Marktgemeinde Ottobeuren
Marktplatz 16
87724 Ottobeuren
T. +49 (0)8332 9219-50
F. +49 (0)8332 9219-92
info@ottobeuren-macht-geschichte.de
www.ottobeuren-macht-geschichte.de




05-1948 Hans Ströbele baut eine Kleinserie Traktoren


   Download

Von 1946 - 66 gab es in Deutschland (Ost und West) insgesamt ca. 115 Hersteller von Ackerschleppern, darunter gleich drei in Ottobeuren. Wolfgang Gebhardt nennt sie in seinem Buch von 2003 auf Seite 95. Neben der allseits bekannten
Bayerische Landmaschinenfabrik AG Otto Martin“, die von 1936 - 1949 Traktoren baute (siehe Kleinschlepper „S 11“ von 1949; eine Broschüre zur Firmengeschichte ist hier verlinkt), war dies 1950 Eduard Mayer (Luitpoldstraße 53, später Brosig) sowie Hans Ströbele in Eldern 5, wo 1948 ca. 20 Stück gebaut wurden.
Zu Werbezwecken wurde sogar eine Postkarte herausgegeben, die hier als Titelbild dient. Aufgenommen wurden die Fotos auf dem Firmengelände („Maschinenfabrik“) bzw. benachbarten Wiesen. (Auf dem Traktorbild sieht man im Hintergrund die Klosteranlage, auf dem Foto mit dem Heulader (?) ist der Schelmenheider Wald zu sehen.)

Wie bei der Fa. Martin gab es aber schon vorher Landmaschinen und weitere Geräte (hier: Kreissägen, die vor allem in die Schweiz verkauft wurden), die es bei der Firma „Ströbele Landtechnik“ auch 2020 noch zu kaufen gibt – wenn auch nicht mehr aus eigener Herstellung.
Von den Traktoren dürfte es noch zwei, drei Exemplare geben, die von Sammlern gepflegt werden.

Zu sehen sind hier außerdem zwei Bilder einer Kreissäge. Im Hintergrund sieht man Werbung für die „McCormick Harvesting Machine Company“, ein US-amerikanischer Landmaschinen- und Traktorenhersteller.

Die „Ströbele Landtechnik“ (Pächter Johannes Grimm) in Eldern 5 gibt es - im ostseitigen Gebäudeteil - heute noch, im westseitigen das „Autohaus Ströbele“ (Inhaber Manfred Riedele).

Nähere Beschreibung zu den technischen Merkmalen der Gerätschaften (von Andreas Blank, Attenhausen)

Die Ströbele-Traktoren waren eine Eigenproduktion. Hierzu wurden – wie bei Degenhart in Schwaighausen oder bei Maier in Attenhausen – Motoren von „MWM“ (Motoren-Werke Mannheim) und Getriebe aus liegengebliebenen Wehrmachtsfahrzeugen verbaut. Neben dem Getriebe wurden auch die Achsen von Wehrmachtsfahrzeugen verwendet.

Ein weiteres Foto zeigt einen Ströbele-Heulader. Es war ein Vorläufer von vielen solchen Aufladern, wie sie von der Firma Lanz oder Eicher gebaut wurden. Der Ströbele-Lader hatte noch keine Pickup und funktionierte mit dem Radantrieb der Maschine, während später gebaute Heulader – wie eben von Lanz Mannheim, Eicher, oder Ködel – per Gelenkwelle vom Schleppermotor aus angetrieben wurden. Der Heulader wurde hinten an den Wagen angehängt und aufgestellt. Das zuvor mit dem Rechen zu Schwaden geformte Heu wurde überfahren, der angehängte Heulader befördert das Heu auf den Wagen, wo es von jemandem – meistens Frauen – verteilt wurde. Durch diesen Lader konnte man sich die Personen einsparen, welche früher mit der Heugabel das Heu auf den Wagen gabeln mussten.

Die Kreissägen sind – ganz im Sinne der Unfallverhütung – mit Schutzhauben gegen Verletzungen ausgestattet. Zwei Bilder zeigen Kreissägen, die einer Zusatzscheibe, mit der man die Zaunpfähle und „Hointza“ (Heinzen bzw. Heintzen) geschält und gespitzt hat. Zusätzlich befindet sich daran eine Einrichtung zum Bohren der Löcher für die Hointza, mit denen man früher ja das Heu auf der Wiese getrocknet hat.

Familienhistorie und Firmenentwicklung:

Die Ströbeles kamen ursprünglich aus dem Landkreis Biberach. Hans Ströbele (22.04.1910 - 09.05.1996) und seine ca. 1935/36 angeheiratete Frau Maria Ströbele (geb. Ott, 10.12.1909 - 16.05.2008) kamen beide aus Mietingen (südlich von Laupheim). Maria Ott hatte einen Onkel, der Pfarrer in Staig (bei Illertissen) war und deren Mutter einmal im Jahr mit nach Ottobeuren nahm. Diese war begeistert von Ort und Kirche („Da dät's mer au gfalla!“).
Ausschlaggebend war jedoch ein Bekannter von Hans Ströbele, der in Ottobeuren zur Schule gegangen war und wusste, dass die Werkstatt des kinderlos gebliebenen Herrn Theobald in Eldern zum Verkauf angeboten wurde. Sie stand dort, wo sich heute rechts der Einfahrt ein Parkplatz für Landmaschinen befindet, zusammen mit einem ca. 1890 gebauten Wohnhaus und einer Werkstatt (beide etwa 1967 abgebrochen). Der Stadel, der hinter der Werkstatt stand, wurde zur sog. „Ausstellungshalle“, die heute – links der Einfahrt – noch steht. Hans Ströbele kaufte Theobald sein Anwesen 1934 ab, am 1.10.1935 begann der Betrieb dann unter neuer Leitung, mit einem Mitarbeiter (Maier). Ströbele baute Dreiräder und Landmaschinen. Er hatte eine landwirtschafttliche Ausbildung, war aber mehr im Verkauf und Vertrieb tätig. Am Zweiten Weltkrieg musste er – ab Kriegsbeginn – nur sechs Wochen teilnehmen, das seine Leistungen für die Landwirtschaft wichtig waren; er wurde unabkömmlich („uk“) gestellt.

Exkurs: Dramatisch verliefen die letzten Stunden vor dem Einmarsch der Amerikaner am 27.04.1945. Die SS hielt den – kreidebleichen – Bürgermeister Josef Hasel bei Ströbeles gefangen, die Familie hielt sich während der Angriffe der Amerikaner in einem selbst gebauten Bunker auf (unter einer Wiese überm Boschachbach).
Irmgard Ströbele, damals sieben Jahre alt, erinnerte sich am 01.05.2020: Ein Soldat klopfte an die Bunkertür und verlangte Einlass. Er vermutete, wir  würden jemanden versteckt halten und wir – meine Eltern, meine beiden Schwestern und eine Dienstmagd – mussten alle raus, damit er den Raum durchsuchen konnte. Gefunden hat er natürlich nichts. Anschließend musste wir uns in einer Reihe vor dem Wohnhaus aufstellen, uns gegenüber standen genauso viele Soldaten, die ihre Gewehre auf uns richteten. Erst nach einer Weile gab einer der Soldaten den Befehl „Nicht schießen!“ und sie zogen ab.

Nach dem Krieg begann auch bei Ströbeles der wirtschaftliche Aufschwung. Das heutige Wohnhaus (Haus Eldern Nr. 5) wurde 1952 bezogen, das Wasser musste aber noch bis zum Anschluss an die gemeindliche Wasserversorgung (ca. 1992) von Hand gepumpt werden. Neben dem Wohnhaus entstand die neue Halle für das Autohaus und die Landmaschinen. Der Versuch, im Jahr 1948 selbst Traktoren zu bauen, war wegen der großen Konkurrenz schnell wieder beendet. Man verkaufte zunächst den grünen Allgaier AP17, dann – nach Übernahme durch die Fa. Porsche, deren rote Traktoren.
Hans Ströbele verstand sich sehr gut mit dem Unternehmer Hans Glas, Inhaber des Landmaschinen- und Kraftfahrzeugherstellers Hans Glas GmbH in Dingolfing, auch mit dessen Zonenleiter und jemanden aus der Dingolfinger Verwaltung. Anfang der 1950er Jahre verkaufte Ströbele die ersten Goggo Roller, später – ab Mitte der 1950er Jahre – hatte er die Generalvertretung für Goggomobile im Allgäu. Die Goggomobile (Limousine und Coupé) wurden per Bahn in Ottobeuren angeliefert (siehe Foto vom Bahnhof Ottobeuren), sogar beim großen Eisenbahnunfall am Bahnhof Ottobeuren (am 17.12.1962) soll ein Wagen mit Goggos angehängt gewesen sein, der allerdings glücklicherweise nicht entgleiste.
Autohändler kamen nach Anlieferung der Bahnfracht (bis von Schlachters bei Lindau und aus Fischen), um die Fahrzeuge per roter Nummer abzuholen.

Gekauft wurden Goggos vor allem von den Bauern, die mit dem Zugmaschinen-Führerschein (Klasse 4) auch diese Kleinstwägen fahren durften. Verkauft wurden später aber auch die Modelle Glas 1700 oder Glas 3000 V8, den Ströbele selbst fuhr.

Bereits seit 1952 hatte man eine Ford-Vertretung. Auf dem Weg zu Ford nach Köln 1954 verunglückte Hans Ströbele, der auf dieser Fahrt einen Ford-Vedette fuhr, zwischen Ulm und der Autobahnauffahrt zur A8 auf stark verschmutzter Straße. Er musste plötzlich bremsen, geriet ins Schleudern und prallte gegen einen Baum. Sein Leben hing - auch wegen einer Lungenembolie - wochenlang am seidenen Faden, aber er wurde wieder hergestellt, es blieb ein steifes Knie.

Ca. 1957 übernahm Ströbele zusätzlich die Werkstatt von Herrn Witzigmann in Kempten; Witzigmann wurde angestellt. Darüber hinaus gelang der Kauf eines Grundstücks in Kempten-St. Mang (OT Schelldorf), das Ströbele mit einer Werkstatt, Büros und einer Tankstelle bebaute. Reinhilde Stöbele übernahm das dortige Büro, während Irmgard im Büro in Eldern arbeitete.

Das Betriebsklima galt immer als ausgezeichnet, die Mitarbeiter blieben der Firma meist ein ganzes Arbeitsleben lang treu. Das Autohaus wurde um 1987 an den Mitarbeiter Wolfgang Baum verpachtet. Baum hatte mit 14 Jahren bei Ströbele als Lehrling begonnen, am 22.06.2008 starb er im Alter von 62 Jahren an einem Herzinfarkt, nur kurz nach Übergabe an seinen Nachfolger), seit 2007 ist Manfred Riedele Inhaber des Autohauses Ströbele.
Der Bereich Landmaschinen und Landtechnik wurde vom ehem. Mitarbeiter Heinz Böhm übernommen, seit ca. 2013 hat ihn Johannes Grimm.

Literaturzitat:
Gebhardt, Wolfgang: Schrader-Motor-Chronik, Bd. 69. Deutsche Ackerschlepper von Allgaier und Eicher bis Lanz und Schlüter 1946 - 66, Schrader-Verlag (ab 2004: Motorbuch-Verlag Stuttgart) Hösseringen, 2003, 96 S., Format 21,3 x 19,7 cm, ISBN 9783613871441
Gebhardt (*1946) gehört zu den profiliertesten Kennern der deutschen Nutzfahrzeuggeschichte.
Das Buch wurde auf dem letzten Flohmarkt in Ottobeuren am 23.06.2019 zum Verkauf angeboten.

Die beiden Fotos mit den Kreissägen sind kleinformatig (Bildfläche ca. 9,5 x 7 cm) und gezackt, es könnte sich insofern auch um Vorkriegsaufnahmen handeln. Eines dieser älteren Fotos ist hinten mit dem Firmenstempel versehen (Hans Ströbele Landmaschinen Ottobeuren Tel. 38). Die großformatigen Fotos (mit glattem Rand, Bildfläche ca. 12 x 8 bis 8 x 13 cm) dürften 1948 entstanden sein. (Auf dem Foto mit dem Bulldog steht mit Bleistift die Jahreszahl 1939 - dies kann aber eigentlich nicht sein!)

Die Fotos wurden dankenswerterweise von Irmgard und Reinhilde Ströbele zur Verfügung gestellt.

Weitere Dokumente, z.B. die Festschrift zum 25-jährigen Bestehen 1960, folgen!

Bildbearbeitung, Recherche und Zusammenstellung: Helmut Scharpf, 05/2020.