach der Fusion mit Mindelheim Genossenschaftsbank Unterallgäu). Wie weiter unten beschrieben, kaufte Herr Filser das großformatigen Gemälde (gemessen ohne Rahmen 180 x 147 cm) um 1975. Aus einer Familie stammend, die seit 400 Jahren in Wörishofen lebt, ist er sehr an der Geschichte seines Ortes und am Thema Kneipp interessiert; von 1983 bis 2016 war er Vorsitzender des Förderkreises Kneippmuseum. Am Rande des Vortrags seines Nachfolgers, Werner Büchele (über Kneipps „Kinderasyl“ in Bad Wörishofen am 22.06.2022), stellte Herr Filser  den Kontakt mit Volker Leinich von der Genobank her; schon am 28.06.2022 konnte Dr. Andreas Klemm ein professionelles Repro des Gemäldes erstellen, was wegen der vielen Reflexionen im Schalterraum der Bank durchaus eine Herausforderung war. Ganz rechts oben lässt sich die Signatur des Malers erkennen: „G. Sauter 1895, Wörishofen“

Der Zufall wollte es, dass sich in der Sammlung von Paola Rauscher (Bad Wörishofen) eine Fotografie befindet, die das Gemälde Ende 1894 zeigt. Georg Sauter steht rechts, neben ihm seine Frau, Lilian Sauter (geborene Galsworthy, 1864 - 1924); auch Prior Bonifaz Reile ist zu sehen, links von ihm die auf dem Gemälde verewigte Frau (auf dem Foto im selben Kostüm und mit demselben weißen Hut wie gemalt). Das Atelier befand sich im 1891 von Kneipp gegründeten Sebastianeum (damals: „Priesterkurhaus“). Die Ehepaar Sauter befand sich auf Hochzeitsreise, weilte dabei u.a. auf Schloss Mattsies.

Quellen- und Spurensuche:
Schäfer, Peter: Georg Sauter und seine Jenaer Professorenporträts, in: Das kulturhistorische Archiv von Weimar - Jena, 1/2 (2008) S. 97 - 109
Zitat:
„Für Sauters Privatleben bedeutete der Englandaufenthalt ebenfalls einen Wendepunkt. 1893 verlobte er sich mit Lilian Galsworthy (1864 - 1924), der Schwester des Schriftstellers John Galsworthy (1867 - 1933), dessen aus der „Forsyte Saga“ stammender literarischer Ruhm noch in der Zukunft lag. Die beiden heirateten 1894.
Das Hochzeitsfoto zeigt den Maler – anders als in späterer Zeit – mit kurzem Haarschnitt und Schnurrbart. Eine Zeit lang weilte das Ehepaar in Wörishofen, wo ein Bild des Pfarrers und Arztes Sebastian Kneipp (1821–1897) entstand. Kneipp starb zwei Jahre später. Da Sauter stets seine Porträts nach dem lebenden Vorbild zeichnete und malte, kann man davon ausgehen, dass die Szene wirklichkeitsnah ist.“
Das Hochzeitsfoto ist hier abrufbar (Quelle: Rudolf Stumpf, nach S. 64).

Sauter fragte an, ob er Kneipp portraitieren dürfe. Als man Kneipp erklärt hatte, dass er aus Markt Rettenbach stamme und in England eine bekannte Größe geworden sei, zeigte sich Kneipp einverstanden: „Isch scho was anders.“
Die meisten Details des Wörishofen-Aufenthalts und über die Hintergründe des Gemäldes beschreibt Rudolf Stumpf (1881 - 1945) in seiner Sauter-Biografie von 1940; das Bild ist dort (nach Seite 80, siehe oben) sogar abgebildet. Die betreffenden Textseiten sind hier als docx und pdf abrufbar: zum einen die Beschreibung der Jugendjahre Sauters in Markt Rettenbach bis zur Bewerbung an der Kunstakademie in München, zum anderen die Hochzeitsreise samt monatelangem Aufenthalt in und um Wörishofen, die Begegnungen mit anderen Künstlern in Rom sowie die Rückkehr nach England.

Die Personen auf dem Gemälde: Ganz rechts dürfte Prior Bonifaz Reile sitzen, neben ihm steht Sebastian Kneipp. Der Kopf des Buben auf Krücken ragt etwas in den Kopf von Dr. Alfred Baumgarten hinein. Die Frau ganz links könnte aus Wörishofen stammen oder war in der Entstehungszeit zur Kur dort, sie trägt denselben Hut und dasselbe Kleid wie auf dem Gemälde, stand also in jedem Fall Modell!

Laut Mindelheimer Zeitung vom 24.12.1965 (Titel: „Professor Sauter war von Kneipp tief beeindruckt. Vor 70 Jahren malte der Künstler die Sprechstunde beim Wasserdoktor. Seine Witwe erzählte“) weilten die Sauters ganze 11 Monate in Wörishofen, Lilian Sauter genoss Kur-Anwendungen. Der Artikel beruht auf einem Interview mit Sauters zweiter Frau, Valda, die wie Lilian aus Engalnd stammte. Im vierten Absatz steht:
„Im Jahre 1894 machte Georg Sauter mit seiner Frau eine Reise in die alte Heimat. Der Name Kneipp war in aller Munde und so lebten die Sauters elf Monate lang im Schwabenland, vorwiegend auf Schloß Mattsies, wo auch ein Sohn [Rudolf] geboren wurde. Dreimal porträtierte der Künstler seinen berühmten Landsmann, den Wasserdoktor, von dessen Persönlichkeit er ganz fasziniert war. Ein Portrait hängt im Sebastianeum, ein zweites kaufte Erzherzog Joseph, es dürfte aber im Krieg verloren gegangen sein. Das dritte erwarb Hotelier Arthur Lüer.“

Arthur Lüer erwarb das „Kurpark-Sanatorium“, das einst von Dr. Alfred Baumgarten und Dr. Adolf Scholz betrieben worden war, dort hing das Ölgemälde einige Jahrzehnte. Lüer verkaufte das Haus ca. 1968 und deponierte das Gemälde in der Raiffeisenbank, wo es sogar aufgehängt wurde. Die Stadt Bad Wörishofen hatte Interesse an einem Ankauf, das Verhältnis mit Herrn Lüer war jedoch zerrüttet. Nach Lüers Tod (ca. 1972/73) verkauften es die beiden Töchter über einen der Schwiegersöhne, ein Jurist aus Berlin, um 1975 an die Bank. Es machte keinen Sinn mehr, auf Dauer für Lagerung und Versicherung zahlen zu müssen.

Das Gemälde war 1895 in der Münchner Szessions-Ausstellung zu sehen, über 100 Jahre später ging es erneut auf Reisen: Es wurde im Jahr 2000 fünf Monate lang auf der Expo in Hannover (Abtl. Gesundheit / Naturheilkunde) gezeigt.
Lüer hatte übrigens noch ein zweites Haus: „Lüers Parkhotel“, das an Dr. Bölzig verkauft und später von dessen Tochter weitergführt wurde.

Auch Georg und Valda Sauter kamen später wieder nach Bad Wörishofen. Ein weiterer Textabschnitt aus besagtem Artikel weckt unser Interesse:
„Im Jahre 1929 kam das Malerpaar wieder in den aufstrebenden Kurort. Es wohnte bei Fidel Kreuzer und Bonifaz Reile erwies sich als treuer Freund. Wenn der Künstler mit seiner jungen Frau durch die Landschaft wanderte, zeigte er das Bild des Erlebens. Durch den Kurerfolg des Gatten erkannte auch Valda Sauter die Bedeutung der Kneippkur. So blieb auch sie dem Ort treu, den ihr Gatte so geliebt hat. Wo er elf glückliche Monate glücklich erlebte. Wo er nicht nur Kneipp, sondern auch die Prominenz in den Uranfängen des Kneippheilbades, wie beispielsweise den Kardinal Gibbons von Baltimore gemalt hat.“

Ein weiterer Artikel aus der Mindelheimer Zeitung (Datierung unklar, etwa 1950/51, Titel „Pfarrer Kneipp in der Sprechstunde“) verrät weitere Details. Anlass: Der Besitzer des „Sanatoriums Wörishofen“, Arthur Luer, hätte die Gäste anlässlich der Wiedereröffnung des Sanatoriums mit der Mitteilung überrascht, er habe das berühmte Gemälde von der Witwe des Künstlers erworben.

Zum einen geht es hier um den Künstler:
„Georg Sauter stammt aus einer kinderreichen Bauernfamilie in Markt Rettenbach im Nachbarlandkreis Memmingen. Als Kind hütete er die Kühe. Eines Tages sah er in der Dorfkirche ein Madonnenbild, das ihn so beeindruckte, daß er zu einem Malermeister in die Lehre ging. Hart war sein Leben, in dem er sich allmählich vollständig dem künstlerischen Schaffen widmete.“

Zum anderen über die Provenienz und zu den abgebildeten Personen. 1940 schrieb Rudolf Stumpf, der damals Lektor für Zeichnen an der Universität Berlin war, eine Sauter-Biographie (s.u.), aus dem hervorgeht:
„Ende der Neunzigerjahre wurde es in München auf der Jahresausstellung [1895] der Sezession erstmalig ausgestellt. Es ist ein gewaltiges Werk mit lebensgroßen Figuren, von überlegenem Können und voll innerem Leben, mit dem der junge Mensch seine Kraft erprobte. (...)
Alteingesessene Wörishofer, die noch die Umgebung Pfarrer Kneipps kannten, stellten fest, daß der Künstler im Vordergrund Bonifaz Reile, [hinten] rechts Pater Raimond und unter den Ärzten Dr. Alfred Baumgarten und einen französischen Arzt dargestellt hat.“
Bei dem Mädchen neben Kneipp soll es sich um seine Großnichte, s'Mariele (*1891), handeln.
Im Katalog der internationalen Sezessionsausstellung 1898 wird Sauter auf S. 24 mit zwei weiteren Werken genannt: „Meeresstille“ und „Portrait Dr. Hans Richter“. Sauter war laut Katalog im „Verein bildender Künstler Münchens (A.V.) Secession“ weder „Ehrenmitglied“, „ordentliches Mitglied“ noch „korrespondierendes Mitglied“.

Literaturzitat:
Stumpf, Rudolf: Zwischen Deutschland und England. Die Geschichte des Malers Georg Sauter, Deutscher Kunstverlag Berlin, 1940, 240 S.
(Rudolf Stumpf lebte von 1904 - 1942.)

Literaturzitat:
Stalla, Bernhard Josef: Lebenswege eines Malers und Zeichners. Georg Sauter, Brannenburg, 21.10.2011, 160 S., ISBN: 978-3-00-035059-7

Literaturzitat:
Gindin, James: John Galsworthy's Life and Art. An Alien's Fortress, The University of Michigan Press, 19.02.1987, 640 S., ISBN‎ 978-0472100750

Literaturzitat:
Marktgemeinde Markt Rettenbach (Hrsg.), Kleber, Friedrich: 200 Jahre Marktrecht. 1790 - 1990, Buchdruckerei Specht Obergünzburg, 1990, 61 S.

Das Repro des Gemäldes wurde am 28.6.2022 von Dr. Andreas Klemm angefertigt.

Recherche und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 07/2022