Marktgemeinde Ottobeuren
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09. - 11.02.2020 – Politische Bildungsfahrt des Gemeinderats nach Straßburg


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Zweimal in der sechs Jahre dauernden Legislaturperiode begibt sich der Ottobeurer Marktgemeinderat auf politische Bildungsfahrt. Ende Januar 2017 war man in Berlin und besuchte dabei Bundestag und Bundesrat. Zum Ende der laufenden Amtszeit ging es nach Straßburg und in weitere Orte im Elsass und in Baden. Höhepunkt war die Teilnahme an einer Sitzung des Europäischen Parlaments, bei der auch der MdEP Markus Ferber einen Redebeitrag leistete.

Beinahe hätte das Sturmtief „Sabine“ einen Strich durch die Rechnung gemacht, die Deutsche Bahn hatte sogar den Nahverkehr eingestellt. Das Wetter war dann allerdings besser als zu befürchten stand. Während unserer Abwesenheit war die Straße vom Moosbach-Kreisverkehr bis nach Ottobeuren wegen der Sturmschäden im angrenzenden Wald gesperrt.

In den drei Tagen ergaben sich viele Berührungspunkte mit Ottobeuren, sei es durch den Abgeordneten Ferber, der als Vorsitzender der Europa-Union und als Stiftungsvorsitzer der von Hans-August Lücker gegründeten Stiftung zur Förderung der Kultur und der Völkerverständigung „Europäischen Kulturtage Ottobeuren“ regelmäßiger Gast in Ottobeuren ist, sei es durch geistliche Parallelen, wie die Darstellung der Heiligen Ottilia in der Ottobeurer Basilika und dem Besuch des „Heiligen Berges der Elsässer“, dem „Mont Ste Odile“. Oder auch durch den Besuch von Kaysersberg, dem Geburtsort von Albert Schweitzer, nach dem in Ottobeuren nicht ohne Grund eine Straße benannt worden ist: Er war als Organist selbst in Ottobeuren und hat sich im Zusammenhang mit der Installation der Marienorgel mehrfach schriftlich geäußert.

Sonntag, 09.02.2020, Ottilienberg und Gengenbach
Fahrer – und Depotleiter Ottobeuren – Kevin Hatzelmann steuert den Bus der Firma Brandner am frühen Sonntagmorgen – der Vollmond war gerade im Westen untergegangen – souverän über große und kleine Straßen, die Anfahrt bis ins Elass verlief ohne große Störungen. Am frühen Nachmittag erreicht die Reisegruppe den Ottilienberg bei Obernai, einen der meist besuchtesten Wallfahrtsorte im Elsass. Über dem Eingangstor des früheren Klosters steht: Hic sta floruit Odilia praesul et semper regnat Alsatiae mater. (Etwa: „Hier lebte einst die heilige Ottilia und immerfort wacht sie als Mutter des Elsass über ihr Land.“)
Im 7. Jahrhundert ließ Eticho, Gaugraf des Elsass, ein Kloster erbauen, seine Tochter Odilia / Ottilia wurde dessen erste Äbtissin. Der Legende nach war sie blind geboren worden, wurde bei der Taufe als 12-Jährige jedoch sehend. Sie starb um 720, ihr Grab wurde zu einer wahren Pilgerstätte. Dargestellt wird die hl. Ottilie mit einem aufgeschlagenen Buch, in dem ihre geöffneten Augen abgebildet sind. Wir sehen dies in den Darstellungen auf dem Ottilienberg, aber auch im „Benediktinerhimmel“ in der Basilika Ottobeuren (s. Fotos).

Pius XII. ernannte die heilige Odilia 1946 zur Schutzpatronin des Elsass, Papst Johannes-Paul II. kam 1988 zum Grab der Heiligen, Papst Benedikt XVI. erhob die Kapelle am 16.06.2006 zur Basilika minor. (Die Abteikirche Ottobeuren war am 25.01.1926 zur Basilika erhoben worden.)

Noch eine Besonderheit des Odilienberges: Seit Juli 1931 kommen bis zum heutigen Tag Menschen aus dem gesamten Elsass zur „ewigen Anbetung“ vor dem allerheiligsten Altarsakrament zusammen, 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche. In der Kirchenzeitung für Katholiken des Bistums Speyer wird zu den Beweggründen einer der Beter zitiert:
„Wir sind hier um zu beten, auch für jene, die nicht beten oder nicht mehr beten, aus Gründen, die Gott allein kennt. Die Beterinnen und Beter kommen und sehen in Gebet und Eucharistie das Heil für die Welt – sie sehen es stellvertretend für die, die nicht selbst sehen (wollen).
Jede Woche lebt jeweils eine andere Gruppe auf dem Odilienberg und erlebt gemeinsam Spiritualität und Austausch. Auch während des Zweiten Weltkrieges wurde die Gebetskette nicht unterbrochen.
Die „Maria-Himmelfahrt-Kapelle“ (Chapelle Notre-Dame de l'Assomption) ist die eigentliche Klosterkirche. Zwei Kapellen, die „Tränenkapelle“ (Chapelle des Larmes) und die „Engelskapelle“ (Chapelle des Anges) stammen aus alter Zeit, sind aber mit prachtvollen neueren Mosaiken im byzantinischen Stil ausgestattet. In einem Fremdenverkehrsprospekt heißt es dazu:
In der Tränenkapelle kniete einst Odilia am Grab ihres Vaters, durch ihre Gebete und ihre Tränen erflehte sie sein Heil. Die Mosaiken stellen den christlichen Sinn des Grabes dar: Durchgang zum Licht, Christus dem Herrn und seinen Heiligen entgegen. Die Michaels- oder Engelskapelle zeigt in einem ebenso schönen Mosaik die Aufgabe der Engel als Boten Gottes und Schützer der Menschen.

Es geht wieder zurück über die Grenze, nach Gengenbach im Ortenaukreis. Über die Benedikt-von-Nursia-Straße, vorbei an der 1803 aufgehobenen Benediktinerabtei (seit 1978 Fakultät für Betriebswirtschaft und Wirtschaftsingenieurwesen der Hochschule Offenburg), läuft die Gruppe ins Zentrum. In Gengenbach gibt es Fachwerk satt, die Straßen sind für die Fasnacht geschmückt. Sehenswert die neuromanisch umgestaltete Klosterkirche; aufgefallen ist darüber hinaus ein Denkmal für die 1940 nach Gurs deportierten Gengenbacher Juden, aber auch ein schön gestalteter Naturlehrpfad für Kinder. Gestärkt in div. Cafés der Stadt ging es nach Kehl ins ates-Hotel. (Das gegenüber liegende Hotel Astoria hat schon bessere Zeiten gesehen; s. Foto.)

10.02.2020, Strassburg
In der Nacht wird es reichlich stürmisch, es gibt aber keine Schäden. Sogar die Schifffahrt auf der Ile kann stattfinden.
Wir beginnen mit einem Rundgang durch die Innenstadt mit seinem Liebfrauenmünster, am späten Vormittag schipperten wir per Boot durch die Stadt, bis zum Europaparlament und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Nach einem gemeinsamen Mittagessen in einem der Traditionslokale (Le Gruber) sind alle individuell unterwegs. Um 16 Uhr fährt uns der Bus zum Europaparlement, bei dem wir zunächst eine strenge Einlasskontrolle passieren. Empfangen werden wir von einer Mitarbeiterin des schwäbischen MdEP Markus Ferber. Nach einem Imagefilm stellten wir uns zu einem Gruppenfoto mit Herrn Ferber auf und gehen anschließend in den großen Sitzungssaal. (Die britische Fahne war wegen des Brexits bereits entfernt worden.)

Lange wird über die Tagesordnung beraten, als Zuschauer kann man per Kopfhörer die Simultanübersetzungen der Redebeiträge in allen Sprachen der Mitgliedsländer anhören, was auf Dauer ziemlich anstrengt. Nach einer halben Stunde ziehen wir uns in einen Besprechungsraum zurück, um mit dem schwäbischen Stimmkreisabgeordneten über aktuelle politische Themen zu diskutieren.
Hinterfragt wird z.B. die Düngeverordnung, es sollte ein schlägt ein vom Umweltministeriums unabhängiges Netz von Messstellen eingerichtet werden. Auch die Förderung des Bio-Anbaus (100.000-Euro Kappungsgrenze) sowie die fehlende Besteuerung der internationalen Konzerne kommt zur Sprache. Letzteres ist eines von Ferbers Steckenpferden, vorgeschlagen ist nach seiner Auskunft die Einrichtung digitaler Firmensitze in den jeweiligen Ländern. Man hat jedoch Angst vor Trumps Vergeltungsmaßnahmen, was die Franzosen bereits zu spüren bekamen, da jetzt hohe Steuern auf Wein anfallen. Ferber geht von sich aus auf den Brexit ein, „schlechtes Englisch“ sei nach dem Austritt der britischen Abgeordneten numehr die Hauptsprache. Die viel gescholtene genormte Gurkenkrümmung gebe es längst nicht mehr, es wird aber seitens des Handels immer noch daran festgehalten. Auch das Reinheitsgebot ist abgeschafft, de facto hat anderes Bier in Deutschland jedoch keine Chance auf Absatz.
Gefragt wird nach den Möglichkeiten der Entbürokratisierung. Im Unterschied zu einem Gemeinderat gibt es im EP viele Änderungsanträge sowie die Möglichkeit der Enthaltung. Insgesamt sind es bei voller Besetzung 705 Abgeordnete, wegen der dem Sturmtief geschuldeten Flugausfälle sind in der heutigen Sitzung immerhin 380 Abgeordnete zugegen.

Man merkt Herrn Ferber (*1965 in Augsburg) seine langjährige politische Erfahrung an; jedes Thema kann er fundiert parieren. Seine politische Karriere begann er 1982 mit dem Eintritt in die Junge Union, 1983 wurde er CSU-Mitglied, 1996 zog er in den Kreistag des Landkreises Augsburg ein, seit 1999 gehört er dem Parteivorstand des CSU an, im Juni 2005 wurde er Bezirksvorsitzender des CSU in Schwaben, zum 1.1.2020 avancierte er zum Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung. Dem Europäischen Parlament gehört er seit 1994 an.
Am Abend versammeln wir uns zu einem Essen im Gasthaus Schwanen in Kehl. Markus Ferber kommt ebenfalls hinzu, es wird angeregt weiterdiskutiert.

11.02.2020, Colmar und Kaysersberg
Auf der Autobahn legen wir eine kurze Rast bei Orschwiller mit Blick auf die 755 m hoch gelegene Hohkönigsburg (Chateau du Haut-Koenigsbourg) ein. Sie ist mit jährlich etwa 500.000 Besuchern die meistbesuchte Burg der Region und einer der am häufigsten frequentierten Touristenorte ganz Frankreichs.
In der Raststätte zeigt die Hauptschlagzeile der französischen Tageszeitung Le Figaro an, welches politische Erdbeben sich in Deutschland gerade ereignet hat: der Verzicht von Annegret Kramp-Karrenbauer auf die Kanzler-Anwartschaft. Die Probleme mit dem Coronavirus in China scheinen noch weit weg. (Nur wenige Wochen später wird das Elsass zu einem der hauptbetroffenen Gebiete, die Grenze nach Deutschland ist kaum mehr überwindbar.)

Bei der Einfahrt nach Colmar von Norden in Richtung Zentrum steht auf einem Kreisverkehr unvermittelt eine 12 m hohe Replik der 1886 eingeweihten New Yorker Freiheitsstatue. Aufgestellt wurde sie zum 100. Todestag (2004) zu Ehren des in Colmar geborenen Bildhauers Frédéric Auguste Bartholdi (1834 - 1904), der das Geschenk des Franzosen an die Amerikaner geschaffen hat. In Colmar gibt es ein Bartholdi-Museum. Ursprünglich hieß die New Yorker Freiheitsstatue einmal „Bartholdi-Statue“.

Zu Beginn der Stadtführung war es noch regnerisch, das Wetter wurde aber zunehmends besser. Für den Isenheimer Altar blieb zwar keine Zeit, dafür hatten wir Gelegenheit zur Erkundung der malerischen Altstadt des 70.000 Einwohner-Ortes. Das Mittagessen wurde individuell eingenommen, eine sehr schöne Entdeckung war das Lokal Meistermann.

Letzte Station: Kaysersberg
Vor dem Albert-Schweitzer-Denkmal stellen wir uns zu einem Gruppenbild auf und beginnen von dort einen kurzen geführten Rundgang durch den reizvollen Touristenmagnet. Auf eine Aufschrift von 1604 am historischen Rathaus weist uns unser Führer hin, denn sie ist auf Gemeinderäte gemünzt:
Dem heylligen Reich ist dies Haus zwo Lob und Ehr gemachet (...). Darin die wahr Gerechtigkeit gehalten wirt zuo jeder Zeit.

Die letzten drei Fotos der Elsass-Fahrt zeigen den Gemeinderat Klaus Huber, der nach 24 Jahren zum Abschied aus dem Gemeinderat einen ausgibt. Willi Höbel, 18 Jahre lang dabei – zuletzt als 3. Bürgermeister – ist einer der dankbaren Abnehmer.

Nachtrag: Die letzte Gemeinderatssitzung der laufenden Legislaturperiode fand am 21.04.2020 statt, die letzte Bauausschusssitzung am 22.04.2020. Um den geforderten Abstand zu wahren, nicht im Kursaal bzw. im Sitzungszimmer, sondern im Kunerth-Museum. Von den 20 Rätinnen und Räten werden ab Mai 2020 sieben durch neue ersetzt.
Von der Berlinfahrt im Januar 2017 wurden hier – mangels eines eingenen Eintrags im virtuellen Museum – noch zwei Fotos reingenommen: den Reichstag und ein Gruppenfoto, aufgenommen bei einem Besuch der Grünen Woche am 22.01.2017.

Insgesamt sind hier 118 Fotos eingepflegt. Wenn Sie mit der Maus über die kleinen Vorschaubilder streichen, erhalten Sie jeweils Zusatzinfos zum Aufnahmeort bzw. zum Anlass.
Zusammenstellung und Fotos (soweit nicht anders beschriftet): Helmut Scharpf, 04/2020