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30.11.1891 – Hans Volker veröffentlicht mit „Bimini“ eine  „Kampfschrift für die Kneipp-Sache“


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Ein etwas sperriger Titel, den sich der „Nationalökonom“ Hans Volker für sein 1892 veröffentlichtes Buch ausgedacht hat:
Literaturzitat:
Volker, Hans: Bimini. Sebastian Kneipp, der Pfadfinder zur Verjüngungsquelle auf Neu-Bimini. Nationalökonomische Studie und Kritik über das moderne Medicinalwesen wie es ist und wie es sein soll, Wörishofen & Türkheim. Verlag der Kurbuchhandlung von Jos. Müller, 1892, 104 S.

Bimini ist eine zu den Bahamas gehörende Inselgruppe, rund 80 km östlich von Miami Beach. Auf der entsprechenden Wikipedia-Seite heißt es:
„Im Salzwasser des Mangrovenwaldes, der vier Meilen von North Bimini bedeckt, befindet sich das heilende Loch, ein Tümpel, der am Ende eines Tunnelnetzes liegt. (...) Das Wasser soll eine heilende Wirkung besitzen, und Besucher sprechen von einer geistigen und körperlichen Verjüngung nach ihrem Besuch.“
Hans Volker zieht mit dem Titel gleichsam eine Parallele: Sebastian Kneipp hat einen Weg zum mythischen „Jungbrunnen“ entwickelt, er ist der „Pfadfinder“ auf dem Weg zu einem verjüngten Leben bei guter Gesundheit, Wörishofen ist „Neu-Bimini“.

Vom vorliegenden Buch gibt es nur eine handvoll Exemplare. Dies dürfte nicht daran liegen, dass es ein flammendes Plädoyer für die Kneipp'sche Sache darstellt, sondern vermutlich, weil Volker die Schulmedizin – darunter mehrere Ärzte namentlich – massiv angreift. Gleich auf Seite 1 schießt er sich massiv auf die Ärzteschaft ein, denen er Gewinnsucht vorhält. Während Kneipp selbstlos handel.
Die ersten 50 Seiten beschäftigen sich vornehmlich mit den Schwächen der damaligen ärztlichen Versorgung sowie mit Impfproblemen, dann zeigt der Autor die Vorzüge der Kneipp'schen Lehre auf.

Hans Volker hat mit der Schulmedizin offenbar schlechte Erfahrungen gemacht: Selbst mit einem „eisernen Körper“ gesegnet, spricht er von Behandlungsfehlern („von Medicinern höchster Stufe durchgeführten Pfuschereien, falschen Diagnosen etc.“), beim Verfassen des Buchs hätten ihm allerdings nicht „Rachegedanken“ die Feder geführt. Seine Motivation:
„Nur die schwere Besorgniß für geliebte Kinder und das Mitleid mit den bethörten Massen bestimmte mich, als getreuer Eckhart meine warnende Stimme zu erheben. (…) Das Wohl der Massen ist ihm [dem Autor] oberstes Gesetz und das hieraus ersprießende Wohl des Vaterlandes.“ Volker schließt seine Einleitung mit den Worten „Raum, ihr Herren, dem Flügelschlag einer freien Seele!“ Daraus lässt sich auf einen Freigeist schließen.

Einige seiner Vorschläge beinhalten drastische Umwälzungen, so die Einführung von „ Staatsärzten“ oder die Zulassung von Frauen zum Medizinstudium. Volker nimmt kein Blatt vor den Mund, seiner Kritik am Impfzwang setzt er plausible Beispiele entgegen, zum einen – ganz im Sinne Kneipps – die Abhärtung („Stählungsverfahren“), Pocken und Typhus lassen sich durch die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse viel besser Bekämpfen als durch Impfungen:
Zitat S. 67: „Den Blatternepidemien ist der Nährboden entzogen worden, vor allem Dank der verbesserten Kanalisation und des guten, gesunden Trinkwassers, genau so, wie sich's beim Typhus in München verhält, wo ehedem diese gefürchtete Krankheit epidemisch auftrat; aber jetzt – infolge guter Kanalisation und herrlichen Gebirgswassers – auf ein höchst bescheidenes Maß sich reduciert sieht.“

Der Vorschlag mit den Staatsärzten geht mit einem System permanenter Kontrolle einher. Der Ansatz der Prävention – er sprich vom Präservativ (von lateinisch praeservare: veorbeugen, verhüten) – ist zwar sicherlich begrüßenswert, die enge Verbindung zwischen Ärzten und Bevölkerung dient allerdings auch der Überwachung. Seite 10: „Auf diese Weise entwischen uns nicht einmal jene Landstreicherinnen, welche hinter der Hecke ihre Reize feil bieten, da sie bei der betr. Ortspolizei nach dem Datum der letzten Gesundheitsuntersuchung befragt, stets ihr Krankenbüchchen vorzeigen müssen, in welches die Staatsärztinnen alle Vierteljahre mittelst Stempel und Unterschrift die stattgehabte Untersuchung, nicht aber den Befund, dokumentieren.“

Eine Seite später wird Hans Volker, wie des Öfteren im Buch, unsachlich: Die ganze „hochberühmte“ Injektionsmethode [gegen Pocken] beruht also in ihrem letzten Grund auf der Ansicht eines alten Weibes, aber nicht etwa einer englischen hochgebildeten Lady, nein, eines gewöhnlichen Bauernweibes.
(Er vergisst dabei, dass auch Kneipp aus einer Bauernfamilie stammt.)
Durch die damaligen Impfstandards wurden freilich ungleich mehr Impfschäden verursacht als heutzutage, Volker hat dennoch recht, wenn er auf S. 66 schreibt: „Das Impfgesetz ist ja recht gut gemeint; muß aber fallen angesichts der Tausende ihm verfallener Kinderleichen und von ihm erzeugten lebenslänglichen Schwächlingen.“ (So ist es übrigens auch Kneipps Schwester Theresa nach ihrer Pockenimpfung ergangen, Kneipp machte dies zeitlebens zum Impfgegner.)

Auch die Apotheker bekommen ihr Fett ab, z.B. auf Seite 71:
„Seitdem sind manche Influenzen über unserm Haupte hinweggezogen. Wir lachen ihrer und können nur das tiefste Mitleid mit unseren Berliner Landsleuten fühlen, die ganze Waggonladungen Antifebrin und sonstige Mittelchen verschlucken. Wie lacht dabei das Herz der Apotheker; wie vergnügt schmunzeln die Ärzte! Verweichlicht Euch nur von Tag zu Tag noch mehr, ihr Berliner etc.; bleibt nur hübsch in Euren sauerstoffarmen Zimmern. Der Influenza seid ihr sicher verfallen. Nehmt dann all den Teufelsdreck der Medizin in Euren Mägen auf.“

Ungeschminkt geht es um Abtreibungen (vgl. S. 7: „Gedenken wir des Heeres der seither im Geheimen geborenen und Engelmacherinnen übergebenen unschuldigen Kindlein, so befällt uns ein kalter Schauer. Auch diese Kindsmorde müssen dem Staate zur Last gelegt werden.“), Fremdgehen, sogar die Einhaltung des Zölibats wird thematisiert. S. 100f:
„Fragt bei Vater Kneipp nach, wie hiergegen bei solchen, die das Cölibat in facto halten, vorgebeugt werden kann. Wie kommt es denn, daß der geniale und edle Sebastian, wenn ich nicht irre, 20 Jahre lang in seinen jüngeren Jahren allnächtlich gegen Mitternacht aus dem Bette sich erhob und in die historische Waschküche eilte, um rasch — ein Halbbad zu nehmen und unabgetrocknet flugs sich wieder zu Bett zu legen? Er ist katholischer Geistlicher und mittelst solcher eindringlicher, kalter Bäder beschwört man nicht nur jede momentane Anfechtung; der natürliche Drang des Bluts gegen gewisse Partien des Körpers wird wiederum für längere Zeit abgeleitet und der sonst unausbleibliche Schaden des Cölibats parallysirt. Man kann leider behaupten, daß diejenigen der katholischen Geistlichen, welche das Cölibat stets aufrecht erhalten, infolge dessen alle krank sind oder werden — wenn sie nicht irgend ein Kneipp'sches Gegenmittel anwenden.“
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Der Autor zeigt eine Vielzahl von praktischen Anwendung der Kneipp'schen Lehre auf. Wer sich auf das Buch einlässt, erfährt darüber hinaus viele Details zu den Lebensumständen der damaligen Zeit. Meine Schlussfolgerung: Prädikat „lesenswert“!

Sie können das Original (in textdurchsuchbarer Fassung) als pdf aufrufen oder als Abschrift, die natürlich deutlich leichter lesbar ist. In jedem Fall gilt: Auch wenn Herr Volker gerne mal zu Übertreibungen neigt und seine Vision der Staatsärzte nicht umsetzbar war, so ist sein Appell zur Überwindung der – damals sehr verhärteten – Gräben zwischen Schulmedizin und Naturheilmethoden gut begründet.

Ein weiteres Beispiel besonders deutlicher Sprache (Zitat von S. 57), wenn er die Verkommerzialisierung von Kneipp beschreibt:
„Leider sind seit vier Jahren [also seit 1888] schon die Verhältnisse in jenem Wörishofen geradezu abscheuliche geworden, da es der gemeinsten Spekulation von Seiten aller möglichen Leute gelungen ist, sich der Kneipp'schen Sache fast völlig zu bemächtigen. Davon sind leider manche Kneipp'sche Ärzte nicht freizusprechen. Kurz, wie es in den letzten Jahren in Wörishofen zugeht, das spottet jeder Beschreibung. Steckte nicht so viel Kern und Kraft in der Sache selbst, ragte nicht der alte, würdige Sebastian Kneipp aus den unsauberen Geistern, die er nicht gerufen und die ihm allenthalben auf Schritt und Tritt folgen, tadellos wie immer hervor — die Kneipp'sche Sache wäre längst erstickt unter der Flut von Kotmassen, die in Wörishofen von allen Seiten heranschwimmen. Wir haben dort Ärzte kennen gelernt, welche, sobald Kneipp ihnen den Rücken kehrte, hinterrücks über ihn spöttelten, flugs ihre Gifte herbeiholten und schnell sich auf ein vertrauensseliges Opfer warfen.“

Am Ende der Schrift erhofft sich Hans Volker, weitere begeisterte Mitstreiter für die Kneippkur gefunden zu haben. Die letzten Zeilen auf S. 104 lauten:
Nun, Ihr Mädchen, Frauen und Herren! Hab ich zu viel gesagt? Fühlt Ihr nicht schon leise, leise den Zauber wiederkehrender Jugendkraft? Schade, daß wir nur 100 Tausend sind, die bis jetzt die Quelle kennen! Drum gehe jedes eilig heim und bringe je 10 andere mit, und diese mögen wiederum das Gleiche thun! Dann wird bald auf dem halben Erdenrund der frohe Ruf erschallen: Hoch das deutsche Bimini!

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Das Buch konnte im Mai 2022 beschafft werden und soll der Allgemeinheit uneingeschränkt zugänglich sein. Das letzte Dokument (docx und pdf) ist eine Kurzfassung mit Ausschnitten der wesentlichen Aussagen.

Ein kritisches Werk gegen Kneipp – Adolf Bonebergers Schmähschrift „Der Kneippkur-Charlatanerismus“ von 1898 – ist im virtuellen Museum ebenfalls abrufbar.

Sammlung und Abschrift, Helmut Scharpf, 06/2022